Sechster Absatz

[47] Beschreibet den Zustand Polyphili / in der verwilderten Einsamkeit / und wie er den Verlust der Insul Soletten hinwieder bereichert: Lehret / daß wir Tugend / mit Müh / gewinnen müssen.


So schlaffe nun Philomathus in seiner seeligen Ruh. Wir kommen wieder zum Polyphilo / welcher / nach dem er / wie oben gedacht / an dem damahls erlangten sichern Port ausgestiegen / die Zeit mit allerhand betrübten Gedancken zugebracht / sonderlich da ihm sein Hertz in einer steten Creutz-Presse gedrucket worden; meines Erachtens / weil der Tod Philomathi ihn unwissend gepeiniget.

Sein härtestes Anligen war / daß er nicht nach dem Namen der vortrefflichen weiblichen Vollkommenheit geforschet / davon ihm Philomathus so viel wunder-herrliche Ding erzehlet / und / daß sie vor eine Göttin /[47] von denen Solettischen Inwohnern / gehalten werde / bekräfftiget. Tag und Nacht war dieses sein Sinen und Gedencken / wie er der Glückseeligkeit theilhafftig würde / die Insul Soletten / und darinnen seinen allerliebsten Philomathum wieder zu sehen. So viel er aber der darzu behülfflichen Anschläg machte /gleich so viel / ja noch vielmal mehr verdrüßliche Verhindernüssen legte das widerige Glück in den Weg / die dem Polyphilo den Paß verhaueten. Unter andern war diese nicht die geringste / daß / weil er durch das blinde Glück / an diesen Ort geführet worden / und so viel todt-vergifftete Gefahren ausstehen müssen / er nicht nur der Vorsehung des geneigten Himmels / sondern auch sich selbsten zuwider handeln würde / wann er die Gelegenheit dieses Orts nicht auch besehen solte; Deßwegen er dann seinem Glück zu folgen entschlossen / auch dieses Land durcheilete / und dessen Beschaffenheit erkündigte.

Es war ein ungleicher Boden / an hoch-erhabenen Bergen / jähen Klippen / dicken Wäldern / hochgespitzten Eich-Bäumen / springenden Brunnen / Felsen-rinnenden Wassern / getiefften Berg-Hölen / und sumpffigten Morasten / so bereichert / daß Polyphilus leicht verstehen kundte / es sey allhier mehr eine unbewohnte Wildnüs / als ein Wohn-Hauß menschlicher Gesellschafft zu finden. Doch weil ihm dieser Anblick nicht übel gefiel / bevor weil er ein Liebhabber der begünten Wald-Freude war / setzte er sich an eine sonderlich-erhöhte Steinklippe / von dannen er über Wald und Feld schauen / und die Wunder Gottes wol behertzigen kondte.

