Eilfter Absatz

[612] Polyphilus / mit der Macarie zu den Triften ankommend / überreicht dem Cumenus diese seine Tochter: welcher / auf des Philamathus Ansuchen /neben der Garine und Anamfe / in ihre Liebe williget. Volinie singet ein Glückwunsch-Lied. Der Gärtner /als er die Macarie nicht wiederkehren sihet / lauft nach Soletten / und macht ein Geschrey / Polyphilus habe sie entführet. Die Soletter eilen zu Feld / und bringen die Macarie / samt dem Polyphilus /Agapistus und Pistimorus / gefangen zurücke: die werden daselbst auf Leib und Leben angeklaget.


Es war eben ein lieblicher Herbst-Tag / der die Hirten mit ihren Gästen auf das Felde gelocket: unter denen Agapistus / mit welchem Polyphilus schon alles abgeredt hatte / diese beyde Verliebte daher kamen sahe /und zu seinen Gesellschaftern anfienge. Sehet / dort komt Polyphilus / mit seiner Liebsten. Wie? (sagte Volinie) hat er dann eine Liebste: Wie sie sihet /holdseelige Schäferin! (begegnete ihr Agapistus) und werden sie bald näher kommen. Hiemit stünden sie alle auf / giengen den beyden entgegen / und empfingen sie mit großer Höflichkeit. Polyphilus kehrte sich alsbald gegen den Cumenus / und sagte: Ich erinnere mich / Edler Hirt und wolthätiger[612] Vatter! wie er unlängst / bey Widerfindung meiner Mutter / dergleichen Glückseeligkeit an seiner Tochter Macarie zu erleben gewünschet: und dieses Seufzen hat der gütige Himmel erhöret / auch heute beglücken wollen. Hier ist Macarie / die verlohrne und so herzlich-geliebte Tochter des bekümmerten Cumenus / die / mit eben so viel Threnen / ihre liebe Eltern gesuchet / als sie von denselben ist gesuchet worden. Es wolte die Vorsehung des Höchsten die Ehre dieser Findung meiner Wenigkeit gönnen: und weil ich auch / durch göttlichen Schluß / zu ihren Liebsten erwählet / wird er /Edler Cumenus! hoffentlich sich nicht wägern / den Polyphilus mit der Macarie zu vereinigen. Unsre Liebe hat nun alle Versuchungen überwunden / und erwartet von ihm den Lohn / welchen unsere Beständigkeit erworben.

Ich weiß nicht / (versetzte der Freud-bestürtzte Cumenus) ob ich dieses träumend / oder warhaftig anhöre? Ist dieses die Macarie / welche mir von dem Rachen eines grimmigen Wolffes geraubet worden? so hat in warheit die Vorsorge des Himmels / alle meine Hofnung überstiegen / und machet mich so voll Verwunderung / daß ich schwerlich jemand anderem / als ihrem eignen Munde / in völliger Eröffnung dieses Zufalls / glauben kan. Ich kan leicht mutmassen /liebwehrtster Vatter! wann mir so zu reden erlaubt ist / (sagte Macarie) daß meine unverhoffte Gegenwart ihme jetzt mehr Verwunderung als Freude verursachet / und sein Gemüte im Zweifel aufhält.

Aber seit versichert / daß ich warhaftig die Macarie sey / die von einem Wolf hinweg gezuckt /[613] aber /durch einen Edlen des Landes wieder erledigt und auferzogen worden. Hierauf fieng sie an / nach der Länge zu erzählen / wie sie biß dahin gelebet / und durch was Gelegenheit sie in dieses Land / folgends auch in des Polyphilus Liebe / welchen ihr das Orakel zugesprochen / gerahten wäre.

Dieses erweckte bey Cumenus so große Freude /daß er sich nicht mehr bergen kunte / sondern seiner so lang-verlangten Tochter um den Hals fiele / und mit nassen Augen seine Vergnügung über ihre Gegenwart bezeugte. Anamfe / welche dieser Begebenheit mit Bestürzung zugesehen / so bald sie sich versichert wuste / daß dieses ihre verlorne Tochter wäre / konte ihre Frölichkeit nicht gnugsam an Tag geben / und als Macarie ihr entgegen kam / sie zu bewillkommen /und vor ihre mütterliche Wolthaten zu danken / kunte sie ihr nicht anderst / als mit Threnen / antworten. Sie fuhre fort / und grüste auch ihre Schwester Volinie /und ihren Schwager Filato / endlich auch den wieder-lebenden Philomachus / dem sie wegen seiner Errettung Glück wünschte. Dieser nahme so bald ihre Hand / und führte sie / neben dem Polyphilus / zum Cumenus / und zur Garine / erzählte / wie wunderlich sich die Liebe dieser beyder angefangen / und wie unglückseelig dieselbe eine zeitlang gewesen / nunmehr aber / durch die Hülfe des Himmels / alle Versuchungen überwunden / und sich der völligen Vereinigung würdig gemacht hätte: bate benebens / solche / durch ihren Beyfall / zu bekräftigen / und also diese zwey Tugendlich-Verliebte gänzlich zur Ruhe zu bringen. Sie ließen hierzu sich willig und freudig finden / und gaben diesen Liebhabenden beyderseits[614] ihren Segen /dem gnädigen Himmel aber demütigen Dank / vor so gnädige Schickung. Volinie sange / den Neu-Verlobten eu Ehren / nach ihrer gewohnten Lieblichkeit /nachfolgendes Liedlein:


1.

