Dritter Auftritt

[148] Marthe. Röschen. Christel. Michel. Der König.


MICHEL. Nu guten Abend, Kinder! guten Abend!

RÖSCHEN. Ihr seyd auch lange geblieben, Vater?

MICHEL ruft zur Thüre hinaus, indem der König noch nicht herein ist. Herein Schwager! – da bring' ich Euch einen Gast mit; dem müßt Ihr heute zu essen, und eine Streue auf die Nacht geben.

MARTHE. Ha, ich habe wohl einen bessern Gast – Siehst Du? Sie weißt auf Christeln, der ein wenig auf der Seite steht.[148]

MICHEL stößt beynahe den König über den Haufen, um seinen Sohn zu umarmen. Unser Christel ist wieder da? dem Himmel sey's gedankt!

DER KÖNIG. Beynahe, lieber Freund, hättet Ihr mich über den Haufen gerannt.

MICHEL. Der gute Junge! – Zum König. verzeiht mir, Freund, ich bin aber so froh, so froh – Er kehrt dem Könige den Rücken. Es ist mir, als ob's ein Jahr wäre, daß ich Dich nicht gesehen, so sehr habe ich Dich vermißt. Laß sehen, wie siehst Du aus?

RÖSCHEN. Nicht wahr, Vater, ein bischen blaß?

MARTHE. Der arme Schelm wird sich mit dem hin und herlaufen erhitzt haben![149]

CHRISTEL. Seyd ruhig! Ich befinde mich wohl, und bin voller Freude, Euch so munter zu sehen!

MICHEL. Desto besser! – Zum König. Mit Erlaubniß! Er setzet sich. Kinder, helft mir doch ein bischen die Schuhe ausziehen! Ich bin heute so viel durch die Sträucher gekrochen, daß ich meinen Rücken nicht fühle. Sie sind alle um den Vater her, ihn zu bedienen; eines bringt eine Mütze, das andre die Pantoffeln, und das dritte macht ihm die Schuhe auf. Nu, Christel, hieher! – sage mir doch! – – Er fängt mit ihm an heimlich zu reden, nachdem spricht er zu Marthen mit gedämpfter Stimme, doch so, daß es die Zuschauer hören können. Du Marthe, stecke das kleine Fäschen Wein an, das wir so lange aufgehoben haben! Ich will heute[150] einmal flott leben, da wir einen von's Königs Leuten, und ihn selbst so nahe bey uns haben. – Er redt noch ein paar Worte heimlich fort, und steht nicht eher vom Stuhle auf, bis der König, auf die Seite zu reden, aufgehört hat.

DER KÖNIG während daß Michel mit Christeln heimlich schwatzt. Welches Vergnügen! endlich habe ich doch einmal die Freude, ein Mensch zu seyn, und die Natur in ihrer Unschuld zu sehen! – Bey dem, was Michel zu Marthen sagt. Ah! wenn mich alle meine Unterthanen so lieben, so ist es schon der Mühe werth, König zu seyn – – Unvergleichlich! sie sehen und hören mich nicht!

MICHEL welcher in demjenigen, was er heimlich zu seinen Kindern, und besonders zu Christeln gesagt, fortzufahren scheint. Aber Christel, – warum bist Du denn so geschwind wieder zurücke gekommen? – hat Dir's geglückt?[151]

CHRISTEL. O ja! ich habe mein Mädchen wieder so unschuldig, so schön, als jemals! Ach wann Ihr wüßtet, was das gute Kind ausgestanden hat!

MICHEL. Also hast Du wohl gar den König gesprochen?

CHRISTEL. Nein, Vater! Ich habe ihn nicht einmal zu sehen gekriegt, so sehr ichs gewünscht hätte. – Ja, das dauert mich! das dauert mich!

MICHEL. Warum denn nicht?[152]

CHRISTEL. Weil – weil – Ich will Euchs schon erzählen, wenn wir alleine sind.

MICHEL. Recht Christel! Nu, wenn wir alleine sind. Ich muß Dir nur aber sagen, daß wir den König hier auf der Jagd gehabt haben. – Siehst Du? der da ist einer von seinen Leuten. Er hatte sich verloren, und ich habe ihn aufgelesen.

CHRISTEL. Sehr gut, mein Vater! Wir müssen ihm alles mögliche Liebes und Gutes erweisen.

DER KÖNIG. Ihr seyd sehr gütig, meine lieben Freunde! ich danke Euch!

MICHEL. Nu, Marthe, Röse! schafft uns bald was zu essen.[153]

MARTHE. Ja, gleich will ich Anstalt machen, Vater.

RÖSCHEN. Es wird uns an einem Messer fehlen Zum Könige. Heh? hat Er etwan eins bey sich?

DER KÖNIG. Nein, liebes Röschen.

RÖSCHEN. Nu, so muß er mit unserm Küchenmesser vorlieb nehmen! Sie will abgehen.

MICHEL. Mädchen, vor allen Dingen bringe einen Krug Bier her! Der arme Herr mag indessen einen frischen Trunk thun! Ich weiß, daß er so durstig ist – es ist nicht mit den Leuten, wie mit unser einem.[154]

DER KÖNIG. Ihr kommt mir doch in allem zuvor, guter Michel! Ich wollte Euch eben darum bitten.

RÖSCHEN. Gleich, gleich mein Herr!

DER KÖNIG greift ihr aus Kinn. Und es wird mir noch einmal so gut schmecken, wenn mirs Röschen bringt.

Welch ein schöner Gegenstand!

Eine Flasch' in Phyllis Hand

Sieht der ernste Weise blinken:

Heiter wird der finstre Mann,

Und der sonst nicht trinken kann,

Wird schon durstig, will schon trinken.

Sehet, Phyllis schenkt ihm ein!

Feurig glänzt ihr Aug' im Wein,

Das sonst Unlust schien zu trüben.

Trinkt ihr zu! sie langt schon her!

Sie war spröde, nüchtern er:

Er wird trinken, sie wird lieben![155]


Quelle:
Johann Adam Hiller: Die Jagd. Leipzig 1770, S. 148-156.
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