Die Gelegenheit dieses Orts / und dann die jetzige Beschaffenheit seiner eigenen Person / vermochte[48] ihn leicht an sein / vor dem / mit ruhiger Zufriedenheit /geführtes Schäfer-Leben / dann auch die Rede erinneren / die Philomathus von der Einsamkeit der Solettischen Göttin gethan / und wie jener solch ihr Fürnehmen verthediget / er hingegen bestritten. Und weil er sich / durch eigene Erfahrung / überwunden befand /fieng er an / sein Vornehmen zu bereuen / und seinen Schäfer-stock wiederum zu verlangen. Ach! sagte er /wie hab ich mich die Macht der Begierde so sehr blenden lassen / daß ich die vergnügte Ruh meines Hirten-Lebens / mit der widerwertigen Unruh / in Gesellschafft frembder Völcker / abgewechselt. War ich nicht sicher / in meiner Hütten? vergnügt mit meiner Heerde; seelig in meinen Lust-Gründen frölich bey Gesellschafft der Hirten; frey in den einsamen Feldern; ruhig bey fetter Weyde / und ohne Verfolgung des widerspenstigen Glücks muthig? Was hab ich nun? Verlust an Sicherheit / Mangel an Vergnügung /Betrübnüs an statt der Freude / ein Gefängnüs der Freyheit / Zerstöhrung der Ruhe / und Schaden an allem / was mir / in meinem Hirten-Orden / tausendfältigen Nutzen schaffte. O edles Schäfer-Leben! was hat mich dir entnommen? Die Hoheit / welche sich auf die Begierde zu Kunst und Tugend gründet / ist zwar lobens werth: aber nicht zu lieben. Die Hoheit giebet mir diesen Felß in einer einsamen Wildnüs; Die Tugend-betrübte Gedancken in dem Gefängnüs der Traurigkeit; Die Kunst schencket dem Verlangen einen kläglichen Verlust: daß ich zu frieden wäre /wann mich der Himmel meiner Heerde / mir aber meinen Schäfer stab wieder zugeben würdigte. Folget ihr / die ihr Kunst suchet / eurem Verlangen! mir ist die[49] Bahn zu dornicht. Suchet ihr / die ihr der Tugend folget / eure Zufriedenheit! ich nehme meinen Schäfer-Stecken / und folge meiner Heerde. Ach! aber was sag ich? wie folge ich? die Kunst hat mich verleitet /daß ich nicht mehr folge; die Tugend abgewendet /daß ich nicht mehr folgen kan. Das ist die Strafe der Verlassung / ich habe verachtet / was ich nun nicht haben kan. Warum hielt ich meinen Hirten-Stand so gering / solt ich nicht auch in demselben Künste lernen und Tugenden üben können? Woher sind dann die gelehrte Schäfer? von wannen die Tugend-geehrte Hirten? hat sich der grosse Heerden-Hüter Pan selbsten / und andere derer von den Heyden geehrten Götter mehr / diesen Namen zu führen / geschämet? Was hat Käiser / Könige und andere hohe Personen gezwungen / sich unter die Zahl der Schäfer zu wehlen? ja! was beweget die Kunst-gelehrte und Tugend-geübte ihren Namen dem Schäfer-Register einzuverleiben /so offt sie etwas sinnliches und vortreffliches reden oder schreiben wollen? ich halte / ein gelehrter Schäfer sey höher zu achten / als der Kunst und Tugend in Gesellschafft der Fremden suchet / etc. In diesen Gedancken enthielt sich der verkehrte Schäfer wie lang /gleich als zu seiner Bekehrung: Wann er aber im Gegentheil den Ruhm der Solettischen Kunst-Göttin bey sich überlegte / war ihm alles das / was von Schäfferey ihm beyfiel / Gallen-bitter / so / daß er dennoch seinen Vorsatz rühmen / und demselben zu folgen sich überreden muste. Da fieng er an / die Kunst zu verachten / die in einem geringen Stande leuchte. Die Tugend dorfft er selber verringern / die einen Schäfer zum Wohnhauß erwehlet. Am meisten aber verführete[50] ihn die gegenwertige betrübte Einsamkeit / die ihm auch die sonst angenehme Schäfer-Ruhe dermasfen verhasset machte / daß er dennoch seinen Schluß zu behaupten / und dem Philomatho zu widerstreben /seinen Griffel zur Hand nahm / und nachgesetzte Verse / auf die bey sich führende Tafel / übersetzte /aber auch zugleich seinem Schäfer-Leben gute Nacht sagte.


Das war der angenehme Streit

an jenem Peneus-Strande;

der damals Freud: jetzt aber Leid

erwecket; Schad und Schande:

weil ich verlohren den Gewinn /

den ich zu holen kommen bin.

Die Einsamkeit war mir verhasst;

die ich doch jetzt muß lieben:

bey Tag ohn Ruh / bey Nacht ohn Rast /

mit schmertzlichem Betrüben.

Er / der mein Freund / gab den Bescheid /

daß er erwähl die Einsamkeit.

Nicht Er allein; die Göttin mit

Gesellschafft war verachtet;

ihr Dencken / Thun und alle Tritt /

ihr Reden dahin trachtet:

daß die betrübte Einsamkeit

erfreuen möge ihre Zeit.

Was aber solt vor Freude seyn /

wo selbst das Leid sich nehret?

verdunckelt wird der Glückes Schein /

wann Freude wird verzehret:

Es fället alles / was erfreut /

durch die betrübte Einsamkeit.

Ich selbsten spür es jetzt an mir /[51]

wollt ich es sonst nicht glauben:

weil ich von Hertzen gerne dir /

Philomathe! ließ rauben /

als dein Begehr / und meinen Scheu /

die Einsamkeit / wie schön sie sey.

