Achter Absatz

[281] Beschreibet / wie Polyphilus / mit der Königin / und deren Angehörigen / Tafel gehalten / und was sie von der Verbauung dieses Schlosses / vor Gespräch erkieset: Lehret / daß Kunst und Tugend / nicht durch des Himmels / sondern der boßhafften Menschen Schuld erdrucket liege.


Atychintida wolte weiter reden / allein die Tafel war bereit / deßwegen sie abbrechen / und wieder hinab steigen musten. Polyphilus ließ seine Augen nochmal über den Berg gehen / und schickete der schönen Macarien einen hertzlichen Seufftzer. Indem er aber den Berg bey sich betrachtete / und dessen unermäßliche Höhe bewegte /[281] die alle andere bey weitem überstieg /und also befand / daß dieses etwas sonderliches / und denckwürdiges war / fragte er Melopharmis; ob er nicht vor andern einen besondern Namen führete / die ihm im Fortgehen antwortete / daß er in gemein der Mohren-Berg genennet würde / aber selber nicht wisse / aus was Ursachen. Darauf Polyphilus / mit lachendem Schertz / anfieng; vielleicht / weil / hie zu Lande / so viel der weissen Mohren gefunden werden / die sich der Sonnen-Hitze etwas näher hinzu machen müssen / damit ihr zarter Leib / und dessen gläntzende Schöne / die Augen der Sterblichen nicht verdunckele. Aber das war ein nichliger Schertz.

Atychintida hörete das alles / aber mit tauben Ohren an / weil ihr Hertz voll Verwunderung war /und sich nicht besinnen kunte / wo hin die Reden Polyphili zu deuten. Polyphilus hergegen freuete sich heimlich / daß er die Königin so artlich betrogen /und war bedacht / wie er ferner klüglich handele /weil er sahe / daß die Heimlichkeit hoch vonnöthen wäre / solte anderst das geschwätzige Gerücht / seine Macarien nicht bekandt machen.

Beyde giengen sie in tieffen Gedancken / biß zur Tafel / da alles aufs herlichste bereitet / und reichlich zugerichtet war. Polyphilus solte den obern Sitz nehmen / und den Königlichen Thron bekleiden; aber seine Bescheidenheit beugete vor dißmal das Recht /und muste / nach lang-verübter Höflichkeit / Atychintida ihren Sitz / unter einem Purpur-Himmel; Melopharmis aber nächst zu ihr / auf einem Sessel / mit rothem Scharlach bekleidet / nehmen: auf der andern Seiten dienete Polyphilus der Königin auf einem mit grünen Sammet verdecktem Stul; und[282] schloß seine lincke Seiten Coßmarites; deme sich gegen über setzte Clyrarcha / mit den andern Anwesenden die die Tafel fülleten.

So bald aber mochte die Königin nicht Gelegenheit haben / daß sie ferner von Deliten fragte / als Polyphilus / von ihm selber / heimlich zu lachen anfieng /und / auf der Königin Begehren / versetzte: wie er sich nicht ohne Ursach verwundern müsse / daß ihm der Verfasser dieses Gedichts / seiner Liebsten Namen beraubet / das er in Warheit / solt er nur die Person wissen / nicht wol leiden würde / sondern einen Kampff anfangen. Und diß wuste er mit solcher Höflichkeit anzubringen / daß jedermänniglich seinen Schertz wol verstehen konte.

Die Königin aber war damit nicht zu frieden / sondern dorffte das völlige Werck zu forschen sich unterwinden / darauf doch Polyphilus nichts anders antwortete / als daß Liebes-Sachen geheime Sachen seyen / die die Zahl von dreyen / so wohl in dem Wissen / als in den Wercken hasse. Und weil Melopharmis sahe / daß gleichwol die Königin nicht ruhen wolte / und zu beförchten / Polyphilus könte sich nicht so leicht auf etwas bedencken / fieng sie ein ander Gespräch an / und gab Gelegenheit / von der Erledigung ihres Gefängnusses zu reden / mit Erinnern / daß rühmlicher wäre / anjetzo davon zu reden /und den Himmel dadurch zu preisen / als andere Unnötigkeiten zu forschen. Dessen Polyphilus nicht wenig erfreuet wurde.

Die Rede aber der Zauberin Melopharmis war diese: Welt-seeligste Königin! Es wissen E.M. wohl /in was harter Bedrangnus sie die Zeit gestecket / wel che mir mein Kind / durch die Boßheit der[283] neidischen Cacogretis geraubet. Und zeuget die Freude / so uns allesammt erfüllet / daß sie gleichsam aus der Finsternus an das Liecht / und aus der Todes-Furcht in das sichere Leben versetzet: welches / wie es allein durch der Götter Macht geschehen / also ist dieselbe billich zu preisen / mit Verwunderung zu verehren / und mit müglichstem Danck zu erkennen. Lasset uns demnach gefallen / und gebe E. M. gnädigen Befehl / daß die Hochweisse den Göttlichen Wundern nachdencken /und ihre Begnädigung mit erklären vorlegen. Dessen weiß ich / wird auch Polyphilus / sich mehr freuen /als aller andern Lust / und wird ein jeder / nicht ohne besondere Hertzens-Erquickung / zuhören.

Wiewohl nun Polyphilus bald merckte / daß Melopharmis dieses / zu ihrer geheimen Lust / und der Weisen zu spotten begehret; weil er nicht unwissend /daß diß alles durch kein Wunder des Himmels / viel weniger einige Begnädigung der Unsterblichen: sondern durch die trügliche Kunst der Zauberey geschehen; wägerte sich doch nicht / gab alsobald seinen Beyfall / weil er eben auch merckte / daß Melopharmis diß alles / zu seinem Besten geredt. Der Wille Polyphili war bey der Königin ein Befehl / dem zu schuldiger Danckbarkeit männiglich gehorsamen muste. Atychintida fieng selber alsobald an zu erzehlen / wie sie sich so gar nicht besinnen könne / durch was Mittel / und auf welche Art sie sey erlöset worden / so gar hätte der donnernde Blitz ihr Hertz erschrecket in der Höle / daß sie nicht bey ihr selbst geblieben. Polyphilus erinnerte / wie ihm ein Donnerschlag das Kind aus dem Arm gerissen / und wie alles mit erschrecklichem Krachen hergangen.[284] Unter den beyden Weisen aber entstund ein Streit / wie die langwürige Verbannung müsse zugangen seyn; deren jener / Clyrarcha / die Allmacht der allein Vermögenden unsterblichen Götter: Dieser / Coßmarites / auch die List und Boßheit eines Menschen / die durch die Natur viel erlernet / daher setzen wolten. Und als sie eine geraume Zeit / nicht ohne Beliebung der Zuhörenden / gestritten / fieng endlich Melopharmis an /die Sach zu schlichten / mit diesen Worten:

