Achter Absatz

[562] Agapistus / mit Polyphilo zurück reisend / errettet seinen Bruder / den Pistimorus / von den Raubern: welcher sich für des Philomatus Mörder bekennet. Des Polyphilus Bericht-Schreiben hiervon / an Macarien. Eine Abenteur liefert ihm die Garine in die Hände / welche er / nachdem sie ihm vom Rondal / seinem Vatter / erzählet / für seine Mutter erkennet.


Polyphilus und Agapistus musten durch einen Wald gehen / in dessen Mitten sie zwey Rauber ersahen /die einen armseeligen Menschen /[562] mit geblößten Klingen / überfielen / auszogen / und alles des Seinigen zu berauben gedachten. Agapistus / dieser Gewaltthätigkeit zu wehren / lief eilend hinzu / und risse dem einen unversehens das Gewehr aus der Hand: deme Polyphilus folgte / und dem andern / mit seinem Schäfer-stock / eines auf den Kopf gab / daß er zur Erden sanke. Jener / als er sich unbewehrt / und seinen Gesellen auf der Erde sahe / gab geschwind Versengeld /und liefe behend in den Wald hinein. Dieser hingegen / nachdem er sich erholet / bate mit aufgehobnen Händen um sein Leben / und schwur / sie hätten nicht sein Leben / sondern nur seine Kleider zu rauben gesuchet. Polyphilus fragte den Beraubten: ob sie ihn verwundet? und als er mit nein geantwortet / färtigte er diesen noch mit einem paar Stöße zu dem andern ab / wendete sich hernach zu dem Erlösten / und fragte: Warum er sich gegen diesen Mördern nicht gewehret / da er doch den Degen an der Seiten hätte.

Warum solte ich das verwehren / (gab der verbleichte Mensch / mit gebrochener Stimme / zur Antwort) was ich viel lieber befördern wolte? Ich weiß nicht / mitleidige Schäfer! ob ich euch danken oder anklagen soll / daß ihr dißmal meinen Tod verhintert /und mein unglückseeliges Leben verlängert. Meine verzweifelte Seele hatte sich schon auf den Ausgang gefreuet / und mit Freuden gewartet / biß die Schwerdter dieser Mörder / ihr / durch eine Wunden /die Thür ihres Gefängnusses eröffneten: Nun aber findet sie sich aufs neue mit tausend Aengsten gefässelt. Ein Leben / ohne Ruhe und Freude / ist viel unleidlicher / als der Tod selber.[563] Derowegen geliebte Freunde! wer ihr auch seyn möget: vollbringet selbst / was eure Gewogenheit dißmal verhintert / und nehmet diesem Mörder das Leben / welches er vorhin andern genommen; oder / übergebet mich den Innwohnern der Insel Soletten / auf daß selbige den Tod des Philomathus an mir rächen mögen.

Wie? (fienge Polyphilus hierauf an) so hast dann du den Philomathus / meinen getreuen Freund / er mordet? Niemand anders / als ich / (sagte der Beraubte) hat ihm den Odem geraubet / und seine Seele mit dem Blut ausgeschüttet. Hilf Himmel! was höre ich? (sprach Polyphilus) Ach Philomathus! allergetreuster Philomathus! soll ich deinen Mörder vor mir sehen /und faul seyn / deinen Tod zu rächen? Ich wolte / dich Ehrvergeßnen Schandbuben / diesen Augenblick erwürgen / wo ich nicht hoffte / durch deine eigne Bekäntnus / die Solettische Innwohner zu stillen / und den Argwahn / welchen sie wegen dieses Mords in mich gesetzet / auszutilgen. Aber / sage doch / du Erz-Bößwicht! was dich bewogen hat / einen unschuldigen Mann vorsetzlich zu ermorden?