Ich finde doch nicht / das gefällt /

noch das mich könnt ergötzen:

drum ich Gesellschafft dieser Welt /

mit Recht / kan höher schätzen /

als alles Leid / in Einsamkeit /

als Einsamkeit / in allem Leid.

Kein Rath ist hier / hier ist kein Werck /

kein Trost und kein Erretter /

Verzweifflung übet ihre Stärck /

durch Unglücks-Sturm und Wetter:

Wer einsam steht / kan nicht bestehn /

wann solche trübe Winde wehn.

Drum weg mit aller Einsamkeit /

Philomathus / den Lieben /

tilgt alles Leid / erwecket Freud /

beglücket das Betrüben:

Ach! wär ich / Liebster! nur bey dir /

nichts wäre dann verdrüßlich mir.

Nun aber muß ich meine Zeit /

mit Kümmernüs / zubringen /

und in verhasster Einsamkeit /

mit Leid und Trauren / singen:

daß / des ich wolte leben frey /

mir wider Willen kommen sey.

Doch will ich seyn zu frieden so /

und die Erlösung hoffen /

die mich wird wieder machen froh /

wann meinen Wunsch getroffen[52]

das Glück / daß ich dich wieder seh /

Gott gebe / daß es bald gescheh!


Diese und dergleichen Gedichte mehr / die er / von der Einsamkeit / in der Einsamkeit / verfertigte /machten ihm diesen wilden Ort so beliebt / daß er bey sich selbsten gedachte / möcht ich nur einige beliebte Gesellschafft antreffen / wolt ich diese Gegend so bald nicht gesegnen. Aber / was thut die Vorsehung des günstigen Himmels? Da Polyphilus noch weiter dichten will / und allererst / auf diesem Stein-felsichten Gipffel / seiner ruhigen Tag völliger geniessen /hebt er ohngefehr seine Augen / über den Wald / gen Mitternacht / und erblicket / zu seiner hertzlich-verlangten Erfreuung / sein vorgesetztes Ziel / die Insul Soletten / an dem klaren Peneus Strand. Befindet auch / wie er unverhindert / und zu Land / mit trucknem Fuß / an deren Gräntzen gelangen könne / und nunmehr das Götter-Bild der Vollkommenheiten /davon er ihm biß daher wol tausenderley Gedancken gemacht / selber persönlich sehen. Wer damals die Tausendfältigkeit seines erfreuten Hertzens / und das Lust-Spiel seiner Gedancken hätte aussprechen wollen / müste / in Warheit / mit mehr dann hundert Zungen von der Natur seyn bereichert gewesen / so gar war kein Sinn an ihm / der nicht lauter Süssigkeit würckete / lauter Zufriedenheit dichtete. Die stral-werffende Augen ergötzten sich allbereit in Hoffnung / das Tugend-beschönte Bild zu beschauen: die bißher verknüpffte Ohren hoffeten allbereit / durch die klugverständige Reden dieser Erd-Göttinnen / eröffnet / und von ihren Schloß erlediget zu werden. Die Hände freueten sich der Zeit / die sie so hoch erheben würde / daß sie in den Beschluß der Silber-weissen Arme /[53] dieser Tugend-Docken / aufgenommen würden. Es erlustigte sich schon der Geruch / mit dem künfftigen Rosen-Lufft / welcher mit solcher Lieblichkeit / durch die brennende Rubinen / ihrer Honig versüßten Lippen wehen würde / daß / wann Libanus auch alle seine Krafft ausliesse / er dergleichen nicht vermöchte. Und was endlich die süß schmeckende Zunge betrifft / welche allbereit das unvergleichliche Himmel-Brod / mit dem Milch- und Honig-süssem Trauben-Safft / den ihre lieb-trieffende Tugend-Reben häuffig ergiessen / gekostet / war dieselbe um desto mehr befriediget / weil diese Lieblichkeit viel süsser als der Tranck / den sonst die Hebe schencket; weit-lieblicher / dann alle Süssigkeit / die Indien an ihrer Brust gesäuget. Mit einem Wort; weil Polyphilus Soletten siehet / siehet er genug / und verlanget nichts mehr / als völlig dieselbe zu besitzen.

