Fünfter Auftritt.

[24] Vorige, Herz.


FRANK zu Herz. Mich freut es recht sehr Sie kennen zu lernen, ich habe viel rühmliches von Ihnen gehört.

HERZ. Ich wünsche nur, daß Sie es auch finden.

MADAME KRONE. Wir wollens versuchen. Ich bin Bianka Capello, Sie Bonaventuri! Sie stellt oder sezt sich in eine schwermüthige Lage.

HERZ. »Warum so äußerst ernsthaft – wohl gar traurig, liebe Bianka?«

MADAME KRONE. »Ich denke diesem Abend nach.«

HERZ aufmerksam werdend. »Diesem Abend?«

MADAME KRONE mit einem ernsthaften Kopfschütteln. »O es ist eine feyerliche Nacht Bonaventuri, diese heutige Nacht! – Nicht sowohl ihrer selbst willen – Sie müst'es denn noch werden – als vielmehr ihres Andenkens halber.«

HERZ. »Ich verstehe dich nicht liebstes Weibchen.«

MADAME KRONE. »Was mir wehe genug thut! Man vergißt seinen oder eines Freundes Geburtstag[24] nicht leicht, und sie war einst die Geburtsnacht unser ehelichen Verbindung.«

HERZ. »So?«

MADAME KRONE. »Zwey Jahre nun, daß ich mit einem Schauder, der alle Gebeine durchbebte, bey der Rückkehr unsrer zärtlichen Unterredung, die väterliche Hausthüre verschlossen fand – umkehrte – und, du weißt's ja in wessen Arme flog!«

HERZ seinen Arm lächelnd um ihre Schultern schlingend. »Was dich doch hoffentlich jetzt nicht reut?«

MADAME KRONE mit einem starren Blick in sein Auge, den er kaum aushält. »Und auch wohl nicht reuen darf! Nicht wahr Bonaventuri, du liebst mich noch?« Indem sie seine Hand ergreift.

HERZ. »Wie das Bianka fragen kann!«

MADAME KRONE immer seine Hand haltend, mit noch ernsterm liebevollen Blick. »Wenigstens kann sie fragen: ob noch so rein, so heiß wie damals?«

HERZ mit dem Tone des sich mühsam zwingenden Gewißens. »So rein und heiß!«

MADAME KRONE »Und so einzig? Nein Bonaventuri, verbirg deine Verlegenheit nicht länger! Ein Fehlender ist mehr noch als ein[25] Heuchler werth. – Einzig! Dies Wort also vermagst du nicht zu widerholen; jene vorigen erzwangst du noch.«

HERZ der seine Betretung unter beleidigt seyn verbergen will. »Erzwang? Fehler? Gewiß Bianka, ich weiß nicht, wie ich zu diesem Vorwurf komme.«

MADAME KRONE. »Bonaventuri! unsere Liebe ist nicht mehr ganz wie sie ehemals war, nicht mehr so wechselseitig.«

HERZ. »Wenigstens auf meiner Seite.«

MADAME KRONE. »Lieber, sprich diese Unwahrheit nicht aus! ich haße jeden Mund, welcher lügt, und den deinigen möcht ich gern ewig lieben und achten zugleich. Sieh, schon wirst du bald roth, bald bleich, schon stammelst du und stockst, und doch hab ich das Wort noch nicht einmal ausgesprochen, was weit mehr deine Farbe wechseln, und dich stammeln machen könnte.«

HERZ immer verlegner. »Welches Wort?«

MADAME KRONE. »Kassandra Bongiani.«

HERZ. »Kassandra? Was soll das? was meinst du mit ihr?«

MADAME KRONE. »Du wolltest es, und meine Vorherverkündigung ist eingetroffen.«[26]

HERZ sich fassend. »Nein Bianka, die Röthe, die du mir vorwirfst, und die ich selbst gar wohl fühle, ist nicht von Scham, sondern von dem Erstaunen erzeugt, daß meine sonst so billig denkende Gattinn endlich auch ein Mährchen glauben kann, das blos müßige Pagen und Jagdjunker sich an irgend einem Regentage ausgedacht haben; Leute welche glauben, man sey verliebt in jede Dame mit der man etwa zweymal an einem Balle tanzt, oder übern an dern Tag je zuweilen zwanzig Worte spricht.«

MADAME KRONE. »Und du beharrst auf deinem Läugnen? Warnung auf Warnung erschüttert dich nicht? Damit bey längern Umschweifen nicht stärkere Schuld des Trugs über dein Haupt komme, so schau her! Wessen ist dies Siegel?« Zeigt ihm einen Brief.

