Rede bei Einführung zwoer Schul-Fräulein in das adliche Stift Preez der Gräfinn Wilhelmine zu Reventlow, jetzt vermählten Gräfinn von Holstein und der Gräfinn Asta-Thusnelde von Münster, jetzt vermählten Gräfinn von Moltke, in Beiseyn ihrer Mütter gehalten an die Frau Priorinn, Freiherrinn von Brockdorff und sämmtliche Conventualinnen

am 20sten Julii 1804.


Zum dritten Mal tret' ich, hochwürd'ge Frau,

In diesen heil'gen Hallen vor Dich hin,

Durchdrungen tief vom Ernste des Berufs,

Zu dem die Freundschaft mich erkohr, am Fest

Der Weihe Dir und diesem edlen Kreis',

Dem sich des Mannes Fuß mit Ehrfurcht naht,

Ein Kleinod elterlichen Hauses, nun

Ein Glied des hohen Ordens darzustelln,

Dem Oberhaupt Du wurdest, Mutter bist.


Zwiefach ist meines Amtes Ehre heut.

Zur Seite stehn zwo edle Jungfraun mir,[208]

Die Eine, schaut, ein Sprößling jenes Stamms –

Die Eich' in Odins Hainen! – jenes Stamms,

Bewährt seit grauer Vorzeit in des Arms

Wie in des Hauptes Thaten, minder nicht

In zarten Spindel-Tugenden; durch Zucht

Und fromme Sitte wohlbekannt auch hier

Im Heiligthum der Zellen. Nicht dem Feind

Allein trotzt seines Ritterschildes Mau'r,1

Auch Bollwerk ist sie, dämmt, wie's fester Muth,

Wie's Eifer nur, wie's Weisheit nur vermag,

Den Strom entarteter, entnervter Zeit,

Die keiner Segensflur verheerend schont!

Gedankt sei's Gott, noch lodert unerlöscht,

Verborgen vor der Menge Spötteraug',

In mancher Hütt', in manchem Goldpallast

Ein Flämmchen, hell und rein wie Silberblick,

Auf Vesta's keuschem Heerd, der Jungfrau Brust,

Sie selbst Altar, sie selbst auch Priesterinn

Des heil'gen Feu'rs, das Andacht schirmt und nährt.–


Hochwürdige! Dein ahnend Auge sucht,

Zur Jungfrau dort sich wendend, ihren Blick,

Der sittsam niederschauend, so noch mehr

Verheißt. Gepriesen sei der Tag, da Sie[209]

Der Unsern Eine ward!2 Der Apfel fällt

Nicht weit vom Baum, vom Baum Hesperia's,

Der, wie Ihr seht, die reife goldne Frucht

Mit sanft bescheidner Liljenblüthe paart,

Wie sich zum Kranz die Grazie wählt, wenn sie

Urania's Hymnus singt im Musen-Chor.


Wie sollt' es meiner Anempfehlung wohl

Bedürfen? Doch auf meiner Zunge liegt

Der Mütter Wort, sie nah'n sich beide Dir

Mit Bitten, und die Bitten, wie Du weißt,

Sind Gottes Töchter. Nimm, so flehn sie, nimm

Mit milder Huld, als treue Zöglinge,

Hier unter Dein geweihtes Dach sie auf,

Den Schleier ihnen reichend, der die Stirn

Der freien Jungfrau schmückt und preislicher

Uns sei, weil ihn nicht knüpft des Zwanges Band.


Auch Du, ehrwürdiger und edler Kreis,

Empfang' in Deinen Schooß gewogentlich

Zwo jüngre Bundesschwestern! Ungeprüft

Tritt zarter Schülerinnen Fuß, laßt sie

Der Hülfe Hand, der Weisheit Rath, ja laßt,

Was könnt' ich köstlichers für sie erfleh'n,

Der Liebe Herz sie finden unter Euch!

Fußnoten

1 Eine Anspielung auf das, in Hinsicht des entschiedenen Familiencharacters sinnbildliche Wappen des Hauses Reventlow.


2 Ihr Vater, der Graf von Münster, war von der Schleswig-Holsteinischen Ritterschaft zu ihrem Mitgliede aufgenommen worden.


Quelle:
Gesammelte Werke der Brüder Christian und Friedrich Leopold Grafen zu Stolberg, Band 2, Hamburg 1820, S. 205-206,208-210.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Anselm von Canterbury

Warum Gott Mensch geworden

Warum Gott Mensch geworden

Anselm vertritt die Satisfaktionslehre, nach der der Tod Jesu ein nötiges Opfer war, um Gottes Ehrverletzung durch den Sündenfall des Menschen zu sühnen. Nur Gott selbst war groß genug, das Opfer den menschlichen Sündenfall überwiegen zu lassen, daher musste Gott Mensch werden und sündenlos sterben.

86 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon