Achter Absatz

[101] Der Gesandte kommt nach Sophoxenien wieder zurücke / und berichtet von der Gefangenen Unschuld. Atychintida denkt auf ihre Befreyung / und thut eine Rede von der Unnotturfft und Schädlichkeit des Reisens in fremde Länder. Sie lässt an den Landherrn / bey dem sie verhafftet / einen Brief abgehen: und Melopharmis erdichtet eine Weissagung / diese Erlösung zu befördern. Polyphilus / als er den Boten sihet / hoffet seine Freyheit / und danket dem Himmel.


Inzwischen also diese zukünfftige Schäfer ihr Gelübde beschlossen / war der Gesandte von Sophoxenien /wieder nach Hause gelanget. Melopharmis / welche sich indessen mit Weinen und Wehklagen über ihres Sohns Gefängnis / so ausgemergelt / daß sie Farbe und Gestalt / die sie vorhin wegen hohen Alters kaum noch halb besaße / allerdings verlohren / lief augenblicklich an das Fenster / von welchem sie die Straße / daher der ausgeschickte wieder kommen solte / ausnehmen kunte. Als sie ihn nun eines Tags erblicket / eilte sie / mit grosser Begierde / herunter ihm entgegen / und fragte / wie es ihrem Sohn ergehe? Wohl! (versetzte der Edelmann) er ist gesund und frölich / und mangelt ihm nichts / als die Freyheit / welche er[101] euch zu befördern bitten lässet. Agapistus aber hat mir befohlen / euch zu sagen / wie daß ihr / mit eurem gefährlichen Brief / beym Polyphilus (der /gleich wie sie / an diesem Gefängnus unschuldig / und von keiner Mordthat weiß) erstlich Schrecken und Verzweiflung / nachmals aber solchen Zorn verursachet / daß er euch keiner Antwort würdigen / sondern euer Verfahren / samt dem verächtlichen Brief / der Königin vorlegen / und sein Recht gegen euch ausführen wolle. Derowegen möget ihr wol euch höchst bemühen / ihn / durch Abhelffung von dieser Gefängnis / wieder auf guten Weg zu bringen.

Melopharmis / die über ihres Sohns Gesundheit erfreuet / mehr aber über des Polyphili Zorn betrübet worden / bate den Gesandten / der Königin nichts von ihrem Brief zu eröffnen / und versprache die Mittel zu seiner Erledigung auszusinnen. Nachdem er ihr solches zugesagt / meldete sie ihn bey Atychintida an /die hiesse ihn vor sich kommen / und vernahme auf ihr Begehren folgende Nachricht. Durchleuchtigste Königin! ich habe / dero gnädigstem Befehl gemeß /von dem gefangenen Agapistus / die Ursache seiner und seiner Gefärten / sonderlich des Polyphilus / Verschliessung erkundiget. Sie lassen E.M. unterthänig berichten / wie sie mitten auf dem Weg / von einer streiffenden Rotte / welche etliche Schäfer-Mörder zu verkundschafften ausgesandt waren / ohne alle gegebne Ursache plötzlich überfallen / und ungeacht alles Widerstands / Entschuldigens und Bittens / vor Mörder beschüldiget / auf selbiges Schloß gefangen geleget / und des andern Morgens von dem Herrn[102] des Landes verhöret worden. Ob sie nun gleich demselben ihr Vorhaben erzehlet / und ihre Unschuld vor Augen gelegt / haben sie doch keinen Glauben erhalten können / also / daß Polyphilus bewogen worden / ihm seine ungerechte Verfahrung / mit zimlich hefftigen Worten zu verweisen: Worüber sich jener erzürnet /und den Polyphilus in eine viel härtere Gefängnus verschliessen / den Agapistus und Tycheno aber in dem vorigen aufbehalten lassen. In welchem Zustande sie dann bißher ohn alle Hoffnung der Erledigung leben / und E. M. demütigst bitten / sie wollen gnädigst geruhen / durch ein offenbares Zeugnis ihrer Unschuld / ihre Freyheit auszuwürken.

Es ist gut / (antwortete hierauf Atychintida) daß wir uns in dieser Sache nicht übereilet / sondern des Cosmarite Vorschlag gefolget haben. Und nun gebet euch zu frieden / Melopharmis! Ich wil dieser Sache wohl Raht schaffen / und euch euren Sohn ehist wieder in die Arme liefern. Lasset nur ihr / Chlierarcha! noch diesen Abend ein Schreiben an diesen Landherrn verfärtigen: so kan ich morgen mit dem frühsten / einen Boten damit ablauffen lassen. Chlierarcha erbote sich / solches gehorsamlich zu verrichten: und Melopharmis bedankte sich vor die gute Vertröstung und versprochne Hülffe.

