I

[207] Die Parkbäume spielen Schatten durch Fenster und Tür.

Sie am offenen Fenster, starrt hinaus, wendet jäh, stemmt die Faust.

Frauenlachen aus dem Park.


SIE gurgelt, zischt, krampft. So Bebt ins Zimmer. so! Stürzt zum Spiegel, streicht Haar und Gesicht, wendet, starrt hilflos, tonlos nachsprechig. schön unbeschreiblich anmutig.


Welke Blätter büscheln durchs Fenster.


SIE rast, zertritt, stampft, schleudert. Moder! Erstarrt, nestelt ein Blatt aus dem Haar, hält die ausgestreckte Hand, versinkt. wer? Krallt das Blatt, schlägt die Luft, stößt den Fuß, erschrickt.


Frauenlachen unter dem Fenster.


MANNSTIMME lockt. Schatz! Schatzi!?!

FRAUSTIMME fragt. Huhu?

MANNSTIMME. Hörst Du?

SIE schüttelt Krampf.

MANNSTIMME. Wir wollen reiten.

FRAUSTIMME. Herrlich.

MANNSTIMME. Die Herbstsonne.

FRAUSTIMME. Jetzt.

SIE schraubt den Kopf zwischen beide Fäuste, wuchtet mühsam herum. Ich ... reite ... zur Nacht ... zur Nacht das Mondlicht.

FRAUSTIMME lacht glücklich. Nacht!


Hände klatschen.


FRAUSTIMME. Mondlicht.

SIE knirscht die gekrampfte Faust zwischen die Zähne. Rrrrsch.

FRAUSTIMME beglückt. Ich reite reite zur Nacht! Mondlicht.


[207] Mannstimme lacht.

Sie starrt.


FREUNDSTIMME. Wir reiten alle.


Sie erwacht, ordnet das Haar, ruckt das Kleid.


MANNSTIMME. Zusammen.

FRAUSTIMME, MANNSTIMME, FREUNDSTIMME jubelnd. Zusammen.


Sie atmet, tritt gemessen zum Fenster.

Lachen draußen.

Sie fingert Blätter.


FREUNDSTIMME lacht. Überschütten.

FRAUSTIMME übermütig. Blätter!

SIE scharrt Blätter vom Fensterbrett hinaus, trocken, hart. Verwelkt! verwelkt!

FREUNDSTIMME lacht. Begraben!

SIE erregt. Nicht ... nicht ... nicht ...

FREUNDSTIMME. Im.

FRAUSTIMME FREUNDSTIMME lachend zusammen. Mondlicht?

SIE fröstelt. Es frostet Tritt zurück.


Er schwingt hoch und springt hinein.

Sie schrickt die Hände entgegen.

Lachen draußen.


ER reißt sie an sich, sieghaft. Wer?

SIE wehrt. Du Entwindet zum Fenster.

ER neben ihr, lacht. Ich?


Sie weist hinaus.


ER lacht. Sie laufen fort, ja! Legt den Arm um.


Sie entschlüpft, scharrt Blätter und liegt auf dem Diwan, die Hände unterm Kopf.

Er sitzt zu ihr, schäkert.

Sie wirft den Kopf zur Wand.


ER beugt zärtlich. Du?!

SIE tonlos nachsprechend. Un ... be ... schreiblich.

ER forscht. Was?


Sie jäht hoch und starrt.
[208]

ER fährt übers Haar. Liebe!

SIE stößt ihn zurück, reißt ihn an sich, umschlingt. Ich will auch nicht.

ER leicht erstaunt. Was denn?

SIE läßt schroff los und stapft zum Fenster. ich will!

ER schaut verwundert, unruhig. Was willst Du?

SIE. Die Sonne liegt auf den Baumwipfeln.

ER tritt zu ihr, weich, besorgt. Kind!


Sie strafft, wendet und forscht sein Auge.


ER. Kind!

SIE hart. Ich!


Er legt die Hand auf ihre Schulter.


SIE wendet. Brennen! Greift ein Flakon vom Diwantisch und bespritzt ihr Gesicht.


Freund und Freundin lachend, leicht erhitzt durch die Parktür.


FREUNDIN. Die Sonne!

FREUND begeistert. Zwischen den Bäumen.

FREUNDIN blendet die Augen. Es ist ganz dunkel hier.

SIE schrillt. Licht! Schaltet ein.

FREUNDIN. Ah!


Sie schrillt die Klingel.


FREUNDIN tappt geblendet. Jetzt bin ich ganz blind Fällt lachend in den Sessel.


Diener durch die Flurtür bringt Tee.


SIE. So?


Schenkt ein und reicht halb wendend der Freundin die Tasse.


FREUNDIN will nehmen. Danke.


Sie kippt die Tasse um.

