Siebender Absatz

[545] Atychintide berufft die Verstoßenen wieder nach Hof. Der Bot erzehlet / was sich mit dem Warsager im Wald begeben / wie die beyde Alten / mit Begehr ihrer Dienst-Erlassung / die Königin von ihren unverantwortlichen Handlungen abgemahlet / und sie solches wol aufgenommen; wie ihm Eusephilistus die Erothemitis vermählet. Sie reisen miteinander nach Sophoxenien / und werden gnädig bewirtet.
[545]

Indem sie nun also bey ihrer Heerde saßen / und sich mit den Vorbringen dieser Prophetin ergezten / ihre List bewunderten / und zu wissen verlangten / was selbige würcken würde / sahen sie den Edel-Knaben /welchen Melopharmis am ersten betrogen / daher kommen. Ha! ha! (sagte Melopharmis) dieser bringet gewiß eine Frucht von meinem Samen; Gott gebe sie nur nach meiner Hofnung! Mit diesem kam der von Adel herbey / und wünschte der Gesellschaft alle Glückseeligkeit. Wo solten wir Glück hernehmen /(sagte Melopharmis) da wir von Sophoxenien verstossen sind. Verstossen! (erwiderte der Edelman) ich habe hier viel einen andern Brief. Das wäre was neues! sprach Melopharmis! nahme damit den Brief von ihm / und / weil die Uberschrifft an sie stunde /erbrach sie denselben / und fande darinnen von der Königin eigner Hand / diese Worte.


Melopharmis.


Wann euch die Botschafft / welche wir durch Serveten anbringen lassen / fremd und unsrer vorigen Gnade zuwider vorkommet / so wisset / daß sie aus Zorn hergeflossen / und daß eure unbedachtsame Feder denselben erreget. Soltet ihr also alle unsere Gutthaten mit Hinterlist belohnen / Unsern wohlgemeinten Raht in ein Gelächter ziehen / und von eurer Königin so verächtlich zu schreiben nicht erröten: Bedenket / Melopharmis! wie sehr ihr uns verletzet / und wie billig wir darwider[546] geeifert / auch noch ferner eifern würden / wann nicht der Befehl des Himmels (den auch die Könige unterworffen) uns ein anders auflegte: welchem zu gehorchen / wir euch nicht nur alles Verbrechen schenken / sondern auch vorige Gnade und Hoffnung aufs neue zusagen. Kommet / mit eurem Sohn / der seiner Mutter Schuld büßen sollen / wieder zu uns / und bringet die beyde Schäfer / den Polyphilus und Agapistus / auf eine Besuchung mit / berichtet auch jenen / daß wir zwar die Liebe / so er gegen Macarien heget / aus einer gnädigen Meinung / bißher gehintert / anjetzo aber / ihm solche nicht nur erlauben / sondern sie auch befördern / und also dem Göttlichen Willen gehorsamen / euch auch alle Gnade er weisen werden.

Atychintide.


Ich weiß nicht / (sagte Melopharmis / als sie diesen Brief gelesen) was ich hievon halten soll. War die Königin so gar wieder uns erzürnet / wie Servetus erzehlet / warum heisset sie uns dann nun wiederkommen? oder wer hat sie auf einen andern Sinn gelenket? oder meinet sie vielleicht / uns mit guten Worten nach Sophoxenien zu bringen / und daselbst erst ihren Grimm sehen zu lassen? Ach nein! (versetzte der Edelknab) es sind viel andere Ursachen dieser Veränderung / als ihr vermuten krünet. Es gehet zu Sophoxemen seltsam zu / und wann ich alles neue erzehlen solte / würdet ihr euch sämtlich darob verwundern. Damit ich aber nur des[547] letzten gedenke / so wisset / daß der Eusephilistus von Soletten die Erothemitis gefreyet. Ihr schertzet! riefe Polyphilus / voll Entsetzung. Ich schertze nicht / (sagte der junge von Adel) in wenig Wochen wird die Hochzeit angestellet werden. So sagt mir doch / (fragte Polyphilus) woher diese Heyraht ihren Ursprung genommen? Der diesen Brief zu wegen gebracht / hat auch diese Ehe gestifftet: gab der Edelmann zur Antwort. Aber / wer ist derselbige? (fragte Melopharmis) haltet uns doch nicht auf / die Wunder zu eröffnen / die sich in unsern Abseyn begeben. Das will ich wol thun / (sagte der Edelknab) dafern ich keine Ausschwatzung / die mich in alles Unglück setzen könte / zu fürchten habe. Melopharmis und die Schäfere schwören ihme / nichts davon zu gedenken / er solte nur ohne falsch entdecken / was er wüste.