Wann ich meine unverständige Meinung darff hören lassen / pflichte ich allermassen dem Clyrarcha bey / dann keines Menschen Hand diese Werck vollführen / und selbsten die Natur dem allen nicht beystimmen kan. Solte wohl / fuhr sie ferner fort / eines Menschen Hand eine solche Burg versetzen / und in die tieffe Wasser versetzen / und unversehrt versetzen / und in einem Augenblick versetzen / als wir wissen / daß dieses Hauß versencket worden? solte wol eines Menschen Hand / den Grund abreissen / die Erde unter dem Wasser ausgraben / und ein so grosses Gebäu in der Lufft halten können? solte wohl eines Menschen Hand / die Wasser stemmen / ohne einen aufgeworffenen Thamm / über ein Hauß führen / ohne fallende Tropffen / und wieder ableiten /daß nichts schade? wer einen wenigen Verstand hat /wird auch das erkennen. Drum lasset uns die Wunder der gewaltigen Götter in diesem preisen / und nicht aufs neue Zorn verdienen / wann wir menschliche Ohnmacht / denen Göttlichen Kräfften vergleichen /und / der Natur mülich zu seyn / bejahen wollen / was gerad wider dieselbe streitet.

Coßmarites widersetzte sich diesem mit grossem[285] Eyfer / vielleicht weil er es nicht rühmlich hielt / von einem Weib besieget zu werden. Er führete aus allen Historien Zeugnus an / die sattsam erwiesen / daß mehrmals Menschen-Witz viel erfunden / und wunderbare Ding verführet. Sonderlich erinnerte er / was er beym Philostrato gelesen / welcher vom Apollonio zeuget / daß selbiger / bey den Indianern / zwey Fässer / wunderbarer Art / gefunden / deren eins den Regen / das andere die Wind beschloß. Wann sichs nun zugetragen / daß das Land zu dürre worden /habe das Regen-Faß gantz Indien / mit Thau / benetzen können / wann es eröffnet worden: sey es aber geschehen / daß der Regen sich über nöthig vermehret /haben sie mit dem Faß / auch den Regen gleichsam verschliessen können. Das andere hat / nach dem Willen der Menschen / die Winde ausgelassen / daß die Lufft gesäubert und gereiniget worden / auch / zu beliebiger Zeit / wiederum zu ruck gezogen / und sich verschlossen. Diß Zeugnus bekräfftigte er / noch zum Uberfluß / mit folgendem / daß er beym Olao gelesen / sich erinnerte / wie vor dem die Finländer /denen Schiff-Bedienten / wann sie widrigen Wind erlitten / die Winde zu kauffen geben / in dreyen Knotten / mit der Unterrichtung / daß / wann sie den ersten lösen würden / solten sie gelinde Lufft hoffen; der andere würde etwas hefftiger: aber der dritte stürmend und wütend brausen. Welches auch die jenige / mit nicht geringen Schaden / erfahren / so diese Müglichkeit verlachet / und die Knotten zur Versuchung geöffnet. So erzehlet / fuhr Coßmarites fort / gedachter Zeuge / von einer Hünen-Tochter / Namens Hagberta / daß sie / durch ihre Kunst / sich selbst verändern /und nach ihrem Gefallen / in tausend Arten verwandeln[286] können. Wunderbahre Ding werden von derselben gelesen / namentlich / daß sie an dem gewölckigten Himmel weit und breit sey daher gefahren; bald wieder / als ein ohnmächtiger Mensch / herab gefallen / aber zugleich den Himmel mit ihr niedergerissen; bald habe sie die Erden aufgehänget / und über den Himmel geworffen / bald unter den Wassern ersäufft; bald habe sie die Brunnen verhärtet / die Berge zerschmeltzet / die Schiff in die Lufft erhöhet / und auf dem Winde gesegelt / selbsten die Götter bestürmet /das Gestirn zerstöret / und die verfinsterte Tieffen erleuchtet. Wie deren noch vielmehr gedachter Verfasser in seinem Buch bezeichnet. Ist nun dieses erfahren / oder vielmehr erwiesen worden / was sollen wir auch bey uns zweiffeln? Ich schliesse nicht unbillich dahin / daß noch heut zu Tage solche Künste unter den Menschen gefunden werden.

Melopharmis / als welche / auf solche Art / bald sollen verrathen werden / fieng / mit einem lautern Nein / die Rede an zu beantworten / und weil die zeitige Furcht ihr Hertz und böß Gewissen schröckete /winckete sie dem Polyphilo / er solte ihr beystehen /und sie schützen. Dieser / da er sahe / daß der Discurs männiglich wol gefiel / fieng er folgender Gestalt an: Ich habe / mit nicht geringer Belustigung / eurem Gegen-Streit eine Weile zugehöret / und wolte wünschen / daß mein Verstand sich so hoch erhebte / die Sache beyzulegen / aber die noch frühe Jugend entschuldiget ihre Unwissenheit. Daß ich aber / meiner Gewonheit nach / rede / damit ich lerne / und lehre /auf daß ich unterrichtet werde / will ich meine Meynung vor dißmal euch / Melopharmis! nicht weniger auch denen andern Anwesenden zu richten und zu[287] verbessern geben. Ist demnach kein Zweiffel / sie habe in allem recht geredt / alleredelste Melopharmis! weil man gestehen muß / daß solche über- und widernatürliche Werck / nicht durch natürliche Mittel / sondern entweder / durch die himmlische / oder auch höllische Herrscher der Natur / verrichtet werden: wollen wir nicht gestehen / daß die Natur wider sich selbst streite. Ihr aber auch / verständiger Coßmarites! könnet euch / meines Erachtens / auf gleiches Recht verlassen / weil ihr in allem dem / was ihr geredt / nichts unmügliches behauptet: aber in dem Fall ists beyderseits gefehlet / daß keiner das dritte / dadurch solche Werck verrichtet werden / getroffen.

