40. Homer

[82] An Bodmer.


November 1775.


Heil dir, Homer!

Freudiger, entflammter, weinender Dank

Bebt auf der Lippe,

Schimmert im Auge,

Träufelt wie Tau

Hinab in deines Gesanges heiligen Strom!


Ihn goß von Idas geweihtem Gipfel

Mutter Natur!

Freute sich der strömenden Flut,

Die, voll Gottheit,

Wie der sonnenbesäte Gürtel der Nacht,

Tönend mit himmlischen Harmonieen,

Wälzet ihre Wogen in das hallende Thal!

Es freute sich die Natur,

Rief ihre goldgelockte Töchter,

Wahrheit und Schönheit beugten sich über den Strom,

Und erkannten in jeder Welle staunend ihr Bild!


Es liebte dich früh

Die heilige Natur!

Da deine Mutter im Thale dich gebar,

Wo Simois in den Skamander sich ergeußt,

Und ermattet dich ließ fallen in der Blumen Tau,

Blicktest du schon mit Dichtergefühl

Der sinkenden Sonne,

Die vom Thrazischen Schneegebirg,

Über purpurne Wallungen des Hellesponts,

Dich begrüßte, in ihr flammendes Gesicht![83]

Und es strebten sie zu greifen

Deine zarten Hände,

Von ihrem Glanze rötlicht, in die Luft empor!


Da lächelte die Natur,

Weihte dich, und säugte dich an ihrer Brust!

Bildete, wie sie bildete die Himmel,

Wie sie bildete die Rose,

Und den Tau, der vom Himmel in die Rose träuft,

Bildete sorgsam den Knaben und den Jüngling so!

Gab dir der Empfindung

Flammenden Blick;

Gab, was nur ihren Schößlingen sie giebt,

Thränen jegliches Gefühls!

Die stürzende, welche glühende Wangen netzt,

Und die sanftre, die von zitternder Wimper

Rinnt aufs erbleichte Gesicht!

Gab deiner Seele

Einfalt der Tauben und des Adlers Kraft!

Gleich deinem Liede

Sanft nun, wie Quellen in des Mondes Schein,

Donnernd und stark nun, wie der Katarakte Sturz!


Quelle:
Deutsche Nationalliteratur, Band 50,2, Stuttgart [o.J.], S. 82-84.
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