Nachdem Servetus (fienge er hierauf an) von Hof geschaffet war / bliebe die Königin etliche Tage gar verwirrt und ungedultig / und kam entweder gar nicht zur Tafel / oder saße über derselben gantz stumme. Phormena bemühete sich zwar / sie zu erfrölichen /aber vergebens: Dann sie lebte in solchen Kummer und Zorn / daß nicht nur die beyde Weißen / sondern auch der ganze Hof / darüber wunderte. Wie aber die Hofbediente über diese Weise der Königin sich entsetzten / also wurden hingegen die Weißen darüber zornig / und suchten Gelegenheit / der Königin solchen Ubelstand zu verweisen / weil jederman erriehte / wo ihr Kummer herrührte.

Aber mitten in dieser Verdrüßlichkeit / begabe[548] sich eine wunderliche Abenteur. Dann / als ich eines Tags / in das nächste Wäldlein / Vogel zu schiessen /ausgienge / fande ich daselbst einen seltsamen Kefig /und darinn einen noch seltsamern Vogel. Ich sahe ein kleines elendes Hüttlein / und in selbigem / einen alten / wunderlich-bekleidten Mann / der vor einem Altärlein / mit vielem Murmeln kniete / und angebrandte Kerzen / Rauchwerk / und dergleichen Sachen vor sich hatte. Ich entsetzte mich über dieser Begebenheit / noch mehr aber / als der Alte sich gegen mir wandte / meine Künheit schalte / und in gebundener Rede / so wol meinen Zustand mir erzehlte / als mein zukünftiges Glück eröffnete. Was eröffnete er aber? fragte Melopharmis. Er verhieße mir / (sagte der junge Edelman) in kurtzen eine reiche und glückseelige Heurat / und machte mir soviel gute Hoffnung /daß ich einen Lohn suchen wolte / vor so freudige Zusage / da er aber nichts von mir nahme.

Also gieng ich halb erschrocken / und halb freudig / wieder zurück / und erzehlte den andern Bedienten / was mir begegnet. Erothemitis liefe eilends zur Königin / dieses zu berichten: welche mich vorfordern ließ / und alles umständlich erforschete / was sich mit dem Warsager begeben / auch der Erothemitis erlaubete / mit mir zu gehen / und von dem neuen Propheten ihr Glück zu vernehmen. Diese / wie sie vorhin aller Seltsamkeit begierig / wolte dieses nicht versäumen / sondern gieng mit mir nach den Ort / wo ich den Alten gefunden / und fragte denselben: was sie künftig zu hoffen hätte? Was sagte er von dieser? fragte[549] Polyphilus. Er erzehlte ihr / (gab der junge von Adel zur Antwort) daß sie einen alten Freyer / von wegen seiner grauen Haare / verachtet / aber noch nicht von ihm frey sey. Dann wo sie dem Jungen /welcher mit nechsten um sie werben würde / nicht zuschlüge / müste sie gewiß des Alten seyn. Wer war aber der Junge? (fragte Melopharmis) wäre ich an eurer Stelle gewesen / so hätte ich diese Weissagung mit der Meinigen vereiniget / und um Erothemitis angeschlagen.

Der Edelman stutzte etwas hierüber / und sagte: Ihr soltet mir bald die Gedanken in Sinn bringen / daß der Warsager auf sie gedeutet / weil er sonderlich angehängt: ich solte behertzt seyn / dann wo es fehlte /würde ichs selbst versehen haben. Doch / dem sey wie ihm wolle / Eusephilistus hat sie hinweg. Wiewol /wann schon mein Glück auf Erothemitis bestehen sollen / ich es bey ihr nicht würde gesuchet haben / weil mir ihre Sitten niemals gefallen. Aber daß ich weiter sage / wir giengen / auf Anhörung der Prophezey /wider nach dem Schloß / allwo Erothemitis der Königin das beschehene erzehlte: welche darüber lüstrend wurde / auch eine Künheit zu wagen / und es mit Phormena heimlich abredte / daß sie des andern Morgens verkleidet mit ihm zum Warsager gehen / und von ihm den Ausgang ihres Vorhabens vernehmen wolten. Solches wurde vollzogen / aber vor sie gar unglücklich: weil es die beyde Weißen alsbald erfuhren / und deßwegen ihren Abschied begehret. Dann als die Königin / ohne zweifel mit einer harten Weissagung / wieder nach Hause gekommen / und mit Phormena im Garten gieng / war ich[550] eben in demselb en / und versteckte mich / als ich sie beyde daher kommen sahe / hinter einen Teppich des Sommerhauses / um ihr Gespräche zu vernehmen.

Sie waren kaum in den Saal eingetretten / da finge die Königin an / und sagte: Was nun vor Raht / Phormena: der alte Gauckler hat mich ganz aus mir selbst gebracht. Soll ich von meinem Vorsatz weichen / und die / welche sich so hoch an mir vergriffen / wieder zurück holen lassen / wie sein Raht lautet: so haben wir doppelten Schimpf davon. Soll ich dann in meinem Vorsatze verharren / so scheinet Gefahr und Unglück auf mich zu warten. Ich weiß nicht / gnädigste Königin! (gab Phormena zur Antwort) was von diesem Spiel zu halten sey. Ich gebe dem abenteurlichen Alten keinen Glauben. Woher sollen die Sterblichen üm Göttliche Rahtschläge wissen? E. Maj. haben Ursach / wider ihre Beleidiger zu eifern / und sehe ich ganz nicht / wie die Gottheit durch gerechte Strafe der Verbrecher solte erzürnet werden: angesehen sie selber die Laster straffet / und nicht will / daß sich Unterthanen wider ihre Oberkeit auflehnen. Das ist wol etwas! (sagte die Königin) aber ihr wisset / in was vor Unglück ich allbereit gewesen / und wie ein schweres Verhängnus der Himmel über mich geführet. Was solte ich machen / wann mich dergleichen wieder träffe.

Indem die Königin also redte / klopffte jemand an der Thür des Saals: darum sie der Phormena befahle /zu sehen wer vorhanden wäre? Als diese berichtet /daß Cosmarites und Clierarcha geheime Verhör begehrten / sagte die Königin voll[551] Schrecken: Hilf Gott! was werden diese wollen? ist ja unterdessen nichts vorgelauffen? heisset sie herein kommen / Phormena! und lasset uns etwas allein / daß ich sie anhören könne. Also kamen die beyde Weißen in den Saal /und hatten sie kaum ihre Ehrerbietung gegen die Königin abgelegt / als sie anfienge: Seit willkommen /meine Freunde! Was habt ihr mir gutes zu sagen! Durchleuchtigste Königin! (gabe Cosmarites zur Antwort) E. Maj. bißher gehorsamste Diener kommen vor dißmal / eine unterthänige Bitte vorzubringen. Was bittet ihr dann? fragte Atychintide. Um einen gnädigen Abschied / und um Erlassung unserer Dienste: versetzte Cosmarites. Was ist das vor ein Anbringen? sagte die Königin / mit höchster Bestürzung. Ist euch etwas an meinem Hof zuwider / oder habt ihr sonst über einigen Mangel zu klagen / daß ihr uns zu verlassen gedenket. Keines von beyden! (erwiederte Cosmarites) aber wir gedenken unsere noch wenige Tage /in sicherer Ruhe / mit unverletztem Gewissen zuzubringen. Kan dann dieses nicht auch bey mir geschehen? fragte Atychintide ferner. Ihr erinnert euch ja /daß ihr meinem seeligen Gemahl / vor seinem Abschied versprochen / meinem Wittib-stande / durch euren verständigen Raht Hülffe zu leisten. Was ist dann die Ursach / das ihr solche Zusage zurück nehmet? bekennet aufrichtig / was euch an mir oder in meinem Thun zuwider ist / und verlasset mich nicht /in so einsamen Zustande / sondern glaubet für gewiß /daß ich euren Erinnerungen / nicht nur gnädiges Gehör / sondern auch willige Folge leisten werde.[552]

