63. Das letzte Jahr

[526] Das letzte Jahr desjenigen, der mein Alles war.

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Am Neujahrstage 1902 passierten uns allerlei kleine Unannehmlichkeiten.

»Du wirst sehen,« sagte der Meine, mehr im Scherz als im Ernst, denn abergläubisch war er nicht, »das wird ein schlimmes Jahr werden.«

In der ersten Woche kam in der Tat schon eine schlimme Nachricht. Eine Depesche aus Warschau: »Johann von Bloch einem Herzschlag erlegen.« Wieder ein mächtiger Mitstreiter weniger!

Der Krieg in Transvaal dauerte fort. Nun schon das dritte Jahr. Da glaubten die Engländer, es handle sich um eine kleine militärische Promenade; und jetzt diese endlosen Opfer und Verluste! Ich schrieb an Philipp Stanhope, um ihn zu bitten, er möge mir über die Situation etwas mitteilen und vielleicht seine Stimme gegen die Fortsetzung des Krieges erheben. Er schrieb mir zurück:


3, Carlton Gardens S. W., January 25th 1902.


Dear Baroness de Suttner,


I am overwhelmed with confusion. I have been since the beginning of December in Italy and have only recently[526] returned for a short time to find your note of Dec. 14th awaiting me.

I should have been pleased to have contributed a few words to the publication of the Austrian Society upon the occasion of its 10th anniversary, though all such words of peace coming from my country would be in sad contrast with realities.

However all great causes have dark moments to traverse and there will again be a reaction against the Militarism and the Jingoism of the present age.

I hope to see you in Vienna in the autumn and to find you in good health.

Please remember me to Baron de Suttner and believe me

Sincerely yours

Philip Stanhope.


In diesem Jahre sollte der Friedenskongreß schon im April stattfinden und zwar, auf eine Einladung des Fürsten Albert, in Monaco. Die Nachbarschaft von Monte Carlo war zwar ein Umstand, der manchem unserer Freunde Bedenken einflößte (die ich nicht teilte), und erst nach längerer Korrespondenz unter den Mitgliedern des Berner Bureaus (in dessen Hand die Organisation der Kongresse liegt) wurde ein Mehrheitsbeschluß für die Wahl von Monaco erzielt. Mein Mann und ich freuten uns lebhaft auf die Reise und den Aufenthalt in dem paradiesischen Erdenwinkel. Zu meiner fröhlichen Laune trug auch bei, daß mein Buch »Marthas Kinder« am Erscheinen war. Der Ertrag dafür (mein Verleger Pierson hatte den Roman mit allen Rechten, bis auf das Uebersetzungsrecht, um ein Honorar von 15000 Mark erworben) ermöglichte es mir, den Zusammenbruch unseres geliebten Harmannsdorf wenigstens eine Zeitlang hintanzuhalten – und in dieser Zeit konnte so manches einschlagen, was den Besitz dennoch retten würde, und so blickten wir der bevorstehenden Kongreßreise frohen Gemütes entgegen.

Doch einige Tage vor dem für unsere Abreise bestimmten Datum wurde der Meine von ganz plötzlichem Unwohlsein befallen. Als er eines Morgens aufstehen wollte, versagten ihm die Beine den Dienst. Er mußte wieder ins Bett und fühlte Schmerzen im rechten Knie. Wir hofften, es werde nichts sein. Unsere Koffer waren gepackt, die Schlafwagenbillette schon genommen, die Zimmer in Monaco bestellt. Auch der Vortrag, den ich dort in einer öffentlichen Versammlung halten sollte (die Ergebnisse der Haager Konferenz), war vorbereitet und angekündigt.

»Auch wenn ich bis übermorgen nicht wieder gesund bin, du mußt fahren,« erklärte der Meine, »es ist deine Pflicht!«[527]

Und so kam es auch. Der Doktor verordnete, daß das erkrankte Bein eingewickelt werde und unbeweglich bleiben müsse. Uns beiden war das ein großes Herzeleid; wir hatten uns auf die gemeinschaftliche Reise so gefreut, und die Trennung erfüllte mich mit Bangen. Bis zum letzten Augenblick hoffte er doch mitfahren oder vielleicht einen Tag später nachfahren zu können, aber es war nicht möglich. Ich mußte ohne ihn nach Monaco; doch war ich nicht allein, meine Freundin, Gräfin Hedwig Pötting, begleitete mich. Die Freude an dem Aufenthalt war mir durch die Trennung von meinem Mann und durch die Sorge um ihn verdorben. Täglich erhielt ich ein Telegramm, außerdem schrieb er mir drei Briefe. Diese Briefe liegen in meinem Schatzkästlein; es sind die letzten, die er an mich geschrieben hat. Sie sollen in diesen Erinnerungen Platz finden:


Ostersonntag 1902.