Hierauf verfügten sie sich zur Tafel / bey welcher sich Atychintida / über ihre Gewonheit / frölich erzeigte: vielleicht weil sie hoffete / ihres Polyphilus Gegenwart bald wieder zu geniessen. Melopharmis hingegen / kunte ihr unruhiges Gemüte und verwirrte Anschläge / wie gern sie auch wolte / nicht[103] so gäntzlich verbergen / daß es die Königin nicht wargenommen hätte. Warum so betrübet / Melopharmis? fragte sie deßwegen. Ich hätte vermeint / die fröliche Zeitung von eures Sohns Gesundheit und Widerkunfft solte euch alles Kummers befreyet haben? Es ist wol wahr / gnädigste Königin! versetzte Melopharmis. Allein die bißhergewohnte Traurigkeit hat meine Sinne so stark eingenommen / daß ich sie noch nicht allerdings verjagen kan. Es liget mir noch immer im Gedächtnus / der arbeitseelige Zustand dieser Jünglinge /und wie ihnen auf dieser kleinen Reise so ein grosses Unglück begegnet. Freylich / (versetzte Atychintida) sind die Reisen viel gefärlicher / als sie ins gemein geschätzet werden. Ich will viel lieber vernehmen und gläuben / was andere von fremden Ländern reden oder schreiben / als mit so grosser Ungelegenheit hinreisen / und ihrer Sage nachfragen.

Wann wir aber (begegnete ihr Chlierarcha /) alle dieses Sinnes wären / in was vor einen Zustand selten wir letzlich gerahten? Dann wann niemand in fremde Länder reisen wolte / so könte sie auch niemand ferner beschreiben: und das jenige / was allbereit beschrieben ist / würde entweder vertunkelt und verlohren / oder doch von den Nachkömlingen vor lauter Gedicht und Märlein gehalten werden. Wir würden auch / ohne das Reisen / nicht allein viel nützliche notwendige und annehmliche Dinge / welche die Natur andern Ländern mitgetheilet / sondern auch /viel Künste und Wissenschafften / die in fremden Sprachen beschrieben / oder in selbigen Landen erlernet werden / entbehren[104] müssen / und als unsers Landes Gefangene / nicht glauben / daß die Sonne auch andere Menschen bestralte. Vielweniger würden wir unsern Verstand / durch Erlernung anderer Völker Sitten und Ordnungen / zu schärffen suchen / sondern in ein solches wildes und barbarisches Unwesen gerahten / daß wir weder anderer Gesetze verstehn /noch die unsern auslegen könten. So sind demnach die Reisen einer Gemeine so nötig / als das Auge dem Leibe: weil wir / ohne dieselbe / ein mangelhafftes Leben führen / und unser Land / weder in Friedens Zeiten regiren / noch in Krieges Zeiten beschützen können.

Mein Clierarcha! (antwortete Atychintida) wann dieses alles unverneinlich wäre / so würde folgen /daß nicht allein unsre geehrte Alten / welche gemeinlich in ihrem Lande geblieben / sondern auch viel heut zu Tag blühende Königreiche / die gleichfals andern Ländern wenig nachfragen / armselige / unverständige / und solche Leute / die ohne Gesetz und Ordnung / zu Krieg- und Friedens-Zeit untauglich / gewesen / und noch wären. Allein / die gerechte Gesetze /heilsame Ordnungen / löbliche Sitten / und sieghaffte Kriege / durch welche die jenige Länder / die / ohne ausländische Hülffe / von ihrem eignen Verstande regiret / und von ihrer eignen Dapfferkeit beschützet werden / zeigen das Gegentheil. Wir selbst müssen bekennen / daß wir die vornehmste Künste und Wissenschafften / welcher wir uns berühmen / unsern klugen Vorfahren zu danken haben / die so tugendhafft geschrieben / und so hertzhafft gestritten.