Wer will nun die Lieb verklagen /

Und von ihrem Wüten sagen?

Weil sie ihre Freund zu letzt

In erwünschte Ruhe setzt.

Hätten diese nicht geliebt /

In so viel verwirrten Stunden /

Wer hätt sie so süß verbunden?

Ihnen blieben unbekant /

Ihre Freund' / ihr Geschlecht und Vatterland.


2.

Zwar / beschwerlich ist das Lieben /

Welches furchtsam wird getrieben /

Und nur Hofnung mit Verdruß

Unvergnüget nehren muß:

Dennoch bricht der Morgen an /

Wann die schwarze Nacht entwichen /

Und die Sterne sind verblichen.

Offt des Donners Blitzen stralt:

Bald hernach Föbus Glanz die Erde mahlt.


3.

Dieser vor-erduldtes Leiden

Endet sich mit tausend Freuden.

Allem dem / was sie bekriegt /

Hat ihr Lieben obgesiegt.

So genießet nur der Lust /

Edle / treue / Tugend-Seelen!

Nichts soll eure Liebe quälen /[615]

Unsre ganze Hirten-Schaar

Wünschet Glück diesem neu-verlobten Paar.


Polyphilus und Macarie / bedankten sich sehr höflich gegen Volinie / und sagte Polyphilus heimlich zur Macarie: Ob sie nun glaube / daß er in der Liebe gegen Volinien unschuldig sey? welche solches mit einem freundlichen Lachen beantwortete: aber zum Agapistus sagte sie / sie hätte noch eine Klage wider ihn zu führen / dieser / die Ursach bald merkend /gabe zur Antwort: wie daß er nur Gnade / und kein Recht / verlange. Nach diesem verfügten sich die Schäfer / weil die Nacht einbrache / nach ihren Hütten / und beratschlagten / wo sie die völlige Verbündnus beyder Verliebten anstellen wolten: da dann die meinste Stimmen auf Soletten giengen / weil daselbst der Ort ihrer Betrübnus gewesen / und jetzt billig auch die Stelle ihrer Freude seyn solte. Also waren sie sämtlich gewillet / dahin zu reisen. Aber Anamfe bate / noch einen einigen Tag zu verziehen / damit sie Zeit hätte / ihre Haushaltung vor der Abreise zu bestellen / und andere zur Hochzeit notwendige Sachen zur Hand zu schaffen: welches man ihr auch gern bewilligte.

Wir blinde Sterbliche / sind so unwissend unsers Zukünftigen / daß wir mehrmals sorgen / wo keiner Sorge vonnöten ist / und alsdann am frölichsten sind /wann die gröste Gefahr auf uns wartet. Also ergienge es auch der Macarie. Sie ließe ihr gefallen / die Gegend des Landes / welches sie nun bewohnen solte /zu beschauen / und wählte (indem ihre Eltern und Freunde zur Reise Anstalt machten / Philomathus und Garine aber dieser Begebenheit nachdachten) in Gesellschaft des Polyphilus / Agapisius und Pistimorus /einen Spazirgang:[616] da es doch viel nötiger gewesen /einen Boten auf Soletten zu schicken / und zum wenigsten ihrer Dienerin ihren Zustand berichten zu lassen. Diese Sicherheit wird sie in kurzem dem grösten Elend überliefern. Dann sehet / was das gehäßige Unglück / als ob es ihm wehe thäte / diese Liebende zu verlassen / zum Abschied gewürcket!

Es hatte der Gärtner auf dem Lusthause Macarien /als er dieselbe erstlich mit Polyphilo streiten / hernach aber also hinweg eilen sahe / so bald einen Argwahn geschöpfet. Und weil er nicht gewohnt war / die Macarie allein mit einem Mannsbilde reisen zu sehen /mutmaßte er / Polyphilus müste sie entführet haben. Doch schwiege er / biß gegen Abend / und gedachte /es möchte ein Spazirgang seyn. Als es aber dunkeln wolte / und Macarie sich nicht einfunde / entdeckte er seinem Weibe / voller Schrecken / seine Gedanken /und liefe mit derselben / heulend und schreyend / um die Felder des Lusthauses / Macarien zu suchen / so lang herum / biß ihn die schwarze Nacht wieder heim jagete: die er dann / ohne Schlaf / mit eitel Weinen und Wcheklagen zubrachte. Das ärgste war / daß der Junge / welcher sonsten die Briefe zu tragen pflegte /und allein den Weg zu den Schäfern wuste / nicht zu Hause / sondern von Macarien in die nechste Stadt /Speise zu kauffen / verschicket war: welcher Macarie bey den Hirten suchen / und den albern Gartner hätte befriedigen können.

