Der Schenk von Limburg

[238] Zu Limburg auf der Veste,

Da wohnt' ein edler Graf,

Den keiner seiner Gäste

Jemals zu Hause traf.

Er trieb sich allerwegen

Gebirg und Wald entlang,

Kein Sturm und auch kein Regen

Verleidet' ihm den Gang.


Er trug ein Wams von Leder

Und einen Jägerhut

Mit mancher wilden Feder,

Das steht den Jägern gut;

Es hing ihm an der Seiten

Ein Trinkgefäß von Buchs;

Gewaltig konnt er schreiten

Und war von hohem Wuchs.


Wohl hatt er Knecht' und Mannen

Und hatt ein tüchtig Roß,

Ging doch zu Fuß von dannen[238]

Und ließ daheim den Troß.

Es war sein ganz Geleite

Ein Jagdspieß, stark und lang,

An dem er über breite

Waldströme kühn sich schwang.


Nun hielt auf Hohenstaufen

Der deutsche Kaiser Haus.

Der zog mit hellen Haufen

Einsmals zu jagen aus.

Er rannt auf eine Hinde

So heiß und hastig vor,

Daß ihn sein Jagdgesinde

Im wilden Forst verlor.


Bei einer kühlen Quelle,

Da macht' er endlich Halt;

Gezieret war die Stelle

Mit Blumen mannigfalt.

Hier dacht er sich zu legen

Zu einem Mittagschlaf,

Da rauscht' es in den Hägen

Und stand vor ihm der Graf.


Da hub er an zu schelten:

»Treff ich den Nachbar hie?

Zu Hause weilt er selten,

Zu Hofe kommt er nie:

Man muß im Walde streifen,

Wenn man ihn fahen will,

Man muß ihn tapfer greifen,

Sonst hält er nirgend still.«


Als drauf ohn alle Fährde

Der Graf sich niederließ

Und neben in die Erde

Die Jägerstange stieß,

Da griff mit beiden Händen

Der Kaiser nach dem Schaft:

»Den Spieß muß ich mir pfänden,

Ich nehm ihn mir zu Haft.
[239]

Der Spieß ist mir verfangen,

Des ich so lang begehrt,

Du sollst dafür empfangen

Hier dies mein bestes Pferd.

Nicht schweifen im Gewälde

Darf mir ein solcher Mann,

Der mir zu Hof und Felde

Viel besser dienen kann.«


»Herr Kaiser, wollt vergeben!

Ihr macht das Herz mir schwer.

Laßt mir mein freies Leben,

Und laßt mir meinen Speer!

Ein Pferd hab ich schon eigen,

Für Eures sag ich Dank;

Zu Rosse will ich steigen,

Bin ich mal alt und krank.«


»Mit dir ist nicht zu streiten,

Du bist mir allzu stolz,

Doch führst du an der Seiten

Ein Trinkgefäß von Holz:

Nun macht die Jagd mich dürsten,

Drum tu mir das, Gesell,

Und gib mir eins zu bürsten

Aus diesem Wasserquell!«


Der Graf hat sich erhoben,

Er schwenkt den Becher klar,

Er füllt ihn an bis oben,

Hält ihn dem Kaiser dar.

Der schlürft mit vollen Zügen

Den kühlen Trank hinein

Und zeigt ein solch Vergnügen,

Als wär's der beste Wein.


Dann faßt der schlaue Zecher

Den Grafen bei der Hand:

»Du schwenktest mir den Becher

Und fülltest ihn zum Rand,

Du hieltest mir zum Munde[240]

Das labende Getränk:

Du bist von dieser Stunde

Des deutschen Reiches Schenk!«


Quelle:
Ludwig Uhland: Werke. Band 1, München 1980, S. 238-241.
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