Mein geliebtes Löwos!


Ich fürchte, dieser schriftliche Gruß wird alles sein, was Du in Monaco von mir haben wirst. Wie froh wäre ich, wenn ich noch heute nachmittag die Ueberzeugung gewänne, daß ich Dir folgen kann, – aber ich getraue mich schon nicht mehr, das zu hoffen. Wenn ich denke, daß Du morgen wahrscheinlich ohne mich fährst, wird mir das Herz so schrecklich schwer! Das war nicht gut vom Nemo,39 daß er uns so gewaltsam getrennt hat. Diese kleine Freude hätte er uns doch lassen können! Ich will Dir nicht auch das Herz schwerer machen, als es schon ist. Es heißt dort Kopf und Ruhe bewahren, um der Pflicht nachzukommen, der Du Dich nicht entziehen darfst.

Meine Segenswünsche und meine Herzensliebe begleiten Dich auf Deinen Weg, mein altes Löwos, der unter diesen Umständen für Dich eher ein Dornenweg ist. Aber auch das soll er nicht sein; Du sollst ihn doch mit dem freudigen Gefühl antreten, daß Du Braves geleistet und noch weiter Braves leisten wirst. Du sollst Dich auch des schönen Ortes freuen und der Freunde, die alle mit Liebe und Verehrung an Dir hängen.

Genieße den Aufenthalt, mein Altes, um so freudiger und befriedigter kommst Du mir dann zurück.

So, und jetzt nehme ich Deinen guten Löwenschädel zwischen die Hände und küsse ihn tausendmal ab.

Der Deine.[528]


31. März 1902.


Mein altes Herzenslöwos!


Das waren traurige Stunden der Einsamkeit und Verwaisung nach Deiner Abfahrt. Da habe ich so recht spüren können, wie tief Du mir ans Herz gewachsen bist, mein teures, teures Alt's!

Jetzt trachte ich mich ein bißchen ins Unvermeidliche zu fügen; – aber Reaktionen werden schon noch kommen, denn ich vermisse Dich doch zu sehr.

Habe Dich in Gedanken auf Deinen Etappen verfolgt. Jetzt bist Du wahrscheinlich schon nach dem Frühstück auf dem Bahnhof und harrst der Einwaggonierung.

Wenn die Tage nur schon so weit vergangen wären, daß ich sagen kann: übermorgen wird es übermorgen sein u.s.w.

Meine Sachen werden mir heute nicht so gut gemacht wie von Dir. Maria Louise hat sich eben flüchtig gezeigt – mit Schnupfenanfang – also nicht gerade rosig.

Wenn ich mit diesen Zeilen fertig bin, muß ich wieder ausruhen. Auch das Schreiben nimmt mich noch her. Ich werde mich zurücklegen und an Dich denken. Wenn unsere Nerven für Telepathie empfänglich wären, müßten wir diese Tage viel in Kontakt sein.

Der Doktor läßt sich heute mit seinem Morgenbesuche Zeit; ich glaube aber, daß das Bein etwas besser ist.

Lebe wohl, mein Liebstes, – ich küsse Dich viel tausendmal.

Der Deine.


2. April 1902.


Mein teures Löwos!


Zehn Uhr! Da stehst Du vielleicht gerade auf der Tribüne und hältst Deine Ansprache, die ja kurz ist. So nehme ich am Kongreß, soweit ich ihn verfolgen kann, teil. Zeitungsnachrichten wird es darüber wohl keine regelmäßigen geben.

Gestern war Chimani40 hier. Konstatierte zwar Besserung, doch immer noch Entzündung; daher strenges Verbot gegen jedes Aufstehen.

Deine Depesche habe ich gestern erst um halb neun Uhr abends erhalten. War schon ein bißchen unruhig, da gar nichts kam. Meine Antwort, die ich dem Boten mitgab, kannst Du wohl erst heute erhalten haben.

Heute schöner Sommertag – und ich liege dabei im Bett. Habe schon solche Sehnsucht hinaus.

Post nichts Interessantes. Beiliegend einen verrückten Brief an Dich von einem verrückten Photographen in Graz. Dann kam ein Brief aus Linz von zwanzig Quartseiten nebst[529] Büchlein, das der Schreiber vor zehn Jahren bei Schabelitz erscheinen ließ. Sende Dir natürlich dieses Zeug nicht.

Dank der Hex (Gräfin Pötting) für ihre Karte und Brudergruß. Dir Küsse aufs Löwenmaul von

Deinem.


Wie hätte der Arme jene Tage von Monaco genossen! Der Ort erglänzte in voller Frühlingspracht. Wir hatten die Riviera schon gesehen, aber nicht zur Zeit so üppiger Blütenentfaltung.

Zu den Verhandlungen des Kongresses war ein Saal des im Bau begriffenen Ozeanographischen Museums eingeräumt. Zu den Reden und Debatten der Kongressisten bildete das ferne Hämmern der Arbeiter eine stete Begleitung. In der unmittelbaren Nähe wurde während der Verhandlungsstunden die Arbeit zwar eingestellt, aber in einiger Entfernung wurde weiter geklopft und gesägt und genagelt. Dies schien mehrere der Redner etwas zu stören; doch einem gab es willkommenen Anlaß, in einem schönen Bilde auszuführen, daß das Werk, in dessen Namen wir hier versammelt sind, auch so ein im Plan schon vorgezeichneter, aber noch unvollendeter Bau sei; ein Bau, der auch wie dieser sich in Nützlichkeit und Schönheit erheben wird – den Erbauern zur Ehre, der Allgemeinheit zum Frommen.

Nach der Eröffnungssitzung, welcher Fürst Albert beigewohnt hatte, blieben alle Teilnehmer auf dem Platze vor dem Museumseingang stehen, um Begrüßungen zu tauschen und Wiedererkennungsszenen zu feiern, die sich von einem Kongreß zum andern wiederholen: – »Ah, Sie sind's! Das ist schön!« – Diesmal apostrophierten mich alle mit der Frage: »Und wo ist denn der Baron?« – Ich mußte von seiner Erkrankung erzählen, die allgemeines Bedauern hervorrief. Niemand, ich glaube wirklich, niemand gab's auf der weiten Welt, der für diesen Mann – wenn er ihn auch nur flüchtig kannte – nicht Sympathie empfand.

Der Fürst stand unweit von mir in einer Gruppe und sprach mit General Türr. Ich konnte ihn beobachten. Ueber mittelgroß, schlanker und geschmeidiger Wuchs, damals schon anfangs der Fünfzig, aber noch gar nicht ergraut; kurzer gestutzter, dunkler Bart; ungemein schwermütiger Gesichtsausdruck. Er kam auf mich zu und reichte mir die Hand. Es freue ihn, sagte er, mich zu sehen, denn er kenne seit langem meine Hingebung für die Sache, zu deren Förderung er nun auch nach Kräften mitwirken wolle. Er blieb längere Zeit im Gespräch mit mir stehen.

»Es liegt mir daran,« sprach er im Laufe der Unterhaltung,[530] »Ihnen eines zu sagen: Sehen Sie hier dieses erstehende Werk (er deutete auf den Museumsbau), dieses zeigt, wohin mein Trachten und Wirken geht – es soll ein Korrektiv sein« – jetzt deutete er auf den in der Ferne sichtbaren, mit dem Kasino gekrönten Felsen von Monte Carlo – »ein Korrektiv gegen jenes Erbstück, das mir so verhaßt ist.«

Aus den Verhandlungen ist mir die zorn- und schmerzerfüllte Anklage des Franzosen Pierre Quillard über die damals noch fortdauernden (und leider auch heute noch nicht beendeten) grausamen Massakers an den Armeniern besonders erinnerlich. Damit ward unseren Kongressen der Charakter gewahrt, ein Forum zu sein für die Klagen und für die Verteidigung aller Verfolgten – ein Amt, dessen Ausübung die Regierungen unter Berufung auf das Nichteinmengungsprinzip immer noch von sich weisen.

Im Laufe des Tages besichtigten wir Kongressisten noch das auf dem Felsen von Monaco ragende, vom Fürsten bewohnte Schloß. Ein altertümlicher Bau mit Zinnen, Freitreppen und Säulengängen. In dem abgeschlossenen Privatgarten unendliche Blumenfülle. Haushohe Palmen stehen da auf einem Felsenterrain, zu dem jede Krume Erde hinaufgetragen werden mußte. Die Prunkräume sahen wir erst abends im vollen Glanze, bei einem dem Kongreß zu Ehren gegebenen Galaempfang, zu welchem auch die Behörden von Nizza eingeladen waren. Besonders imposant ist der Thronsaal – obwohl der Thron eines so kleinen Reiches nicht imposant ist. In diesem Raume fiel mir eine Art Blumenturm auf, der bis an die Decke reichte. Man sagte mir, dies sei der Thron mit seinem Sessel, seinen Stufen und seinem Baldachin – alles maskiert durch diesen blühenden Riesenschirm.

Ein zweites Fest wurde uns von seiten der Stadt gegeben. Es war eine Art »Venezianische Nacht« – alle Schiffe und Barken im Hafen und alle Gebäude der Bucht beleuchtet, bengalische Flammen auf den Bergen, Fackelzüge und Musik. Die ganze Bevölkerung, Kurgäste und monegassische Bürger, Arbeiter und Bauern aus der Umgebung, nahmen an der Lustbarkeit teil. Für die Kongressisten und den Fürsten waren auf der Höhe Zelte aufgerichtet, von wo der Blick über die ganze lichtüberflutete Gegend fiel. Ich saß im Zelte des Fürsten, zwischen diesem und seinem Vetter, dem Herzog von Urach. Letzterer, ein Offizier im deutschen Heere, sprach mit mir über das Thema des Kongresses. Er gab zu, daß der Krieg einst von der Zivilisation überwunden würde, – doch vorher, meinte er, würden wohl noch wirtschaftliche und vielleicht auch soziale Kämpfe mit den Waffen ausgefochten werden.[531]

»Was wurde in der heutigen Nachmittagssitzung verhandelt?« fragte mich Fürst Albert.

»Propaganda,« antwortete ich.

»Sehen Sie dieses Bild und lauschen Sie diesem Stimmenlärm – alle die Leute haben heute erfahren, daß es eine arbeitende Friedensbewegung gibt: das ist Propaganda!« sagte der Fürst.

Beim Schlußbankett präsidierte er. Er saß zwischen Madame Séverine und mir. Bei dieser Gelegenheit erzählte er mir viel von seinen Arbeiten und seinen Plänen. Sein Buch »Lacarrière d'un navigateur« war vor kurzem erschienen; er wolle es mir schicken, und darin würde ich die ganze Geschichte seiner Studien und seiner – Seele finden.

Als es zu den Toasten kam, erhob er sich und hielt die erste Rede:

»Es erfüllt mich mit Stolz und Freude,« so ungefähr waren die Einleitungsworte, »in der Friedensbewegung einen Platz einzunehmen; denn das wissenschaftliche Werk, dem mein Leben gewidmet ist, braucht zu seiner Entwicklung den Sieg des Friedenswerkes, den Sieg über das grausame Erbe primitiver Barbarei, den Sieg über den kriegerischen Geist, der die Früchte der Zivilisation vergiftet.«

Nicht nur in Bankettreden – die sich ja verflüchtigen wie der Schaum im erhobenen Glas – hat Fürst Albert sich zu solcher Gesinnung bekannt; auch in der Widmung seiner »Seemannslaufbahn«41 heißt es:

»Je dédie la version allemande de ce livre à Sa Majesté l'Empereur Guillaume II qui protège le travail et la science, préparant ainsi la réalisation du plus noble désir de la conscience humaine: l'union de toutes les forces civilisatrices pour amener le règne d'une paix inviolable.«

Ich habe später die eigenhändige Antwort des Kaisers gesehen, worin er in anderthalb Quartseiten seinem »cher cousin« für die Widmung dankt und die darin enthaltenen, auf die Friedenssache bezüglichen Worte übereinstimmend wiederholt.

Obwohl die Depeschen, die ich täglich aus Harmannsdorf erhielt, beruhigenden Inhalts waren, fieberte ich schon vor Ungeduld, wieder heimzukommen. Die Wiedersehensfreude war groß. Dies war ja nach sechsundzwanzigjähriger Ehe die erste mehrtägige Trennung[532] zwischen uns gewesen. Unter Tränen hatten wir uns Adieu gesagt, unter Tränen fiel ich dem Meinen wieder um den Hals. Und leider – er war noch nicht hergestellt; noch mußte er liegen bleiben. Seine Krankheit war – so hatten die Aerzte gesagt – eine Beinhautentzündung gewesen, und da war noch mehrtägige Schonung geboten. Als er zum ersten Male aufstand, bekam er heftiges Herzklopfen. Und das wiederholte sich oft. Unterm 12. April finde ich in meinem Tagebuch zum erstenmal einen bangen Aufschrei: »Wieder Herzklopfen – ach Gott, das ist doch eine schwere Krankheit – – – Organismus nicht in Ordnung – bin tiefbesorgt ...«

Nach einiger Zeit ward es besser und meine Sorge wieder verscheucht.