Freundin springt im Schrei.

Sie hält die Untertasse starr.

Er und Freund springen zu.

Freundin tupft das Taschentuch ans Kleid.


FREUND hebt die Tasse. Nicht zerbrochen!

SIE lacht schrill kurz auf, nimmt die Tasse mit freundlichem[209] Nicken, wird lebendig, tupft die Freundin mit der Serviette niederkniend. Oh ... ich ...

FREUNDIN. Es ist nicht schlimm.

ER tupft den Arm der Freundin. Nicht der Arm?

SIE beugt ganz tief und tupft ganz unten. Ich bin untröstlich.


Er legt beruhigend flüchtig die Hand auf ihren Nacken.


SIE schnellt wehrig heftig auf, dann sofort beherrscht. Ja.

FREUNDIN. Ich geh nach oben.

ER hastig, galant. Dem Mädchen klingeln! Öffnet die Tür und folgt der Freundin.


Sie schaut den Freund an in Triumph.

Freund unsicher.

Sie schenkt ein und reicht lächelnd.

Freund tastet verwirrt.


SIE lächelt. Sie fällt nicht.

FREUND nimmt und schlürft hastig. So?

SIE immer lächelnd, schenkt ein, stellt die Tasse auf den Diwantisch, sitzt, schaltet die Tischlampe und dreht das Dunkel des Seidenschirms auf ihr Gesicht, heiter. Rauchen Sie?


Freund hastet die Zigarettendose vom Tisch und bietet ihr.


SIE nimmt lächelnd. Danke.


Freund hastet Feuer.


SIE zieht langsam wohlig. Danke.


Freund zündet eine Zigarette und schlenkert aus.


SIE lächelnd langsam. Sie werden Feuer stiften.

FREUND starrt prüfig, rückt zusammen. Ich brenne schon.

SIE springt auf, reckt den Arm und geht zum Fenster. Aah ... mein Mann ist ein guter.


Freund starrt nach.


ER tritt ein. So!

SIE. Der Mond.

ER neben ihr. Ja ... der Mond.[210]

SIE wirft die Zigarette verekelt. Äh Prüstelt Tabak, tritt zum Tisch und schlürft Tee.

FREUNDIN reitfertig. Ich habe mich fertiggemacht.

SIE schrofft die Tasse hin. Nein.


Freundin und Freund betreten.


ER bestürzt. Was?

SIE ruhig kalt. Ich reite nicht.


Freundin starrt bestürzt umher.


SIE. Die Kälte.


Schließt das Fenster.


ER ratlos. Du.


Freund raucht nachdenklich.

Freundin sitzt, den Kopf auf der Brust.

Sie schauert und schließt die Parktür.


FREUNDIN schluchzt verhalten. Oh.

SIE strafft. Kind nein nein Stürzt hinter den Stuhl der Freundin und armt. so nicht, nicht, ich reite! ja! ich reite! Erschöpft. es ist heiß furchtbar heiß hier.


Er öffnet das Fenster.


SIE zwingt die Freundin hoch und faßt sie unter. Komm.


Freund öffnet die Parktür.


SIE wendet in der Flurtür zum Freund matt, freundlich. Danke schön danke.


Freund in der Parktür, stemmt die Hüften, pafft über die Schulter zur Flurtür nach.

Er boxt.


FREUND wendet und schaut. Wen wehrst Du?

ER hört erschöpft auf. Ja.

FREUND steckt die Hände in die Tasche, gleichmütig. Ja.


Er stürzt raus.


Quelle:
August Stramm: Das Werk. Wiesbaden 1963, S. 207-211.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Reigen

Reigen

Die 1897 entstandene Komödie ließ Arthur Schnitzler 1900 in einer auf 200 Exemplare begrenzten Privatauflage drucken, das öffentliche Erscheinen hielt er für vorläufig ausgeschlossen. Und in der Tat verursachte die Uraufführung, die 1920 auf Drängen von Max Reinhardt im Berliner Kleinen Schauspielhaus stattfand, den größten Theaterskandal des 20. Jahrhunderts. Es kam zu öffentlichen Krawallen und zum Prozess gegen die Schauspieler. Schnitzler untersagte weitere Aufführungen und erst nach dem Tode seines Sohnes und Erben Heinrich kam das Stück 1982 wieder auf die Bühne. Der Reigen besteht aus zehn aneinander gereihten Dialogen zwischen einer Frau und einem Mann, die jeweils mit ihrer sexuellen Vereinigung schließen. Für den nächsten Dialog wird ein Partner ausgetauscht indem die verbleibende Figur der neuen die Hand reicht. So entsteht ein Reigen durch die gesamte Gesellschaft, der sich schließt als die letzte Figur mit der ersten in Kontakt tritt.

62 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon