Sechster Absatz

[259] Beschreibet die Erlösung Sophoxenien / mit welchem zugleich Kunst und Tugend versencket war: Lehret /wie dieselbe / durch Fleiß und Schweiß / erwachsen /hernach desto fröliger blühe / und ewige Freyheit gewinne.


Aber wie es gehet / daß uns offt das betrügliche Glück eine Freude erblicken lässt /[259] aber nicht alsobald erlangen / eben so spielete es auch dißmal mit dem unglückseligen Polyphilo. Die Zeit der Erlösung war da / was Atychintida in dem Tempel zu zeigen wuste / war alles erfüllet; ja / die Götter selbsten hatten / ihrer Meynung nach / das Werck befördert: aber die Unwissenheit / durch was Mittel diese Befreyung geschehen solte / wolte sie an ihrem Glück hindern. Polyphilus fragte die Königin: diese fragte wieder Polyphilum. Auch wusten die beyde Weisen / Coßmarites und Clyrarcha / keinen andern Rath zu geben / als daß man opffern solte: andere schlossen dahin / Polyphilus solte dencken / und was ihm beyfallen würde /das solte gelten. Aber die Sach war gefährlich: einer sahe den andern an / und konte keiner helffen.

Wer zuvor das freud-hupffende Hertz Polyphili hätte völlig mercken können / der würde jetzt auch die wehklagende Sinnen ausdrucken. Die Augen waren geschlossen / als welche sich schämeten / daß das Hertz nicht einen Rath beschliessen könne. Die Ohren waren gleichsam verstopfft / als die nicht hören möchten / was andere vor unnütze Mittel vorschlugen. Der Mund war verstummet / als der nicht reden konte / weil das Hertz nichts vermochte zu ersinnen: das Haupt war geneigt / und hätte nicht viel gefehlt /Polyphilus wäre gar versuncken / so hart drucketen ihn die bald frölige / bald betrübende Zufälle / welche ihn / durch ihre widerwertige Bewegnussen / gar leicht hätten in Verzweifflung stürtzen sollen.

Was geschicht? da aller Rath und Hülff erloschen /kommt Melopharmis / aber unsichtbar / und führet Polyphilum in den Tempel hinauf / eben an den Ort /wo die Jungfrau ihn verlassen / und er von[260] der Königin zu ruck geruffen worden. Polyphilus / fast sehr erschrocken / fühlete / daß er fortgezogen wurde / folgete doch gern / weil er gedachte / vielleicht haben die Götter deine Seufftzer erhöret / daß du innen werden wirst / wie du die Erlösung beförderst. Und da er an den Ort kam / sahe er hinter ihm / an einer Seulen /eine schwartze Tafel / darauf etzliche Wort mehr verworffen / als geschrieben. Die Königin erschrack über dem Ansehen / weil sie niemals dieser Tafeln gewahr worden: daher zu schliessen / daß Melopharmis dieselbe entweder verborgen gehalten / oder allererst an den Ort aufgehänget: doch machte es ihnen allen eine solche Hoffnung / daß die Königin / ihrer Authorität vergessend / mit viel geschwinderem Gang / dahin eilete / als sie sonst gewohnt war / und dem Polyphilo zuvor kam; aber nichts lesen oder verstehen konte: auch waren die beyde Weisen nicht weniger begierig solche zu sehen / konten aber eben so wenig verstehen / als die Königin. Deßwegen sie dem Polyphilo zu wincken verursachet / dem solche allein zu lesen und zu begreiffen / vergönstiget / daher er dieser Wort verständiget wurde: Polyphile: suche das Schloß zur Lincken / und die Schrifft zur Rechten / dann wirst du wissen / was dir verborgen: aber schweig. Darauf sahe er zur Rechten / und wurde einer Ertzinnen Pforten gewahr: und zur Lincken / da war in einer Mauern ein Kästlein zu sehen / welches er / nach dem er denen Anwesenden / durch das Wincken der Augen und Hände / ein Stillschweigen geboten / eröffnete / und einen Schlüssel fand: mit dem gieng er zur Rechten /durch die Pforten / und kam in einen köstlichem Saal /von grosser Läng und Breite / auch hohen und hellen[261] Fenstern / unter denen in der Mitte eins eröffnet / die andern aber verschlossen waren. Der Boden war an sich selbst Crystalline / und mit allerhand Arten / berühmter Steine / dermassen eingefüget / daß er im ersten Anschauen sich fast scheuete / und nicht auftretten wolte. Umher war die Zierde / mit allerhand kunstreichen Gemählen / vermehret / die Polyphilus /nicht ohne sonderbare Ergötzung / ansahe / biß er endlich zu dem eröffneten Fenster gelangete; unter diesem wurde er eines Kästleins / künstlich verfertiget / gewahr / zu dem er diesen Schlüssel / welchen er in der Hand trug / sich nicht übel zu schicken / errieth / und daher denselben zu versuchen / veranlasset wurd. Er befunde / wie ers ersonnen / und da er das Kästlein eröffnete / ersahe er einen Zettel / den er alsobald vor die Schrifft hielt / so ihm auf der Tafel benennet war; in welchem Sinn er sich auch nicht verführet befand. Dann so bald er denselben eröffnet /wurde er folgender Wort verständiget: Gib mir / mein Kind / Polyphile! durch das Opffer / so du mir schuldig bist / und heilige diese Stätte / da die Ubelthat verrichtet ist / die du zu versöhnen bist / von mir /durch die Fluthen geführet worden.

