Neunter Absatz

[308] Beschreibet den Ausspruch der beyden Weisen / Clyrarchä und Coßmarites / von der Macht und Ohn-Macht der Zauberer; welches Gespräch die Lehr-Puncten selber zeiget.


Nach vollbrachtem Gesang erinnerte sich die Königin hinwieder an Polyphili Reden / und weil dieselbe von der Vermögenheit der Zauberer einen Zweiffel verursachet / gab sie dem Clyrarcha Befehl / als der biß daher still geschwiegen / sein Bedencken zu eröffnen /wie hoch er meyne / daß sich solche Krafft erstrecke.

Clyrarcha erschrack zu erst gar sehr / daß er in so grosser Gefährlichkeit reden solle / weil er um das Thun Melopharmis wuste / und in ihrem Gesicht den Grimm der erzürnten Boßheit wahrgenommen:[308] Doch weil er der Tugend gemäß erfunde / die Warheit durch keine Furcht unterdrucken zu lassen / und Polyphilum zu seinem sichern Schutz setzte / fieng er folgender Gestalt an: Durchleuchtigste Königin! Ihrem Befehl zu gehorsamen zwinget mich mein Beruff / und die Warheit zu schützen / ermahnet mich mein bessers Wissen / darum ich / mit kurtzen Worten / den Ausspruch des verständigen Polyphili gut heissen und bekräfftigen muß. Nicht zwar nehm ich mir das zu behaupten / was er von der Versenckung dieses Schlosses / und dem Fluch / der uns troffen hat / zweiffelhafft gesprochen / denn darinn können wir nichts gewisses schliessen / und ist uns genug / daß wir davon erlöset / ob wir gleich nicht wissen / wie wir erlöset /oder wovon wir erlöset: weil wir gleichwol das wissen / daß wir von einem grossen Fluch und elendem Gefängnus erlöset worden: davor wir mehr dem Erlöser dancken / als eyferig nachgründen sollen: sondern das will ich gehorsamlich / und so viel mir wissend /erweisen / daß die Zauber-Kunst eine mächtige Kunst / und wunderthätig ist. Weiln aber Polyphilus allbereit die Exempel angeführet / daß es verdrüßlich scheinet / dieselbe mit mehrem zu häuffen / will ich bloß die Dinge / so ihre Krafft vermag / anzeigen /neben denen dabey gesetzten Gründen / auf welche ihre Kunst gebauet. Zweyerley aber haben wir sonderlich in acht zu nehmen / eines ist / daß der Geist / von sich selbst / aus einem Ort in den andern / und solches / mit unglaublicher Behendigkeit / sich verfügen kan / so gar / daß er in einer Stund die gantze Welt durchwandelt. Das andere ist / daß er gleicher Gestalt / und mit nicht viel geringer Geschwindigkeit /auch andere Cörper von[309] Stell zu Stell tragen kan: den Beweiß können wir von denen heiligen Geistern und Engeln im Himmel nehmen. Dann wie jene durch natürliche Krafft die Himmels-Kugel drehen können: also können auch diese / durch eben die Krafft / andere Cörper bewegen. Diese Bewegungen aber / welches wieder wol zu behalten / geschehen entweder ohne Mittel / von dem Höll-Geist selber: oder durch Mittel / von andern / and aus fremder Würckung. Jenes betrifft die Bewegung der Cörper; dieses / was auf solche Bewegung letzlich erfolget. Kan derowegen /in dem ersten Grad / der mächtige Höll-Gott viel thun / das wir nicht glauben / das wir nicht begreiffen können / und also nothwendig vor ein Wunder halten müssen. Da vermag er / zum Exempel / Feuer vom Himmel zu werffen / das alles verzehre / was es betrifft. Da vermag er grausame / brausende Winde zu erregen / die alles ausreissen / und zu boden stossen. Da vermag er die allererschröcklichste Wetter / mit Donner / Hagel und Blitz / so auf der Erden / so in dem Meer / anzurichten / daß die Schiff mit Wellen bedecket / und in die Tieffe versencket werden. Da vermag er ein grosses Erdbeben / durch ein saussendes Brausen / in den getiefften Hölen / zu befördern /und die Berge zu zerreissen / auch alles / was auf und unter der