2. Die Liebe ist blind

[124] 1.

So bildstu darum dir was ein/

Oenindchen/

leichtes Kindchen/

daß ich dich allein

zu der Schönheit Preiß und Pracht

vor dehm gemacht?

O nein. Die Worte sind nicht theur.

des Amors Feur

blendte mich/

daß ich

dich so ungleublich schön

angesehn/

da dir viel doch übergehn.
[124]

2.

Wie offt verglich' ich deinen Mund

Korallen/

die gefallen

auß Ozeans Grund/

da er doch kaum noch so roht

sah/ als der Tod:

Die Augen musten Sonnen-schein

und Sternen sein/

dennoch war

es gar

offt um dich lauter Nacht.

Nu Betracht/

hab' ich dich nicht außgelacht?


3.

Die Worte bließ mir Amor zu/

der Lekker/

Jungfern-Gekker/

und du Närrin/ du

meinst/ daß diese Gekkerey

die Wahrheit sey.

Ey nim doch nur den Spiegel für

du heßlichs Tiehr!

die Gestalt

wird bald

verrahten deinen Wehrt.

Auff der Erd'

ist kein Mensch/ der dich begehrt.


4.

Sey immer stolz/ die Welt ist weit/

Oeninden

kan man finden

auch bey Abends-zeit.[125]

Nunmehr seh' ich allzu klar

auff falsche Wahr'

hin immer hin! die Schuld ist dein/

schlaff nun allein.

Mit der Zeit/

wird Leid

und Weh dich bald beziehn.

Fahr nur hin!

Gott Lob/ daß ich ledig bin!


Quelle:
Kaspar Stieler: Die geharnschte Venus, Stuttgart 1970, S. 124-126.
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