Polyphilus voller Schrecken / wuste nicht / was er anfangen solte / weil er beförchtete / daß / so er das Kind erwürgen werde / um dessen Leben zu erhalten /gleichwol diß Schloß versencket worden / wie er vernommen hatte; auch sein Leben das Ende nehmen möchte: doch gedachte er hinwieder / ich will dem Befehl folgen / und sehen / was geschiehet. Gieng darauf zur Thür wieder hinaus / fragte nach dem Kind / und führete es bey der Hand in den Saal:[262] welches / so bald es die Stätte / da es hinaus geworffen worden / ersahe / mit kläglichen Worten anfieng nach seiner Mutter zu seufftzen / weil es dieselbe noch kennete. Ist dann / sprach es / meine Mutter nicht hier /daß sie das Fenster zuschiebe / damit ich nicht wieder hinaus geworffen werde: Darauf fieng Polyphilus an /zu dem Kind: Lieber Sohn! deine Mutter wirst du jetzo sehen und erfreuen / du wirst mit mir leben / und diß gantze Hauß wird mit uns erfreuet werden: Darum so komm / und laß uns den Göttern opffern / an dieser Stätte / daß wir sie heiligen / so werden wir erlöset werden. Und als Polyphilus solches sagte / nahm er den Knaben auf beyde Arm / hielt ihn gegen dem Fenster / und schrie mit heller Stimme: Melopharmis /Melopharmis! ich gebe dir wieder das Kind / das du von meiner Hand gefordert: gib auch uns wieder / was wir verlohren / da du uns verfluchet. Auf welche Wort / ein so strenger Donner-knall / in den Saal /über dem Haupt Polyphili weg schlug / daß er vor Schrecken das Kind aus den Armen fallen ließ / und zu ruck wiche. Durch den Knall aber hörete er die Wort: Opffere auf dem grossen Altar / und eile! Deßwegen er ungesäumet wieder in den Liebes-Tempel /mit dem Kinde / gieng / und nach dem grossen Altar fragte / welcher ihm gezeiget wurde.