Erden ist / zu erschröcken: dessen ihr / edler Polyphile! vor ein Exempel geben / mit den beyden Wind- und Regen-Vässern. Und diß ist dem Menschen zum Schrecken. Zum Betrug kan er mit gleicher Macht / Menschen / Vieh / und alle andere Sachen /gar gesch wind an fremde weit entlegene Oerter führen. Welches bekräfftiget wird mit dem / daß wir zum öfftern feurige Schlangen / Drachen / auch wol[310] Menschen / in der Lufft schweben sehen. Und daß / dem Zeugnus Alberti nach / einsmals Ochsen und Kälber geregnet / welches traun nicht anderst / als durch des Geistes List und Betrug geschehen. Dieses Betrugs machet sich auch theilhafftig / daß er gegenwärtige Dinge mit grosser Behendigkeit / und ehe man sichs versiehet / wegnehmen / und anderswo hinführen kan / daß wir nicht anderst sagen können / als es sey verschwunden. Wie ich von eben dem Apollonio gelesen / davon ihr vor erzehlet / daß er vor dem Käiser Domitiano verschwunden. Und welches fast mit dem eintrifft / kan er auch gegenwärtige Ding unsichtbar machen / wie vom Gyge / Plato und Cicero erzehlet: wanns anderst wahr ist / was sie erzehlen. Uber das ists kund / daß er auch die unbeseelten Bilder und Götzen gehend und redend machen kan / in dem er nemlich selbsten in ihnen redet / selbsten sie fortführet. Dergleichen ich wiederum von Apollonio gelesen / daß / da er beym Jarcha und dem Brachmann gespeiset / haben sich steinerne dreyfüssige Tisch /Bänck / Leuchter und andere Geschirr von sich selbst beweget / und ertzene Mundschencken / die Becher /im Cräiß herumgeführet / auch mit gewisser Maß /das Wasser / unter den Wein gemischt / und einem jedweden zu trincken dargereichet. Von den Bäumen /Pflantzen und Thieren können wir eben das sagen /daß sie auf menschliche Art / reden und Gespräch halten: auch was die unvernünfftige Thier belanget / bewegen sie sich selbsten auf wunderbahre Weiß / und verrichten solche Sachen / die ohne reiffen Verstand und bereichte Vernunfft nicht können vollbracht werden. Sehen wir andere Wunder an / müssen wir bekennen / daß die Macht des Geistes /[311] aus einer Kugel / eine Flamme / und ein groß Feuer hervor bringen kan / das weit und breit gläntze. Wie wir beym Plinio / von Servio Tullio lesen / daß ihm / da er geschlaffen / eine helle Flamme / aus seinem Haupt / schiene; und von L. Martio / in Spannten / da er die Rache / wider die Mörder der Scipionen / dem Volck einrieth / daß er gantz gebrennet. Auch ist dieses nicht genug / weil er auch die Wasser theilen /stemmen / und zu ruck treiben kan / so gar / daß man nicht anderst meynet / als der Fluß fliesse wider sich selbst. Wie auch dieses Plinius / zu seiner Zeit geschehen / verkündiget. So ist ihm nicht verwehrt / allerhand Gestalten an sich zu nehmen / und dieselbe dermassen zu verändern / daß er bald einem Menschen / bald einem Löwen / bald einem Engel / bald einer gantz sinnlosen Creatur sich gleiche. Und dieses kan er nicht nur an sich selbsten / sondern auch an allen andern Sachen / Gold / Edelgestein / Speise /Feld / Wälder / Thier und Menschen / daß er ihnen /auf wunderbare Weiß / allerhand Gestalten andichte /und jenes in diß / dieses wieder in jenes verwandele. Weiln er aber / fast in allen / freye Macht hat / kan er aus der Erden auch vielfältige Dünst und Dämpffe hervor bringen / ja! wohl gar die Feuchtigkeiten / in dem Menschen / entweder mehren / oder verringern; die Gliedmassen trennen / und wieder zusammen fügen / was nicht zusammen gehöret; die natürliche Hitz rauben / und also grosse Kranckheiten verursachen / wie in denen offenbahr zu sehen / die von dem bösen Geist besessen. So kan er auch die innwendige Sinnlichkeiten also bewegen / daß sie ihnen die vergangene Dinge vormahlen / so doch nicht gewesen; die Gegenwärtige einbilden / so doch nicht[312] seyn; die Zukünfftige hoffen / so aber auch nicht seyn werden. Er kan die äusserliche Sinnen bethören / so wol in den Wachenden / als Schlaffenden. Den Wachenden zwar / das sie gedencken / sie hören / das sie doch nicht hören / und sehen / das sie doch nicht sehen /und thun / das sie doch nicht thun / und leiden / das sie doch nicht leiden. Den Schlaffenden / indem er ihnen zukünfftige Ding / als Gegenwärtige vorstellet /sonderlich in denen Begebenheiten / die er / als künfftige muthmasset. Daher kommts / daß wir so offt durch die Träum verführet / denen wir doch so grossen Glauben geben. Und scheue ich nicht zu sagen /daß die Träum-Deutungen / mit andern dergleichen Weissagungen / als dem Vogel-Geschrey / der Erweckung der Todten / dem Entgegen-Lauf der Thier / und dergleichen / ihren Ursprung aus diesen künstlichen Verstellungen und Blendung zu erst genommen. Wie wir davon viel herrliche Exempel beym Valerio maximo; von Cicerone aber / in seinem Buch / von den Weissagungen / völligern Bericht haben. Es stärcket diese meine Gedancken / daß der Höll-Geist auch die äusserlichen Sinne gantz verstellen und verführen kan / indem er entweder von aussenher allerhand sichtbare Wunder und Wunderwürdige Ding vorstellet / deren sich doch nichts in der That befindet: oder auch von innen die Empfindlichkeit dermassen beweget / daß sie die äusserliche Sinne zugleich mit verwirren / damit sie von dem / was sie sehen / hören oder thun / keine richtige Verständnüs haben sollen. Und auf solche Art / können diese böse Geister / auch endlich allerhand Bewegungen zur Liebe / oder Haß; Furcht oder Vertrauen; Trost oder Verzweifflung / in dem Menschen[313] erregen. Wie deren Exempel alle Geschicht-Bücher voll sind. Das kan der Geist ohne Mittel. Durch Mittel kan er eben das / und vielleicht ein mehrers / oder ja zum wenigsten / unsern Augen viel verdecktere und unmüglichere Werck vollbringen. Denn da sind in vielen Steinen / Wassern / Kräutern /Säfften / Holtz / Thieren / auch in der Erd / und dem menschlichen Leib / viel unbekandte / verborgene /aber doch natürliche Kräffte / durch deren Hülf und Gebrauch / solche Sachen geführet werden / die wir eine Unmüglichkeit und über-natürliches Wunder achten / weil es etwas neues und ungewohntes ist /auch die Art / wie es / und wodurch es geschehen /uns gantz unbekandt und verborgen. Zu dere Behuf haben die Zauberer / durch welche der Meister nicht selten würcket / ihre gewisse Kräuter / damit sie das oder das zu Werck richten. Deren etzliche Plinius benennet und schreibet / daß sie glauben / mit dem Kraut Aethiopide / könne man die Flüß und Wasser trocknen; oder / da sie verschlossen / mit einem Uberwurff eröffnen: mit einem andern könne man ein gantz Heer erschröcken und in die Flucht jagen / wann mans unter sie werffe. So findet man beym Democrito eine Artzney / durch dessen Hülff nicht nur schöne; sondern auch fromme und glückselige Leute gebohren werden. Auch ist zu verwundern / was sie in gemein von dem Kraut / welches bey ihnen Verbenaca heisset / vorgeben; daß / wer selbiges recht gebrauche /alles glücklich verrichte / alle Kranckheiten vertreibe /getreue Freund erwerbe / und allem Ubel wehren könne. So ist das über alle Wunder / was beym Aulo Gellio und Plinio zu lesen / wie hoch die Zauberer den Camaleon halten / welchen sie vom[314] Democrito empfangen / dem Obersten der Zauberer. Welches alles hie zu wiederholen unvonnöthen / darum ich schliessen / und mit dem Ende meiner Rede / auch der Macht des bösen Geistes / ein Ende setzen will.