Dieser nun liefe / so bald es ein wenig zu tagen begunte / mit Ach und Wehe nach der Insel Soletten /und fragte einen jeden / der ihn begegnete: ob er die Macarie nicht gesehen hätte? Nachdem[617] er sich überführen lassen / erzählte er daselbst / wie Macarie mit Polyphilo hinweg gangen / und / wann sie nicht in der Insel / gewiß würde entführet seyn. Unter solchem Winseln kame er zur Wohnung Macarien / und fragte / so bald er die Thür eröffnet / die Nabisa / ob Macarie nicht zu Hause wäre? wie solte sie hier seyn /(gab die Magd zur Antwort) da sie zu euch gereiset? O Gott! (schrye der Gärtner) so ist meine Sorge nur allzuwahr: Polyphilus / der arglistige Betrüger / hat sie gestern mit sich hinweg geführet. Ich habe wohl gedacht / das viele Brief-schreiben / und hin und her reisen / werde letzlich so ein Ende gewinnen. Man solte diesem Unglück längst begegnet seyn. Wo finden wir nun unsere Frau wieder? Ach! ich habe gesehen / wie sie sich gewehret / und wider ihn gestritten: aber er hat sie doch endlich beredet / und entführet. Ey! stellet euch nur nicht so ungebärdig! (sagte Nabisa) Macarie ist nicht entführet / sondern nur bey den Schäfern. Polyphilus ist viel zu tugendhaft / daß er sie betriegen solte. Ja! ja! (versetzte der Gärtner) rühmet nur seine Tugend / welche lauter falsch und Heucheley ist. Ihr habt immer zu seinen Händeln geholsfen /biß unser Frau und wir in diß Unglück gekommen.

Also stritten diese beyde / biß die Inwohner / die schon hiervon etwas verstanden / dessen völlig gewar wurden / und mit einem solchen Lermen zusammen liefen / daß die ganze Insel reg wurde. Etliche schalten auf die Macarie / daß sie in so lasterhafte Entführung gewilliget / da sie doch bißher / als ein Bild der Tugend / gerühmet worden. Andere verteidigten sie /und schmäheten allein auf den[618] Polyphilus / daß er sie mit Betrug und List dahin verleitet / die meisten legten die Schuld auf ihre Obern / daß sie so lang mit dieser Sache geheuchelt / den Polyphilus / den Mörder des Philomathus / so oft in der Insel gewust / und doch allemal wieder abziehen lassen. Ihr Schluß war /daß sie sämtlich diesem Ranber nachziehen / ihm die Beute abnehmen / und ihn zu gebührender Strafe bringen wolten. Also ließen sich ihrer eine große Menge überführen / und liefen / sonder Ordnung und Führer /von der blossen Unsinnigkeit getrieben / ins Land /unwissend / welche Straße sie vor sich nehmen solten. Doch führte sie das Unglück / weil es der Macarie zuwider / am ersten in die Gegend Brundois. Eusephilistus war eben zu Sophoxenien / und hielte Hochzeit mit der Erothemitis / als dieser Auflauf entstunde: sonst hätte er vielleicht diese Unsinnige begütigt. So ward auch ihr oberster Vorsteher dessen nicht eher verständiget / biß sie allerdings aus der Insel hinweg waren.

Die arme Nabisa aber / stunde in solchen Aengsten / daß sie keinen Raht zu finden wuste. Weil sie auch fürchtete / wegen dieser Handlung / selbst in Verhaft zu kommen / da sie alle Heimlichkeit entdecken müste; als bate sie det. Gärtner / sie mit sich auf das Lusthaus zu nehmen: da sie / mit dem Jungen /nach den Schäfern zu laufen / und die Macarie gewiß zu finden gedachte / ehe sie etwan diesem tollen Hauffen in die Hände fiele. Aber die gute Nabisa vermochte diß nicht zu hintern: Dann indem sie nach dem Lusthaus eilete / waren die Soletter schon in der Landschaft Brundois.

Macarie hatte sich gleich mit ihrer Gesellschaft[619] auf den Hügel gesetzet / der nechst an dem Strom lag /und hörte des Polyphilus seine Mutter / von des Philomathus wunderbarer Errettung reden / als sie von fern diesen rasenden Pöfel ankommen sahen. Die Furcht schluge ihr so bald an das Herz / als die Augen ihrer gewar wurden. Ach Polyphilus! (sagte sie) lasset uns fliehen / ehe uns diese den Weg verhauen. Wohin sollen wir fliehen? (gab Polyphilus erschrocken zur Antwort) sie sind uns schon zu nahe auf dem Halse /und wann mir recht / so sind es Inwohner von Soletten. O Himmel! (rufte Macarie) diese nehmen uns gewiß gefangen / und zerstören alles unser Vorhaben. Ach! ich Unseelige! Warum habe ich nicht bey Zeiten diesem Ubel vorgebauet? Warum bin ich bey der gewissen Gefahr so sicher gewesen? Jetzt werden die Vergnügungen / an welchen wir so lange Jahre aufgebauet / in einem Augenblicke zu Boden gerissen. Sie gebe sich zu frieden / schöne Macarie! (sagte Agapistus) mit Klagen ist hier wenig zu erhalten. Lasset uns nur getrost ihrer erwarten / daß nicht unsre Furcht einen Argwahn des Lasters mache. Wir haben ja eine gerechte Sache / und sie würden ungerecht / wann sie selbige nicht gelten ließen.