Der Transvaalkrieg wollte noch zu keinem Ende kommen; zwar waren Friedensverhandlungen schon in Angriff genommen, dabei wurde aber nicht gleichzeitig Waffenstillstand erklärt, sondern neuerdings wurden englische Truppenverstärkungen eingeschifft. Darüber äußerte die »Times« große Genugtuung. O diese kriegschürenden Redaktionspatrioten! Zu einer Mediation waren die neutralen Mächte noch immer nicht zu bewegen. Nur nicht einem Kriegführenden in den Arm fallen! Aber dem Kriegführenden helfen, indem man ihm Geld leiht oder Pferde liefert (von Fiume gingen ungeheure Pferdetransporte für die Engländer ab), dazu lassen sich die Neutralen herbei. Les affaires sont les affaires.

Der Artikel 27 der Haager Konvention war vergessen. Ueberhaupt, das Haager Tribunal schien verurteilt – das arme Neugeborene –, an Mangel an Nahrung zugrunde zu gehen. Da plötzlich kam doch ein Streitfall, der dem dortigen Schiedsgericht unterbreitet wurde. Eine alte Kontroverse zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko – Kirchengüter betreffend. Präsident Roosevelt brachte den Fall vor das Haager Tribunal.

Ich wußte, daß unser Freund d'Estournelles, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, das Haager Werk vor dem Erstickungstode zu bewahren, eine Reise nach Amerika unternommen hatte, wo er eine Rundfahrt von Vorträgen absolvierte. Ich vermutete, daß er bei Anrufung des Tribunals in der amerikanischen Kirchengutsfrage nicht ohne Einfluß gewesen. Und in der Tat, es verhielt sich so – zwei Dokumente liefern den Beweis dafür. Zuerst die nachstehende Antwort d'Estournelles' auf einen Brief, worin ich meine Vermutung über seine Mitwirkung in der betreffenden Sache ausgesprochen hatte. Hier ist sein Brief:[533]


Paris, Chambre des Députés, le 5 septembre 1902.


Chère amie,


Vous l'avez deviné: je suis allé en bonne partie aux Etats-Unis pour révéler au Président Roosevelt le grand rôle qu'il pouvait jouer dans la politique universelle, en face de l'abdication de l'esprit liberal en Europe. Je lui ai tout dit, et il a tout compris.

J'ai dit: »Vous êtes un danger ou une espérance pour le monde, selon que vous irez vers la conquête ou l'arbitrage – vers la violence ou la justice. On pense que vous penchez du côté de la violence – prouvez le contraire!«

»Comment?«

»En donnant la vie à la cour de la Haye.«

Et c'est ce que le Président a fait. J'ai attendu pour faire allusion à ma démarche que la cour fût enfin réunie – elle l'est. C'est un grand point; et il faut louer Roosevelt 1° parce qu'il le mérite et 2° pour qu'il trouve des imitateurs.

Votre très affectionné ami à tous deux.

D'Estournelles.


Das zweite Dokument ist der Auszug aus einem Bericht, den die französische Botschaft in Washington an den Minister des Aeußern nach Paris gerichtet hat. Ich habe eine authentische Abschrift dieses Auszuges erhalten. Er lautet:


Ambassade de la République Française aux Etats- Unis.

Washington, 7 avril 1902.


Monsieur le Ministre,


– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – ––

Il faut dire la vérité et rendre à chacun ce que lui est dû. Lorsqu'il y a près de deux mois je présentai M. d'Estournelles au Président Roosevelt, notre compatriote lui parla avec beaucoup d'enthousiasme de la Conférence de la Haye; il fit luire à ses yeux l'honneur, dont M. Roosevelt couvrirait sa magistrature, s'il inaugurait le tribunal arbitral sur une question, si petite qu'elle fût, et s'il donnait ainsi un exemple au monde. Le Président Roosevelt fut frappé du langage de M. d'Estournelles, et j'ai reçu hier même de sa bouche la confidence que dès le lendemain de la visite de ce dernier, il avait chargé M. Hay de rechercher une affaire à soumettre aux arbitres permanents de la Haye.

Signé: Jules Cambon.