E. Maj. gnädiges Erbieten (versetzte Cosmarites) giebet unserm Amt den Muht / und unsern Anbringen eine gute Hoffnung. Zwar treffen sonst unerschrockene Zungen nicht leicht günstige Ohren an / und findet man gar selten die glückseelige Vereinigung eines Hof-Bedienten / der die Warheit ungescheut saget /und eines Potentaten / der sie gnädig anhöret. Dann die edle Warheit ist so verhasst / als berühmt / und wer heutiges Tags zu steigen gedenket / muß eine andere Leiter / als die Aufrichtigkeit anlehnen. Daher komt es auch / daß alle Höfe von dem Gifft der Heucheley eingenommen / und kein Purpur von dieser Schabe unbenaget / kein Zepter von diesen Wurm undurchbort bleibet: weil niemand gern einen Thon hören lässet / der den Ohren des Fürsten unannemlich klinget / sondern ein jeder die Saiten mit allem Fleiß /nach seines Fürsten Gedanken stimmet / damit ja /zwischen dessen Willen und seinem Raht / eine liebliche Harmonie bleibe / solte es auch schon wider sein Gewissen lauffen / und die Gerechtigkeit verletzen. Aber wüsten die Potentaten / wie schädlich solche höfliche und freundliche Rähte / ihnen und ihren Ländern wären / sie würden sie vielmehr abstraffen als belohnen: weil mehr Länder durch Heuchelcy als durch das Schwerd zu Grund gegangen.

Wann wir an einer gefährlichen Wunden erkranket / so suchen wir einen bewährten Arzt / und geben ihm frey / wo es die Noht erfordert / in die Haut zu schneiden / Eisen und Feuer zu brauchen: Wir würden es ihm auch wenig Dank wissen / wann er / aus törichtem Mitleiden / unsern Schmerzen scheuen / und dadurch dem Brand /[553] und der Faulung Raum geben wolte. Warum fordert man dann von denen / welche einen Staat zu curiren befehligt sind / eine so grausame Gelindigkeit / die der Wolfart des ganzen Landes den Tod bringet? Warum gedenket man seinen Willen Göttlichem Befehl vorzuziehen? Warum ich dieses rede / können E. M. unschwer ermessen. Ihre bißher geführte Handlungen / zeigen von einer gefährlichen Wunden des Gemüts / die mit verborgenem Eiter hervor schwüret. Wann ich bedenke / auf wie vielerley Wege sie / die Liebe des Polyphilus gegen Macarien /zu hintern getrachtet / und zu wie vielen ärgerlichen und ihrem hohen Stande unanständigen Thaten / sie schon dadurch verleitet worden / und noch werden: so kan ich nicht anderst mutmaßen / als daß eine wollüstige / unbedachtsame / und schädliche Liebe / die gifftige Wurzel sey / aus welcher diese verderbliche Früchte hervor wachsen. Ich scheue mich nicht / dieses Verfahren zu tadeln / weil sich E. M nicht scheuen / dasselbe zu begehen: dann kein Laster soll unbestraffet bleiben.

E. Maj. bedenken / wie sie / auf der Reise nach Soletten und Montefessen ihr hohes Ansehen vergeringert und verletzet / indem sie also mit Privat-Personen gespeiset / und geherberget / und sich also ihnen Dankschuldig gemacht / wie sie / der Witiblichen Einsamkeit entgegen / den Uppigkeiten nachgezogen /und hintangesetzt aller Tugenden / ihren Vorsatz befördern wollen. Was werden die Inwohner dieser Orten gedenken / daß eine verwittibte Königin / Eitelkeiten zu sehen / im Lande herum fähret / und sich allerwegen gemein machet?[554] In warheit / gnädigste Königin! ihre Sinne / die jetzo mit der Eitelkeit benebelt / werden / so bald sie das Liecht eines gesunden Verstandes wieder erlanget / vor solchen Handlungen einen Eckel empfinden / und ihre jetzige Lebens-Art verfluchen. Dann es ist nicht genug / daß sie sich auf diese Weise verächtlich machen / sondern sie suchen auch ihren gänzlichen Untergang / indem sie Melopharmis und ihren Sohn (weil sie ihren Anschlag verhintert) von Hof jagen / und sich also in äuserste Gefahr eines neuen Unglücks stürzen. Erinnern sich E. M. nicht mehr des erbärmlichen Zustandes / in welchen uns der Himmel / durch seinen Willen / oder durch seine Verhängnus / gerahten lassen / und wie wir / eben wegen Melopharmis oder ihres Sohns /unter den Wellen nach dem Glanz der Sonnen geseufzet? wollen sie dann noch einmal / und vielleicht ewig (weil keine so wundersame Errettung mehr zu hoffen) die Rache des Himmels wider sich und die ihrige reitzen? oder hat vielleicht der zauberische Warsager /welchen sie heimlich zu Raht gezogen / ihnen was bäßers verheissen?