Indem kame diese tobende Rotte daselbst an / und umbringte sie mit großem Geschrey. Finden wir da die saubere Gesellschaft / (sprach einer von ihren Vorgängern) welche nun zum andernmal unsere Insel betrogen / den Philomathus ermordet / auch die Macarie geraubt und entführet haben? Macarie ist weder geraubet oder entführet / (widerredte Polyphilus) sondern sie wird morgen[620] nach Soletten kommen. So sind wir auch des Mords unschuldig: Höret nur an das Wunder / so sich mit diesem begeben / und ihn uns wieder gegeben / auch eben die Ursach ist / daß sich Macarie so lang aufgehalten hat. Was Wunder! (sagte einer von den Führern) wir wissen von keinem Wunder / als daß Macarie / die als eine Göttin der Tugend bißher geehret worden / mit einem leichtfertigen Schäfer / Ehrvergeßner Weise davon gezogen. Diese schmähliche Worte / gleich wie sie der schamhaften und Tugendliebenden Macarie die Farb in das Angesicht / und die Threnen in die Augen trieben; also bewegten sie auch den Polyphilus zu so hefftigen Eifer /daß er / ohne einige Gegen-Antwort / seinen Schäferstock erfasste / und diesen Verleumder seiner Macarie über den Kopf schmeissen wolte?

Aber Agapistus fiele ihm in den Arm / und sagte: Gemach! mein Freund! gemach! Wir sind übermannet / und können uns hier mit Gewalt nicht verteidigen; Die Herrn Soletter aber sind so höflich und gerecht / daß sie unsere billige Entschuldigung anhören / und uns von dergleichen Laster freysprechen werden. Höret nur / meine Herrn! durch was vor Gelegenheit wir in diesen Zustand gerahten / und glaubet vor gewiß / daß wir nie Willens gewesen / Macarien zu entführen: wie ihr dann sehet / daß weder sie /noch wir / zur Reise gerüstet / auch auf keiner Landstraßen / sondern bloß auf einem Spazir-Wege sind. Derowegen übereilet euch nicht mit dem Urtheil /damit ihr euch nicht der Ungerechtigkeit theilhaftig machet. Es ist ein geringers Verbrechen / zehen Boßhaftigen vergeben[621] / als einen einigen Unschuldigen verdammen. Der Ausgang dieser Handlung wird erweisen / daß wir eure Insel vielmehr zu erfreuen / als zu berauben getrachtet haben.

Diese freundliche und bescheidene Rede legte bey nahe den Grimm der Solettischen Inwohner / also /daß sie etwas stille wurden / und aufzumerken begunten. Kaum aber hatte Agapistus angefangen zu reden /da ersahe der Wirt / welcher nächst dem Hause des Philomathus wohnet / den Pistimorus / der ganz furchtsam hinter Polyphilo stunde / liefe demnach eilends auf ihn zu / und riefe mit großem Geschrey: Hilf Gott! was finde ich hier? ist dieses nicht der Mörder /welchen wir so lang gesuchet. Gewißlich / ihr meine Brüder! diß ist der jenige / der ehemals bey mir geherberget / und den Philomathus ermordet hat. Nun möget ihr schließen / was diß vor eine schöne Gesellschaft sey / und wie nichtig ihre Verantwortung seyn werde?

Hier hätte man sehen sollen / mit was Ungestümm diese wieder-erhitzte Leute zugefahren / und den Pistimorus samt Macarien und den beyden Schäfern umringt. Hier halfe ferner keine Entschuldigung / noch Bitte / sondern sie droheten / so bald nur jemand von ihnen den Mund öffnen würde / mit Spießen und Schwertern / und führten sie alle mit vielen Schmäh-Worten gefangen nach ihrer Insel. Wie der unseligen und fast verzweifelten Macarie bey diesem Zustande zu Muht gewesen / weiß ich kaum zu beschreiben. Sie sahe sich beraubet alles Glücks / und aller Ehre. Sie sahe sich gefangen führen von den jenigen / welche sie vormals[622] mit großer Ehrerbietung bedienet hatten. Der Tod selbst wäre ihr viel erträglicher gewesen / als diese schändliche Art zu leben. Sie schlug ihre Augen zur Erden / als ob sie in so schmählichen Zustande nicht wehrt wäre / das Liecht der Sonne anzusehen /und solche ihr zu nichts als Threnen übrig wären. Sie wande ihre Hände / weil sie sehen muste / daß dieselbe von den Banden der Gefängnus gefässelt waren. Aus ihrem Munde gienge nichts als Klagen und Seufzen.

