Siebender Absatz

[268] Beschreibet das Gespräch Melopharmis mit Polyphilo / die ihm den Berg zeiget / hinter welchem die Insul Solette gelegen / die das Hertz Polyphili dermassen zu sich ziehet / daß er sein selber vergisst: Lehret / wie auch die Tugendgeübte / offtmals die Bezahlung so begierig fordern / daß sie mehr darüber verlieren / als erhalten.


Als das geschehen / wurde er von dem Saal / bey der Hand Melopharmis / in den obern Theil des Schlosses geführet / von dannen ihm die Gelegenheit des Orts /und ein herrlicher Anblick der Berge / Felder und Wälder / samt etzlichen aufsteigenden Kunst-Wassern / gezeiget wurde.

Atychintida indessen bestellete den Schmuck / und andere Geschenck / so Polyphilo solten verehret werden; gab auch Befehl / daß die Tafel bereitet würde /Speise zu nehmen: deßwegen sie alle / und ein jeder zu seiner Verrichtung gieng / Polyphilum aber mit Melopharmis allein liessen. Da sich nun diese beyde allein befunden / fieng Melopharmis an / alles / nach der Länge / dem erfreuten Polyphilo zu erzehlen / wie diß alles durch ihre Kunst verwaltet / und er / durch die sondere Neigung des Himmels / auf diese Art / sey erhalten worden. Nun aber sey es an dem / daß er seinen Wunsch erfüllen / und sein Verlangen erhalten solle / wann er nur selber / durch etwa freywilligem Vorwitz / seinen Weg nicht verfehlen / oder den Gewinn verlieren würde. Dann / sprach[268] sie ferner / hebet eure Augen gegen Morgen / und mercket jenen hoch gespitzten Berg / welcher die Insul bedecket / da eure Freude lebet / daß wir sie nicht sehen können. Habt aber das zur Warnung / daß ihr nicht ehe dahin eilet /biß ihr beruffen werdet / sonst werdet ihr Freude suchen / und Betrübnus finden. Indessen trauet meinem Versprechen / und lebet versichert / daß ich mehr / als mütterlich / vor euch sorge / und ohne euer suchen /einer gelegenen Zeit befehlen werde / die euch ziehen heisse. Wisset auch / daß ich eurer liebsten Macarien Sinn und Gedancken vollkommen verstehe / so gar /daß ihr an ihrer Gunst nicht zweiffeln dörffet. Und darff ich künfftige Ding zuvor melden / versichere ich euch alles dessen / was ihr bißher an Macarien verlanget / und in dem Tempel von ihr verstanden habt.

Mit was hertzlichem Froh / Polyphilus diesem Gespräch muß zugehöret haben / kan der leicht ermessen / welcher mit ihm unter gleichem Joch gearbeitet /oder noch arbeiten wird. Tausend Freuden spielten in seinem Hertzen / und himmlische Zufriedenheit küssete das Verlangen. Auch fehlete nicht viel / er wäre über der ungehofften Freud erstummet / weil er kein Wort hervor bringen kunte / besondern / mit unverruckten Augen / die Berg-Spitze / und die darüber schwebende bläulichte Wolcken / bestrahlete / als wolte er dieselbe durchsehen. Und da er eine immerhelle entflammete Schöne / über dem Ort vernahm /allwo / nach Melopharmis Aussag / die Insul Solette der schönen Macarien den Sitz gönnete / dachte er bey sich in seinem Hertzen: Du bist ja freylich / allerschönste Macarie! selbst die Sonne / selbst die Sternen / selbsten der Glantz / der deine Nähe /[269] auch deine Ferne / erleuchte: Warum doch hat dich deine Würde nicht / vor der Zeit / in das Wolcken-Zelt versetzet / daß du / meine Sonne! mir von jener Höhe scheinen / und die Finsternus meines seufftzenden Hertzens erhellen köntest. Ach! du gütiger Himmel! und ach! ihr feurige Zinnen! zeuget von mir; flüchtige Wolcken eilet / ja! eilet / und saget ihr an / daß ich noch übrig sey / ihre Tugend zu verwundern / und ihren Verstand zu ehren. Gehet doch / ihr geflügelte Wellen! und verrichtet den treuen Dienst. Und ihr Melopharmis (fieng er mit heller Simm an /) alleredleste Melopharmis! nehmet mich an / meine Mutter! euren Sohn / und helffet mir / so fern ihr Kunst und Tugend liebet / die ihr liebet / zu Kunst und Tugend.