Polyphilus merckte auf alle Wort mit scharffem Nachdencken / und befand viel / das er gern widersprochen hätte / allein die Boßheit Melopharmis hieß ihn still seyn. Als aber Atychintida ihn fragte / wie ihm das alles gefalle? muste er / aus Zwang der Höfligkeit / dem Clyrarcha / mit gleicher Einstimmung /begegnen / und seine Rede billigen / wie er zuvor Polyphili Reden gut geheissen: gleichwol führete er mit an / möchte ich nun auch hören / was dann der Zauber-Geist nicht vermöchte? welches Coßmarites am besten bewähren wird / als welcher mehr der Natur /dann der Zauberey geneigt ist. Die Rede erfreuete Coßmaritem / und zugleich auch die Königin / so gar / daß diese geschwinden Befehl gab / jener ohne Verzug gehorsamte / in diese Wort heraus zubrechen:

Durchleuchtigste Königin! und auch ihr / edler Polyphile! viel haben wir bißher vernommen / von der verzaubrenden Macht / und ist nicht ohne / daß sich dieselbe weit erstrecke: werden wir aber auch die Ohnmacht hören / wird sich jene mercklich verlieren; weil ich was auch andere sagen / dennoch gewiß bin /daß diese Kunst nichts / ohne entweder natürliche Mittel / oder nichtige Verblendungen / ausrichten kan. Daß ich aber auch die Ordnung Clyrarchæ halte / und erst erweise / was ihm ohne Mittel / hernach durch Mittel unmüglich: setz ich zu förderst / daß er keines Wegs / er sausse und brausse[315] auch / wie er wolle / die Welt zerstören und einbrechen könne; dann er selbsten ist ein Theil dieser Welt; ein Theil aber hat nicht Macht über das alles / wessen Theil es ist. Nach dem kan er oben so wen ig die Ordnung Gottes in dieser Welt ändern; dann selbige ist das Gute selber / das ihm nicht zu Gebot stehet: Eben so wenig die Haupt-Theil der Welt versetzen / daß er aus Morgen /Abend; und aus diesem wieder jenes; aus Mittag /Mitternacht; und hinwider aus Mitternacht / Mittag mache. Eben so wenig kan er den Himmel aufhalten /und seinen gewohnten Lauf verhindern / oder auch still stehen heissen. Eben so wenig kan er ein Element von einem Ort an den andern tragen: ja! viel weniger kan er machen / daß an einem Ort nichts sey / weil damit die Zusammenfügung / dadurch alle Theil des Himmels / mit der Erden aneinander hängen / getrennet / und also auch ihre Führung und Regierung aufgehoben würde. Und weil diese Geister eine abgemessene Bewegungs-Krafft an sich haben / dadurch sie in den Schrancken vieler Unmüglichkeiten bleiben müssen / können sie eben so wenig / einen jedweden Leib / oder ein jedwedes Ding / an einen jedweden Ort tragen / und mit gleicher Behendigkeit / als sie wollen / will geschweigen in dem Augenblick. Dann die Geschwindigkeit der Geister unter sich selbst ist ungleich / und hat dieser mehr / jener weniger Hurtigkeit überkommen. Auch können sie eben so wenig machen / daß zwey Cörper zugleich an einem Ort /oder ein Leib zugleich an zweyen Orten sey / oder daß ein Leib den andern unversehrt durchdringe: Eben so wenig dasselbe bewegen / von dem Ort / wann er nicht zu nächst dabey ist / dann der Beweger und das[316] Bewegte müssen nothwendig beysammen seyn. Endlich auch kan er / eben so wenig / einen Leib von hinnen / an einen andern Ort führen / daß er ihn nicht durch die Mittel-Bahn führe; und mit einem Wort /nichts warhafftig thun / von dem allen / was der allein mächtige. Himmel seiner Krafft vorbehalten. Dannenhero folget / daß er auch durch Mittel / in deren Gebrauch er sonst mächtig ist / dennoch nicht alles thun und verrichten kan. Dann er kan kein selbst-ständiges / oder auch zufälliges Wesen hervor bringen /weil er ein Geist ist / der keine leibliche materi / unmittelbar / verwechseln kan / daraus ein cörperliches Wesen entstehe. Er kan nichts aus nichts