Polyphilus unterstunde sich sie zu trösten: aber die Worte starben / ehe sie geboren wurden / und kunte die geklemmte Zunge kaum ein elendes Ach hervor bringen. Pistimorus gienge nicht anderst / als ein zum Tod verurtheilter / der zum Richt-Platz geführet wird. Aber Agapistus / wie er jederzeit der Herzhafteste gewesen / also bote er auch dißmal dem Unglück die Spitze / und sagte: Seyt getrost / ihr meine Gefärten! und nehmet das Zeugnus unserer Unschuld zu hülffe /wider diese gewaltsame Gefängnus. Ist noch eine gerechte Obrigkeit zu Soletten / so wird sie unsre Verantwortung anhören / und diesen Frefel zu straffen wissen.

Was solten sie strafen? fragte einer von der Rotte /müsset ihr dann nicht bekennen / daß euer einer unsern Vorsteher / den Philomathus / ermordet hat? Wie kan man ihn ermordet haben / da er noch lebet? antwortet Agapistus. Kommet ihr nur mit zu unsern Triften / wir wollen euch den Philomathus bald zeugen. Ja / das gebe ich gern zu / (versetzte der Soletter) daß ihr uns / mit Hülffe eurer Schäfere / zu dem Philomathus bringen würdet: aber es ist uns ungelegen. Wir wollen[623] euch lieber selbst / durch unsere Obern / in das Land verhelffen / wo Philomathus lebet. Agapistus sahe / daß bey diesen thummen Leuten wenig zu gewinnen / mochte sie also keiner Widerrede würdigen /sondern folgte mit seinen Gefärten / in höchster Gedult / biß nach Soletten.

Es war eben der Tag zum Ende / als sie bey gedachter Insel ankamen. Ihre Führer schickten einen aus ihrem Mittel zu ihrem Obersten / und ließen demselben ihre Widerkunft und glückliche Verrichtung andeuten: der sie zwar / wegen ihres unbefohlenen Ausfalls / heftig strafte / jedoch / die Gefangenen wohl zu verwahren / befahle / weil er sie morgen vor Gericht fordern wolte. Also wurden sie sämtlich übergesetzt / und unter der Wacht vieler Soldaten in ein Gefängnus geführet. Die ganze Insel liefe zusammen /und wolte die Gefangene sehen: sonderlich / da sie hörten / daß des Philomathus Mörder dabey war / auf welchen sie heftig schmähten.

Wie sehr es nun die armseelige Macarie gekränket /daß sie eben an dem Ort / da sie zuvor in höchster Ehrachtung gelebet / solte als eine Ubelthäterin geführet / und schändlich gefangen gelegt werden / ist leichter zu besinnen / als zu beschreiben: sonderlich /weil sie nirgend keinen Trost funde. Sie fragte nach ihrer Dienerin Nabisa / muste aber hören / daß sie allbereit davon geflohen war: welches sie in neues Herzenleid stürzte / sie bate den Talypsidamus zu ihr zu holen: muste aber vernehmen / daß er nicht anheimig wäre. Also sahe sie sich aller Hülfe entblößet / und kunte / nach dem scharffen Recht des Landes / und ihrer bey Handen[624] habenden geringen Entschuldigung /nichts als ein grausames Urtheil des Todes erwarten. Doch quälete sie die Gewißheit des Todes nicht halb so sehr / als daß sie von dem jenigen solte verurtheilt werwerden / den sie ehedessen nicht einer Unterredung gewürdiget: Dann sie wuste nicht / daß Eusephilistus zu Sophoxenien war / sondern meinte / er würde / wie sonsten / dem Gericht beywohnen / und ihre Verachtung gegen ihme / nun mit Schimpfe rächen.

Ach du unbarmherziger Himmel! (gedachte sie bey sich selbst) mit welchem Verbrechen habe ich diese Strafe verdienet? hast du so sehr über meine Liebe gezürnet / warum hast du dann nicht dieselbe gehintert /wie ich oft inständig gebetten? Ach des erbärmlichen Elends! soll Macarie / die als ein Exempel der Tugend gelebet / nun als ein Schauspiel der Laster sterben? Doch habe ich ja kein Laster begangen / und mein Gewissen ist frey von aller Befleckung; Aber nein /Macarie! es ist nicht gnug / des Lasters frey seyn /sondern man muß auch den Schein desselben meiden. Du hast deiner Liebe zu viel nachgegeben / und mehr ihrem Befehl / als dem Gesetze der Vorsichtigkeit und Wolständigkeit nachgelebet. Leide nun auch die Strafe der Liebe / weil du ihrer Süssigkeit genossen. Und dieses ist auch mein einiger Trost / daß ich leide um der Liebe willen meines liebsten Polyphilus.

