[19] Hört auf zu mir zu sprechen,
Ihr sprecht zu Stein und Holz,
Ihr sollt mir ihn nicht brechen,
Den freud'gen Jugendstolz.
Ihr sollt mich nicht bereden,
Daß alle Menschen schlecht,
Daß ganz in einem Jeden
Erstorben sei das Recht.
Das Licht, es ist so blaß nicht,
Als ihr es immer meint,
Der Nebel ist so graß nicht,
Als ihr es stets beweint.
Die Welt ist nicht so schändlich,
Als ihr es immer sagt,
Die Not nicht so unendlich,
Als ihr es stets beklagt.
Der Himmel hat von Sonnen
Noch eine große Schar,
Es ist von allen Wonnen
Die Erde noch nicht bar.
Noch gibt es Helden bieder
Mit Feder und mit Schwert,
Noch gibt es Heldenlieder
Von freier Helden Wert.
Noch gibt es zarte Dichter
Und Dichter wilder Art,
Es glühn als Sangeslichter
Noch Frauen wunderzart.
Es ist das Gold der Rebe
Noch lange nicht verglüht,[20]
Des Lenzes Duftgewebe
Hat Jahr für Jahr geblüht.
Wo Herzen, stolze, starke,
Noch für das Rechte stehn,
Da darf der Hoffnung Barke
Nicht völlig untergehn.
Und wo der Hoffnung Flammen
Noch sprühn in einer Brust,
Da soll man nicht verdammen
Die frische Liedeslust.
Und häuft sich noch so trübe
Ums Herz der Nebeldunst,
Das Herz sei voll von Liebe,
Und fröhlich sei die Kunst.
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Im Jahre 1758 kämpft die Nonne Marguerite Delamarre in einem aufsehenerregenden Prozeß um die Aufhebung ihres Gelübdes. Diderot und sein Freund Friedrich Melchior Grimm sind von dem Vorgang fasziniert und fingieren einen Brief der vermeintlich geflohenen Nonne an ihren gemeinsamen Freund, den Marquis de Croismare, in dem sie ihn um Hilfe bittet. Aus dem makaberen Scherz entsteht 1760 Diderots Roman "La religieuse", den er zu Lebzeiten allerdings nicht veröffentlicht. Erst nach einer 1792 anonym erschienenen Übersetzung ins Deutsche erscheint 1796 der Text im französischen Original, zwölf Jahre nach Diderots Tod. Die zeitgenössische Rezeption war erwartungsgemäß turbulent. Noch in Meyers Konversations-Lexikon von 1906 wird der "Naturalismus" des Romans als "empörend" empfunden. Die Aufführung der weitgehend werkgetreuen Verfilmung von 1966 wurde zunächst verboten.
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