A Monsieur le Ministre

des Affaires étrangères.[534]


Und so ward durch die Hingebung eines einzelnen, unterstützt von der Tatkraft eines Mächtigen, jene Maschine in Bewegung gesetzt. Es war der Welt der Beweis gegeben, daß sie funktionieren kann. Natürlich berufen sich die Gegner darauf, daß es ja ein ganz unbedeutender Fall war, der da überwiesen wurde – als ob nicht auch schon unbedeutende Fälle zum Kriege geführt hätten! Nicht auf den Fall kommt es an, sondern auf die Methode.

Mein Mann hatte sich so weit erholt, daß es uns möglich war, zusammen in die Schweiz zu reisen, um der Eröffnung des Blochmuseums beizuwohnen. Die Vorbereitungen dazu waren, noch zu Lebzeiten des Gründers, weit gediehen. Aber es gehörte die ganze Energie, die ganze Opferfähigkeit und Großzügigkeit seiner Witwe dazu, um das Werk zu vollenden.

Was das sechsbändige Werk »Der Krieg« mit gedrucktem Wort erzählt und argumentiert, das wiederholt das Luzerner Kriegs- und Friedensmuseum mit seinen Waffen, seinen Modellen, seinen Bildern und Tabellen.

Die Eröffnungsfeier und die darauffolgenden Tage gestalteten sich zu einer Art kleinen Friedenskongresses, denn Frau von Bloch hatte eine große Zahl hervorragender Persönlichkeiten der Bewegung eingeladen, – als ihre Gäste – nach Luzern zu kommen. Und so fand sich bei dieser Feier wieder der ganze Kreis zusammen: Frédéric Passy, W. T. Stead, Gaston Moch, General Türr, Séverine, Dr. Richter (der verdiente Vorsitzende des Deutschen Friedensvereins), Professor Wilhelm Förster, Moneta, d'Estournelles und viele andere.

Der Krieg ist das Duell der Völker, das Duell ist der Krieg zwischen zwei einzelnen. Auch gegen den uralten, in den kontinentalen Ländern so fest verankerten Brauch der Zweikämpfe (England hat damit schon aufgeräumt) hatte eine Bewegung Platz gegriffen. An deren Spitze standen der Fürst Löwenstein und Prinz Alfonso von Bourbon. Besonders der letztere entwickelte einen unendlichen Eifer. Ich schrieb ihm damals von meiner Absicht, bei einer nächsten Vereinsversammlung auch die Ziele der Antiduelliga zur Sprache zu bringen. Der Prinz antwortete:


Ebenzweier, 12 août 1902.


Madame,


Je vous remercie beaucoup pour votre aimable lettre du 22 juillet et les prospectus de votre conférence de Vienne. Je souhaite qu'elle donne les meilleurs résultats. Vous travaillez, Madame, avec un admirable dévouement pour[535] votre cause. Je serai bien aise de voir de nouveau approuvé notre mouvement anti-duelliste par cette assemblée, comme il le fut l'année dernière par celle de Glasgow.

Veuillez recevoir, Madame, l'expression de ma haute considération avec laquelle je reste votre dévoué

Alfonso de Borbon y Austria-Este.


Ein Impresario stellte mir den Antrag, eine Tournee in den Vereinigten Staaten mit Vorlesungen aus meinen Schriften zu veranstalten. Ich lehnte ab; schon der geschwächte Gesundheitszustand des Meinen wäre Grund zu der Ablehnung gewesen. Von Amerika machte ich mir gar keinen rechten Begriff. Ich besitze einen Brief von Hodgson Pratt, den er nach einem Ausflug über »den großen Teich« geschrieben hatte und worin es unter anderem heißt:


– – – but my visit to the States convinced me that the great treaty would come! I returned quite infatuated with the Yankees: improved Englishmen I call them – so bright, so clear in thought and word, so resolute, so animated, so strong! It was almost a new revelation to hear and see those dear younger cousins. They have our british solidity but with a youthfulness, we have lost. I never spent six months of such enthusiasm.


Als ich diesen von 1897 datierten Brief zuerst las, sagte er mir nicht viel. Erst seitdem ich selber in Amerika gewesen, habe ich die Worte Hodgson Pratts begriffen, und ich unterschreibe jedes einzelne davon. Ja, »klar und stark, entschlossen und lebensvoll« – das sind sie – ja, »eine Offenbarung« – als das erscheint sie auch mir, diese neue, junge Welt. –

Im Sommer 1902 erhielten wir noch einige interessante Besuche in Harmannsdorf; ich meine Besuche von weiter her, denn mit den Freunden aus der Nachbarschaft war der Verkehr nach wie vor ein reger. Die Besuche, die ich meine, kamen aus Petersburg und aus Kaukasien.