Anlangend die Erzehlung der Geschicht / halt ich davor / daß sie freylich wunderns werth sind / wann sie warhafftig sind: das aber stehet noch in grossem Zweifel. Sintemal keine grössere Unwarheit verkauffet wird / als von den Verwandlungen und Wunder-Wercken der Welt. Sehet an den Liebes-Poeten /was Wunder-Dinge erzehlet er in seinem Verwandlungs-Buch / und mit solchen Umständen / daß mancher ein Eyd auf die Warheit schweren solte? Wie weitläufftig beschreibet er den Riesen-Krieg / die die Berge zusammen getragen / den Himmel zu stürmen? wie scheinbar redet er von der Circe und Medea: Auch des Diomedis Gesellen / welche in Vögel verwandelt / lange Zeit hernach / um den Tempel Diomedis / geflogen: deßgleichen von der Gesellschafft Ulyssis / durch die Circe in wilde Thiere verwandelt; auch dem Gottlosen Lycaon / in einen Wolff; der Daphne / in einen Lorbeer-Baum; der Syringa / in ein Rohr; denen Heliaden / in Bäume; der Calisto / in einen Beeren; und[288] nach dem / mit ihrem Sohn Arcas /in Gestirn; der Coronida / in eine Krähe; der Ocyrhoe / in ein Pferd; dem Blatto / in einen Stein / wie auch Aglauros; ja! dem Jupiter selbst / in einen Ochsen verwandelt / und andern mehr? darff ich weiter gehen / wer solte nicht glauben / daß gewißlich Phaeton von seinem Vatter Apollo begehret / die Sonne an dem Himmel-Dach einen Tag herum zuführen / das ihm der Vatter vergönnet / aber mit der Warnung /daß er herunter fallen würde / wie hernach geschehen? Wer solte nicht glauben / daß gewißlich Cadmus seine Diener / Wasser zu dem Heyligthum zu holen /abgefertiget welche von einer Schlangen / bey einem Brunnen / im Walde / allesamt umbracht; deßwegen Cadmus entrüstet / und die Schlange / in deren Gestalt der Drachen-König verborgen war / mit Macht erleget / auch / nachdem / dessen Reich eingenommen: Und als er / Cadmus / die Zäne des Drachen /nach dem Rath der Pallas / ausgesäet / ein hauffen rüstige Männer aus der Erden gewachsen / die sich untereinander erwürget? Wer solte nicht glauben / daß gewiß Acteon die Dianam badend gefunden / welche ihn in einen Hirschen verwandelt / daß er hernach von seinen eigenen Hunden zerrissen worden; Oder was er vom Narcisso erzehlt / der sich selber / wegen seiner Schöne / die ihm der Brunnen entdeckt / lieb gewonnen; oder auch vom Bacho / und seinem Freuden-Spiel / wie er / mit Epheu gezieret / von Mann- und Weibs-Personen / mit Trummeln und Pfeiffen / sey umher geführet worden? Wer solte nicht glauben /daß die unglückselige Flucht der Leid gebährenden Thisbe / vor der blutigen Löwin / gewiß geschehen /da sie ihr Gewand verlassen / welches von[289] der Löwin zerrissen und beschmieret / dem getreuen Pyramo den Tod verursachete / Pyramus aber der gleich-getreuen Thisben; Und was dergleichen Gedicht unzehlig viel mehr sind? Das alles aber verursachet der geschwinde Aberglaube / und die hefftige Begierde / in uns Menschen / etwas neues zu hören / etwas hohes zu verwundern. Denn so ist unser Natur beschaffen / daß wir alle gerne Wunder hören / und neue unerhörte Dinge forschen. Daher es kommt / daß nicht nur die Gemeine und Ungelehrte / sondern auch die Hoch-verständige / ihre grösseste Beliebung an dergleichen Wunder-Gedichten gehabt / und ihnen solche Unmüglichkeiten / als müglich / vorgebildet / damit sie ja was neues hätten. Könnet ihr derowegen aus dem nichts gewisses schliessen / mein Coßmarites!