Mit Schrecken haben wir verstanden / daß E. Maj. sich nicht entblödet / dergleichen verdächtige Leute /vor welchen sie ihre Bediente warnen solten / selbst zu befragen. Aber also pfleget man immer tiefer in den Schlamm der Laster zu sinken / biß man darinnen den Grund und zugleich den Tod findet. Und dieses ist die Ursach / daß wir beyde / unser Gewissen zu reinigen / und den Befehl unsers hochseeligsten Königs zu erfüllen / E. M. gefährliches Verfahren zu unterbrechen / und unser aller Untergang zu verhüten /hieher gekommen: der[555] Hofnung / dieselbe entweder aus diesem Irrgarten zu führen / oder aber unsrer Pflicht loß zu werden. Wir bitten auch nochmals unterthänigst und demütig / unsre Erinnerung gnädig aufzunehmen / und die Melopharmis samt ihrem Sohn wieder zu beruffen / üm damit das Unglück abzuwenden / weiches hierdurch E. M. und uns allen gedrohet wird. Solten wir aber E.M. durch diese Besprechung erzürnet haben / so lassen sie uns das Leben nehmen /das wir ohne das am längsten genossen haben: Dann wir wollen viel lieber todt seyn / als ohne Tugend /und in steter Unglückseeligkeit in der Welt leben.

Diß ware in Warheit eine kühne und tugendhafte Rede! (sagte Agapistus) aber wie hat die Königin solche aufgenommen? sind die Weißen nicht mit ihrer Red-Freyheit übel angelaufen? Ganz nit! versetzte der Edelmann. Die Königin gab zur Antwort: Euer Vorbringen / ihr liebe Getreue! ist freylich kühn genug /vor hohe und arte Gemüter: dürfte auch wol / bey andern meines Standes / ungedultige Ohren gefunden haben. Aber ich erkenne / daß sie aus den Brunnen der Wolmeinung hergeflossen / und / durch eure Treu und Aufrichtigkeit / erreget worden: darum ich vielmehr euch danke / als darüber zürne. Es ist wahr /Cosmarite! daß ich nun eine zeither in verwirrtem Zustande gelebet / und des Polyphilus Liebe / nach allen Kräfften / durch zuläßige und verbottene Mittel gehintert. Solches aber ist geschehen / nicht aus einer wollüstigen Liebe gegen ihm / wie ihr mir ohne Grund aufbürdet / sondern in der Meinung / den Polyphilus höher zu setzen / und / weil ihn der Himmel durch unsre Erlösung[556] erhaben / mit etwan einer vornehmern Dame zu verehelichen: angesehen seine Beschaffenheiten eine höhere Geburt zeigen / als er eröffnen darff. Nun ich aber sehe / daß ihm die Göttliche Vorsehung Macarien zuerkennt / gedenke ich nicht länger wider die Macht zu streiten / welche mich leicht zerschmettern könte. Irren ist menschlich / und können die Könige so wenig / als gemeine Leute / von den Fehlern frey seyn / sonderlich in einer zweiffelhafften Sache / deren Grund ungewiß ist. Darum seyt zu frieden / und glaubet / daß ich eure Tugend rühmen /eurem Raht folgen / und Melopharmis gleich wieder zu mir beruffen / auch eure wolgemeinte Erinnerung gnädig zu belohnen nicht vergessen werde. Bleibet ferner in eurem Thun getren / und befördert / durch euren klugen Raht meine Wolfahrt: biß ich diese jrrsame Erden-Bahn gesegne / und dieses Schloß / wie ich gesonnen / durch meinem Tod / zu einer Wohnung der Kunst und Tugend-suchenden Jugend / werde gemacht haben.

Dieses war der Königin Antwort: auf welche die beyde Weißen wieder Abschied nahmen / und vor die gnädige Anhörung unterthänigen Dank ablegten. Wie mir aber diese Zeit über / unter den Tapeten zu muht gewesen / darf ich nicht erzählen / weil es ein jeder selbst muhtmaßen kan: dann ich hatte mich dergleichen Heimlichkeit nicht versehen / und muste immerdar fürchten / daß ich ertappet / und wegen solcher Vermessenheit / gestrafft werden möchte. Aber es traf sich viel besser: dann die Königin / gieng mit den Weißen / etwas über den Saal / in den Garten.