Die Ursach / (gab der halb-todte Mensch zur Antwort) ist viel heiliger und gerechter / als die That selber; ein Irrtum / und keine Boßheit / hat mich in dieses Laster verleitet / und indem ich gedachte / eine gerechte Rache zu üben / bin ich in diesen Frevel gefallen. Ich bin kein Mörder / sondern ein junger Ritter /von vornehmen Adelichen Eltern geboren / und habe /nachdem ich fremde Länder zu sehen ausgereiset / an dem Fluß Peneus / einen mit den Wellen streitenden und ertrinkenden[564] Ritter / so kläglich über den Philomathus schreyen hören / daß ich nicht anderst mutmassen konte / als daß selbiger an seinem Tod Ursach wäre. Weil ich mich dann / durch die ritterliche Pflicht / verbunden hielte / diesem Sterbenden Hülffe zu leisten / und wann ich seinen Tod nicht hintern könte / doch wenigst denselben zu rächen / begab ich mich vollends in die Insul / und fragte im Gasthof nach des Philomathus Stand und Zustande. Ich bekame von dem Wirt die Antwort: wie daß er / wegen eines verlornen Fremden / in dem Verdacht eines Mords wäre. Dieses nun vermehrte meine Einbildung / und erhitzte meine Rachgier / welche mit vollen Flammen ausschluge / als ich des Nachts / in meinem Bette / (welches / zu grossem Unglück / nächst an des Philomathus Kammer stunde) diesen eine hefftige Klage über den Tod des Polyphilus (also hieße der Ertrunkene) führen hörte / in derer er sich selbst den Urfächer seines Todes nennte. Ich ward so eifrig hierüber / daß ich die baufällige Wand durchborte /mit meinem unseeligen Dolchen ihm die Brust durchrennete / und nach so-vermeinter heilig-schöner That /wieder aus der Insel eilete.

Nach der Zeit aber / habe ich von einem Innwohner verstanden / daß dieser Philomathus / des Polyphilus bäster Freund gewesen / und hatte er seinen Tod /weil er dadurch seiner beraubt worden / beklaget. Auf diesen Bericht / fühlte ich solche Qual in meinem Gewissen / daß ich Farb und Gestalt verlohre / und / wie ihr mich sehet / als ein Schatten herum gewandert. Ich war auch willens / mich den Solottischen Inwohnern selbst vorzustellen:[565] aber meine verwirrte Sinne haben mir die Straße unbekandt gemacht / daß ich so lang in der Irre gelauffen / biß mich diese Rauber angesprenget / und vielleicht ermordet / wo es euer Mitleiden nicht verhintert hätte.

Polyphilus / welcher kaum das Ende dieser Erzählung erwarten können / fiel dem Ritter um den Hals /und sagte: Ach! vergebet mir / geliebter Freund / daß ich euch so unhöflich besprochen / da ich euch vielmehr danken sollen. Ich bin Polyphilus / den ihr in den Wellen gesehen / und dessen Tod zu rächen / ihr in dieses Unglück gerahten. Darum begehre ich nun auch Antheil an euren Schmerzen zu haben / wie ihr an den Meinen / und so lang ich diese Seele habe /will ich nicht aufhören / eurer Treue zu verehren. Lasset nur keine solche Verzweiflung in euren Gedanken herrschen / sondern glaubet / daß der Himmel dieses Mords schon vergessen / welcher die Tugend zum Grunde gehabt. Ein heiliger Vorsatz / kan durch keinen Irrtum in Laster verkehret werden / und die Göttliche Gerechtigkeit richtet alle unsre Werke nach dem Herzen.

Also tröstet mich eure Freundlichkeit / leutseeliger Polyphilus! (gab der Ritter zur Antwort) und wann meine beklemmte Brust noch einiger Freude fähig /solte sie billig aus eurer Findung eine Bewegung empfinden. Aber ich bin todt / ehe ich sterbe. Und was nutzet dem Poilomathus meine Erhaltung / der durch meinen Grimm ermordet ist / und dessen Blut wider mich Rache schreyet. Gebet euch zu frieden /wehrter Freund! (versetzte Polyphilus) Philomathus lebet in der Ewigkeit / und hat nicht Ursach / den jenigen zu verfolgen / der[566] ihm dieses jrrdische Elend verkürtzet / und ihn vor der Zeit zum Frieden gebracht hat. Nehmet an den lebenden Polyphilus / vor den verblichenen Philomathus / und versichert euch / daß derselbe mein Leben / durch seinen Tod / gern würde erkaufft haben. Kommet mit mir / und meinem Gesellschaffter / Agapistus / zu unsrer Heerde / und sehet / wie euch unser Schäfer-Leben gefalle.

So bald der Ritter den Namen Agapistus nennen hörte / wendete er sich gegen denselben / und sagte: Verzeihet mir / günstiger Erretter! daß ich frage / ob ihr den Namen Agapistus führet? Ich weiß nicht anderst: antwortete Agapistus. Seit ihr dann (fragte der Ritter ferner) allezeit unter den Schäfern gewesen? ach nein! (versetzte Agapistus) der Schäferstock grünet noch nicht lang an meinen Händen / sondern ich habe solchen vor kurzem / meines liebsten Polyphilus länger zu genießen / angefasset / und bin sonst in Ritterlichem Stande geboren. Kennet ihr dann auch (erwiederte der Ritter) den Pistimorus: Ich weiß nicht /ob mich das Glück / durch euren Namen bescherzet /oder warhaftig erfreuet? Solte ich diesen nicht kennen? (sagte Agapistus) welchen ich so lang / auf mei ner Eltern Befehl / gesuchet? Er ist mein Bruder / geliebter Ritter! und wann ihr mir von ihm einige Nachricht geben könnet / werdet ihr mich hoch verbinden.

Ihr begehret Nachricht / von dem jenigen / (sagte der Ritter) welchen ihr selbst / aber gar unglücklich /vor euch sehet. Wie? (versetzte Agapistus) seyd ihr Pistimorus / mein Bruder? Ach! allerliebster Bruder! soll ich euch in so jämmerlichem Zustande vor mir sehen! Mit diesen Worten / fiel[567] er ihm um den Hals: Dann die aufwallende Threnen ließen ihn nicht fortreden. Polyphilus kunte / über dieser Begebenheit / sich gleichsfalls des Weinens nicht enthalten: Dann er sahe da Seufzen und Lachen / Schmerzen und Ergötzung / Traurigkeit und Freude / in des Agapistus Herzen / wettstreiten. Dann / wann der die unverhofte Findung seines liebsten Bruders betrachtete / so regte sich sein Herze: so bald er aber dessen erbärmlichen Zustand ansahe / wurde es wider nidergeschlagen. Doch behielte letzlich / auf des Polyphilus Zusprechen / die Freude den Sieg über die Betrübnus / und bemüheten sich die beeden Schäfer / den Ritter Pistimorus zu trösten.

Sie fasten ihn in die Mitte / und suchten alle die Gründe hervor / welche sein bekümmertes Herz befriedigen / und die Entleibung des Philomathus entschuldigen kunten. Agapistus erinnerte ihn / wie sehnlich ihrer beyder Eltern nach ihnen seufzen würden /weil sie ihn / seinen Bruder zu suchen / ausgeschicket / und er auch ohne denselben nicht wieder kommen wollen: daß sie also beeder beraubet wären / und mit unbeschreiblichen Freuden ihre Widerkunft sehen würden. Es erzählte auch Polyphilus / daß er sich /wegen der Solettischen Innwohner / nicht zu fürchten habe / weil aller Argwahn dieses Mords auf ihm beruhe / er aber ihren Grimm nicht mehr achte. Hierauf eröffnete er ihm alles / was er schon deßwegen erlitten /biß sie / unter diesem Gespräche zu ihren Schäfern kamen. Sie verkündigten ihnen des Agapistus Freude / über seinem gefundenen Bruder: Die dann ihre Freude hinzu setzten / und ihm deßwegen Glück wünschten.[568]

Dieser bate nun den Polyphilus / ihm zu erlauben /seinen Bruder nach Haus zu führen / ehe seine Eltern vor Kummer ihr Leben enden möchten. Polyphilus führet ihn zur Seite / und sagte: Wollet ihr mich dann verlassen / ehe ich völlig mit Macarien vereinigt bin? Gedultet euch doch nur so lang / biß ich von Ruthiben wieder zurück komme / und meine Liebste ihren Eltern vorgestellet habe. Ich thue wie ihr befehlet: (versetzte Agapistus) aber eilet doch mit selbiger Reise /damit nicht / wegen eurer Freude / die meine verdunkelt werde. Ich will jetzt gleich (sprach Polyphilus) an Macarie schreiben / und derselben / unsre Verrichtung zu Sophoxenien / auch zugleich diese Reise / kund machen. So bitte ich aber / (begegnete ihm Agapistus) nichts von meinem Bruder und seiner Mordthat zu gedenken / damit er nicht von den Inwohnern möchte angehalten werden. Ach! was darffs dieser Bitte? (antwortete Polyphilus) ich wolte lieber selbst sterben /als den bekümmerten und getreuen Pistimorus in Unglück bringen.

Also giengen sie wieder zu den Schäfern / und mit denselben / weil es nun Abend / nach Hause / da Polyphilus an Macarie / dieses Schreiben verfasste.


Allerliebste!


Bleichwie ich die Zierlichkeit ihres Liebsten Briefleine bewundert / also muß ich auch desselben Klugheit rühmen. Es ist freylich also / schönes Kind! daß die Tugend durch die Widerwärtigkeit sieget / und die Ehre durch die Demut steiget. Jenes erweiset / die[569] Uberwindung des verfolgenden Eusephilistus / dessen lächerliche Verehlichung sie allbereit wird vernommen haben. Dieses hingegen bekräfftiget die Gnade der Königin zu Sophoxenien / welche ich durch ihren vernünfftigen Raht erhalten. Sie hat uns nicht allein gnädig empfangen / und prächtig bewirtet / sondern auch mit solcher Freundlichkeit uns abgefärtigt / daß sie zu unser Verlöbnus Glück gewünschet. Diese Ehre nun / wie sie von ihrer Weißheit herrühret / also lege ich sie billig zu ihren Füßen / und sage schuldigen Dank vor ihren glückseeligen Raht: mit Versicherung / demselben künftig allezeit willig zu gehorsamen. Damit ich aber dessen völlig genieße / will ich die Reise nach Ruthiben / so bald ich ihre Verlaubnus erhalten / antretten / und daselbst verhoffentlich so viel erhalten / daß Eusephilistus nicht allein seyn soll / der seines Wunsches genießet / sondern auch Macarie endlich Ruhe erhalte / in den Armen

Ihres Ewigliebenden

Polyphilus.


Diesen Brief / schickte Polyphilus / durch einen Schäfer-Knaben / auf das Lusthaus Macarien / und ließ dem Gärtner befehlen / solchen alsbald auf Soletten zu senden: er aber bemühete sich / mit Agapisten /den noch immer betrübten Pistimorus frölich zu machen / und giengen sie mit dem Cumenus und Filato spaziren / üm / bey so heiteren Tag / auch das Gemüte dieses Ritters aufzuklären / und ihm die Gegend des Landes zu zeigen.[570] Als sie aber / an dem Fluß Peneus /etlicher Fischer gewar wurden / setzten sie sich auf einen Hügel / und betrachteten die anmutige Landschafft / und sahen den Fischern zu / wie sie ihre Nahrung sucheten.

Indem komt ein grosses Schiff / in vollen Flammen / daher gefahren / in welchem sich die Leute heftig bemüheten / entweder den Brand zu leschen / oder an Land zu kommen. Es war wunderlich anzusehen /wie sich / die sonst widerwärtige zwey Elemente / zu Verderbung der Sterblichen vereiniget / und das Feur wider seine Natur im Wasser brannte / und dadurch fast mehr entzündet / als geleschet wurde. Die Schäfer erschracken sämtlich über diesem Anblick / noch mehr aber / als sie eine (dem Ansehen nach) vornehme Weibs-Person aus dem Schiff springen sahen /die / dem Feur zu entfliehen / sich ins Wasser wagte /und ihr Leben einem geringen Bret vertrauete. Sie hatten groß Mitleiden mit dieser Unglückseeligen /und erbaten die Fischer / daß sie mit ihrem Nachen hinzu fuhren / und sie erretteten. Also ward dieses halb-todte Weibs-bild / mit großer Mühe / in das Schiff / und durch dasselbe ans Land gebracht. Als sie ihre halb-gebrochene Augen wieder eröffnet / und ihre Geister aus den Todes-Aengsten gerissen hatte / sahe sie sich um / und sagte mit schwacher Stimme. Ach Philomathus! wo bist du? soll ich ohne deine Hülffe leben / so wäre mir der Tod viel erträglicher. Damit sanke sie / aus Tod-Schwachheit wieder zur Erden.

Die Schäfer hingegen / welche / an dem Ufer / auf diese Armseelige gewartet / so bald sie den Namen Philomathus gehöret / wurden nicht wenig bestürzt /und glaubte sonderlich Pistimorus / diese[571] müste mit ihren Sinnen / allbereit unter den Todten gewandelt /und den Geist Philomathi erkennet haben: Polyphilus fragte die Onmächtige / nach wem sie verlange? Nach dem Philomathus von Soletten / (gab sie etwas munderer zur Antwort) ach! helffet / geliebte Freunde! so ihr jemals die Bitte einer bedrangten Weibs-Person beachtet / daß dieser Elende / welcher / gleich mir / in dem brennenden Schiff gefangen ligt / erlöset werde. Wie die Schäfer über dieser Rede erstaunet / ist nicht zu beschreiben. Sie wusten / daß Philomathus todt war / und hatten dessen Ermorder bey sich. Sie hielten endlich dafür / diß müste Charons Nache / oder sonst ein höllisches Schiff seyn / in welchem die abgeleibte Seelen herum irreten. Sie stunden so erschrocken / als verwundert / vor dem Weibsbilde / welche auf ihre Kniehe fiele / und nicht abließe / um die Errettung des Philomathus zu bitten. Letzlich beschlosse Pistimorus / diese Abenteur zu wagen / und sagte / er wolte diesen Philomathus sehen und retten / oder mit ihm verderben. Also gaben sie den Fischern Geld / sie dem Flanden Schiff nachzuführen / und saßen in einen Nachen / Agapistus / Pistimorus und Filato mit denen Waffen / so sie bey der Hand hatten.

Polyphilus / der / aus einer heimlichen Natur-Regung / das errettete Weib nicht verlassen kunte / hieße sie vorsichtig fahren und verfahren / satzte sich mit dem Cumenus zu dieser Frauen / und fragte / als er den Kahn aus den Augen verlohren: was es vor ein Schiff / aus welchem sie gesprungen / und wie sie dar ein gerahten wäre? Diß heisset mit wenig Worten /viel gefragt! (gab die Frau zur Antwort)[572] doch das erste zu beantworten / so wisset / geneigte Schäfer! daß dieses ein Raub-Schiff ist / welches viel Gefangne führet / und nun / durch Unachtsamkeit der Ruder-Knechte / oder vielmehr durch Göttliches Straf Verhängnis / in Brand gerahten / elendiglich verderben muß. Wie ich aber in dasselbe kommen sey / solches bedarf einer langen Erzählung / und will ich eure Ohren / mit Eröffnung meiner Unglücks-fälle / nicht belüstigen. Genug ist / daß ihr sehet / wie ich / von Menschen und dem Glück verlassen / nichts als ein trauriges Ende meines kümmerlichen Lebens zu hoffen habe. Polyphilus / welcher mit dieser Nachricht nicht vergnügt war / sondern eine mehrere Erklärung wegen des Philomathus verlangte / bate die Frau gar bewegl ch / sie wolte ihr doch nicht beschwerlich fallen lassen / den Anfang dieser ihrer Gefängnus / weil sie doch auf ihre Gesellschaft warten müsten / zu eröffnen. Könten sie ihr mit keinem Raht an die Hand gehen / so wolten sie doch wenigst Mitleiden mit ihren Schmertzen haben.