Gleichwol aber / weil annoch die tägliche Erfahrung vieler Wunder-Dinge gleiches bezeuget / können wirs auch nicht gäntzlich verneinen / bevorab da wir das Beyspiel vor unsern Augen haben. Melopharmis schreitet alsobald zu der gewaltigen Macht des Himmels; welches / wenn ich sagen darff / was ich dencke / auch gefehlet ist; und tritt in diesem Stuck Coßmarites näher zur Warheit / indem er der Boßheit der Menschen einen Theil dieser Verrichtungen zuschreibet. Dann daß die Unsterblichen wider sich selbst streiten solten / ist nicht glaublich; auch wird sich der Himmel nicht selber stürmen; vielweniger die Erde über sich erhöhen / und was dergleichen mehr. Folget demnach von sich selbst / daß diß ein Werck der bösen Geister / welche mehrentheils durch ihre Werckzeug / als dero Diener und Dienerinnen arbeiten / und uns theils warhafftige Verstellungen[290] erwecken / theils auch mit nichtiger Blendung betrügen. Welches letztere mit allem Recht von Hagberta / der Hünen Tochter / davon ihr uns erzehlet / kan gesprochen werden / und vielleicht auch von der Verbannung dieses Schlosses. Zwar läugne ich nicht / was ihr vor behauptet / daß solcher Dinge viel / natürlicher Weise / zugehen / bevorab / da ich glaube / es sey eine heimlich-verdeckte Kunst / in der Natur /welche / so wir erkundigen solten / wie dann die Weißheit der Menschen immer weiter geht / freylich viel wunderbare und seltzame Ding würden gesehen und gehöret werden / die / unter tausenden / nicht einer / vor menschlich oder natürlich halten wird. Daher ists / daß Aristoteles / der hochgepreiste Naturkündiger / ein gantzes Buch / von den verborgenen Wundern der Natur geschrieben: wann anderst Theophrastus nicht billiger desselben Verfasser von vielen benennet wird. Was soll ich sagen von Plinio / der in allen seinen Schrifften / sonderlich im andern Buch seiner Natur-Geschicht / viel herrliche Wunder bezeichnet. Was vom Proclo / Augustino / Alberto magno / Fracastorio und Ficino / die alle einhellig dahin schliessen? Ich sehe / daß ihnen meine Wort nicht übel gefallen / so lasst uns nur ein einiges aus dem Plinio vernehmen / der selbsten von der Natur /sie zu erkundigen / geschaffen zu seyn scheinet. Er berichtet aber / im andern Buch / seiner Natur-Geschichte / von einem harten Felsen / welcher in ungeheurer Grösse / bey Harpasa / einem Städtlein in Asia / stehen soll / dieser Art / daß / so man ihn mit einem Finger berühre / er sich bewegen lasse / als ein kleiner Stein: da man aber / mit gantzem Leib und grosser Gewalt / ihn waltzen will / widersetze[291] er sich gleichsam / und werde unbeweglich. Deßgleichen schreibet er von zweyen Bergen / bey dem Indischen Fluß / deren einer die Natur hat / daß er alles Eisen an sich ziehe; der andere / daß er kein Eisen leyde: daher die so ihre Schuh mit Nägeln verwahret / von jenem nicht herunter / zu diesem nicht hinauf kommen können. So lesen wir auch von einem Brunnen / zu Dodona / einer Stadt in Chaonia / welcher dem Jupiter geheiliget / daß er gantz kalt / und die angezündete Fackeln / so man darein tunckt / auslesche: aber / welches ja wunderbahr / die ausgeleschte / so sie hinzu gehalten werden / wieder anzünde. Gleiches ist bekandt /von einem andern auch gantz kalten Brunnen / in Illyrien / so man ein Kleid / auch in der Höhe / über ihn hält / dasselbe zur Stund anzündet. Und wer weiß nicht / was der hochteutsche Held / Herr Opitz / im 4ten Buch seiner Poetischen Wälder / von Wunder-Wassern merckliches erzehlet / da sein geliebter Buchner angefangen / daß sonderlich / die Macht des Höchsten / die gütige Natur / sich an der See / den Flüssen und Quellen ausgelassen / und ihr bestes Meisterstück erwiesen. Da er bald drunter setzt: in Boetien sollen zwey Flüß seyn / deren einer alle Schaaff / so daraus trincken / schwartz / der andere weiß mache. In der Stadt Garamant soll der Brunnen Dubris / des Tages / zehenmal Eißkalt / und des Nachts / zehenmal siedend heiß seyn. In der Larinensischen Gegend / sind zwey Brunnen / nahe beysammen / von denen der eine alles in sich schluckt / der ander alles auswirfft. Welcher aus dem Clitorischen Brunnen trinckt / soll auch den Wein nur nicht riechen können. In Teno ist ein Quell / dessen Wasser sich unter keinen Wein mischen läst.[292]

