Neunter Absatz

[580] Agapistus und Pistimorus / erretten eine Person von den See-Raubern: die sich für den Philomathus zu erkennen gibet / und dem Polyphilus nachmals erzehlet / wie ein anderer für ihn erstochen worden. Nachdem Garine in ihres Sohns Schäfer-stand gewilliget / poetisirt er von seinem Glück / und bekomt einen Brief von Macarien.


Polyphilus wolte gleich wieder anfangen / seine Frau Mutter zu fragen: wie sie in das Schiff gerahten / und was er von dem Philomathus halten solte? als er seine Gefärten / in ihrem Schiff / wieder daher fahren sahe /die er zu empfangen aufstunde. Es hatten dieselbe /als sie dem brennenden Schiff nachgefahren / solches schon gescheitert / und einen Theil von den Raubern /an der andern Seite des Flusses gefunden / auch von denselben den Philomathus begehret. Selbige hatten sichzwar dessen erstlich gewegert / als man ihnen aber mit der Obrigkeit gedrohet / aus Furcht ihnen diesen Gefangenen abfolgen lassen: welchen die Schäfere / nicht ohne Bestürtzung / ihn lebendig zu sehen / in ihren Nachen genommen / und also mit ihm davon gefahren.[580]

Philomathus / so bald er sich aus der Rauber Händen / und in Sicherheit sahe / fieng an / den Schäfern vor ihre willfärige Errettung hertzlich zu dancken /und fragte: Was sie bewogen hätte / einem Unbekanten so gefährliche Hülffe zu leisten / und wer ihnen seinen Namen eröffnet? und als Agapistus ihm erzehlet / wie die Frau / so aus seinem Schiff gesprungen /und durch sie ans Land gebracht worden / inständig um des Philomathus Errettung gebeten / sagte er: Ach! so lebet auch Garine noch / und ist / gleich mir /durch euch erhalten worden? so habe ich ja doppelten Dank abzulegen. Aber saget mir doch / leutseelige Schäfere! in welcher Gegend ich mich befinde? In der Landschaft Brundois: gab Agapistus zur Antwort. Hilf Gott! (versetzte Philomathus) sind wir der Insel Soletten so nahe? wie soll ich dem Himmel / vor seine Vorsehung / gnugsam danken? Nun hoffe ich / der betrübten Garine / ihren Polyphilus bald zu zeigen. Uber dieser Rede / wurde Agapistus und Pistimorus ganz verwirret / und wiewol schier keiner so kühn /ihn ferner zu fragen / so kunte doch Agapistus sich dessen endlich nicht enthalten.

Vergebet mir / mein Herr! (sagte er) daß ich frage /wer dieser Polyphilus sey / von welchem er saget /und wo er sich aufhalte? Ich habe denselben / (erwiederte Philomathus) als einen Schäfer / gekennet / und verlassen / wiewol er nicht also geboren ist. Was er aber jetzt sey / kan ich so eigentlich nicht wissen /ohne / daß ich gehöret / er befinde sich bey der verwittibten Königin zu Sophoxenien. Er ist aber der betrübten Garine / welche ihr aus den Wellen gerissen /ihr einiger Sohn / den sie zu[581] suchen ausgereiset. Ist Polyphilus ihr Sohn? (gab Agapistus zur Antwort) so wird sie ihn bereit erkandt und gefunden haben: denn er ist nicht mehr zu Sophoxenien / sondern weidet unter uns Hirten. Ach! was höre ich? (begegnete ihm Philomathus) hat Garine ihren Sohn schon bekommen? so habet tausend Dank vor eure Hülffe. Ach Himmel! soll Philomathus noch heute seinen Polyphilus sehen? so hast du dann wohl vor uns gewachet. Sind dann (fragte Agapistus) zween Philomathen in der Insel Soletten? Ich weiß sonst keinen / (versetzte Philomathus) der meinen Namen führet. Wie hat dann (fragte Agapistus ferner) Polyphilus mir erzehlet / daß Philomathus von einem Unbekandten ermordet worden / und daß er noch diese Stunde / den Solettischen Inwohnern / wegen dieser Entleibung / wiewol unschuldig / im Verdacht sey? Diese Meynung / (antwortet Philomathus) ist aus einem Irrtum hergeflossen / indem ein anderer vor mich ermordet worden /wie ich dem Polyphilus weitläuffig erzehlen will.