Eure willfährige Rettung / freundliche Schäfer! (gab die Verlaßne zur Antwort) erfordert eine höhere Vergeltung / als diese / und das Gesetz der Dankbarkeit erlaubet mir ferner keine Entschuldigung / weil der Freunde Bitten ein Befehl ist. Wisset demnach /geneigte Freunde! daß der Anfang meines Lebens viel glückseeliger / als dessen Fortgang gewesen: weil ich nicht allein von edlen und vermögenden Eltern erzeuget und erzogen / sondern auch / nach erwachsenen Jahren / mit einem Ritter / meines gleichen / verehlichet worden / auch mit demselben in so vergnügter Liebe gelebet / daß[573] ich nichts als die Beharrlichkeit wünschen kunte. Aber das Glück handelt öffters mit uns / wie die Adler mit den Schild-Kröten / und führet uns nur deßwegen in die höhe / damit es uns hernach desto tiefer stürtzen möge. Also fiele auch ich in einer Stunde / von der höchsten Staffel der Glückseeligkeit / in die tiefste Gruben des Elendes. Dann als wir auf einer Reise / welche mein Liebster zu einem seiner Freunde thun wolte / begriffen / und mit allem dem / was unserm Stande nötig / versehen waren /begab sichs / daß wir / wider alles Vermuten / von einer feindlichen Partey Reuter angesprenget und bestritten wurden.

Rondal / (also hieße mein Liebster) so bald er sich übermannt sahe / bate mich / um aller Liebe willen /mit unsern einigen fünfjährigen Söhnlein / welches wir mitführten / zu entfliehen: er wolte versuchen / ob er / von diesen Soldaten / mit Freundlichkeit und Geld sich loß kauffen könte. Ich sprange / seiner Bitte zu gehorchen / aus der Kutschen / und liefe mit dem Kinde / indem sich die Reuter meines Mannes und der Knechte bemächtigten / in tausend Aengsten / durch den Wald: und als ich / zu Ende desselben / einen Schäffer weiden fande / übergab ich ihm das Knäblein / samt einem Ring und einer Hand voll Kronen /mit Bitte / dasselbe / biß zu meiner Widerkunft / zu verwahren. Als ich hierauf wieder zurücke kehrte /fande ich meinen Liebsten / allbereit überwältigt /(dann ein Schwerd vermochte nicht wieder so viele zu siegen) und mit seinen eignen Pferden gefangen davon führen. Er winkte / so bald er meiner ansichtig worden / ich solte zu rück bleiben. Aber die Soldaten waren nicht[574] auch mich zu fangen / und ich begehrte auch nicht zu fliehen / weil ich viel lieber mit meinem Rondal gefangen / als ohne ihn frey seyn wolte.

Also wurden wir etliche Tage durchs Land geführet / und endlich auf eine Vestung / dem Konig in Thesallien zuständig / in Verhafft gebracht. Dieses Schloß bewahrete ein mehr hoffärtig- als behertzter Ritter: Der ließe uns vorfordern / und befragte uns wegen unsers Standes und Landes. Rondal / der es vor Unedel hielte / sein Geschlecht und Vatterland zu verlaugnen / bekandte aufrichtig / wer und woher er wäre / und bote benebens eine ansehliche summa Gelds an / sich damit loß zukauffen: Aber dieser stoltze Befehlshaber / wolte von nichts als Gefängnus hören / und als Rondal alle die Höflichkeit / und Demut / welche er jemals gelernet / hervor suchte /und gar inständig um seine Freyheit bate / wurde dieser aufgeblasene Ritter dadurch nur stutziger / wie jener Esel / der das Bild der Göttin Isis tragend /ihm / die dem Bildnus gethane Ehre fälschlich zugeeignet: also bildete ihm auch dieser dölpische Beampte ein / daß alle die Ehrerbietung / welche Rondal seinem Amt und Kleid erwiese / sein eigen wäre / und erzeigte sich so hochmütig / daß wir nichts dann hönische / und verächtliche Antwort von ihm erhielten. Also vergaße Rondal endlich aller Gedult / und warff ihm etliche spitzige Worte in die Haut / sagte auch ungescheut: daß er lieber sterben / als einem solchen Feugen-Mämmen / der hinter der Mauer trotzete / länger zu Fuß fallen wolte. Da hat er meine Natur gehabt / (gedachte Polyphilus) und scheinet aus allen Umständen / daß er mein Vatter gewesen.[575]

