Zweiter Auftritt.

[44] Clandia rechts, Sturmwald in der Mitte, Stößel links am Laubentisch sitzend. Alle Drei setzen sich wieder in vorstehend angegebener Weise.


CLAUDIA spricht. Nein, das thut nicht mehr gut; das Mädchen muß aus dem Hause, je eher je lieber. Wenn's möglich wäre, heute noch.

STÖßEL. Nu, nu, liebes Weib, nur nichts übereilt.

CLAUDIA. Schreib' Er mir nur nichts vor, das bitt' ich mir aus. Sollen wir zusehen, bis die Naseweisheit deiner sauberen Nichte uns vielleicht einen Streich spielt? Ich weiß das ganze Komplott, meine Tochter würde sich nicht so sperren, wenn sie ihr nicht den jungen Krautmann in den Kopf gesetzt hätte.

STÖßEL aufspringend. Was? Des Doktor Krautmanns Sohn? Meines ärgsten Feindes? Meines Gegners bei der Fakultät? Nein, da wird mein Blut steif! Eh' soll sie – Sich wieder setzend, zu Claudia. Recht, Weibchen! Liebes Herzensweibchen, die Hochzeit soll so bald als möglich – morgen vor sich gehen.

CLAUDIA. Das ist einmal ein Entschluß, der sich hören läßt! Sind Sie's zufrieden, Herr Hauptmann?

STURMWALD. Ich? Alle Stunden. Ein schlechter Bräutigam, der um Aufschub bittet.

CLAUDIA. Nun, so wollen wir von der Mitgabe sprechen.

STÖßEL sie mahnend. Claudia!

STURMWALD. Was Mitgabe? Ich brauche keine. Ich habe Geld genug –

STÖßEL munter. Und es wäre ohnehin nicht der Mühe wert, was ich mitgeben könnte. Zu Sturmwald. Es macht Ihnen desto mehr Ehre, wenn Sie meine Tochter nehmen, wie sie geht und steht.

CLAUDIA. Und mir desto mehr Schande. Das würde ein Glossieren sein. Mit Fingern würde man auf mich weisen. Nein, da wird nichts draus. Wenigstens zweitausend Gulden mußt du ihr mitgeben.

STÖßEL. Zweitausend Gulden? Claudia! Bist du rasend? Wo soll ich die hernehmen?

CLAUDIA. Aus deiner Kasse.[44]

STÖßEL. Wo nicht so viel Kreuzer sind!

Es wird noch dunkler.


CLAUDIA. So magst du dafür sorgen. Ohne das kommt meine Tochter nicht aus dem Hause, das sag' ich dir, und sollte sie morgen mit dem jungen Krautmann davonlaufen.

STÖßEL. Brr! Ein eiskalter Schauer läuft mir über den Rücken. Aber sag' mir nur, was du davon hast, daß du mich ruinieren willst, da der Bräutigam zu frieden ist?

CLAUDIA. Bei solchen Gelegenheiten muß man sich zeigen, da haben die Leute Respekt. Und nun an die Ausstattung.

STÖßEL. Extra noch?

CLAUDIA. Versteht sich! Nimm deine Schreibtafel und schreib' dir's auf.

STÖßEL. Siehst du, daß du nicht weißt, was du red'st; es ist ja finster, wie soll ich denn schreiben?

CLAUDIA aufstehend und am Tisch stehen bleibend. Nun, so merke dir's.

Nr. 3. Terzett.


CLAUDIA am Tisch, zu Stößel.

Fürs erste ist zu wissen,

Daß sie ganz nagelneu

Von Kopf bis zu den Füßen

Zweimal gekleidet sei.

STÖßEL.

Zweimal? Welch eine Fordrung!

STURMWALD.

Einmal ist auch genug.

CLAUDIA.

Nein, nein, so muß es sein,

Ich geh's nicht anders ein.

STÖßEL.

Zweimal? Welch eine Fordrung!

Zweimal! zweimal?

STURMWALD.

Einmal ist auch genug!

CLAUDIA.

Nein, nein, so muß es sein,

Ich geh's nicht anders ein.


Sie tritt vor.


STURMWALD leise zu Stößel.

Wir wollen sie nicht stören.

STÖßEL.

Laß also weiter hören!

CLAUDIA.

Ein doppelt Bettgewand –

STÖßEL.

He!

CLAUDIA.

Ein doppelt Bettgewand –

STÖßEL.

Wie?[45]

CLAUDIA.

Mit schönen Überzügen –

STÖßEL.

Nur alles doppelt, schön!

STURMWALD leise.

So laß sie doch nur gehn!

CLAUDIA.

So ist es, so muß es sein!

STÖßEL.

Schön, schön! schön, schön! schön, schön!

STURMWALD.

Laß sie gehn! laß sie gehn!

CLAUDIA bestimmt.

So ist es!

So ist es Brauch!

Dann muß sie auch

Von feiner Leinwand

Zwei Dutzend Hemden kriegen.

STÖßEL.

Claudia, du bist besessen!

STURMWALD.

Ha, ha, ha!

STÖßEL.

Weißt du nicht, daß ich als Mann –

STURMWALD.

Ha, ha, ha!

STÖßEL.

Nur sechs Hemden haben kann?

STURMWALD.

Ha, ha, ha, nicht zu vergessen,

Daß ich nur ein Kriegsmann bin;

Wo sollt' ich wohl damit hin?

CLAUDIA.

Tischzeug hätt' ich bald vergessen!

Das muß sechsfach und recht fein,

Von der schönsten Gattung sein!

STURMWALD steht auf.

Hahahaha! – Hahaha! ha! – Hahaha! ha! –

Ha, ha, ha, nicht zu vergessen,

Daß ich nur ein Kriegsmann bin;

Wo sollt' ich wohl damit hin?

STÖßEL steht auf.

Claudia, du bist besessen!

Weißt du nicht, daß ich als Mann

Nur sechs Hemden haben kann?

CLAUDIA nimmt zwischen beiden die Mitte.

Tischzeug hätt' ich bald vergessen!

Das muß sechsfach und recht fein,

Von der schönsten Gattung sein!


Sie geht ab nach rechts hinten in die Apotheke.
[46]


Quelle:
Karl Ditters von Dittersdorf: Doktor und Apotheker. Dichtung von Stephanie dem Jüngeren, Leipzig [o. J.], S. 44-47.
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