Die Brünstigkeit seines Verlangens und entzündete Begierde / mochte ihm leicht an statt eines schnell-erhitzten Pferdes seyn / das den Wind überholend / seinen Reuter fort rieß / und an das Ziel brachte: Doch gleichwol / weil die Reuterey zu Fuß geschehen muste / und der Weg sehr ungebahnt / voller Dornsträuch und Klippen / auch die Himmel-reichende Berge zu ersteigen / den Schweiß ausjagten; daß die Glieder freywillig gestehen musten / sie könten den Begierden des Gemüths nicht gleich lauffen; muste Polyphilus auch wider seinen Willen die gezwungene Ruhe annehmen / und in einer Baum-Höle zu schlaffen niederligen.

Ohngefehr mochte er noch eine Tag-Reise biß zur Insul haben / so nahe hatte er sein Verlangen erfüllet /wann nicht Sylvanus / mit seinen muthwilligen[54] Satyren / auch ihre Feindseeligkeit an ihm verübet / und den tief-schlaffenden / durch einen Raubbegierigen Löwen / in die Ferne wegtragen / und in eine Höle verbergen lassen. Der gnädige Himmels-Schutz muß den Grimm-fressenden Rachen zugesperret haben /daß nicht der Sinnlose Polyphilus / wider sein selber Wissen / verschlungen worden. Und obschon / wie sehr vermuthlich / dieser Löwen-Raub dem Polyphilo nicht wenig Anstossen wird verursachet haben / war doch die Müdigkeit der Glieder und des Hertzens so groß / daß er auch durch die allerschröcklichste Gefahr nicht kondte erwecket werden. Wiewol ich dem nicht geringen Glauben gebe / es sey durch die allwaltende Versehung / des dem Polyphilo gunst-gewogenen Himmels / geschehen; weiln / wie die Natur-Lehrer bezeugen / die Löwen-Art dieses sonderlich nut begreiffet / daß ihr Grimm / so ungezahmter auch sey / dennoch keinen / der unter der Morpheischen Herrschung gefangen liege / angreiffe / als gedächten sie / (wann ein wildes Thier anders gedencken kan) es wäre dieses entseelte und ohnkräfftige Fleisch ihrer Zertheilung nicht werth.

Dem allen aber sey wie ihm wolle / so hatte vor dieses mal Polyphilus / vor die Gnaden-Errettung /seines Tod-gefährlichen Lebens / der geneigten Himmels-Gunst Ursach genug zu dancken: genug auch über das überstandene Unglück sich zu betrüben / als welcher nun abermal / an seinem Fürnehmen / verhindert / in der irrigen Wildnüs verführet / etwa noch den jungen Löwen / so bald er erwacht / zur Speise / oder sonst den wilden Thieren zum Opfer; dieser Wüsten aber / mehr als gewiß / zum ewigen Tod-Gefangenen werden müsse. Was wird er doch gedencken[55] / wann er erwacht / wohin wird er sich wenden / wie wird er sich daher geführet erkennen: tausendfache Betrübnüs wird sein ermüdetes Hertz in die völlige Verzweifflung stürtzen / daß er den Tag / daran er diß Welt-Liecht gesehen / verfluchet. Zu dem allen komt noch über das / der erschröckliche Traum / welcher seine Sinnen besieget hatte. Dann da er / von dem Löwen geraubet / in die abscheulich-verfinsterte Gruben geschleppet wurde / erschreckete ihn auch inwendig der Geist Philomathi / mit seinem / durch den blutigen Dolch Polyphili / zerspaltenen Hertzen: und in dem er / voller Freuden / auf ihn zueilen wolte / und den Dolch heraus ziehen / muste er mit Betrübnüs er fahren / daß er vom Philomatho gautz feindseelig zu ruck gestossen / und ihm alle Schuld seines unverdienten Todes zugerechnet wurde. Mehr aber schmertzten ihn die Wort / welche der Geist Philomathi / durch einen feurigen Rachen / blitzen ließ: hör /verdammter Polyphile! wie du / durch einen frembden Ubelthäter / meine dir erwiesene Treu / mit meinem Blut bezahlet / so müssen dir diese gifft-gefüllte Schlangen hinwieder dein Leben fressen: und damit warff er aus seinem Busen / bey grosser Meng / in den Schoß Polyphili / die Gifft-aufgelauffene Schlangen /die ihm auf das Hertz / und in das zarte Gesicht / mit so grimmigen Wüten / sprungen / daß Polyphilus von dem grossen Schrecken erwachte. Was wirst du nun /unglückseliger Polyphile! gedencken? Forcht und Zittern / Schrecken und Betrübnüs solte ja freylich dein Hertz in mehr als tausend Stück zersplittern. Must du denn so viel leyden um die Insul Soletten / die du doch noch nicht kennest / ob sie dessen allen würdig ist. Vielleicht will es der Himmel[56] nicht gestatten / daß du dieselbe völlig sehest / und hält dich / durch so mannigfaltige Verhinderung und Widerwärtigkeit /davon zu ruck. Meynest du / daß dieses alles ohngefehr geschehe? Nein / ich glaube vor gewiß / daß /weil du des Himmels Verbot so halßstarrig bestreitest / er dir die Straf zuschicke / damit dir zu erweisen / wie der Sterblichen Macht so gar nicht gegen der Himmel Kräffte bestehen könne. Darum laß ab von deinem Vornehmen / erwähle einen andern Weg / der dir zuträglicher / und von dem Himmel beglückter sey.