HERZ erschrocken. »Das meinige.«

MADAME KRONE ihn unwendend. »Und die Hand dieser Aufschrift?«

HERZ für sich. »Gott! wenn es der verloren gegangene Brief, die Ursache von schon mancher meiner Sorgen wäre?« Laut und zitternd. »Es scheint meine Hand zu seyn.«

MADAME KRONE. »Und ist es. Ist dein Brief an ein Weib mit dem nur müssige Pagen und[27] Jagdjunker dich ins Gerede bringen. Bonaventuri! bey dem Allwissenden! nicht meine Mühe, nicht List der Eifersucht verschaffte mir diesen Brief! Bloß der Haß deiner Feinde bracht' ihn in meine Hände, und ich geb ihn dir wieder, wie ich ihn empfieng. Ich dürfte das Siegel nur erbrechen, und ich hätte dann sichre Beweise deiner Untreu tausendfältig; aber nein – –«

HERZ der gleichsam wie aus einem Traum auffährt und aufmerksam den Brief betrachtet. »Wie! – Götter! – Bianka! – ists möglich! – dies Siegel?«

MADAME KRONE mit schmerzhaftem Lächeln. »Nun ja, ist ganz.«

HERZ mit Feuer ihre Hand ergreifend und küßend. »Bianka, Weib ohne Gleichen! Engel der durch Scham mich niederwirft! O wüßtest du was dieser Brief enthält!« Mit dem Ton der Reue. »Welche Vorschläge? welche Hirngespinnste?«

MADAME KRONE. »Mag ich sie doch nicht wissen! Besser freylich, dies Schreiben wäre nie geschrieben, aber da es dies einmal ist, so vergeh' es so« Zerreißt den Brief.[28]

HERZ. »Edelstes Weib auf Gottes weiter Erde?« Indem er Sie umarmen will, bebt er zurück. »Nein ich bin es nicht werth dich zu berühren!« Er fällt aufs Knie. »nicht werth, ach nicht werth einmal den tiefsten Saum dieser Gewänder – –«

MADAME KRONE. »Bonaventuri! Mann! steh auf!« Sie hebt ihn auf. »Fliegst du nur anders mit inniger Reue, mit verjüngter Zartlichkeit in meine Arme; O so haben diese Arme nie dich zärtlicher umschlungen.« Sieht ihn mit liebvollem Drohen an. »Böser, lieber böser Mann! wie viel opfert' ich dir nicht auf?«

HERZ. »Ja wohl viel! Vaterland, Eltern, Wohlstand, Rang und Sicherheit gabst du hin, um Verbannung, Elend und Niedrigkeit mit mir zu theilen. Und ich – ich –«

MADAME KRONE. »Guter Bonaventuri! alles was du so eben nanntest, klingt freylich rauh; ertrug sich freylich ehemals hart, aber doch war es mir nicht so schwer, als mein jetziges Loos.«

HERZ der sie falsch versteht. »Was von nun an dir keinen weitern Stof zu Klag' und Kummer geben soll.«

MADAME KRONE. »Nicht? weißt du das so gewiß? kennst du meine ganze Lage?«[29]

HERZ dem dieß etwas auffällt. »Wie? sollt ich sie nicht kennen? Welch ein Geheimniß verschlüßt Bianka noch vor mir?«

MADAME KRONE. »Das peinlichste, was sie jemals hatte. Ja, Bonaventuri! es ist unumgänglich nöthig, daß ich endlich einen Schleyer dir vom Auge reiße; bey dem ichs kaum begreiffe, wie er nicht schon längst dir von selbst entsank.« Mit schnell starrwerdendem Blick. »Oder wär es vielleicht schon geschehen? und du hättest nur aus Kaltsinn oder Staatsklugheit geschwiegen? Schande! unauslöschliche Schande über dir, wenn dem so wäre!«

HERZ. »Bey Gott ich verstehe dich nicht!«

MADAME KRONE. »Das erste, das einzigemal daß eine Blindheit von dir mir lieb ist, wenigstens lieber als ein vorsetzliches Uebersehen. – So wiße dann: eben die geringfügigen Reize, die einst das Glück dich zu besiegen hatten, haben auch schon seit geraumer Zeit das Unglück gehabt, die Begierden unsers Herzogs zu reizen.«

HERZ erstaunt. »Wie? der Herzog liebt dich?«

MADAME KRONE. »Wenigstens spricht er so.«

HERZ. »Zwar wer müßte dich nicht lieben, Engel in Weibsgestalt.« Sein Haupt auf seine Hand stützend. »Er dich lieben! dich? Wie so natürlich, und doch wie so schrecklich für mich!« [30] Sich vor die Stirne schlagend. »Ha! nun bebegrief ich alles! nur das nicht, daß ichs nicht eher greif! Aber woher weißt du es? vonhim selbst?«