In diesen Gedanken fasste sie des Polyphilus Hand / der sich als halb tod auf sie gesteuret / und sagte: Entsetzet euch nicht so sehr / mein Herz! über unserm Unglück / sondern danket vielmehr dem Himmel / daß wir zugleich leiden sollen. Unser[625] grausames Verhängnus wird doch nun zu wüten aufhören müssen / weil es den letzten Sprung vornimt / und den Tod zum Gefärten hat. Haben wir im Leben nicht sollen vereiniget werden / so wird doch unsere Aschen verbunden bleiben / und was uns das Brautbett nicht vergönnet / das wird uns doch das Grab erlauben müssen. Ich meines theils sterbe vergnügt / weil ich mit euch sterbe / und gedenke die Ruhe / welche ich lebend nie finden können / im Tode anzutreffen.

Ach getreueste Macarie! (versetzte Polyphilus mit einem starcken Seufzer) wo nehme ich Worte / in dieser Verwirrung / die eure Tugenden rühmen / und eurer Beständigkeit danken können? In warheit / diß unversehene und allerschrecklichste Unglück / hat mich ganz aus mir selbst gebracht / also daß ich zu nichts übrig bin / als die Schmerzen des Todes zu empfinden. Zwar habe ich dasselbe / als die Letze von meinen Plagen / vielmehr zu wünschen / als zu fürchten. Allein / daß Macarie sterben soll / die mehr verdienet / gekrönet / als verdammet zu werden / diß befördert meine Verzweiflung. Könte ich / durch meinen Tod / der Macarie das Leben kauffen / ach schöne Seele! wie willig wolte ich meinen Hals darstrecken /und in ihren liebsten Armen meinen Geist aufgeben.

Ach Polyphilus! sagte der schon halbsterbende Pistimorus / warum wolt ihr sterben / da ihr doch keinen Tod verschuldet? Ich allein bin die Ursach eurer Gefängnus! Es soll niemand an meiner Strafe Theil haben / weil auch niemand mit mir gesündiget. Es ist genug / daß ich sterbe / der ich den Mord in dieser Insel begangen. Worzu[626] dienet diese verzweifelte Klage? (gegenredte Agapistus) und wer wird uns /bey offenbarem Beweiß der Unschuld / den Tod anlegen? Allzu verzagt seyn / bey gerechter Sache / stehet keinem Vernünftigen wohl an. Lasset uns unsre Verkläger hören / und beantworten; Es gehöret mehr / als eine bloße Anklage / zu einem Urtheil des Todes.

Ach Agapistus! (versetzte Macarie) wären euch die strenge Gesetze dieser Insel so wol als mir wissend /ihr würdet gewiß diese Freudigkeit verlieren. Sind es Gesetze / (gab Agapistus zur Antwort) so müssen sie gerecht seyn / oder es bleiben Tyranneyen. Kein solch Gesetze ist in allen Landen zu finden / daß man einen / ohne Uberzeugung der Ubelthat / zum Tode verdammet. Die Furcht ist bey euch viel größer / als die Gefahr. Uberlasset mir die Verantwortung / und vergesset die allzuängstigen Klagen. Sie müssen den Beweiß herzu bringen / oder aller Gerechtigkeit gute Nacht geben. Dergestalt tröstete Agapistus seine Gesellschaft / und machte sich über sein Vermögen behertzt / biß sie diese elende Nacht zum Ende brachten.

Des andern Morgens wurde bey früher Tagzeit das Gericht / an einem öffentlichen Ort / angestellet / und die Gefangene durch einen Diener des Gerichts abgeholet / ihre Ankläger zu vernehmen und zu beantworten / sie waren sämtlich zornig und bekümmert / über diese Verfahrung und öffentliche Beschimpfung: Daher Macarie / vor Scham und Aengsten / nicht warname / die Menge des zulauffenden Volks / und die schmähliche Reden / welche theils derselben wider sie führten / sondern als entgeistert fast dem Todes-Urtheil vor sturbe / und[627] vor den Augen des Richters in eine Onmacht sanke. Polyphilus diß ersehend / liefe eilends zu ihr / sie zu erquicken. Nachdem sie sich etwas wieder ermundert / konte er vor Grimm und Eifer / nicht länger verziehen / sondern fieng ungescheut an / also zu reden: Vergebet mir / hochgeehrter Richter! daß ich rede / ehe man es von mir begehret. Die Unbilligkeit / welche an Macarie / dem Spiegel der Tugenden / und dem Liecht dieser Insel / verübet wird / lässet mich der Ankläger nicht erwarten. Ich bitte / erinnert euch doch ihrer Würde / und gedenket /daß es Macarie sey / die also öffentlich beschimpfet wird. Könnet ihr uns einiger Missethat überführen /so sind wir billig vor dieselbe zu büssen. Allein dieser Unschuldigen gönnet die Freyheit / wann ihr nicht die Tugend selbst beleidigen / und an der Gerechtigkeit sündigen wollet.