Diß waren gerad Polyphili Gedancken / so bald er erwachte / der schmertz-brechende Angst-Schweiß ergoß sich durch die zarte Glieder / ja / den gantzen Leib dergestalt / daß / wann er nit in der verschlossenen Gruben gelegen / er selber sein Haar vor bethauet / und seine Kleider / vom Platz-Regen gewässert oder durchnetzet geglaubet hätte: so gar erfüllte der kalte Perlen-Thau die Stirn / und was um und an ihm war. Ist auch dieses nicht zu verwundern! Dann / welcher die Todes-Angst besinnen wird / die ihm der Schlaf vorgemahlet; welcher sein ängstig Wimmern /und Schmertz-beschwerte Noth / nach dem Schlaf /behertzigen wird / wird eben leicht verstehen / daß der von allen verlaßne und überall geplagte Polyphilus /durch seine Blut-zwingende Hertzens-Angst / wol gar in seinem eigenen Schweiß-Bad ersauffen mögen. Doch / weiln gleichwol das Leben / als der unwitderbringliche Schatz / sehr lieb / also gar / daß wir aller Noth vergessen / werden wir nur dem Tod entrissen: Also machte sich auch Polyphilus behend auf / und suchte nichts mehr / als sein Leben / aus der augenblicklich-beförchtenden Todes-Gefahr[57] zu erledigen /deßwegen er / ohne vorgesetzten Weg und Zweck /aus dem Wald eilete / biß er durch die allmögende Forcht / auf einen lustig-erhobenen geraumen Feld-Platz geführet wurde / und der Wald-Furcht entnommen.

Aber wie? es muste doch waar seyn / daß das wanckende Glück / nicht nur im Wohl-stand / sondern auch in Widerwertigkeit sich leicht ändere / und den es zuvor mit herben Wermuth gekräncket / bald hernach wiederum mit verzuckerten Freuden-Brod erquicke. Dann / als Polyphilus sich ein wenig in dieser Gegend umsahe / befand er / der näheste bey der Insul Soletten zu seyn / und dem Berge / darunter er mit Philomatho geruhet / gleich entgegen.

Keine Betrübnüs kundte nunmehr sein Hertz /wegen der wallenden Freud / mehr bestreiten / bevorab wann er die wunder-reiche Führung des mehr als gnädigen Himmels bey sich überlegte. Hat auch /sprach er bey sich selbsten / mich ein Wind daher geführet / oder ist die Erde / unter mir Schlaffenden /weggeschlichen / oder hat mich ein wildes Thier /durch des Himmels Befehl / daher bracht: (welches ihm etwas glaublich vorkam / in dem er seinen Arm beschädiget befunden / durch einen Biß / der sich einem Löwen-Zahn nicht ungleichete) oder durch wessen Hülff und Geschwindigkeit / hab ich diß mein verlangtes Ziel erlanget? doch sey dem / wie ihm ist /ich dancke dem gütigen Himmel / daß er mich mit einiger Glück-Stralen wieder bescheinen / und meinem Wunsch ein endliches Erfüllen verleihen wollen.[58]

Quelle:
Maria Katharina Stockfleth: Die Kunst- und Tugend-gezierte Macarie, 2 Bände, Band 1, Nürnberg 1669, S. 47-59.
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