Indem Agapistus ferner fragen wolte / waren sie eben am Ufer / allwo Polyphilus / mit seiner Mutter Garine / und dem Schäfer Cumenus / ihrer wartete. So bald Philomathus ausgestiegen / wolte er den Polyphilus umarmen: der aber erschrocken zurück wiche. Erschrecket nicht / mein Polyphilus! (ruffte Agapistus) dieser ist kein Gespenst / sondern der warhafte Philomathus. Hierauf fiel er ihm gleichfalls um den Hals /und sagte: Ach allergetreuester Philomathus! darf ich euch noch lebendig sehen / den ich längst / als[582] todt /beklaget? Haltet mich doch nicht auf / mir das Wunder zu erzehlen / welches euch aus dem Grab genommen / und meinen Armen wieder gegeben hat. Philomathus lachte / und sagte: Ich bin niemals im Grab gelegen / geliebter Polyphilus! wie ihr aus der gemeinen Erzehlung glaubet / sondern der Himmel hat mich wunderlich erhalten. Lasst uns nur zusammen sitzen /daß ich euch diese Begebnis erzehle. Polyphilus führte den Philomathus zur Seite / und bate / nichts von Macarie zu gedenken / weil ihr Vatter / der sie verloren / zugegen wäre / deme er / mit ihrer wunderbaren Findung / grosse Freude zu machen gedächte.

Als sie hierauf an dem Ufer sich niedergelassen /fienge Philomathus also an zu reden. Wann ihr euch wundert / wehrte Freunde und Erlösere! wie ich ermordet / und doch lebendig; begraben / und doch zugegen seyn könne? so wisset / daß ein einiger Irrtum /diese ganze Verwirrung würke. Dann als ich euch /geliebter Polyphilus! an den Peneus-strande vergeblich gesuchet / und glauben muste / daß ihr / entweder von einem wilden Thier wäret zerrissen / oder von den Wellen ersäufft worden / geriehte ich in solche Traurigkeit / daß ich nicht wuste / wo ich mich lassen solte: zumal bey der Einbildung / daß meine Nachlässigkeit / indem ich euch allein gelassen / (welches aus Furcht der Inwohner geschehen) die Ursach eures Verderbens wäre. In solchem Kummer / gelangte ich nach Hause / und gedachte / durch den Schlaf / meinen Gedanken zu entfliehen. Aber ich fande auch in der Ruhe so gar keine Ruhe / daß ich vielmehr ängstiger wurde / und mich ohne unterlaß / als euren Mörder anklagte.[583] Ich stunde dennoch wieder auf / und vermeinte / bey meinen Büchern Trost zu holen / hielte mich auch in meinem Cabinet so lang auf / biß ich merckte / daß mir der Verzager der Sorgen seine Dienste anbieten wolte.