Diß beantwortete die Zauberin mit verneinen / und versetzte / daß er eine blosse Unmüglichkeit suche /darum er dißmal das Stück der Weißheit beobachten /und sich in die Zeit schicken müsse. Das weiß ich wol / sagte Polyphilus / daß sich in die Zeit schicken /sey ein Theil der grösten Weißheit / aber ich will in diesem Fall lieber die Thorheit wählen / mit Liebe und Vergnügung meiner Begierde / als in der Schwermütigkeit des ängstigen Verlangens / mit Weißheit leben.

Das ist wol recht / versetzte Melopharmis / ein offenbahrer Beweiß / daß die Gewalt der Liebe auch die Klügesten zu Narren / und die Tugendherrschende zu Laster-Dienern mache. Was redet ihr / Polyphile! wisset ihr auch / was ihr redt? wann ich nicht zuvor wüste / daß eure verdammliche Liebe / mehr auf die Wollust / als Tugend gegründet wäre / könte ich daher leicht schliessen / was eure[270] Sinne vor ein Ziel aufgesteckt. Wolt ihr Weißheit verlassen / und Liebe nehmen? wolt ihr Thorheit erwählen / und die Tugend gesegnen? So bleibet ihr thöricht in der Liebe / und Lasterhafft in eurem Begehren. Thörichte Liebe aber ist ein Verderben / und ein Lasterhafftes Begehren würcket viel Unglück. Drum besinnet euch eines bessern / und leget euren Begierden das Gebiß der Mässigkeit / auf daß ihr / durch gleiches / gleiches Gewinnen / das ist / Tugend / durch Tugend / erwerben könnet. Versichert euch / Polyphile! solte die Tugend-liebende Macarie / eines solchen Wortes / auch nur von ferne / verständiget werden / es würde alle eure Bemuhung in die Lufft gebauet / und euer Verlangen in den Wind vergraben seyn.

Polyphilus / dem diese Straff-Rede sehr zu Hertzen gieng / als welche er unverdient dulten muste / fieng mit hochgeführten Reden und betheurten Worten /sein besseres Hertz und Sinnen an zu entschuldigen /mit Vermelden / daß keine Liebe in ihm herrsche / die nicht auf Tugend gegründet; und keine Begierde bey ihm zu finden / die nicht jederzeit dem Verstand sich unterwerffe. Daß ich aber / fieng er ferner an / die Thorheit zu wählen / erkieset / mit Liebe / vor der Weißheit / ohne Liebe: hat keinen solchen Verstand /wie ihr deutet. Ich halte gäntzlich davor / daß selbsten die Weißheit / ohne Liebe / eine Thorheit sey / und die Thorheit / mit Liebe / eine vollkommene Weißheit. Ich verstehe aber eine solche Liebe / damit ich Macarien / die Schönste der Schönen / Liebe. Welche ihr / traun! mit dem grössesten Unrecht / verdammlich / und auf Wollust gegründet / schätzet / weil sie einig und allein / die Tugend /[271] als ihre Urheberin /und den Verstand / der verstandigen Macarien / als ihre Ernehrerin / umfähet. Ist demnach die verdammliche Wollust so ferne von meiner Liebe: als weit der Himmel von der Erden / die Laster von der Tugend /und von der Thorheit die Weißheit entschieden. Die Brunst aber meines Verlangens / welche mich / diese Wort zu führen / verleitet / ist gleicher Gestalt / auf die lob-würdige Tugend-Bahn getretten / da sie mit schmertzlichen Suchen / die Vollkommenheit der Liebe / durch die Beständigkeit der Tugend / zu errennen / sich bemühet. Und wird das alles um so viel mehr gestärcket / durch die gefasste Hoffnung / es werde / durch ihren Anblick / meine Tugend vermehret / und meine geringe Kunst durch ihre Begleitung /mercklich vergrössert werden. Das ist die Entzündung meiner Begierde.

