1. Verzweiffelte Liebe

[122] 1.

Hier ist das Herz/ stoß/ Morta/ nach der Linken!

Parzen-Heer/[122]

sezz an die Scheer'

indehm die müden Augen sinken:

ist doch schon mein Geist

auß der Leten-fluht gespeist.

Du süsses Sterben/

was wirstu mir vor Ruh erwerben!

Acheron!

ich wil auff dir darvon:

Was hab' ich armer Buhler hie

zu hoffen sonst/ als tausend Todes-Müh.


2.

Denn hat sie sich/ die Wilde/ satt gerochen/

wenn der Todt

(die lezte Noht)

mein allzu treues Herz zerbrochen:

Stellt das Klagen ein/

laßt betrübtes Weinen sein!

Wer Liebe kennet

wie sie das arme Leben brennet

wird mit Lust

das Blut auß warmer Brust

zusamt dem rohtem Herzen sehn

auß deß verliebten Bruders Körper gehn.


3.

Ach! hätte mich der Lebens-Schwestern eine

umgebracht

die erste Nacht

als ich noch ohn Vernunfft und kleine

an der Mutter sog

und mein Elend nicht erwog.

Ist diß der Frommen

daß ich zu Jahren bin gekommen/

stets in Pein

und unvergnügt zu sein?[123]

Ach Liebe! herber Nater-stich!

Ach böse Liebe/ worzu bringstu mich?


4.

Doch wird es ihr noch einst vergolten werden:

ist gewiß

nur Nemesis

allhier/ und schaut das Tuhn der Erden:

ist nur Venus nicht

und ihr Amor ein Gedicht.

Gedenke/ Schöne

was ich iezt sterbend dir erwehne

Reu und Schmerz

wird einst dein eisern Herz

ganz unbarmherzig greiffen an.

Denn/ denke/ daß du mir es auch getahn.


Quelle:
Kaspar Stieler: Die geharnschte Venus, Stuttgart 1970, S. 122-124.
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