Darauf fieng Atychintida an: Ach! daß alle Wasser dieser Art wären! ich möchts wohl leiden / sagte Polyphilus / und fuhr weiter fort: selbst auch unser belobtes Teutschland hält einen solchen Brunnen in sich /daß / wann jemand eine Henne hinein stecket / die er mit Recht überkommen / sollen ihr die Federn stracks gebrühet werden und abgehen: Hat er sie aber mit Unrecht / bleibt sie / wie sie zuvor gewesen. Von den Reise-Leuten / aus Italien / bin ich öffters berichtet worden / daß allda zwey Brunnen vorhanden / in deren einem ein Hund stracks sterben / in dem andern bald widerumb lebendig werden soll. In Schottland soll sich gar ein Wasser in Stein verwandeln: welches der hochgeschätzte Opitz / an etlichen in Zips / mit eigenen Augen gesehen zu haben / zeuget. Deßgleichen auch von einer Pfütze bey Thorda / in Siebenbürgen /welche / ob sie zwar von unglaublicher Tieffe / dennoch keinen Menschen untersincken lässt / er könne schwimmen oder nicht. Und daß wir von dem Wasser / auf andere Wunder der Natur kommen / ist bekandt / daß zur Schelnitz / etzliche Meilen von Caschau / das Eisen / durch eine Quelle / innerhalb wenig Stunden Inschlit / und dieser hinwieder in Kupffer verwandelt werde. Was soll ich sagen von dem Demant / welchen die Griechen ἀ;ἄ;δ;α;μ;α;ς genennet / weil er sich weder vom Eisen / noch mit Feuer / bewegen lasse: und doch ists erwiesen / daß er durch ein warmes Bocks-Blut erweichet werde. Solten wir diesem den Magnet entgegen halten / würden wir wiederum / in beyden / eine unglaubliche Wunder- Krafft befinden. Denn so der Demant bey einem Eisen ligt / wird er ihm solches nicht nehmen lassen / und da es von dem Magnet ergriffen[293] / wirds hinwiderum der Demant erfassen und wegreissen. Daß wir aber nicht nur von den entseelten Creaturen hören / wollen wir mit wenigen an den Wunder-Fisch gedencken /welchen die Griechen ὲ;χ;ε;ν;η;ὶ;ς, die Lateiner Remora nennen / und von welchem der viel-belobte Aristoteles / in seinem andern Buch der Thier-Geschichte /deßgleichen Plinius / solche Dinge schreiben / die nicht nur von den Alten erzehlet und aufgeschrieben /sondern auch von ihnen selbsten / und andern / zu der Zeit / lebenden Menschen mehr / augenscheinlich wahrgenommen werden. Es soll nemlich dieser Echeneis / ein kleines Fischlein / etwa einen halben Schuh lang / einer grosser Schnecken nicht ungleich seyn. Doch dennoch / so er sich auch an die grösseste Schiff / die / mit gewaltigem Lauf / durch das Meer eilen / und sonsten von keiner Verhindernus könten aufgehalten werden / anhänge / bleibe selbiges in dem Augenblick ruhen / und könne weder durch die zwingende Winde / noch die treibende Wellen / vielweniger die ausgespannte Segel fortgeführet werden. Und ist das das allerwunderwürdigste / daß ein solche ungeheure Last / ein so mächtiger Flug / eine so geflügelte Geschwindigkeit / nicht durch Zuruckhalten /nicht auch durch Widerstreben: sondern einig und allein durch das Anhängen / eines so geringen Fischleins / kan aufgehalten werden. Wann die Exempel unglaublichen Dingen sonst Warheit erwerben / kan ich auch dieses mit dem Schaden Antonii bekräfftigen. Dann als dieser wider Augustum / bey der Stadt Actis / zu Wasser kriegete / und selbsten / auf dem Admiral-Schiff / um sein Heer herum eilete / und sie zum Streit anmahnete / hat dieser Fisch solch sein Schiff gehalten / daß[294] ers nicht von der Stell bringen können / auch gezwungen worden / in ein anders zu tretten. Welche Versäumnus dann verursachet / daß Antonius / in verwirrter Ordnung / von der Käiserlichen Armada / eilfertig überfallen / und biß auf das Haupt geschlagen worden. Aber daß wir uns nicht länger aufhalten / wollen wir auch die vernünfftige Creaturen besehen / und wie viel diese Wunder-würdige Sachen verrichtet / anhören. Jener H. Vatter schreibet / daß er viel gekennet / die gantz anderst /als andere Menschen / geartet gewesen / auch so gar wunderbar / und von ihnen allen vor etwas sonderliches gehalten / alldieweil sie seltzam / und in kleiner Meng angetroffen werden. Sie haben / spricht er / an ihren eigenen Leibern solche Dinge vollbracht / die kein anderer nachthun / auch schwerlich glauben wird / wann mans ihm erzehlt. Dann etliche haben die Ohren am Kopff bewegen können / wie ein Pferd oder Camel: auch so gar bißweilen eins allein / bißweilen beyde zusammen. Andere haben ihr Haar / ohne Bewegung des Haupts / so weit es bewachsen / auf die Stirn hervor bracht / und / nach ihrer Beliebung / wieder zu ruck gezogen. Andere haben / was sie zerkeuet und verschlucket / in unglaublicher Menge / ohne grosse Bemühung / wieder gantz und unzerkeuet hervor bracht / und / welches das grösseste / ein jedes Stuck /in seiner Art / absonderlich. Andere (welches mir zwar die gebührende Schamhafftigkeit zu erzehlen verwehren sollte; aber die Warheit zu bekennen erheischet /) haben nach Lust und Liebe / mit ihren Winden spielen können / in solcher Meng und Ungleichheit / daß sie so gar auch ein Liedlein blasen können. Auch finden sich / die schwitzen können / wann[295] sie wollen; weinen und Zähren vergiessen / wann ihnen beliebet: auch wohl gar ohne Empfindung seyn. Wie dann gedachter Vatter / von einem Priester / mit Nahmen Restitutus, meldet / welcher / womit er nur wollte / sich sinnloß machen konte / und gleich als ertödtet danieder legen / so gar / daß er nicht gefühlet / ob man ihn stosse oder pfropffe / auch einesmals / da man ihn mit Feuer versucht / ohne Empfindung sich weidlich brennen lassen: Auch hat man keinen Athem an ihm gespüret. Was wollen wir von der Himmels-Kugel Archimedis und Possidonii sagen / davon der Römische Redner / im ersten Buch seiner Tusculanischen Fragen / und andern / von der Götter-Natur berichtet / daß sie alle Bewegungen der himmlischen Circul / aufs eigentlichste und deutlichste vorgeleget? Wer solte wol gedencken / daß dieses ein Werck menschlicher Müglichkeit gewesen? wie es doch in Warheit gewesen. So schreibet Albertus von zweyen Knaben in Teutschland / vor deren einem alle verschlossene und verriegelte Thor und Thüren / zur lincken Seiten / freywillig aufgangen / so offt er über die Gassen / vor den Häussern hergeloffen: vor dem andern aber / zur rechten. Unter welches Wunder / eben der Erzehler / mit ausdrücklichen Worten setzet / daß diß nicht anderst / als der verborgenen Krafft und den verdeckten Wunder-Würckungen der Natur / die ihnen beyden / in ihrer Geburt mitgetheilet sey /könne beygemessen werden. Wiewol ich / in dem Fall / selber noch in grossem Zweiffel stehe / und mir nichts Gewisses zu bejahen oder zu verneinen unterfangen darff. Das aber zeuge ich frey / und habe mich deßwegen / in Erzehlung solcher Wunder-Dinge /gern etwas aufgehalten / daß ich erweisen möchte /[296] wieviel in der Natur verborgen / das wir Sterbliche noch nicht ergründet / und wann es ergründet wird /wir alsobald auf ein Göttlich Wander oder teuflische Blendung rathen / da doch offtmals die reiche Natur /und hoch-steigende Menschen-Weißheit / so durch Fleiß / so ohngefehr / solches zu erkennen oder zu richten gestattet.

Nun kan ich mit dem Grund der Warheit schliessen: haben jene Menschen / durch natürliche Mittel /das und das verrichten können: warum nicht noch zu unsrer Zeit? haben die und die Thier solche Art und Krafft gehabt: warum nicht auch andere / die wir nicht erkennet? haben diese oder jene Geschöpffe / oder entseelte Cörper / so oder solche Würckungen in sich gehabt / warum nicht noch anjetzo? Ist aber das / wie es denn warhafftig ist / was wollen wir das neue Erkantnus desselben / ein Wunder oder Unmüglichkeit schätzen. Was meynet ihr wol / Melopharmis! wann uns die Krafft des Magnets nicht so bekandt wäre /sondern allererst heut erfunden / und von dem Erfinder zu etwas neues / uns unwissend / gebrauchet würde / was würden wir anderst / als ein unerhörtes Wunder / und verblendete Unmüglichkeit schliessen. Gleicher Gestalt steckt noch manche verborgene Krafft in den Kräutern und andern Gewächsen der Erden / damit die / so sie erkennen / viel wunderbare Ding verführen. Was höret man von der Spring-Wurtzel / die auch die vesteste Schlösser eröffnet? was von der Waffen-Salbe / die an dem gegenwärtigen unempfindlichem Gewehr / den Beschädigten abwesend heilet? Was von andern / die hie nach der Läng zu erzehlen / so verdrüßlich / als unnötig ist.[297]

So haltet ihr / Polyphile! fieng Melopharmis an /gantz und gar darvor / daß alles natürlich geschehe /und selbst auch die Versenckung dieses Schlosses /durch menchliche Müglichkeit / sey gewürcket worden? Deme Polyphilus widersetzte: Ich glaube wol /daß der Eyfer / der erzürnten Götter / ihre Rach verübet / wie ich selbsten auch / in meinen hochgeliebten Vatterland / dessen ein Exempel weiß / an einem herrlichen Schloß / das / durch das gerechte Gericht / des unsterblichen Gottes / wegen seiner verruchten und übermachten Boßheit / biß in diese Stunde / versencket ist und bleibet: an dessen statt aber ein unergründlicher Brunnen gesehen wird / der von den Benachbarten / ins gemein / der Dilsgraben benahmet / welchen ich selbsten mit meinen Augen gesehen; so hab ich mir auch von einem Daucher / nicht ohne Glauben / erzehlen lassen / daß an einem andern Ort dergleichen noch zu finden / indem er / selbiges zu besehen / unter das Wasser gefahren / aber an die Thurn-Spitze angestossen / und seinen Leib gefährlich durchbohret: welches Mahl ich auch gesehen. Uber das weiß ich von dem Heinrichs-Berg / und habs selbst erfahren / daß eine Jungfrau / zu gewissen Jahrs-Zeiten / aus einer Hölen / sich hervor thut / und über die Verbannung / dadurch sie / mit ihrem Hauß und Leuten / auch einem unerschöpfflichem Schatz versencket / klaget / auch die Errettung hoffet / biß auf heutigen Tag. Aber daher läst sich nicht schliessen / daß / weil es Gottes Straffe / also könne es nicht natürlich / nicht auch durch andere Mittel / geschehen. Ich gebe euch / edle Melopharmis! und verständiger Coßmarites! in allem Recht: allein ihr müsset auch mich meines Rechts geniessen lassen.[298] Wolt ihr dann nicht / so antwortet mir auf das / was ich euch / wider die Natur / und Gottes Ordnung geschehen zu seyn /erweisen will. Was glaubet ihr von den höllischen Geistern / denen Tausend-Künstlern / und ihrem verdammten Anhang / dadurch sie ihre Macht üben?

Melopharmis erschrack über diesen Worten / als schlüge sie ein Donner ins Hertz / darum sie auch verstummete: gleichwol sich so stellen konte / als wäre ihr die Frag zu schwer; Coßmarites aber hielt starcke Wider-Rede / und erwieß / daß auch die böse Geister nicht anderst / als durch natürliche Mittel schaden und helffen könten. Dann / sagte er / gleich wie die Hoch-Verständige und Wunder-Gelehrte ihre natürliche Wunder-Würckungen / nicht anderst / als durch ordentliche besondere Mittel / verrichten können: also die unverständige / so sie dergleichen Werck verrichten / werden sie / von den Kunst-verständigen Geisten / in dem allen / unterwiesen / wie sie durch das Kraut / zum Exempel / die Kranckheit; durch den Stein / die Blendung; durch das Thier / die Verführung; und wieder ein anders / durch ein anders / verrichten können. Archimedes kan mir solches / mit seiner Kunst / erweisen / welcher auch die schwerste Last / mit den geringsten Kräfften / bewegen konte. Als nun geschahe / daß der König Hieron solches nicht glauben wolte / und er seine Wissenschafft zu Werck richtete / hat er ein ungeheures Schiff / voller Last und Schwere / mit ruhiger Hand fort getrieben /aber durch Hülff eines vielseitigen Instruments /gleich als gieng es auf dem stillen Meer: gleich so verständiget / der Kunst-vermögende Geist / seine Werckzeug / aller deren Mittel /[299] dadurch sie Wunder thun / und uns betrügen können.

