II

[233] Hinterhaus. Türe mit Steinstufen.


DIRNE führt die Hand der Beterin. Du.


Beterin setzt verschluchzt auf die Stufe.


DIRNE daneben. Ich.


Beterin erschrickt.


DIRNE roh. Heulen.

BETERIN. Beten.


Faltet die Hände.


DIRNE steht auf und reckt, roh. Jeld!


Beterin zuckt zusammen.


DIRNE höhnt. Du.


Beterin verhüllt das Gesicht.

Sie tritt heraus.


DIRNE stutzt im Recken, trumpft. Nu jrade! ich Geht frech an Ihr vorbei ins Haus.


Sie stutzt, schaut nach, beugt über die Beterin.

Beterin hebt den Kopf und schrickt.


SIE nach einer Weile. Du?

BETERIN starrt, stockt. Du?

SIE forscht ruhig. Ja.

BETERIN stockend. Ich kenne Dich nicht.

SIE ruhig. Du?

BETERIN greift jäh erkennend ihre Hand. Du Du Du Jäht hoch.


Sie schrickt, lächelt, streichelt der Beterin Haar.


BETERIN tritt wehrig zurück. Ich will zu ihm.


Sie blickt ruhig forschig.


BETERIN unsicher. Ich kenne ihn.


Sie blickt ruhig forschig.


BETERIN bricht zusammen. Ich trag sein Kind.

SIE verklärt die Augen in Weiten, langsam. Kind.

BETERIN klammert ihre Hände. Du mußt mir helfen! Du!


Sie löst die Hände stumm.


BETERIN auf den Knien vor Ihr mit erhobenen Händen, fleht. Du! Du!


[233] Dirne keift drinnen.

Beterin horcht verzittert.

Sie wendet zur Tür.

Tür reißt auf.


DIRNE in der Tür mit zerzaustem Haar und zerbrochenem Schirm. Ich Stürzt auf sie. Du!


Sie hebt die Hand zur Abwehr.


ER in der Tür. Du!

SIE stürzt zu ihm hin. Ich!

DIRNE lacht und schwingt den Schirmfetzen. Er kennt mich nicht! der kennt mich nicht! Teuflisch, höhnisch. ich! Euch! Euch! Grelles Lachen. Euch.

WEIB taumelt heran und klammert die Stufe. Mein Mann weiß alles! mich Rutscht und klammert seine Knie. Du!

DIRNE lacht höhnisch. Ich.

ER hält ihren Arm, ratlos. Du?!

SIE beugt den Kopf. Du!


Männer tragen Leiche.

Weiber tragen schreies Kind.


TRÄGER. Hier im Haus.

TRÄGER roh. Ersäuft.

WEIB bedauert. Mächen.

EIN WEIB lullt das Kind. Dät Balg lebt, is nich mit ersoffen!

TRÄGER roh. Platz! Stoßen an Ihm vorbei ins Haus.

WEIBER drängen nach. Nu hat es keenen Vater nich Schüttern das Kind. Du!

ER führt die Hand über die Augen, traumhaft. Was?

DIRNE lacht grell höhnisch. Du! Dich! Dich! Du!

ER wild unbändig. Ihr?! Ihr?! Ihr?! Ihr?!

DIRNE schreit frech trotz. Wir!

ER schreit auf. Ich! Prügelt, reißt und stößt Beterin, Dirne und Weib davon.


Sie kauert auf der Stufe und verhüllt das Gesicht.


ER kommt atemlos zurück. Du.

SIE schaut auf, matt. Du ...

ER legt die Hand auf ihre Schulter, schmeichelt. Du.[234]

SIE schauert. Ich habe Furcht.

ER erschrickt. Du hast Furcht.


Sie nickt.


ER reckt, lacht sieghaft. Das sagst Du immer.

SIE hebt jäh hoch. Das sagte ich nie, noch nie.

ER lacht übermütig und zieht sie an sich. Du immer.

SIE angstvoll bestimmt. Ich nie.


Er umarmt sie.


SIE klagt. Das sagten andere.


Er bestürzt, lacht hell auf, reißt an sich, küßt wild.


SIE unter seinen Küssen stammelt entsetzt. Du hast kein Gedächtnis.

ER küßt, lacht, jubelt. Ich habe Dich! ich habe Dich! ich fühle Dich! ich küsse Dich! ich atme Dich! Dich! Dich! Dich! Hebt hoch und trägt fort. Du! Dich!!!

Quelle:
August Stramm: Das Werk. Wiesbaden 1963, S. 233-235.
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