Das alles zwar war künstlich genug verdrehet /doch mochte es nicht so viel ausrichten / daß Polyphilus / auf Beantwortung Melopharmis / nicht gestehen muste / er hätte sich dißmal die erhitzte Begierden zu weit verführen lassen: welches er dann / gebührender Bescheidenheit halber / nicht lang wägerte / sonderlich / weil er gedachte / Melopharmis würde ihm von allem weitern Bericht ertheilen / deßwegen er dißmal die Warheit / mit einer schmeichlenden Höflichkeit /überziehen / und / ihm zu grössern Nutzen / einen kleinen Schaden leiden muste. Auch Melopharmis /weil sie besser wuste / wohin sein Hertz ziele / und wie seine Begierden leicht ausser den Tugend-Schrancken schreiten würden / hielt ihm solchen Fehler gern zu gut / mit angehengter Warnung / daß er sich / nach dem / besser vorsehen / und dem Mund nicht gestatten solte zu reden / wann das Hertz nicht gleiche Ersinnungen führe.[272]

Indessen fielen die Augen Polyphili / welche biß daher die Furcht der Schamhafftigkeit etwas verschlossen gehalten / wieder auf die Berges-Spitz / die ihn von seiner Macarien scheidete / und seinen Stral aufhielt / daß er die verborgene Insul nicht ersehen konte. Da er aber eben diß / mit einem hertzlichen Seufftzer heimlich beklagte / fieng Melopharmis / die seine Unruh alsobald merckete / an ihn zu trösten /mit Vermelden / wie die schöne Macarie / durch ihre Eröffnung schon wisse / daß Polyphilus noch lebe /und anjetzo / in vester Hoffnung / und täglicher Erwartung / sich seiner bald-künfftigen Gegenwart tröste; auch ihn / Polyphilum / so von Hertzen liebe /daß / wofern sie nicht / durch besondere glaubwürdige Eröffnung / von seinem Leben und Wohl-seyn / wäre verständiget worden / sie schon längsten ihre betrübte Seele dem Leibe entzogen / und ihn zu suchen ausgehen lassen.

Als Polyphilus das hörete / fieng er mit heller Stimm an: Ach! warum soll ich denn das Hertz / die liebe Seele / nicht alsobald sehen / daß ich sie völlig erfreue / und durch ihre Freude / auch die Wunden meiner Betrübnus verbinde? das hat seine sonderliche Ursachen / versetzte Melopharmis / die ihr vor dißmal nicht wissen dörffet. Seyd aber zu frieden mit dem gütigen Himmel / der euch über Verdienst begnädiget /und lebet in dem Vertrauen / daß ihr sie wieder sehen werdet.