Wie ich mit dem Liecht in die Kammer gienge /fande ich daselbst / mit unbeschreiblichem Schrecken / einen blutigen Cörper in meinem Bette liegen /und vermeinte nicht anderst / als daß dieses der ertödete Geist des Polyphilus wäre / der seinen Tod zu rächen / käme. Ich wiche deßwegen erstaunet zurücke /trate aber nach kurzer Besinnung wieder hinzu / und erkannte / daß dieses kein Gespenst / sondern ein menschlicher Leib ware / welcher / mit einer Wunden in der Brust / in seinem Blut geweltzet / starr todt lage. Wie sehr ich erschrocken / könnet ihr selbst mutmassen / weil ich vorhin in der höchsten Betrübnus war. Ich wuste nicht / ob ich diesen Mord offenbaren / oder verschweigen solte / weil beydes gefährlich schiene. Ich bemühete mich / den Ermordeten zu erkennen / und fande einen Dolch bey ihm ligend /und neben dem Bette in einer Ecken seine Kleider /derer Armseeligkeit von seinem geringen Zustand zeigte. Ich suchte weiter / und fande in denselben einen Brief / aus dessen Innhalt ich verstunde / daß der ertödtete einer von denen Meuchel-Mördern und Waghälsen ware / die einen andern / um Gelds wegen / zu ermorden / kein Bedenken tragen. Dann es hatte ihm / einer von meinen ärgsten Feinden / auser der Insel / geschrieben / und darinn diesen Schelmen gebetten / mich heimlich hinzurichten / mit Versprechung einer grossen Belohnung. Ich wuste nun nichts anders[584] zu schließen / als daß dieser in meine Kammer geschliechen / und nachdem ich aufgestanden / meine Stelle eingenommen / willens / so bald ich wieder käme / mit dem bey sich habenden Dolche / meines Feindes Befehl zu vollziehen. Nur dieses kunte ich nicht errahten / wer ihn erstochen hätte. Dann ob ich wol erstlich gedachte / er würde aus Verzweiflung /sein eigner Mörder worden seyn / so muste ich daran zweiflen / weil ich an dem Dolche nicht das geringste Blut sahe.

Was solte ich nun machen? Alles zu eröffnen / hielte ich wohl für das aufrichtigste: aber weil mir der Inwohner Eigensinnigkeit und scharffes Recht bekannt war / muste ich besorgen / daß ich / weil ich den Mörder nicht stellen kunte / als selbst für denselben hätte mögen gehalten und angehalten werden. So wäre auch der Brief ja so bald zu meiner Beschuldigung / als Entschuldigung / anzuziehen gewesen. Den Cörper heimlich zu begraben / ware auch bedenklich / in dem ich hierdurch / wann es nach langer Zeit wäre offenbar worden / abermals hätte in Verdacht kommen können: Also erwählte ich das sicherste / und gedachte / so lang die Insel zu fliehen / biß ich erführe / wie es mit diesem Handel abgelauffen. Zu diesem Ende verstellte ich mich mit des Ermördeten Kleidern: verbarge den Brief / und Dolch in einem heimlichen Winkel des Hauses / und begabe mich mit frühsten aus der Insel. Als ich mich nun an einem sichern Ort sahe / ließe ich mich wieder kleiden / (dann ich hatte die Notturft an Gelde zu mir genommen) und fieng an / etliche Städte und Länder zu durchreisen / damit ich die Zeit nicht unnützlich zubrächte.[585]

Aber in solcher Wanderschaft / kam ich mit einem Solettischen Inwohner zu reden / und fragte denselben / was er neues von Haus mitbrächte? Dieser erzählte mir wie daselbst einer / Namens Philomathus /vor kurzer Zeit ermordet / und begraben / und Polyphilus / ein fremder Schäfer / vor den Thäter angehalten worden / welcher / der Verhaftung zu entfliehen /sich in den Fluß gestürtzet / aber nicht ohne Wunder /in demselben erhalten / und mit dem versenkten Schloß Sophoxenien wieder hervorgekommen wäre. So bald ich nun hörte / daß der erstochene Mörder an meiner statt begraben / und Polyphilus noch bey Leben wäre / nahme ich mir vor / zu ihm zu reisen /und alsdann auch den Solettischen Inwohnern unsern Zustand zu entdecken. Zu diesem Ende / begab ich mich in ein Schiff / welches nach der Gegend Tempe segelte. Wir wurden aber / von dem widerwärtigen Wind / so sehr verfolget / daß wir an der Landschaft Brunsile Anker werffen und aussteigen musten / biß sich der Sturm geleget. Wir funden daselbst / die damals betrübte / jetzt aber erfreute Garine / welche bate / sie auf das Schiff zu nehmen / so auch geschehen. Unterwegs / als wir wieder abgefahren / merkte ich aus ihren Gebärden / und Seufzen / daß sie ein großes Anligen hätte / und fragte: wohin sie gedächte?