Er muste durch ein Thor / in eine finstere Höle gehen / die / wegen eines aufsteigenden Schweflichten Dampffs / fast erhitzet / zu beyden Seiten / ein Knallen und Brausen / gleichsam eines aufkochenden Wassers / vortrug / daß ihm kein geringe Furcht verursachete / bevor / weil er nicht wuste / was diß Gethöne wäre; da er aber ein wenig fortgieng / fiel ein Liecht[263] von oben in die Höle / das auf den Altar leuchtete / und da er näher hinzu kam / und vor den Altar trat / befand er / daß alles zum Opffer zugerichtet und bereitet war / deßwegen er den gantzen Hauffen um sich herum stellete / den Knaben aber auf den Altar setzete / und folgender Gestalt anfieng: Seyd mir gnädig / ihr erzürnte Götter! weil ich Unwürdiger diese Stunde mit euch zu reden / mich unterwinden darff; seyd mir barmhertzig / wie ihr mir immer barmhertzig seyd / und lasset euren Grimm fahren / den ihr über diß Hauß ergehen lassen! Diese Stunde sey die Versöhn-Stunde / und diese Zeit / so wir heiligen / heilige auch mit jene Zeit / die eine Boßheit der Menschen sündig gemacht hat! Erhöret mich / ihr hülffwalltende Götter! und übet eure Stärcke / durch meinen schwachen Arm! Ihr aber / ihr Anwesende! begütiget den Himmel mit Andacht und Heiligkeit! Und darauf wandt er sich um / gegen das Kind / fassete das Messer in die eine Hand / mit der andern den Schopff des Knabens / sprechend: und du / liebes Kind! dein Leben zu erhalten / ist diß Gefängnus verhänget; aber dasselbe zu erlösen / solt du dein Leben lassen. Nun so seyd vergnüget / ihr so wollende Götter! durch diesen Schnitt / den ich mit Zittern vollbringe / und begnadet uns mit dem Liecht der Sonnen! Ehe Polyphilus ausredete / und indem er zuschneiden wolte /brach / als aus einer finstern Wolcken / mit einem erschröcklichen Donner und Feuerstralendem Blitz / die Mutter des Knabens herfür / risse ihr Kind aus der Hand Polyphili / zündete den Ort an mit Feuer / welches aus der finstern Höle / mit grosser Gewalt herfür brach / und machete denen Anwesenden / durch ihre Zauber-Kunst / solche[264] Verblendungen / daß sie alle nichts anders / als das End ihres Lebens erwarteten /biß sie / durch Würckung der Zauberin / in eine süsse Ruh fielen / und als Todte sich zur Erden neigten. Indessen brachte Melopharmis ihre Mithelfferin in die Höle / die alle / mit sonderlichen Ceremonien / um und durch das Schloß giengen / und gleichsam mit harten Bedrohungen / den Wassern den Fall ankündeten / welche dann auf einmal / mit grosser Macht und Ungestümm / darnieder fielen / und das Schloß entdecketen.

Polyphilus / der / neben seinen Beyschläffern / von dem erschröcklichen Knallen erwecket / und / durch die zugefallene Forcht / nicht wenig erschrecket ward / stund behende auf / suchte den Ausgang von der Höle / durch den Weg / der ihm den Eingang gezeiget. Und als er in dem schwermütigen Schrecken /gleichsam geflügelt / durchgieng / kam er durch den Liebes-Tempel / wiederum in den Saal / allwo er /von den Donner-Worten / unterrichtet / durch das Versöhn-Opffer / die Entbindung des Gefängnüsses erlernet-Alle / die mit ihm waren / folgeten ihm; und wurde ein jedes deren / am ersten aber Polyphilus /von Melopharmis / so da / mit ihrem Sohn / zugegen war / Glückwünschend empfangen: Polyphilus aber /durch die Hand Melopharmis / bekrönet / die ihm /zum Siegs-Preiß / seine verlangte Macarien versprach Die andern grüssete die Entbindung des Gefängnus /durch den Mund Melopharmis / welche / mit Eröffnung des Fensters / an dem Saal / einem jeden / das helle Sonnen-Liecht wieder zuerblicken / unverhinderte Gewalt gab.