Was solte der gute Polyphilus thun / er muste diese Erinnerung / als einen ernstlichen Befehl / verehren /und sich mit süsser Hoffnung künfftiger Befriedigung vergnügen: gleichwol aber / wie der Liebenden Gemüther von steter Unruh beherrschet /[273] und von allen zufallenden Sinnen / gleich einer ewig-lauffenden Kugel / umgedrehet werden: Also war alles das / was die Augen Polyphili füllete / eine Erinnerung seiner geliebten Macarien / welche sich jederzeit so sehr verstärckete / daß ihm unmüglich war / seinen Mund zu verschliessen / und der Zungen das Stillschweigen zu gebieten. Alles / was er hörte / was er sahe / da preisete der Mund seine Macarien / so gar / daß er auch die anwesende Königin / und andere die Polyphilo zu dienen / wieder herauf kommen waren / nicht scheuete / und Melopharmis gezwungen wurde / ihn zur Seite zu führen / und seines Fehlers halber zu unterrichten. Aber Polyphilus hätte ehe sein selber vergessen können / als ihrer nicht gedencken. Darum gab ihm Melopharmis den Rath / weil ihm ja unmüglich sey von ihr zu schweigen / und aber diese Sach vor allen heimlich müsse gehalten werden: als solle er sie / im fremden Namen / nennen / und sonderlich /wann Atychintida / die Königin / ihn ihrentwegen besprechen würde / damit er / auf solche Art / ihre geschöpffte Muthmassungen derselben benehmen / und die vermeinte Gewißheit / so ihr die Tafeln in dem Liebes-Tempel / auch sein zum öfftern unbedachte Bekäntnüs / gestärcket / zweiffelhafft machen könne.

Das gefiel Polyphilo nicht übel / und gedachte er alsobald / welcher Nam würdig seyn möchte / der Würdigsten auf der Erden zuzueignen. Es wolte aber /in dem zweiffelhafften Beginnen / ihm keiner so bald beyfallen / sonderlich weil die Furcht / es möchte ein ausgeziertes Wort den Verstand entdecken / und Macarien bekennen / der Würde widerstrebte / und diß Tugend-Bild geringer zu benahmen[274] anmahnete: die Würden hingegen von der Furcht sich nicht wolten erdrucken lassen. Dann Polyphilus lieber leiden / als seiner nie gnug gepriesenen Macarien Himmel-würdigen Ruhm verkleinern wolte.

Voll solcher Gedancken / nähert er sich wieder zu der Königin / welche eben einen Zettel / in der Hand /den Augen vorzeigte / darinnen folgendes Gedicht verfasset / welches ein unglückseliger Liebhaber /einer ihrer hochmüthigen Hof-Dienerin / die sich nicht wolte erbitten lassen / seine Betrübnus zu beklagen /aufgesetzt.


Soll ich / wie andre thun / dir einen Namen geben?

Du hertz-geliebtes Kind! soll ich mit Mühe streben /

nach dem / wie ich dich nenn? weiß unter tausend ich

nicht einen / der mit recht / mein Schätzgen! treffe dich.

Versagen kan ichs nicht: sonst wär ich kein Poete /

wann ich / was andre thun / nicht gleicher Massen thäte /

es fordert unsre Schuld / wir wollen / oder nicht /

es heischet unser Nam ein schönes Nam-Gedicht.

Das sieht man überall: wer Flemmings liebe Sachen /

und Opitzs Göttlich Werck ihm nur bekant wird machen /

wird finden diesen Dienst. Ich glaub / so manches Bild /

als jener angesehn / hat er die Schuld erfüllt.

Dann / daher kommt uns das / daß wir so hänffig lesen /

in seiner Verse-Spiel / das liebe Jungfern-Wesen /

die bald Amene heisst / und bald Ambrosie /

bald Anemone auch / und bald Adelfie.

Bald Albie / mit samt Arethnien / der Schönen /

und bald Anthropine / die Asteris verhöhnen

dort in den Sternen will: und Athanasie

auch mit der Basilen / selbst die Basilnie /

bald liebt er Balthien: vergisst nicht der Chrysillen /

die ihm die Liebste war / nach seiner Chrysosillen /

nach Chrysoglossen auch: die Desiderie

verlangt er mehr und mehr: wie die Dorinnie.

Die ihn mit Liebe kränckt / nennt er die Dulkamare /

und Dolorosen die / so ihm zuwider ware /[275]

und wie er jene liebt / die er Dulzissen nennt

hat er Dulziaden durch gleiche Gunst erkennt.

Wie nett beschreibt er doch die wilden Eromisen /

mit samt Echthrothymen / die er pflag zu erkiesen

für allen: eh er liebt die lieb Esthonien /

und eh er kennte die beredt Eulalien.

Jetzt Eurokrate kommt / der folgt die Eromanthe /

nach welcher er nicht lang Erofolen erkannte /

die zwar nicht viel gefiel. Drum er Euchastrien

an ihre statt erwählt / und die Euphrasien.

Nach der gefiel ihm wohl Filene / Flotate /

nach der er Fidelien um ihre Treue bate /

so offt verwechselt er die liebe Namen-Lust /

als offt er einen Schatz von neuem suchen must.

Er blieb bey einem nicht: wo seine Lieb auf Rosen

und nicht in Dornen stund / die hieß er Gratiosen /

und Julianen die / so er vor andern liebt /

wiewol Kalopsiche auch nichts vergeblich übt.

Die weisse Kandie / die redliche Kandore

erwarten ihn sehr offt / vor ihrem Garten-Thore /

und Konstantine steht auf einem Felsen-Stein /

die keusche Kastulan will nicht mehr Jungfer seyn.

Leukardie folgt jetzt / die er guthertzig preisste /

und Lithokardie / die unbarmhertzig weiste

der Livien die Thür: Miranda wundert sich /

wie Metrofebe gläntzt / und wie du / Flemming! dich /

verführen lässest so / von deiner Misosillen /

läst Maritaten stehn / umfängest die Melillen /

weil sie ist Honigsüß; wie zur Neapalen

du könnest gehen fort / und lassen traurig stehn

die Neanisken hier: folgst deinem Dünckel-wahne /

und denckest nicht daran / wie offt dich Osculane

mit Hertzens-Lust gehertzt: nimmst die Polypfien

die doch so untren ist / an statt Porthenien.

Was meinst du / sagt hierzu / die rothe Purpurelle /

was denckt Panomfe doch? was dichtet ihr Geselle /

die kluge Pasarist? solt noch wohl günstig seyn /

Palinerothe dir / nun du bist so gemein?

Gedenckst du nicht daran / was dorten die Sperathe /

die du nun untreu heisst / dir / werther Flemming! thate /[276]

das keine Freundin thut? doch nahmst du Salvien /

die helffen konte dir / mit sammt der Svavien.

Das sind ja Namen gnug: noch hat er kein Genügen;

gen Himmel ist er gar mit seiner Kunst gestiegen /

und hat auf Erden bracht das Kind Siderien /

und die noch höher ist / auch Theodosien.

Sie stiegen wieder auf: Tharmantie / die Schöne /

kommt nach an ihre Statt: und daß ihn bald bekröne

Volinie blau-braun / lässt er Timokriten /

die doch so freundlich war: nimmt an Valerien.

Heisst diese wieder gehn / ergiebt sich Valerosen /

die mit Velozien muß um die Liebe losen /

noch war sies nicht allein / weil seine Zimbrit

sie jagte aus dem Feld! und die Zinezie /

die einem andern war / der frommen Zelodienen

nicht schaden konte mehr: doch dorfft er sich erkühnen /

wohl tausend mehr so viel / wie sich es schicken wolt /

zu nennen / denen nur sein Sinn und Hertz war hold.

Hat Flemming das gethan / die Cron der teutschen Zeiten /

der fremden Länder Ehr / dem ich / ach! noch bey weiten

nicht zu vergleichen bin: was wird denn meine Pflicht /

erfordern dir zu thun / zu der mein Hertze spricht:

Daß du seyst mit ihm eins? wie kan ich dich doch nennen /

daß ich nicht fehl und irr? wie muß ich dich bekennen /

Freund- oder Feindin mein? ich zweifle sehr daran /

ob ich / wie dir gebührt / dich so benennen kan.

Zwar sind der Namen viel / wann aber / was sie deuten /

wir eigentlich besehn / muß ich doch überschreiten

der Warheit gleiches Ziel: es gehet je nicht an /

bey dir / was Flemming hat den Seinigen gethan.