Das weiß Gott! (gab sie traurig zur Antwort) Ich habe einen Sohn bey den Schäfern verlassen / der meiner Widerkunft nicht erwartet / sondern / Kunst und Tugend in der Fremde zu erlernen / abgeschiffet ist. Diesen / wie er das einige ist / das mein Leben noch unterhält / gedenke ich durch alle Länder[586] zu suchen / und entweder seine Beywohnung / oder den Tod zu finden. Ich hatte Mitleiden mit der betrübten Frauen / und fiel mir gleich eure Erzehlung ein / geliebter Polyphilus! welche mit dieser gar genaue zutraffe. Darum fragte ich ferner / wie ihr Sohn hieße? und als sie geantwortet / Polyphilus: fieng ich an / sie mit der Zeitung zu trösten / daß er noch bey Leben /und daß ich eben jetzt zu ihm reisete / auch ihn bald in ihre Arme liefern wolte. Hierüber wurde Garine höchst erfreuet / und sagte mir tausend Dank / hoffte auch nun ihren Sohn bald zu sehen. Aber das Unglück wolte ihr noch einen Tuck beweisen / und sie das letzte von ihrer Grausamkeit sehen lassen. Dann wir wurden bald hernach von einem Raub-Schiff angefallen /und / nach vergeblichen Widerstand / gefangen genommen. Garine / als sie nun zum andernmal sich gefangen sahe / stellte sich so verzweifelt an / daß ich nit Worte genug finden kunte / sie aufzurichten. Und ob mich wol / der Verlust meiner Freyheit / selbsten über alles kränkte / so vergaß ich doch fast meines eignen Elends / und war nur bemühet / der armen Gärine Trost beyzubringen. Die Rauber hingegen / lachten unsrer Threnen / und baueten / aus unserm umgeworffnen Glück / die Stuffen ihrer Ergötzung: wusten aber nicht / daß ihr Verderben so nahe / und daß der Himmel / durch ihren Untergang / unsere Errettung würcken würde. Dann ihr Schiff geriehte / durch sonderbare Strafe Gottes / kurz hernach in Brand / mit welchem sie nun / nicht nur die Gefangene / sondern auch das Nest ihrer Rauberischen Beute / verloren.

Als Philomathus ausgeredet / fiele ihm Pistimorus[587] zu den Füßen / und bate demütig um Vergebung seines Verbrechens. Philomathus / der nichts hierum wuste / hube ihn auf / und sagte: Ich weiß nicht /Edler Ritter! was ich dem jenigen verzeihen soll / der sich nie an mir versündiget? Ich hab Hülfe / und keine Beleidigung / von euch empfangen / und deßwegen mehr Ursach / zu danken / als zu vergeben. Polyphilus legte sich zwischen die beyde / und erzählte Philomathus / was sich mit dem Pistimorus begeben / und wie derselbe / aus übereiltem Eifer / seinen Tod zu rächen / den jenigen ermordet / welcher von jederman für den Philomathus gehalten worden. So hat er dann / wie ich vernehme / (sagte Philomathus) mich zweymal beym Leben erhalten / und mich also zu doppelten Dank verpflichtet. Was ist es dann / daß er abbittet / da er Lohn fordern solte? Der gnädige Himmel / hat / durch diesen Irrtum / mir die Sicherheit /dem Meuchel-Mörder die Strafe seiner Laster / euch aber / Edler Ritter! die Tugend der Vorsichtigkeit / ertheilen wollen. Dapferkeit ist keine Vermessenheit /und unser Mitleiden soll sich durch Gerechtigkeit /nicht durch die Selbst-Rache erweisen. Doch es ist alles wol abgelauffen / und wird nun das bäste seyn /daß wir sämtlich nach Soletten reisen / und selbigen Inwohnern das Wunder meiner Erhaltung / und den billigen Tod meines Mörders / so wol durch Vorlegung des Briefes und Dolches / als durch dieses Ritters eigne Bekenntnus / vorlegen / damit Polyphilus hinkünftig ihres Argwohns befreyet / Pistimorus aber an seiner Heimreise nicht gehintert werde / und ich selbst meine einsame Ruhe wieder erlange.[588]