erschaffen /dann etwas aus nichts zu erwecken / ist denen unsterblichen und unendlich-mächtigen Himmels-Göttern allein eigen. Zu dem kan die Würckung / durch natürliche Mittel / mit nichts nicht umgehen / auch in nichts sich nicht gründen. Was soll ich von Verwandelung anderer Dinge sagen? Er kan nicht alles aus allem machen / sondern bindet / was sich binden lässet / und scheidet / was sich scheiden lässet: obs uns verborgen / und daher Wunderhafft scheinet. Er kan nicht durch eine jede Ursach / auch eine jede Würckung üben: nicht / durch ihm gefälliges Werckzeug /alle Ding gewinnen. Und ob er die gehörige Mittel brauchet zu dem wollenden Werck / kan er doch nicht / ohne vorgehende gebührende Verwandlung und Verneurung / von neuem / ein selbstständiges Wesen / das dem vorigen ungleich sey / auswürcken: viel minder in kurtzer Zeit / oder einem Augenblick. Er kan nicht / ob schon durch natürliche Mittel / alle natürliche Dinge / in alle andere / nach seinem Gefallen / verwechseln; Ursach / weil ihm die[317] Mittel fehlen. Er kan nicht vollkommene / warhaffte Thier / ohne Saamen / gebären: sondern / da er / aus Steinen oder Holtz / Pferd und Löwen wachsen / oder aus den Wolcken Ochsen und Kälber regnen lassen / sind entweder solche von andern Orten hergeführet / oder ein nichtiger Betrug gewesen. Gleich so kan er auch /durch den Saamen / kein Thier / alsobald in vollkommener Höhe und Dicke: noch weniger über die gebührende natürliche Grösse; oder auch darunter bilden: sondern er muß der Natur ihren Lauf lassen / die er nimmermehr zwingen wird / wider sich selbst zu handeln. Muß er also / in allem / die Ordnung mit halten /wie es die Natur erfordert; darum er nicht das Letztere einführen kan / ohne das Erste / kein Hinter und Vörder machen / ohne das Mittel / kein Nidriges / ohne die Höhe / und diese hinwieder nicht / ohne die Tieffe. Die Todten aber lebendig zu machen / ist ihm so unmüglich / daß nichts unmüglichers seyn könne / und ist alles das / was er in diesem erwiesen / oder noch erweiset / eine blosse Nichtigkeit / und nichtige Verblendung. Darum / daß ich viel mit wenigen fasse / er kan nicht verwehren / daß nicht ein jeder thue / was ihm zu thun / die sonst ordentliche Mittel zulassen /und was ihm zu thun gefället / wann ihm sonst nichts mangelt / das Verhindernus verursache. Er / der Geist / selbsten / und alle / die ihm anhangen / vermögen mit all ihrer Kunst / wie hoch sie selbige auch rühmen und ihnen einbilden / nichts mehr / als was natürliche Müglichkeiten zulassen / oder verzaubrende Verblendungen dichten können: welches alles aber / weil es im höchsten Grad der Vollkommenheit stehet / und sie tausend verborgene Heimlichkeiten wissen / davon wir nie gehöret[318] / als halten wir solches / aus unsrer Unwissenheit / vor Wunder / und wol gar Unmüglichkeiten / darinnen wir dann weit fehlen. Und diß ist meine Meynung.

Alle billichten diese Rede / ausser Melopharmis /die heimlich bey ihr gedachte / im Werck zu erweisen / was sie mit Worten nicht widersprechen dorffte: und weil ein jeder aufzustehen verlangte / erhebte sich Atychintida von ihrem Thron / und mit ihr alle / die zur Tafel sassen. Nach vollbrachter Dancksagung wurde Polyphilus in das Königliche Zimmer / durch die Königin und Melopharmis begleitet / gegen welche er sich mit solcher Freundlichkeit geberden konte / daß Atychintidæ Gnade immer mehr und mehr gestärcket / Melopharmis Gunst aber leicht wieder erworben wurde; wiewol nicht ohne starcken Verweiß und harter Bedrohung.[319]

Quelle:
Maria Katharina Stockfleth: Die Kunst- und Tugend-gezierte Macarie, 2 Bände, Band 1, Nürnberg 1669, S. 308-320.
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