Haltet inn / Polyphilus! (begegnete ihm der Richter) mit dieser freflen Erinnerung! Wir kennen den Weg des Rechtens / und haben nicht Ursach / von einem hoffärtigen Schäfer Unterricht anzunemen. Hätte Macarie nichts verbrochen / so würde sie diesen Ort nicht haben betretten müssen. Wir betrachten sie heute nicht / als die Macarie / deren sich ehmals unsere Insel berühmet / sondern als die jenige / welche durch euch verführet / unserer Insel zur Schande worden ist. Die Gerechtigkeit sihet stracks vor sich / und betrachtet nicht die Person / sondern das Verbrechen des Beklagten. Trettet hervor / die ihr etwas wider diese Gesellschaft zu klagen habet / damit Polyphilus sehe / daß wir nicht ohne Ursach die Macarie hieher bringen lassen.[628]

Auf dieses trate her der Wirt / welcher am ersten den Pistimorus erkennet / und redte nach abgelegter Reverenz / im Namen der ganzen Gemein / folgender massen: Edler / hochverständiger Richter / und gerechter Beschützer dieser Insel / und deren Inwohner! Demselben mache ich / an statt dieser Gemeine / unterthänig zu wissen / daß gegenwärtige Schäfer / welche ehemals unserer Insel nicht geringe Widerwärtigkeit zugezogen / und wegen der seltsamen Erlösung des Schloßes Sophoxenien / der Zauberkunst sehr verdächtig worden / nun auch / die Macarie / die wir /wegen ihrer ungemeinen Beschaffenheiten / als einen Schatz unserer Insel / bißher mit großer Sorgfalt und Ehrerbietung unterhalten / vermessener Weise zu rauben / sich unterstanden: wie sie dann selbige allbereit zu ihren Triften gebracht / und ohne Zweifel würden entführet haben / wann wir nicht / diesem Frefel zu begegnen / hinaus gefallen wären / sie ereilet / und ihr Vorhaben unterbrochen hätten. Daselbst funden wir auch bey ihnen / wider alles Vermuten / den boßhaftigen Zerstörer und Beleidiger unsrer Insel / welcher das Liecht derselben ausgeleschet / und uns in eine finstere Verwirrung gestürzet. Dann ich bezeuge hiemit öffentlich / gedenke es auch / auf Erforderung /mit einem heiligen Eydschwur zu bekräftigen / daß dieser (damit zeigte er auf den Pistimorus) eben der jenige ist / welcher vor ungefähr zwey Jahren / bey mir geherberget / und den Philomathus / unsern getreuen Vatter / und weißlich-gerechten Vorsteher / unschuldiger und lasterhafter Weise ermordet hat. Wie nun seine Weißheit / hoch-verständiger Richter! leichtlich urtheilen[629] wird / was von denen zu halten sey / welche sich / Menschen zu rauben / unterfangen / und in der Mörder Gesellschaft leben. So wird demnach seine Rechtfärtigkeit wissen / solche Laster zu strafen: Wie wir dann hiemit sämtlich unterthänig bitten / diesen frefelhaften Ubelthätern das Recht ihrer Verdienste zu zeigen / und den Tod des Philomathus /unsers getreuen Philomathus zu rächen.

Auf diesen Schluß seiner Rede / schrye das ganze Volk: Ja / der Tod des Philomathus muß gerochen /und mit dem Blute dieser Mörder abgewaschen werden! Aber der Richter hieße sie stille seyn / und fragte die Beklagten / ob sie etwas wider diese Klage einzuwenden hätten? Polyphilus wolte geschwind antworten / aber Agapistus winkte ihme zu schweigen / weil er fürchtet / daß er / nach seiner Art / hart antworten /und ihre Sache verderben möchte / nahme damit selber das Wort / und sagte mit einer höflichen Reverenz: Ich bin sehr freudig / unsere Ankläger zu beantworten / weil ich sehe / daß wir einen gerechten Richter haben. Die Gerechtigkeit ziert die Gericht-Stüle /und tröstet die Unschuldig-Beklagten. Seine Höflichkeit / hochverständiger Richter! wird unsere billige Entschuldigung gedultig anhören / und durch einen gerechten Ausspruch uns von den schändlichen Auflagen unserer Ankläger frey sprechen. Ich will die bloße Warheit zum Beystande wählen und hoffen / man werde dieser Tugend ein offnes Ohr / und eine willige Hülfe geben.

Wir werden erstlich angeklaget / daß wir dieser Insel viel Widerwärtigkeit zugezogen / und wegen des Schloßes Sophoxenien der Zauberey[630] verdächtig seyn. In beyden Stucken geschiehet uns das gröste Unrecht /weil ja ich allhier niemals einigen Tumult / außer dem jetzigen / gesehen; Polyphilus hingegen vielmehr alle Widerwärtigkeit von hiesigen Inwohnern erdultet / als daß er ihnen solte erreget haben. Er wurde wegen des Philomathus Ermordung angehalten und gefangen gelegt / da er doch dessen unschuldig gewesen / wie man nun damit gestehet / indeme man den Pistimorus vor den Thäter anklaget. Und wie können wir Sophoxenien durch Zauberey errettet haben / da ich / erst nach der Erlösung / selbiges Schloß gesehen / Polyphilus aber / wie jederman wissend / wider seinen Willen / und Gedanken / da er sich verzweifelt in den Fluß gestürzet / daselbst angelanget / auch samt der Königin und allen Inwohnern auf eine ungewönliche Art ist wieder aus Liecht gebracht worden. Soll Sophoxenien durch Zauber-Kunst errettet worden seyn /welches wir weder gestehen noch läugnen wollen / so hat Polyphilus mehr Antheil nicht dabey / als daß er sein Leben / ohne seine Hofnung / erhalten: Dann Zauberey hat in seinem Tugendhaften Gemüte niemals Herberge gehabt / und wer ihm dieselbe zuschreibet / wird nicht wenig wider die Warheit sündigen.