Polyphilus bate / sie mögten diese Reise so lang aufziehen / biß er von Ruthiben / da er eine nöthige Verrichtung hätte / wieder zurücke käme / er wolte sie über etliche Tage nicht aufhalten. Indem sie alle ihm dieses zusagten / fragte Garine: Was er zu Ruthiben suche? und als er zur Antwort gab: Eine Beförderung / und vielleicht zu einer Vorstehers Stelle unter den Schäfern: fragte sie ferner: ob er dann ein Schäfer bleiben / und nicht mit ihr in sein Vatterland ziehen wolte? Ach! meine Mutter! (gab Polyphilus zur Antwort) ich habe so viel Ungemach im Ritterlichen Stand erlitten / daß ich dem Himmel gelobet / nimmermehr aus diesem Orden zu tretten. Ich bitte demnach / daß sie dieses Gelübde durch ihren Beyfall billigen wolle. Ich genieße in demselben so viel Vergnügung / daß ich Ursach habe / dessen Beharrlichkeit zu verlangen. Ich weiß / wann sie eine zeitlang bey uns verbleibet / daß sie nicht mehr das unruhige Getümmel der Städte verlangen / noch die Gefahr des Adelsstande achten / sondern der Welt ihr betrügliches Glück lassen / und auch ihre Vergnügung unter den Schäfern suchen wird. Garine stutzte etwas über dieser Rede / und vermeinte / es wäre ihrem Stande verkleinerlich / wann sie ihren Sohn unter den Schäfern lassen solte.

Aber Cumenus (der durch einen Wink von Polyphilus verstanden / daß er sich seiner annehmen solte) sagte: sie solte ihrem Sohn diese Bitte nicht verwegern / sondern gedenken / daß der Schäferstand vielhöher sey / als er von hoffärtigen Hofleuten geachtet würde; massen viele von denen / welche zum Regiment geboren worden / den Zepter[589] von sich geworfen / und dagegen den Hirtenstab genommen hätten. Er selbst / ob er gleich nicht von den Höchsten / wäre doch nicht in diesem Orden / sondern unter den Edlen gebohren / hätte aber die Vergnügung vor den Titel /und die Ruhe vor das Wappen erwählet / wüste auch /daß sie selbst noch dieses Sinnes werden / und unter den Schäfern weiden würde. Das will ich weder bejahen noch widersprechen / (versetzte Garine) indessen aber meinem Sohn seine Freyheit lassen / und sehen /wie man unter den Hirten lebet.

Polyphilus erfreute sich über diese Antwort / noch mehr aber / als er hörte / daß auch Cumenus einer von den Edlen / und also seine Mutter destoweniger Ursach haben würde / seine Verehelichung mit Macarie zu hintern. Weil er dieser seiner Hirtin Antwort sehr verlangte / als ohne welche er nicht abreisen wolte /verließ er die Gesellschaft beysammen / und gienge /unter dem Vorwand / seine Reise anzuordnen / nach Macarien Lusthause / in Hofnung / ihren Brief zu erhalten. Unterwegs dachte er dieser angenehmen Begebenheit mit Verwunderung nach / dankte der Vorsehung des Himmels / und schnitte in die Rinde eines Baums folgendes Sonnet.


Beherrscher dieser Welt / Fürst über alle Götter!