Es hat ja auch die Natur / unsre menschliche Eigenschafften / nicht in unterschiedliche Länder versteckt[105] / daß wir aus diesem die Vernunfft / aus jenem das Gedächtnus / und wieder aus einem andern die Sprache holen müsten: sondern der Mensch besitzet diese Güter vor eigen / in welchem Theil der Welt er auch wohnet / und hat / seine Wissenschafft dadurch zu erweitern / aller Orten Gelegenheit. So lässet sich auch die Tugend in keinen Winkel binden / sondern hält die gantze Erden vor ihr Vatterland / und kan man sie so bald in einem kleinen Dörfflein oder verachten Hüttlein / als an Fürstlichen Höfen und in grossen Städten antreffen. Es ist unnötig / daß wir / gute Gesetze zu holen / in fremde Länder ausziehen: weil uns das natürliche Gesetz gnugsam lehret / den Tugenden nachfolgen / die Laster fliehen / das Gute belohnen / das Böse straffen / und das jenige andern erweisen / was wir wollen / daß uns andere erweisen sollen.

Die fremde Güter betreffend / muß ich zwar bekennen / daß wir viel bequemliche Sachen von den Ausländern geniessen / welche theils nützlich / theils lieblich / der wenigste Theil aber notwendig sind: Denn der gütige Himmel ein jedes Land mit solchen Gaben beschenket / daß es seine Innwohner / ob gleich nicht nach eines jeden lüstrender Willkühr / ernehren und bekleiden kan. Der Uberfluß fordert ein grosses: aber die Notturfft ist mit geringen vergnügt. Man darff weder Hunger noch Durst leiden / ob man gleich nicht die Speise mit Gewürtze / und den Wein mit Zucker /angenehm machet. So kan man auch / ohne das Blut der Purpur-Schnecken / und ohne den Glantz der schönen Perlen / sich wohl bekleiden. Es werden die jenige Sachen / welche uns aus fremden Ländern zukommen / mehr[106] zum Pracht und Wollust / als zu notwendiger Unterhaltung / eingeholet.

Auch der Nutze / den die Regimenter von den Reisen haben / bestehet mehrentheils in der Einbildung. Dann / betrachtet nur / Chlierarcha! die gewönliche Reisen unserer heutigen Jünglinge / welche gemeinlich / mit grossen Unkosten / und mit Verschwendung ihrer Eltern sauer-erworbener Güter / etliche Städte und Länder mit Kalbs-Augen ansehen und durchziehen / nachmals mit fremden Wörtern und Gebärden /in einem bossirlichen Kleide / wieder nach Hause kommen / den Kopff empor tragen / als wolten sie durch die Wolken brechen / und nichts als Eitelkeit zu erzehlen wissen / so sie gesehen / gehöret / und erfahren: weil sie die Zeit meist mit spielen / fluchen /sauffen und buhlen / sträfflich verderbet / und mit den vielfältigen Wechselgeldern nichts / als einen ungesunden Leibe / und eine lasterhaffte Seele gekaufft.

Es ist in warheit eine lautere Torheit / in andere Länder reisen / und seines Vatterlands vergessen: Fremde Ordnungen suchen / und seine eigne verlieren; Ausländische Gesetze halten / und die Einheimische brechen. Die jenige Gemein ist glückseelig / wo keine hochtrabende / sondern friedfertige Leute wohnen; wo nicht viel Handtirungen / sondern viel tugendhaffte gefunden werden; wo man fremder Gesetze nicht achtet / die Einheimische aber vest und unverbrüchlich hält; wo man die Frommen schützet / die Bösen straffet; seine Nachbarn liebet / und keinen Krieg ohne Noht vornimmt; im fall man aber je diesen nicht verhüten kan / sich von der Hertzhafftigkeit waffnen /und von der Gerechtigkeit[107] führen lässet / und auf solche Weise seine Feinde überwinden / sein Land im Friede erhalten / und im Krieg beschützen kan.

Cosmarite name hierauf das Wort / und sagte: Gnädigste Königin! das jenige / was E. M. von den unnützlichen Reisen eingewendet / ist nur all zu wahr /und mehr zu beklagen als zu ändern: Aber doch kan der Mißbrauch den rechten Gebrauch nicht aufheben. Es ist nicht zu laugnen / daß durch das nötige Reisen / einem Land viel Nutze geschafft werde. Dann /ob gleich die Regimenter / auch ohne die Reisen /könten erhalten werden / so stehet keineswegs zu zweiffeln / daß einer / der wol gereist / und kein blosser Mauren-schauer gewesen / sondern die Sitten /Manier / Rechte und Gewonheiten fremder Nationen erlernet / bey weit-entlegnen Völkern / wie eine Biene / in fernen Feldern / unter den Blumen / Hönig gesamlet / und so wohl mit Thoren als Weisen umgegangen / einer Gemein viel besser anstehe / als der jenige / so allezeit hinter dem Ofen geblieben / und nie aus seiner Mutter Schoß kommen ist. Zwar / wer keine Gelegenheit hat zu reisen / kan wol ohne dasselbe ein kluger Mann werden. Welchem aber das Glück so güntig ist / daß er fremde Länder besehen kan / der soll es nicht ausschlagen.