Dann solt ich / Liebste! dich heut heissen Anemonen /

du würdest Morgen schon mein wieder nicht verschonen;

Amene wär dein Nam / wann du nur liebtest mich /

du hiesst Ambrosie / wann ich nur kennte dich.

Dein Silber-weisser Glantz könt Albien dich tauffen /

mit Asteris köntst du wohl in die Wette lauffen /

verkriechen müste sich die schöne Basilen /

wann einmal möchtest du in Gnaden mich ansehn.

Wie mich nach dir verlangt / so köntst du wohlwohl heissen

die Desiderie / und wie du mich thust speisen[277]

mit bitter-süssem Kraut: könt ich benahmen dich

die Dulkamara mein: und wann du einmal mich

erfreuen woltest nur / so wärst du die Dulzisse /

von der mich keine Noht / kein Unfall wieder risse /

doch / weil dus nimmer thust / so solt und must du seyn

die Dolorosa selbst / die mir macht grosse Pein.

Sonst / weil du bist beredt / so köntest du wol führen

den Namen mit der That; du köntest alsbald spüren /

daß die Eulalie dir / Schatz! gewichen sey /

und daß Fidelie mir geben deine Treu /

Wenn du so heissen wolltst. Du wärest die Filene

und Filotate mit: die Liebliche / die Schöne:

Wann nur das theure Wort / Kandora / dir gefiel /

ich meyne / deine Treu: nun weist du / was ich will.

So wolt ich tauffen dich / wann du nur selber woltest;

so solt ich tauffen dich / und du mit Recht auch soltest

dich wägern keinmal nicht / doch wie du untreu bist /

so auch dir nicht gar viel um diese Namen ist.

Ach wenn ich denck an dich / O seelge Rosimunde!

wie du mir deine Treu / aus deines Hertzens Grunde /

von Anfang offenbahrt: heissts freylich weh und ach!

gar selten / selten kommt uns etwas bessers nach.

Drum weiß ich anderst dich / auch besser nicht zu nennen /

wann ich die Warheit soll / mit trucknem Mund / bekennen /

als meine Delite / die mich verderben will /

und tilgen aus durch sich: mein Tod der ist ihr Ziel.


Die lächlenden Geberden der Königin / deren sie sich / unter dem Lesen / vernehmen ließ / verursachete Polyphilum zu forschen / warum sie doch so heimlich lache / es müsse gewiß was besonders darinnen seyn? worauf ihm die Königin das Papier darreichte / mit der Antwort / daß sie die Thorheit der Verliebten verlache.

Polyphylus / so bald er den ersten Vers erblickte /gedacht alsobald / es geschehe diß / aus besonderer Fügung / des so wollenden Himmels / bekandte sich dannenher schuldig / dieses Namens sich zu bedienen /[278] als welcher von dem Himmel selber / mit Macarien zu wechseln / verordnet sey. Deßwegen er die Königin über die Thorheit der Verliebten immer lachen ließ / er aber verlachte / im Gegentheil / die Thorheit ihres Gelächters.