Gleich aber / als diese hinweg waren / kam Eusephilistus[557] von Soletten / der Königin aufzuwarten: mit welchem sie auf die Tafel-Stuben (weil es albereit Zeit zu speisen war) sich begabe / und mir also Gelegenheit machte / wieder hervor zu kommen. So bliebe Eusephilistus bey der Tafel? fragte Polyphilus. Freylich / (erwiederte der vom Adel) und über derselben ward auch die Heuraht mit der Erothemitis beschlossen. Dann als Eusephilistus die Königin fragte: Wie es doch mit der Liebe des Polyphili und Macarien beschaffen / und was er endlich davon glauben solte? sagte Atychintide: Diese beyde sind nicht mehr zu trennen! Wir haben uns eine zeitlang darwider gesträubet / befinden aber / daß nicht kan aufgelöset werden / was der Himmel zusammen gebunden. Darum suche ich nun selbst ihre Vereinigung / und will den Polyphilus förderlichst in der Macarie Armen wissen. So hast du nochmals recht / verdrüßlicher Warsager! sagte hierauf Eusephilistus Was ist dieses? (fragte die Königin) Man hat vielleicht den seltsamen Propheten auch angetroffen.

Ach ja / gnädigste Königin! (versetzte Eusephilistus) er hat mir auf dem Weg / ungebetten eröffnet /was ich hier zu erforschen gesuchet: und darneben gerahten / daß ich / die jenige / welche mich in kurzem lieben würde / an stat Macarien erwählen solte / wo ich anderst eine glückliche Ehe verlangte. Und vielleicht ist dieses unsre Erothemitis: (sagte Atychintide) deren er gleichfalls / in wenig Tagen / einen jungen glückseeligen Freyer zugesagt? Eusephilistus lächelte hierauf / und sagte: Es würde ihm hierzu an Würde manglen. Er[558] fienge aber gleich darauf an / die Erothemitis zu bedienen: und weil sie ihm / vielleicht auf des Weissagers Befehl / freundliche Augen gönnte /wird die Höflichkeit endlich zu Liebe / und noch gestern Abends / die Verlöbnus / mit der Königin grossem Vergnügen / zwischen diesen beyden aufgerichtet / welche auch in kurzem wird vollzogen werden. Hiernächst aber übergabe mir die Königin diesen Brief / mit Befehl / die Melopharmis und Tycheno /auch / wo es müglich / beyde Schäfere / mit nach Sophoxenien zu bringen. Sie hat den Brief / welches mich wundert / selbst geschrieben / und ist es billig /daß ihr / geliebte Freunde! ihrer Bitte stat gebet / und mit mir nach dem Schloß reiset.

Dieses war die Erzählung des jungen Edelmanns /welche den Schäfern große Freude brachte / so wol wegen der Königin Gnade / als wegen der Verehlichung des Eusephilistus. Und weil Polyphilus vorhin den Befehl von Macarien hatte / die Königin zu versöhnen / entschlosse er sich neben den andern / mit dem Edelmann zu gehen / und die neue Braut zu besuchen. Sie nahmen demnach / von Cumenus / und ihren andern Gesellschafftern / auf etliche Tage Abschied / und giengen zugleich nach Sophoxenien. Auf dem Weg ergetzten sie sich / mit Bewunderung des seltzamen Warsagers / und fragte Polyphilus den Edelman: wo er denselben gefunden? weil er selbst nach dem Ort gehen / und wegen seines Glücks Bericht holen wolte. Als aber dieser sagte: daß er allbereit hinweg / und Eusephilistus ihn schon abreisend gefunden hätte / giengen sie vollends / mit heimlichen Gelächter / nach dem Schloße: aus[559] welchem sie den Eusephilistus reitend gegen ihnen kommen sahen / der sie gar Ehrerbietig grüste. Polyphilus fragte die Melopharmis: wer dieser wäre? die zur Antwort gab: ob er seinen Feind nicht kenne? Ist diß Eusephilistus: (versetzte Polyphilus) so ist er in warheit viel ansehlicher / als ich vermeint / und glaube ich wol / daß Macarie noch etwas Liebe gegen ihm gehabt.