Zuerst Emanuel Nobel, der Neffe meines verstorbenen Freundes Alfred Nobel. Ich fand, daß Emanuel manche Züge der Aehnlichkeit mit Alfred aufwies. Derselbe Ernst, dieselbe Tiefe, dieselben weiten demokratischen Ideen. Auch in der äußeren Erscheinung und im Organ erinnerte mich der Neffe an den Onkel. Emanuel ist unverheiratet; das Gerücht, daß er sich mit der Schwester seines Freundes, Ministers Witte, vermählen soll, erwies sich als unbegründet – er lebt nur ganz der Sorge um die zahlreiche Familie seines Bruders. Er steht an der Spitze eines der größten Naphthageschäfte[536] der Welt. Vierzehn Schiffe tragen seine Ware auf den Meeren. Zweimal im Jahre reist er nach Baku, wo seine ergiebigsten Quellen fließen. Als einige Jahre später, während des Russisch-Japanischen Krieges, jene Naphthabrunnen angezündet wurden und gleich Feuersäulen zum Himmel lohten, mag er wohl bedeutende Verluste erlitten haben.

Der zweite exotische Besuch war Fürstin Tamara von Georgien mit ihren beiden Töchtern. Sie blieben zwei Tage in Harmannsdorf, und da gab es Reminiszenzen ohne Ende an die alten Zeiten im Kaukasus. Auch diesem teueren, schönen Lande sollte jener unselige Krieg später die grausamsten Leiden zufügen.

Im August jenes Jahres folgten wir, mein Mann und ich, einer Einladung des Grafen Heinrich Taaffe (Sohnes des gewesenen österreichischen Ministerpräsidenten) und seiner liebreizenden Frau nach dem Schlosse Ellischau in Nordböhmen, wo wir eine sehr gemütliche Woche verlebten. Eine schöne Ueberraschung ward mir dort zugedacht: Als wir um neun Uhr abends nach dem Diner auf dem Balkon saßen, von wo der Blick auf die den Horizont umrandenden, bewaldeten Berge fällt, flammte plötzlich auf einem Gipfel in Riesenlettern gegen den dunkeln Himmel das Wort »Pax« auf. Zugleich bewegten sich aus der Ferne kleine Lichter, die immer zahlreicher und immer näher durch die Büsche glimmten, auf das Schloß zu. Es war ein Fackelzug. Zahlreiches Volk strömte mit, eine Musikbande fing zu spielen an, und schließlich versammelte sich der ganze Zug auf dem Platze unter dem Balkon; ein Mann trat vor – es war der Schullehrer – und hielt in böhmischer Sprache eine Ansprache, in der das Wort »Friede« öfters vorkam. Ich mußte antworten, auch böhmisch – der Hausherr soufflierte mir die Worte, denn ich kenne meine Landessprache nicht. Die Kinskys sind zwar eine tschechische Familie, aber zu meiner Jugendzeit war das tschechische Nationalbewußtsein noch nicht erwacht, und in meinem Alter war ich dafür – da ich zum europäischen Bewußtsein gelangt war – auch nicht mehr empfänglich. Darum freute mich aber die Ansprache des Herrn Lehrers nicht minder. Die Dorfleute – auch aus den benachbarten Dörfern waren sie gekommen – blieben noch lange versammelt; die Musikanten spielten eine Polka, und die Jugend tanzte. Mein Mann und ich waren durch die sinnreiche kleine Feier lebhaft erfreut worden. Niemals hat ein dankbareres Feuerwerkpublikum »Ah!« gerufen als wir in dem Momente, da das haushohe »Pax« den Nachthimmel erhellte.

Glücklich unsere Nachkommen, denen dieses Wort am politischen[537] Horizont leuchten wird – nicht als flüchtiges pyrotechnisches Spiel, sondern als unverrückbares Wahrzeichen.

Im September hätte die Interparlamentarische Konferenz in Wien stattfinden sollen. An der Spitze des Organisationskomitees stand Baron Pirquet. Die Vorbereitungen waren getroffen, die Programme ausgeschickt, der Eröffnungstag festgesetzt, als kurz vorher das Komitee ein Rundschreiben versandte, worin verkündet ward, daß unvorhergesehener technischer Hindernisse wegen die Konferenz abgesagt und auf künftiges Jahr verlegt werden müsse. Baron Pirquet vertraute mir an, daß es nicht technische, sondern politische Hindernisse waren. Der Schlag traf ihn hart. Auch mich hatte dieses Ereignis schmerzlich berührt, aber ich hatte jetzt ganz anderen Kummer. Schon in Ellischau, schon in Luzern hatte der Meine öfters über Schmerzen geklagt, und manche unserer Freunde sagten mir später, daß sie damals über sein Aussehen erschrocken waren.

Eine lange, lange Krankheit begann. Zuerst – – – – – nein. Ich will hier diese Passionsgeschichte nicht erzählen – hier nicht! In »Briefe an einen Toten« habe ich dem teueren Schatten selber alles erzählt, wie er und wie ich gelitten – und wie er gestorben ist.

Der 10. Dezember 1902 war sein Todestag. Bis zum 9. Dezember habe ich alle Phasen des Bangens und Hoffens, des Verzagens und Verzweifelns in mein Tagebuch eingeschrieben. Es ist erstaunlich, wie sehr man ein solches Buch als Freund empfindet – wie man ihm alles sagen und klagen kann, wie man über seine Blätter die Tränen weinen kann, die man den anderen, besonders einem geliebten Kranken, verbergen muß.

Aber am 10. Dezember konnte ich nicht mehr schreiben und noch lange nicht nachher.

Erst später kehrte ich wieder zu meinem Vertrauten zurück und zeichnete ein großes Kreuz unter das letztbeschriebene Blatt. Auf die neue Seite schrieb ich:


29. Dezember. Hier klafft eine fürchterliche Lücke in diesem Buch. Die schrecklichsten Tage meines fortan einsamen, unausdenkbar einsamen Lebens ...

Am 10. und nach einer Stunde der Agonie und nachdem er noch meinen Namen gerufen hatte, hauchte der Meine – Meine! – sein geliebtes Leben aus!

Maria Louise, Schwester Louise, Pauline, die beiden Aerzte und ich umringten das Sterbebett – unvergeßlich traurige und schaurige Stunde ...[538]

Habe alles verloren!

Nun folgten die Tage und Nächte der Totenwache.

So lieb lag er da mit dem ihm eigenen Lächeln um die kalten, eiskalten Lippen, die ich nicht genug küssen konnte ...

Am 13. Einsegnung – die weinenden Haus- und Dorfbewohner – die Trauergäste ... wir begleiten den Sarg nach Eggenburg.

Am 14. Fahrt nach Gotha.

Am 16.: das Flammengrab!


– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Mein Verlorener hat in seinem Leben gar viele schöne und liebe Worte zu mir gesagt, die ich mir ins Herz geprägt; die liebevollsten aber sprach er übers Grab hinüber – in seinem Testament:

(Nach einigen letzten Verfügungen und Anordnungen heißt es:)

»– – Und nun, Meine, noch ein Wort Dir: Dank. Du hast mich glücklich gemacht, Du hast mir geholfen, dem Leben die schönsten Seiten abzugewinnen, mich desselben zu freuen. Keine Sekunde der Unzufriedenheit hat es zwischen uns gegeben, und das danke ich Deinem großen Verstande, Deinem großen Herzen, Deiner großen Liebe!

Du weißt, daß wir in uns die Pflicht fühlten, unser Scherflein zum Besserwerden der Welt beizutragen, für das Gute, für das unvergängliche Licht der Wahrheit zu arbeiten, zu ringen. Mit meinem Heimgang ist für Dich diese Pflicht nicht erloschen. Das gute Andenken an Deinen Gefährten muß Dich aufrechterhalten. Du mußt in unseren Intentionen weiterarbeiten, um der guten Sache willen die Arbeit fortsetzen, bis auch Du am Ende der kurzen Lebensstation anlangst. Mut also! Kein Verzagen! In dem, was wir leisten, sind wir einig, und darum mußt Du trachten, noch viel zu leisten!«

39

Anspielung auf den Jules Verneschen Kapitän Nemo, der immer zur rechten Zeit den Kindern des Kapitän Grant hilft und den wir uns scherzweise zum Schutzpatron zugelegt hatten.

40

Generalstabsarzt Richard Chimani, ein langjähriger Freund und Gutsnachbar.

41

Autorisierte Uebersetzung von A. H. Fried. Berlin, Boll & Pickardt.

Quelle:
Bertha von Suttner: Memoiren, Stuttgart und Leipzig 1909, S. 526-539.
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