MADAME KRONE. »Von ihm selbst! Ließ diesen Brief. In ihm, wie du siehst, beut er alles auf, was er für fähig hält, meine Tugend zu erschüttern; läßt mir von allem die Wahl sobald ich ihn zu wählen mich entschlüße; Wahl, ob ich verstohlener Liebe fröhnen, oder als erklärte Günstlinginn mit meiner Schande prahlen wolle. Der Arme, er ahndet nicht das Blut einer venetianischen Edeltochter, nicht das Blut einer Kapello in mir. – Auch stellt ers ganz auf meinen Ausspruch, ob er dich höher heben, oder tiefer stürzen soll, als du jemals standest. – Ob ich die Buhlschafft mit Kaßandern an dir bestrafen, oder nur durch gleiche mit ihm vergelten wolle. – Dieß sein Brief, den ich vorgestern erhielt! Begreifst du nun, warum ich gestern bei seinem Jagdmahle durchaus mich zu erscheinen weigerte? Warum er, deinem eigenen Ausdrucke nach, sich so zweydeutig gegen dich betrug? Begreifst du's nun?«

HERZ. »Ach ich begreife nur allzuviel, gleiche ganz dem Unglücklichen, den unbekannte Räuber mit verbundenen Augen in ihre Mörderhöhle geschleppt haben; und dem itzt eine mitleidige[31] Hand den Verband wegnimmt. Er steht zwar nun wieder, aber was er sieht, sind Bilder des Schreckens.«

MADAME KRONE. »So will ich dir von einer andern Seite her die reizenden Aussichten einer sichern, sich gnügsamen Liebe zeigen. Bonaventuri! Mann meines Herzens, gedenk an jene Zeiten unsrer Armuth. Waren sie, trotz unsrer Armuth, nicht die Zeiten unsers Glücks? Spendete nicht eben damals das Schicksal gegen uns seine größten Schätze, da es mit uns zu kargen schien? O Lieber, wir, nur wir allein können reich und arm, beglückt und unbeglückt uns machen; machen daß uns eine Hütte zur Welt, und eine Welt, zur Hütte wird. Laß uns jenes thun, da es noch hoch am Tage ist.«

HERZ. »Und wie dieß anfangen?«

MADAME KRONE. »Kurzsichtiger! fragst du noch? Wir flohen aus Venedig über hohe Gebürge, ohne Geld und Schutz, als wir Verfolgung besorgten, müßen wir denn Nun hier bleiben, wo sie wirklich schon da ist?«

HERZ nach einer Pause. »Meine Theure! weder die Furcht der Armuth noch selbst des Todes soll mich von einer Flucht an deiner Seite abhalten. Aber nur eine Furcht, die Furcht der Schande wünscht' ich nicht mitzunehmen,[32] und eben ihrentwegen glaub' ich, daß wir nicht ganz so eilen können, wie wir wünschen.«

MADAME KRONE. »Welcher Schande?«

HERZ. »Du weißt, daß des Herzogs anscheinende Großmuth mir eine Menge Geschäfte von größter Wichtigkeit anvertrauet hat; itzt fliehn, eh sie vollendet worden, schiene treulos gehandelt; gäbe unsern Feinden ein zweyschneidiges Schwert in die Hand.«

MADAME KRONE den Kopf schüttelnd. »Schiene treulos gehandelt! und warten bis sie geendet, scheint sehr unklug oder vielleicht sehr unmöglich. Ich bürge für meine Standhaftigkeit. Aber Mann mit der wachsweichen Seele, wer bürgt dir für dich selbst?« Will fort.

HERZ sie haltend. »Liebstes, theurestes Weibchen, wohin?«

MADAME KRONE. »Laß mich auf einige Minuten allein; du kennst die Art meines Grams. Auch habe ich dir ja wohl Stof genug zur Unterhaltung mit dir selbst gegeben.« Zeigt das die Scene vorbey sey.

FRANK. Vortreflich! Ja wohl Madame sind solche Schauspieler fähig die reine Empfindung auf dem Theater wieder geltend zu machen. Wollen Sie bey mir bleiben? Zu Herz. Auch Sie? so schätz ich mich glücklich. Aber mehr[33] als vierzehn Thaler die Woche kann ich jedem von nen nicht geben.

MADAME KRONE. Vollkommen zufrieden. Die Art, mit der Sie solche anbiechen, ist hinlänglicher Ersatz.

PUF heimlich. Herr Frank, da haben Sie einen dummen Streich gemacht, die Leute wollen lachen nicht ächtzen.

FRANK. Es gibt auch welche, die noch Herzen haben.


Quelle:
Wolfgang Amadeus Mozart: Der Schauspieldirektor. Wien 1786, S. 24-34.
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