Was dann anlangt die Entführung der Macarie /welches das andere ist / das uns unsre Verkläger aufbürden: so gestehen wir zwar gern / daß sie Polyphilus / wegen ihrer überweiblichen Wissenschaft und vollkommenen Tugend / schon eine geraume Zeit geliebet / und bedienet / auch / sich mit ihr / durch das heilige Eheband / völlig zu vereinigen / nach allen Kräften gesuchet. Aber eine gewaltsame[631] Raubung /oder leichtfärtige Entführung ist / weder seinem Ehrbegierigen Herzen / noch ihrer keuschen Seele / nimmermehr zu Sinn gekommen. Als aber Polyphilus von dem Edlen Schäfer Cumeno und seiner Schäferin Anamfe verstanden / daß Macarie ihre Tochter sey /welche ihnen in der Kindheit durch einen Wolf geraubet worden / hat er solches seiner geliebten Macarie eröffnet / und dieselbe (wie das Orakel längsten geweissaget) ihren bißher unbekandten Eltern zugeführet. Dieses ist die Ursache / Hochgeehrter Richter! daß Macarie / wider ihre Gewonheit / mit uns zu den Schäfern gekommen / und könnet ihr daraus leichtlich urtheilen / mit was schmertzlicher Empfindung / ihr tugendhaft Gemüt diese schimpfliche Gefängnus und schändliche Verklärung aufnehme / und wie unbillig und vermessen die jenige gehandelt / welche / ohn genugsame Nachricht / eine so gefärliche Handlung wider sie angestelltt.

Der Macarie tratten / über diesen Worten / die Threnen in die Augen / und bewegten die Anwesende dermassen zum Mitleiden gegen sie / die sie zuvor höchlich geliebet / daß die meisten mit ihr zu weinen anfiengen / Agapistus aber fuhre in seiner Rede fort /und sagte: Das Letzte / dessen uns unsre Verkläger beschuldigen / ist die Ermordung des Philomathus. An dieser haben wir nicht mehr Theil / als daß wir seinen Mörder in unserer Gesellschaft leiden: wie es aber mit derselben beschaffen / will ich / mit wenig Worten eröffnen. Nachdem dieser Pistimorus / mein so lang verlohrner Bruder / ungefähr hiesigen Fluß vorbey gereiset / und in demselben den Polyphilus zu grund gehen[632] sahe / auch über den Philomathus klagen hörte / vermeinte er / daß seine Ritter-Pflicht hierzu erforderte / diesen Unseelig-sterbenden entweder zu erretten oder zu rächen. Und weil er jenes nicht vermochte / versuchte er dieses zu erhalten / und begabe sich in hiesige Insel / zu gegenwärtigem Wirt / unserem jetzigen Ankläger / begehrte Nachricht von des Philomathus Zustand / und erfuhr so viel / daß er /wegen der Ermordung eines Fremden sehr verdächtig sey. Dieses nun vermehrte seinen Irrtum. Als er aber selbige Nacht in einer Kammer schliefe / in welcher er den Philomathus den Tod des Polyphilus beklagen /und sich dessen Mörder bekennen hörte / ward er dermassen erhitzet / daß er die baufällige Wand durchborte / und den vermeinten Mörder des Polyphilus wieder ermordete. Es hat aber / die gütige Vorsehung des Himmels / diesen gerechten Vorsatz zu einem löblichen Ende führen wollen / indem er gefüget / das nicht Philomathus / wie Pistimorus vermeinte / sondern ein warhafter Mörder / der den Philomathus / aus Befehl seines Feindes / heimlich erwürgen wolte / diesen Stoß bekommen / und also den verdienten Lohn seiner Boßheit empfangen / Philomathus aber bey Leben geblieben.

Allhier fiele ihm das Volck in die Rede / und schrye: man solte diesem Betrüger nicht länger Gehör geben / weil sie den Tod des Philomathus allzu gewiß wüsten / und ihn begraben hätten. Es fieng auch der Richter selbst an zornig zu werden / und sagte: Ich hätte eurer vorigen Entschuldigung / vermessener Schäfer! fast beygefallen / aber diese letzte und falsche Erzählung machet / daß wir[633] auch an der ersten zweiffeln. Dann / wer einmal die Warheit verletzet /kan schwerlich vor derselben Freund erkannt werden. Der Tod des Philomathus ist viel gewisser / als eure leichte Beredung / massen ja derselbe bey uns beerdigt worden.

Quelle:
Maria Katharina Stockfleth: Die Kunst- und Tugend-gezierte Macarie, 2 Bände, Band 2, Nürnberg 1673, S. 612-634.
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