Die Deutung aber / des Namens Delitee / wolte dem furchtsamen Polyphilo fast ein Schrecken einjagen / daß er ihm die Gedancken machte / es werde / in diesem letzten Versen / der Untergang seiner Liebe /mit seinem höchsten Verderben / angekündet / und sey sie von dem vorsehenden Himmel Delitee genennet worden / daß / wie ihre Liebe allbereit erloschen; also auch seine flammende Brunst / durch die Kälte ihrer Widerwertigkeit / aber zugleich mit seinem Leben / erleschen würde. Wiewol die Erinnerung dessen / was Melopharmis versprochen / viel ein anders zeugete / und dieses ausleschen oder vertilgen auf die Schmertzen und Furcht seines Hertzens / in der brennenden Liebes-Pein deutete. Dessen er noch mehr versichert wurde / weil Atychintida Schertz-weiß anfieng: Diesem gehet es vielleicht nicht besser / als es euch ergangen / edler Polyphile! mit Macarien: dem Melopharmis antwortete: mit nichten / Polyphilus wird nicht vertilget werden / sondern seine Liebe wird feuriger brennen / wann Macarie die Glut der schmertzhafften Bekümmernus ausleschen wird. Darauf Polyphilus / als entrüstet / anfieng / weil ihm diese Wort erwünschte Gelegenheit zur Hand gaben: von was vor einer Macarien saget ihr / die mir meine Schmertzen leschen werde? Kan man auch Schmertzen tilgen / wo keine Schmertzen sind? Ich weiß nicht / was ich sagen soll. Zwar muß ich gestehen /daß ich / in dem[279] Tempel der Liebe / viel von Macarien gehöret / und noch mehr gesehen. Ich muß bekennen / daß / da ich von Macarien gehöret / mir der Name so wol gefallen / daß ich ihn vor andern gepriesen / ich muß auch das sagen / daß / da ich sie gesehen / mein Hertz erschrocken / meine Augen geblendet / und mein Mund erstummet ist: aber daher folget nicht / daß entweder sie meinem Hertzen Leid erreget / oder ich ihre Erlösung hoffe. Was mich dort gefangen hält / ist Tugend; und was ich an ihr rühme /ist Kunst; was ich verwundere / ist Verstand: Sie aber mit einer solchen Lieb zu suchen / die mir Schmertzen verursache / ist so ferne / als meine Unwürdigkeit von ihrer Würde / und ihre Gedancken / von meinem Beginnen. Durch jenes darff ich mich dessen auch nicht einmal unterstehen; durch dieses warnet mich ihr Vorsatz der Einsamkeit vor vergeblicher Arbeit. Aber ohne Liebe / rühm ich sie; ohne Liebe verlang ich sie: weil sie werth ist zu rühmen / und würdig zu verlangen: so fern auch die Tugend Liebe verdienet / kan ich ihr auch diese nicht versagen / aber mit dem Beding /daß meine Liebste Delitee / nicht etwa über Verkehrung der Sinnen / und betrügliche Untreu klagen dörffe.

Kaum war das Wort ausgeredt / als Atychintida anfieng: Habt ihr denn auch / edler Polyphile! eine Deliteen: Ja / sprach er / eine Deliten; sie fragte weiter: die ihr hertzlich liebt? die ich hertzlich liebe: antwortete Polyphilus; und Atychintida: die ihr einig liebt? Ja! sprach wider Polyphilus / die ich einig liebe / und die ich biß daher / unter dem Namen der Tugend-gezierten Macarien / geehret. Wie wird dann / fragte die Königin ferner / die Weissagung / auf den Tafeln verfasset / erfüllet werden?[280] die ist / versetzte Polyphilus /nunmehr schon erfüllet / weil ich die Erlösung erworben; was aber das wolle / daß nunmehr das Gelübd der Einsamkeit / durch mich solle aufgehoben werden / kan ich nicht anderst / denn durch das fremde Joch deuten / darunter Macarie wird gefangen liegen /weil / mir solches zuzuschreiben / eine Vermessenheit / und wider den offenen Verstand der Wort gehandelt wäre. Darum erkenne ich mich vor die Ursach dieser Befreyung / mit welcher vielleicht die Gelübds-Bedingung / in gleicher Zeit und Länge bestehen sollen: aber den Zerstörer ihrer Einsamkeit wird man Polyphilum nicht ehe nennen / biß Macarie selbsten Delite heisset / oder in dieselbe verwandelt wird. Dann diese / und sonst keine / beherschet meine Freyheit.

Quelle:
Maria Katharina Stockfleth: Die Kunst- und Tugend-gezierte Macarie, 2 Bände, Band 1, Nürnberg 1669, S. 268-281.
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