Weil Chlierarcha / das Schreiben zu verfärtigen /nach seiner Wonung eilete / als wurde hiermit dieses Gespräche abgerissen / die Tafel aufgehoben / und die Königin nach ihrem Zimmer begleitet. Inzwischen nun Chlierarcha den Brief verfassete / hatte Melopharmis / welche nicht wuste / wie sie den Polyphilus versöhnen solte / vielerley Anschläge[108] / davon ihr doch keiner gefallen wolte. Sie fragte den jungen von Adel / um die Gelegenheit des Landes / darinn sie gefangen waren? Und als dieser berichtete / daß selbiges mehrentheils von Schäfern bewohnet wäre / die einen herrlichen Tempel darinn hätten / und unter dieses Herrn Schutz gehörten / welcher ihren Sohn und seine Gefärten gefangen hielte: ersonne sie endlich eine solche List / daß die Schäfer gezwungen würden / vor diese Gefangne zu bitten. Sie verfärtigte einen langen Zettel / welcher / nach Art der alten Weissagungen /mit ungewönlichen doch bekannten Buchstaben geschrieben / und diese Verse zu lesen gabe:


Ihr Hirten! die der Schnee vertrieben /

Der durch die Kälte / Feld und Wald

Mit seinen Flocken weiß bemahlt:

Lasst diß zu lesen euch belieben /

Was selbst der Himmel aufgeschrieben;

Und glaubt / daß diese Wunderschrifft

Die Wolfart aller Schäfer trifft /

So hier den Gottesdienst verüben.

Damit sich nun / in eure Hütten /

Nicht schwere Straf und Plage find:

So eilt / die Fremden auszubitten /

Die ohne Schuld gefangen sind;

Und wisst / biß solche werden frey /

Das hier kein Glück zu hoffen sey.


Diese Schrifft übergab Melopharmis dem Boten /welchen die Königin zu Polyphilus senden wolte / mit Befehl / selbige / so bald er in das Land käme / an die Thür des Tempels zu hefften / und[109] alsdann sein Gewerbe bey dem Herrn des Orts anzubringen; den Polyphilus aber und seine Gefärten / neben ihrem freundlichen Gruß zu berichten / daß sie gutes muhts seyn /und ihre ehiste Befreyung hoffen solten: Weil sie allbereit solche Mittel erdacht hätte / die sie mit nächsten erlosen würden. Der Bot gienge des andern Morgens / zur Atychintide / bey deren er eben den Chlierarcha antraffe / der ihr den verfärtigten Brief / in diesen Worten bestehend / vorlase.


Edler Herr!


Nachdem wir / nicht ohne Mißfallen / verstanden /wie eure Soldaten unsern Erretter Polyphilum / neben andern unsern getreuen Bedienten / welche auf der Reise nach Brunsile begriffen gewesen / ohne alle gegebne Ursach / mitten auf dem Wege / als öffentliche Mörder und Strassenrauber / angefallen / und mit Gewalt zu Gefängnis geführet / und seither in Hafft gehalten: als haben wir vor nötig erachtet / euch durch diesen Brief zu berichten / und zu versichern / daß diese unschuldige Gefangene keine Mörder und Ubelthäter / sondern ehrliche Personen sind / die in unsern Geschäfften gereiset / und niemand etwas zu leid gethan haben. Wir leben der gäntzlichen Zuversicht /daß ihr diesem unsern wahren Zeugnis Glauben zustellen / die Unserige nicht ferner anhalten / noch ihre in unsern Diensten vorgenommene Reise verhintern werdtt / sondern sie also fort ledig geben / und wieder auf freyen Fuß zu stellen werdet.[110] Solche Willfärigkeit / wollen wir mit geneigtem Gemüt erkennen / und auf vorfallende Gelegenheit / mit nachbarlicher Gewogenheit zu erwiedern / unvergessen bleiben. Geben in Sophoxenien / im andern Jahr unserer Erlösung.

Atychintide.