Alles war da mit höchster Freud entzündet / so gar / daß die innerliche Bewegung / mit vollen Strömen[265] / den Danck zu dem Mund ausgoß / und den Ruhm Melopharmis / wegen der Erledigung / in ihren Schoß niderlegte. Je hertzlicher aber die Freude war der Freyheit / je schmertzlicher war das Verlangen bey Polyphilo nach Macarien / welches verursachete /daß er Melopharmis auf folgende Art anredete:

Wüste ich doch / alleredelste Matron! wie ich sie nach Würden preisen / und nach Gebühr verehren solte / wolt ich alle Müglichkeit / dero allergütigste Hülff mit gebührendem Danck zu krönen / versuchen: allein ich erkenne / daß himmlische Gaben / nicht mit menschlicher Vergeltung zu empfahen. Derentwegen /so lasset euch günstig gefallen / die Bereitschafft des geneigten Willens / vor dem zerbrechlichen Werck /anzunehmen. Erkennet auch daher / daß unsere Zunge stumm / und unsere Hand laß wird / euren Ruhm zu preisen / und eure Ehr zu bedienen / weil diese Werck nicht irrdisch / sondern durch der gnädigen Götter allwalltende Wunder so seyn geführet worden: daher wir freywillig bekennen / daß sie würdiger mit dem Hertzen / als welches mehr göttlich ist / verwundert / dann mit einiger eusserlicher Dancks-Bezeugung verringert werden. Gleichwol aber / weil wir Menschen / unter den Menschen / menschlich handeln müssen / und allein dem Himmel himmlische Ehr gebühret: so seyd vergnüget / alleredleste Melopharmis! mit dem / was ihr sehet / und wisset / das wir euch zur Erwiederung /des grossen Guts thun / und thun können. Euch nemlich wollen wir ehren / als unsre Helfferin; Euch wollen wir dienen / als unsrer Beherrscherin / und das versprechen wir sämtliche / mit einem einhelligen Ja.[266]

Wer nie gesehen / daß Polyphilus / mehr aus Brunst der Liebe gegen Macarien / und vom Eyfer des quälenden Verlangens gereitzet / geredt / der muß es in Warheit aus diesen schmeichlenden Worten erkennen / die den Verstand Polyphili verwehen / und seinem besser Wissen eine verfälschte Unwissenheit andichten. Solte Polyphilus eine Zauberin denen Göttern vergleichen? Solte er den augenscheinlichen Betrug denen allwalltenden göttlichen Wundern gleich schätzen? Polyphile! das ist wider dich selbsten: aber so viel vermochte die erhitzte Liebe / daß Polyphilus alles gethan / könte er nur seine Macarien / die schönste der Frauen / wieder zu sehen bekommen. Dann die veste Hoffnung verführete seine Gedancken / es werde ihm Melopharmis / durch dero gewaltigen Befehl gleichwol dieses alles so wunder-glücklich verrichtet worden / ihrer Zusag nach / auch zu seinem Verlangen / und eben mit dem Glück / verhelffen: daher er sie wohl gar / wär es müglich gewesen / an das gestirnte Dach erhoben / damit sie vor ihm herleuchten /und den Weg zeigen könte / der ihn zu der verlohrnen Macarien führe.

Wie nun Melopharmis / durch ihre vielvermögende Kunst / auch nicht unklug war: also sahe sie bald /wohin die Wort Polyphili zielten / und was das Hertz verlangte / darum sie ohne weitläufftige Beantwortung / sein Begehren zu erfüllen / sich der Ehren zwar bedanckte / dieselbe aber alle zu ruck / und auf Polyphilum lehnete / als der allein würdig gewesen / diese Verbannung zu entbinden / deßwegen sie die Anwesende erinnerte / ihme / Polyphilo / gebührende Reverentz zu erweisen / und nach Verdienst zu bedienen.[267]

Quelle:
Maria Katharina Stockfleth: Die Kunst- und Tugend-gezierte Macarie, 2 Bände, Band 1, Nürnberg 1669, S. 259-268.
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