Das / versetzte Polyphilus / will ich nicht läugnen /daß nicht auch diese sich solcher Mittel gebrauchen /und habe es nie geläugnet / so fern ich glaube / daß auch die Zauberer warhaffte Werck vorstellen / und die Augen nicht allemal mit angefärbter Nichtigkeit verblenden: aber das habe ich zeigen wollen / ob nicht auch die Verbannung dieses Schlosses / von der wir nun erlöset / eine blosse Blendung gewesen. Sehen wir die Mannigfaltigkeit der Geschichte an / muß ich von mir selbst bekennen / daß mein Sinn / in zweiffelhaffter Antwort / das Stillschweigen erwählet / und nichts gewisses schliessen mag. Viel ist durch Zauber-Kunst verrichtet worden / an deren Gewißheit man nicht zweiffeln können: Viel aber auch / ja das meiste / hat Augen und Ohren heßlich betrogen. Dorthin können gerechnet werden / die mancherley Bildnussen / aus Holtz / Eisen und anderer Materi verfertiget / die ohne äusserliche Hülff und Bewegung sich zu bewegen / fort zu gehen / ja auch zu reden / und /auf gegebene Frag / zu antworten unterstanden. Nicht weniger auch die Offenbahrungen heimlicher verdeckter Sachen / als da sind / die Erkundigung eines geheimen Diebstals / die Erfindung eines verborgenen Schatzes / und die Wissenschafft dessen / was über so viel Meilen geschehen ist. Hieher gehören auch die Weissagungen von künfftigen Dingen / der gewisse Schluß in zweiffelhafften Sachen / und die Beherschung des Glücks in Gefährlichkeit. Das alles aber /wie es durch keine natürliche Mittel / in Ungewißheit kan vollbracht werden: also auch / in Gewißheit nicht[300] bestehen / durch falsch-geführte Würckungen. Sondern die vielmächtige Geister wissen und können /Krafft ihrer beywohnenden Geschwindigkeit / und erlernten Wissenschafft aller natürlichen Geheimnussen / dann auch aus geübter Erfahrung in allen Dingen / alle / auch die uns unbekanteste und wundervolle Arten / aller Gewächs und Geschöpff / so gar auch /deren Gleich- und Ungleichheit / und wie die aller widrigste vereiniget / die Vereinigte können getrennet werden / daher sie nachmals seltzame und Wunder-bereichte / uns unmüglich-scheinende Werck verüben / so durch sich selbst / so durch andere. Und daß die Unmüglichkeit vor unsern Augen desto scheinbarer sey / geben sie vor / als müsten sie auf gewisse Art bekleidet seyn / ziehen viel Linien / bilden viel Figuren / machen nicht weniger Mercker / erdencken besondere Wort und Red-Sprüch / deren Gewalt sie alles zuschreiben / was sie aus einer fremden Krafft verrichten; da doch alles offenbahr ist / daß in dem Kleid / in der Linien / in dem Bilde / in dem Merckmal / in denen Worten / und so fort an / nicht ein Füncklein einiger Natürlichkeit stecken könne. Und doch sehen wir die warhaffte Werck vor Augen / ohne den geringsten Betrug. Wer hats nicht erfahren / daß denen / der Zauber-Kunst Ergebenen / alles offen stehe / und kein Schloß vor ihnen vest genug verwahret bleibe? Wer hat nicht gelesen / daß sie ihre Gegenwart im Augenblick uns entziehen / und ehe wirs verhoffen / davon schwinden können / als wären sie nie gewest? wie ich das mit dem Exempel Apollonii Tyanei bekräfftigen könte / der gleiches / in Gegenwart des Käisers Domitiani / gethan. Ob aber das alles in seinem Werth beruhet / machen doch / im[301] Gegentheil / andere betrügliche Verblendungen / mich sehr zweiffeln / und solches um desto mehr / weil deren Gewißheit durch den endlichen Betrug zum öfftern erwiesen worden. Ein einiges Exempel anzuführen /lesen wir bey dem Philostrato / daß eine Zauberin /von grosser Schönheit / sich gestellet / als liebe sie Menippum / einen Jüngling von gleicher Schöne / und verlange dessen Ehe. Als nun der Hochzeit-Tag heran nahete / habe die Zauberin ein herrliches Mahl / mit den köstlichsten Tranck und Speisen / in Gold und Silber / bereitet / und auftragen lassen. Nun wurde auch Apollonius auf das Mahl gebeten: weil aber dessen Augen nicht mochten verblendet werden / als welcher selbsten der Kunst erfahren / hat er alsobald die schändliche Betrügerey / denen Anwesenden / entdecket / sagende: ihr sehet des Tantali Garten / welche /nach dem Zeugnus Homeri / etwas zu seyn scheineten / da sie doch in der Warheit nichts waren: dann was ihr sehet / ist nicht hier. Ohne Zweiffel ist diese Zauberin aus der Zahl deren gewesen / die sonsten den Polter-Geistern verglichen werden / und beschrieben / daß sie nicht nur der bösen Lust sehr nachhängen / sondern auch grosse Begierde tragen / Menschen-Fleisch zu fressen / zu dessen Erlangung / sie die Erwehlte / mit versüsseter Lust / reitzen / und hernach verschlingen. Als nun Apollonius seine Wort geendet / ist aller Vorrath auf einmal verschwunden /und der gäntzliche Betrug vor ihren Augen gewesen. Sie aber / die Zauberin / hat bekannt / daß sie Menippum / wann sie ihn vorher mit Wollust gemästet / hernach fressen wollen / weil ihre gewohnte Speise sey die junge Mannschafft / wann sie zu ihrem vollkommenen Blut gelanget.[302] Was soll ich von andern Verblendungen sagen / deren Menge so groß / daß sie noch täglich beobachtet wird? Wie vielmals hab ich mich selber verführen lassen / indem ich gewiß geglaubet / es sey allem dem so / wie und was ich sehe; Habe aber befunden / daß ich eine Maus vor einen Elephanten / ein bekandtes Burger-Hauß / vor ein Schloß / einen meiner besten Freund / vor weiß nicht was angesehen? Selbsten hab ich gesehen / daß /durch solche Verblendung / eine Weibs-Person geglaubet / sie gehe im Wasser / die doch auf den trockenem Pflaster stund. Selbst hab ichs gehöret / daß bey hellem Sonnen-Schein die Silber-klare Wolcken gedonnert / und der geläuterte Himmel geblitzet. Selbst hab ich auch geschauet / daß ihrer etzliche um das Leben zu schencken gebeten / denen der Galgen in die Lufft gebauet war / aber nur vor ihren Augen; und mit einem Wort / es ist nichts so wunderbahr /daß die Geschwindigkeit nicht verzaubern könne /was ists? daß sie auch Todten erwecken / darauf eines schwören solte / sie wären gestorben und erstanden. Wie dessen einen Beweiß Philostratus ertheilet. Dann als Apollonius einer Toden Bahr / darauf eine verstorbene Jungfrau heraus getragen wurde / begegnete / hat er sich gestellet / als sage er ihr etwas leis in die Ohren / darauf der Todte erwachet / und zu voriger Gesundheit gelanget. Gleiches lesen wir von Hercule und Asclepiade / einem berühmten Artzt / zur Zeit des Käyser Pompeii Magni: Deren jener Alcestem; dieser einen andern Menschen vom Tod erwecket / und aus dem Grab hervor gezogen: daß aber diß nicht warhafftig geschehen könne durch Zauberey / erweiset die Beschaffenheit der Seelen. Ist sie sterblich? kan sie /so sie einmal[303] gestorben / nicht in eben der Beschaffenheit wieder leben. Ist sie unsterblich? wie sie ist /so ist sie auch über alles menschliche und natürliche Vermögen / und keiner Creatur unterworffen; denn sie ist geistlich / himmlisch / und erwartet der Götter Befehl / daher folgen muß / daß solche Verrichtungen nicht besser / als Nichtigkeit und ein verführtes Wesen zu benennen. Nun könt ich gleicher Gestalt schliessen / daß auch unsre Augen / die Zeit der Verbauung / gehalten worden / daß sie nicht sehen können / was sie sehen sollen.