Endlich kamen sie in das Schloß / und wurden von den Hof-Bedienten frölich empfangen / auch gleich zur Königin beruffen: die sie zwar gnädig / aber nicht sonders freundlich empfienge: dann der Melopharmis Beleidigung steckte ihr noch im Gehirn / und war sie zu dieser Widerholung / durch die Weissagung des Alten / und durch die Strafe ihrer Rähte / gezwungen worden. Doch dankte sie den Schäfern / daß sie ihr einsames Haus besuchen wollen / und fragte: Wie es ihnen bey der Heerde gienge / und warum Polyphilus so lang verziehe / seine Macarie heim zu holen? Als dieser zur Antwort gabe / wie daß er noch eine Reise nach Ruthiben thun müsse / wünschte sie Glück dazu / erzählte folgends / die unverhoffte Verlöbnis der Erothemitis mit Eusephilisto / und hieße sie zur Hochzeit kommen.

Unterdessen war die Tafel bereitet / an welche sie sich auf der Königin Befehl sezten / und ungewöhnlich stattlich tractirt wurden. Dann Atychintide erwiese sich dißmal als eine Königin / und wuste ihre Hoheit so wol in acht zu nehmen / daß sich Polyphilus nicht wenig verwunderte. Dann biß daher war er nur einer verdrüßlichen Freundlichkeit von ihr gewohnet /die nichts dann Verachtung würket: wie[560] dann die Liebe kein Ansehen gestattet / und verliebt und prächtig seyn / sich gar nicht reimet. Darum kame es ihme nun fremd vor / als er sahe / daß sie sich alles gemeinen Gesprächs und Gelächters enthielte / wenig und vernünftig redte / und sich in allen Stücken ernsthaft anstellte / so gar / daß sie dadurch bey ihnen allen eine furchtsame Ehrerbietung erweckte.

Als sie endlich von der Tafel aufstunde / und nach ihrem Zimmer zur Ruhe sich begleiten lassen / hinterließe sie unsere Schäfer und die Melopharmis in großer Verwunderung. Dann so bald sie hinweg war /sagte diese gar traurig / zum Polyphilus: wie ihm der Königin Bezeugung gefiele? sehr wohl! (gab Polyphilus zur Antwort) sie agiret jetzt erst eine rechte Königin. Ich aber (versetzte Melopharmis) werde lang zu thun haben / ehe ich meine vorige Würde bey ihr wieder erhalte. Ach! Phormena hat sich wol an mir gerochen: Nimmermehr will ich ihr so viel Raum zu ihrer List lassen / sondern fein mit meinem Sohn hier bleiben. Das möget ihr thun / (erwiederte Polyphilus) wir aber wollen uns nicht lang aufhalten / sondern morgen / mit dem frühsten / wieder zu unsrer Heerde abreisen. Gedenket ihr indessen unser im besten / und berichtet zuweilen / was sich mit Eusephilisto zuträget / damit wir etwas zu lachen haben. Auf dieses wünschten ihr die Schäfer eine ruhige Nacht / und legten sich schlaffen.

Des andern Morgens / giengen sie / so bald sich die Königin angekleidet / Abschied zu nehmen; da dann Atyd intide sich wieder etwas freundlicher erwiese /und den Polyphilus fragte: Warum er also von ihr eile? sie solten noch ein paar Tage verziehen.[561] Als sie sich aber mit der Reise nach Ruthiben entschuldigten / wünschte ihnen die Königin Glück auf den Weg / und befahl dem Polyphilus / Macarien von ihr einen gnädigen Gruß zu bringen / und bald mit ihr Hochzeit zu machen. Polyphilus merkte / daß die vorige Liebe albereit wieder über die Hoheit siegen wolte / und es also Zeit war / sich aus dem Staub zu machen. Also schieden beyde Schäfer von der Königin / und nahmen hierauf auch Abschied von den Weißen / von Melopharmis und Tycheno / und den andern Hof-Bedienten: Da dann Phormena sich noch entschuldigte / wie sie alles / was vorgegangen / auf der Königin Befehl gethan hätte; welches die Schäfer / als ungehört / vorbey ließen / und sich auf den Weg begaben.

Quelle:
Maria Katharina Stockfleth: Die Kunst- und Tugend-gezierte Macarie, 2 Bände, Band 2, Nürnberg 1673, S. 545-562.
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