Hier ware nun (sagte sie ferner) alle Hoffnung unsrer Erlösung in den Staub geleget / und ließ der erzürnte Ritter / seine Rache über diese Ungedult / so empfindlich sehen / daß er uns lange Zeit gefangen hielte / ehe er seinen König hiervon berichtete; und thäte er solches endlich mit so viel Verleumdungen /daß er Befehl erhielte / uns streng zu verwahren. Wie elend wir diese Zeit über gelebet / bedarf keines Erzehlens / weil es ein jeder selbst ermessen kan. Das bäste war / daß wir einander liebten / und aus Liebe eins das andere trösteten. Rondal bekümmerte sich meist um seinen Sohn: ich aber gabe ihm immer die Hofnung / er würde wol versorgt seyn. In solchen Aengsten / haben wir lange Zeit vergeblich auf Hülffe gewartet / und wurde Rondal so verzweifelt / daß er sich vielmals ermordet / wann ihn nicht meine Liebe davon verhintert hätte. Letzlich aber traf es sich / daß der König diese Vestung besuchte: bey welchem wir /durch unsern Hüter / der gleichfalls der Tyranuey seines Obersten müde war / und mit unserm Elend Mitleiden hatte / heimlich so viel zu Weg brachten / daß er uns vorfordern / und nach Anhörung unsrer Unschuld / auch des Ritters Bestraffung / loß ließe.

Es schiene nun / als ob das Glück ausgewütet / und uns nun der vorigen Gunst wolte genießen lassen. Aber es war nur ein betrüglicher Blick / mit welchem uns diese Boßhaftige aufs neue in ihre Stricke brachte. Nach diesem letzten Glantz / gienge das Liecht meiner Freuden gantz aus / und hinterließe mich in dicker Finsternus. Dann als wir auf der Heimreise begriffen waren / verirrten wir uns / als der Strassen unwissend / in einem Wald / da wir[576] unversehens / von einem grimmigen Tiger-Thier angefallen wurden: wider welches mein Rondal mit seinem Degen so lang stritte / biß er es todt zur Erden legte. Es hat ihn aber diese Bestie / durch einen Sprung / so gefärlich in die Seite verwundet / daß das Blut häufig heraus drange /und er ganz kraftloß zur Erden sanke. Ich bemühete mich / mit allem / was ich bey mir hatte / das Blut zu stillen / und sprache ihm nach allem Vermögen tröstlich zu: er aber ward je länger je onmächtiger / und gab endlich / als er mir seinen Sohn anbefohlen / und einen kläglichen Abschied genommen / in meinen unseeligen Armen / seinen Geist auf.

Bey dieser Erzehlung / wurden die Augen dieser bekümmerten Frauen zu Bächen / und bewegten gleichfalls die beyde Schäfer / sonderlich den Polyphilus / zum Weinen. Wie mir (fuhre sie endlich fort) ihr mitleidige Schäfer! bey solchem jämmerlichen Zufall /zu Muht gewesen / kan ich nicht anderst als durch diese Threnen / welche mir vor die Zunge dienen / erzehlen: Ich liefe ganz verzweiffelt im Wald hin und her / beklagte mein Verhängnus / fluchte meinem Unglück / und gedachte mit meinem Schreyen ein wildes Thier herzu zu locken / daß es mich / gleich meinem Rondal / zerrisse. Aber der Tod fliehet die / so ihm nachlauffen / und eilet denen nach / welche vor ihm fliehen. Ich sprange bald mit Füßen in das ertödtete Tiger / und wolte meine Rachgier an demselben sättigen; aber es lag ohne Empfindlichkeit. Bald fiele ich wieder onmächtig auf meinen erkalteten Liebsten /und vermeinte die ausgefahrne Seele wieder zurück zu ruffen: aber er blieb ohne Bewegung.[577] Endlich ergriffe ich / voll Unsinnigkeit / den noch blutigen Degen /und suchte damit mein Schmerzen zu enden / würde mich auch ohne Zweifel / in solcher Raserey ermordet haben / wann nicht / durch die Vorsehung des Himmels / ein bescheidener Wandersmann solches verhintert hätte: welcher / als er die Ursach meiner Verzweiflung hörte / mich / mit vielen Tröstungen / zur Gedult und dem Göttlichen Willen still zu halten /vermahnete. Er brachte auch den blutigen Cörper /meines ewig-geliebten Rondals / zur Erden / und fragte / wohin ich meinen Weg nehmen wolte? Als ich zur Antwort gab / daß ich in der Gegend Brunsile noch einen Sohn hätte / geleitete er mich auf selbige Straße / und nahm hernach von mir / mit noch gar beweglichem Zusprechen / seinen Abschied.