Als Polyphilus so verständlich geredt / und alle Anwesende mit sonderlichem Eyfer aufmercketen /schlug Melopharmiz die Furchtans Hertz / die sich aber bald in einen Haß verkehrete / daß sie wunschete / sie hätte Polyphilum / vor die Errettung / ersäuffet: Deßwegen sie ihn auch mit schlechter Lieblichkeit anschauete / daß Polyphilus leicht verstehen möchte /es sey Zeit zu schweigen; darum er seine Rede endigte / mit den Worten / daß diß sein Bedencken sey /wiewol er sich gerne eines bessern unterrichten lasse. Darauf Melopharmis anfieng: und mit Recht / weil die Sach selber ein bessers zeuget / und die Rache der erzürneten Götter / wegen meines Sohnes / augen scheinlich erweiset / daß diese Versenckung keine Blendung / sondern ein Straff-Werck des ergrimmten Himmels gewesen. Deme Polyphilus nichts mehr entgegen setzen möchte / weil er gedachte / es mag gewesen seyn was es wolle / ich dancke dem / der mich beym Leben errettet / daß ich wieder zu Macarien kommen kan. Auch Atychintida / die nach der Weiber Art aus allem gar zu bald eine Sünde drehen konte /fieng an zu erweisen / daß die[304] Götter gar leicht könten aufs neue erzürnet werden / wann man ihre Wunder denen verdammten Zaubereyen gleich schätzen / und ihre Gnad / nicht mit besserm Danck / versetzen wolle. Darum ihr beliebiger sey / von andern Dingen Gespräch zu halten. In zwischen Atychintida diese Wort endigte / bestellte Melopharmis nachgesetztes Lied / zur Bewährung ihrer Warheit / mit Hülff der Musicalischen Instrumenten / abzusingen / welche sie ohnlängsten / von Polyphilo selbsten verfertiget /überkommen / und in solche Gesang Weise versetzen lassen:


Wie will doch das Menschen-Hertze

forschen / was dem Himmel gleicht?

Kan dann unsre Sinnen-Kertze

funckeln / wann das Liecht erbleicht?

Nein / wir können nicht verstehen /

was der Himmel heist geschehen.


2. Er ist dort: wir hie auf Erden /

zwischen uns das Wolcken-Zelt /

das nicht kan entdecket werden /

ohne / wann es Gott gefällt:

aber Gott kan leicht entdecken /

was auf Erden wir verstecken.


3. Wunderbahr sind deine Wercke /

wunderbahr Rath / Krafft und Geist:

Die die schwache Menschen Stärcke

unverwundert bleiben heisst /

weil wir wissend das nicht wissen /

was die wundre Himmel schliessen.


4. Nur von ferne; nur im Spiegel

sehen wir / was dort geschicht:

biß das neue Gnaden-Siegel

öffnet Gottes Angesicht /[305]

das wir dorten werden schauen /

hie dem Wort der Zusag trauen.


5. Was will dann der Menschen Rathen

rathen jener Ewigkeit?

wer? wer will der Götter Thaten

wissen in der Sterblichkeit?

Alle wir bekennen müssen /

daß wir das nicht können wissen.


6. Drum / O Mensch! bleib bey der Erden /

daß du nicht stosst oben an;

Sonsten wirst du fallend werden /

daß dir niemand helffen kan.

Wer sich will zu hohe schwingen /

pfleget sich zu Fall zu bringen.


7. Götter-Rath ist wie die Flammen /

die von ferne wärmen fein:

kommen sie zu nah dem Stammen /

wird er bald verzehret seyn:

Gleich so muß es dem ergehen /

der des Himmels Schluß will sehen.


8. Weit von Göttern / weit vom Blitzen /

weit vom Donner / weit vom Schlag:

Laß die Himmel / Himmel sitzen /

dencke nicht den Wundern nach /

die du doch nicht wirst erdencken /

dich nur tieffer drein versencken.


9. Jener Vatter hats erfahren / (Augustinus)

der das grosse Wellen-Meer

solt erschöpffen und bewahren

in der Gruben; das war schwer:

Eben schwer kont er ersinnen

Thun der Götter und Göttinnen.


10. Auch hat der bekennen müssen / (Jearus)[306]

eben was vor ihm bekannt /

der die Sonnen wolte grüssen /

dahin er den Flug gewandt:

sich gestürtzet in die Tieffen /

da die wilden Fluthen lieffen.


11. Fiel nicht auch der Thurn ingleichen /

dessen Spitzen aufgeführt / (zu Babylon)

daß sie kont das Dach erreichen /

da man an den Himmel rührt?

Aber wie? Er muste sincken /

durch der Donner mächtig wincken.


12. Allen wird es so ergehen /

die sich schwingen Himmel an:

Die Geheimnus zu verstehen /

die man nicht verstehen kan:

Alles muß zur Tieffe neigen /

was den Himmel will ersteigen.


13. Drum / so lege Zaum und Zügel /

Mensche! deinem Sinn und Witz:

Drucke das verschloßne Siegel

der Vernunfft erhöhtem Sitz:

Laß in duncklen Himmel-Dingen /

deine Kräffte nicht verringen.


14. Glaube / was du nicht verstehest /

hoffe / was du siehest nicht:

Wo du stehest / wo du gehest /

dencke / was man sonsten spricht:

Gott / der uns bißher geführet /

diß und alles das regieret.


15. Ich will bleiben in den Schrancken /

tretten auf die Einfalt-Bahn /

und mein Hertz mit den Gedancken

weiter nicht mehr lassen an:[307]

Dann das / was es weiß geschehen /

nur im Glauben solle sehen.


16. So wird Gott in seinem Wesen;

Himmel / Himmel bleiben fort /

und der Mensche seyn genesen /

wann er kommet an den Ort /

da er alles wird verstehen /

was der Himmel heisst geschehen.


17. Unser Wissen ist verstücket /

unser Leben Unverstand /

jenes mit der Kunst beglücket /

die den Himmel selbst erkannt:

Hie wir suchen / dort wir finden /

was wir können nicht ergründen.


Quelle:
Maria Katharina Stockfleth: Die Kunst- und Tugend-gezierte Macarie, 2 Bände, Band 1, Nürnberg 1669, S. 281-308.
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