Wiewol dieser Brief der Königin anfangs etwas zu gelind vorkame / so ließe sie doch / auf des Chlierarcha Zureden / daß man erstlich den gütlichen Weg gehen / und mit Höflichkeit verfahren müsse / ihr denselben gefallen / und den Boten alsobald damit ablauffen. So bald dieser im Land angekommen / häfftete er den Zettel der Melopharmis heimlich an den Tempel / und gienge so fort nach dem Gefängnus des Polyphilus: bey welchem eben Agapistus und Tycheno / die ihn zu besuchen angekommen waren / sich befanden. Die Zeit wolte nun diesen dreyen schier zu lang werden / und die Hoffnung der Hülfe begunte zu sinken. Doch trösteten sie sich selbst / so gut sie vermochten: und wuste sonderlich / der schertzhaffte Agapistus / bißweilen ein Gelächter zu stifften. Wie er dann auch dißmals / als er durch das Fenster die Erde mit Schnee bedecket sahe / und wohl wuste / daß Polyphilus das Schlittenfahren liebte / mit ernsthafften Geberden sagte: Was macht ihr / Polyphilus! bey so gutem Schlitten-Wetter / hinter den Wänden? Geschwind / Servetus bespanne den Schlitten! Vielleicht wird auch Macarie / mit uns dieser Lust geniessen. Polyphilus / wie sehr ihn dieser Schertz seines Unglückes erinnerte /[111] sagte doch hierauf mit einem Lächlen: Wer den Schaden hat / darff vor das Gespötte nicht sorgen. Ich lasse mir diesen Winter mehr die warme Stuben / dann die kalte Schlittenfahrt gefallen / und vergnüge mich an der Gesellschafft des Agapistus. Es ist sicherer / hinter dem Ofen bleiben / als mit dem Schlitten zu Macarie fahren / und den Arm verwunden. Es ist aber lustiger / (antwortete Agapistus) mit dem Schlitten zu Macarie kommen / von ihr höflich empfangen und freundlich tractirt werden.

Diese Erinnerung / beantwortete Polyphilus mit einem tiefen Seufzer: als eben der Sophoxenische Bot ankam / und diesen Gefangnen von der Königin und Melopharmis / einen gnädigen und schönen Gruß brachte; mit angehengter Erzehlung alles des jenigen /was er / aus dieser beyden Befehl / zu ihrer Erledigung / allbereit verrichtet / und noch zu verrichten hätte. Uber dieser Zeitung / empfunde diese Gesellschafft eine unbeschreibliche Freude / und den Boten reichlich beschenkend / baten sie ihn / daß er sein Gewerbe beschleunigen wolte. Diesem nachzukommen /suchte er alsobald Gelegenheit und Gehör bey dem Landherrn: konte aber solche selbigen Abend nicht erhalten / und muste des andern Tages erwarten. Polyphilus war in seiner Hoffnung schon erlöset / und vergaße des Schimpfs von Melopharmis / weil sie nun seine Freyheit beförderte. Er tröstete sich auch allbereit mit der Einbildung / seine Macarie ehist wieder zu sehen / und dankte dem versöhnten Himmel / vor die angefangene Hülfe / mit folgenden Reim Zeilen.
[112]

Nunmehr wird das trübe Wetter / und die schwartze Schatten-Nacht /

Sich einmal geendet haben. Nunmehr wird der Purpur Pracht

Der erfreuten Morgenröt / zeigen / daß der Sonne Wagen

Allbereit bespannet sey / Mond und Sterne zu verjagen.

Es hat doch / wie alle Sachen / auch das Unglück Maß und Ziel /

Und kan weiter nicht verletzen / als der höchste Herscher wil:

Der uns öffters durch die Straff / zu der edlen Demut führet;

Deren Ubung uns vielmehr / als Rubin und Perlen zieret.

Ich bekenne / grosser Himmel! daß die Weißheit deiner Hand

Durch Verfolgung hat gewürket / daß ich dich und mich erkant.

Ende völlig deinen Zorn / wie du schon hast angefangen /

Und laß nach so langer Qual / uns verlangte Hülff erlangen.

Brich die ungerechte Boßheit / durch die Stärke deiner Macht /

Und bring bald uns an die Sonne / aus des schwarzen Kerkers Nacht.


Quelle:
Maria Katharina Stockfleth: Die Kunst- und Tugend-gezierte Macarie, 2 Bände, Band 2, Nürnberg 1673, S. 101-113.
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