Ich vermeinte / in selbiger Landschafft meinen Sohn zu finden / und meinen verblichenen Rondal /durch denselben / etlicher massen wieder zu beleben. Aber das Unglück / welches mir alle Strassen zu meiner Vergnügung verhauet / hatte mir auch diesen Trost geraubet: Dann als ich meinen Sohn / von dem Schäfer / dem ich ihn vertrauet / wieder abforderte /berichtete mich selbiger / wie daß mein Sohn / vor kurzer Zeit / den Schäferstok von sich geworffen / und Kunst und Tugend in der Welt zu erlernen / sich in die Welt begeben. Also fande ich wieder Ursach /mein Elend zu beweinen: und wird es mir auch in warheit eher an Threnen / als deren Ursach / ermangeln. Dann so offt ich an die grösse meines Leides denke / so überlaufen mir meine Augen mit Wasser /und kan ich fast nicht aufhören / mein Verhängnus zu beklagen.[578]

Hier fieng die gute Garine (also nennte sich diese Edle) abermal an / ihre Threnen-Brunnen zu öffnen /und bewegte dem Polyphilus dermassen / daß er sie nicht länger ohne Trost lassen kunte / sondern zu ihren Füßen fiele / und mit weinender Stimme sagte: Stellet das Klagen ein / meine Mutter! und trucknet eure Wangen: Hier habt ihr den Polyphilus / euren Sohn / welchen ihr bey dem Brunsilischen Schäfer gelassen / und dessen Verlierung ihr jetzt beweinet. Vergebet mir / daß ich / durch meine Abreise / unwissend euren Schmertzen gehäuffet / und erwartet von mir künftig alle Dienste und Gehorsam. Vergesset den Tod Rondals / meines seeligen Vatters / weil ihr nun wieder von ihm seinen Sohn habet.

Polyphilus küssete der weinenden Garine hiermit die Hand / welche hierob so freud-bestürtzt wurde /daß sie nicht zu antworten wuste. Sie sahe den Polyphilus unverwandt an: Dann die Zeit und der Wachstum hatte ihr denselben fast unkäntlich gemacht. So bald sie sich aber seiner erinnerte / fiele sie ihm um den Hals / und hieße ihn mit vielen Küßen willkomm seyn. Sie dankte hiernechst dem Himmel / vor diese glückliche Stunde / deren Ergetzung aller überstandenen Widerwertigkeit vorziehend. Cumenus / welcher dieser Begebenheit / nicht ohne Entsetzung / zugesehen / bewunderte die Göttliche Vorsehung / und wünschte diesen beeder tausend Glückseeligkeit. Er sagte auch zu Polyphilo / daß er den Himmel unaufhörlich anflchen wolle / ihn dergleichen Glück / in Findung seiner Tochter Macarie / vor seinem Tod sehen zu lassen. Ichzweifle ganz nicht / (erwiederte Polyphilus)[579] daß ich die Macarie bald in den Armen des Cumenus finden werde. Uber diesen Wunsch /ließe Cumenus einen tieffen Seufzer / und vergaßen sie bey solcher Freude / der Garine fernern Erzehlung Raum zu lassen.

Quelle:
Maria Katharina Stockfleth: Die Kunst- und Tugend-gezierte Macarie, 2 Bände, Band 2, Nürnberg 1673, S. 562-580.
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