Durch dessen weise Macht sich ordnen alle Ding?

Ach! höre gnädig an / wie ich dir dankend sing /

Vor deine Wunder-Hülf / du mächtiger Erretter!

Du hast nun ganz gestillt das ungestümme Wetter /

So / daß ich meinem Kahn vergnügt ans Ufer bring.

Ja / HErr! du bist zu groß / und ich bin zu gering.

Hätt ich so manche Zung / als diese Baume Blätter /

Sie würden deinem Ruhm doch viel zu wenig seyn.

Drum raum ich dir mein Herz / voll deines Lobes / ein.[590]

Ach! laß dasselbe dir / ein süßes Opfer heißen.

Vollende / was bißher geführet deine Hand:

Damit Macarie / wer / wie sie heist / erkandt /

Und ich / mit ihr vereint / dich ewig möge preisen.


Eben war er in dem Schneiden des letzten Wortes begriffen / als er den Gärtner-Jungen gegen ihm kom men sahe / und von demselben den Brief seiner Liebsten erhielte / der also gelautet.


Mein Herz!


Wie mich / die unbillige Verfolgung / der Königin zu Sophoxenien / in nicht geringen Kummer gesetzt; also erwecket nun / ihre wieder-erlangte Gnade / bey mir desto grössere Freude. Den allzu grossen Dank aber /welchen seine Höflichkeit meinem einfältigen Raht beyleget / wollen wir / mit viel besserm Recht / dem gnädigen Himmel aufopfern / als dessen Gütigkeit allein unsre Anschläge zum verlangten Ziel bringet: demütig bittende / daß er ferner seine Verrichtungen segnen / und die vorgenommene Reise glücklich wolle vollführen helffen. Damit also seine Liebe / der Vergnügung des Eusephilistus / nichts bevor lasse /und ich Gelegenheit erlange / seine beständige Gewogenheit mit dankbarer Gegen-Gunst zu erwiedern / die ich indessen mit stätigem Andenken verehre / biß ich mit recht heißen kan

Seine vergnügte

Macarie.


So bald Polyphilus diesen Brief erhalten / verfügte er sich wieder zu seinen Hirten / sprachte[591] mit ihnen von unterschiedlichen Sachen / und ergetzte sich mit ihrer Gegenwart / biß der Abend herbey kam / und sie sämtlich zu ihren Hütten eilten. Polyphilus bate den Cumenus / seine Gäste wol zu tractiren / nahm hernach von ihnen sämtlich Abschied / und versprache /mit nächsten wieder bey der Herde zu seyn. Selbige Nacht aber / schliefe er bey seinem Agapistus / welcher zu ihm sagte: Nun möchte ich wissen / was Macarie thun würde / wann sich Polyphilus anstellete /als wann er sie verlassen / und eine andere lieben wolte. Jetzt könte man ihre Treu ohne Gefahr prüfen da Eusephilistus schon eine andere anbetet: und würde sie / wann sie darüber sich erzürnte / durch die Vorstellung ihrer Eltern / leicht wieder zu begütigen seyn. Polyphilus lachte dieser Rede / und gab zur Antwort: Er wäre der Treue seiner Macarie vorhin versichert / und hätte keiner Prüfung vonnöten. Gleichwol dachte er diesem Raht nach / und nahm ihm vor / eine Künheit zu wagen. Nachdem er nun Agapisten gesegnet / gienge er mit dem Hirten-Knaben in die Gegend Ruthiben / und besanne sich unterwegs / wie er diese Liebes-Probe am füglichsten zu Werk richten möchte. Zu Ruthiben ward er von den Schäfern wol empfangen / und alsbald zu einem Vorsteher in selbiger Gegend bestättiget.

Quelle:
Maria Katharina Stockfleth: Die Kunst- und Tugend-gezierte Macarie, 2 Bände, Band 2, Nürnberg 1673, S. 580-592.
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