Zweiter Auftritt

[315] Langers, Ferdinand, die Vorigen.


LANGERS trägt von ungefähr die Hand in dem zugeknöpften Frack. Hier bringe ich einen versöhnten Feind.

ROSALIE. Versöhnt mit Ihrem Blute.

LANGERS. Woher wissen Sie?

JULIE. Sie sind verwundet –

ROSALIE. Von diesem Grausamen. Zu Ferdinand.

JULIE. Wir wissen alles.[315]

ROSALIE. Wo sind Sie verwundet?

JULIE. Ach – hier die Hand!

ROSALIE. Sie verbergen uns umsonst –

LANGERS den Irrthum benutzend, scheinheilig. Man trägt sein Unglück nicht zur Schau.

JULIE. Sie sind blaß –

LANGERS. Der Blutverlust –

ROSALIE. Geschwinde einen Sessel.

FERDINAND für sich. Welche Sorge.

JULIE. Hält der Verband noch fest?

LANGERS. Ich bin noch nicht verbunden.

JULIE. Nicht – mein Gott! Reißt ein Stück Mousselin von der Stickerei weg. Die Hand her – geschwind.

ROSALIE. Wir wollen sie verbinden.

LANGERS. Herzlich gerne – aber, Zieht die Hand hervor. es fehlt ihr nichts.

JULIE erstaunt. Nichts?[316]

ROSALIE. Die Hand ist ganz.

LANGERS. Alle fünf Finger.

JULIE. Sie blutet nicht.

LANGERS. Hat auch nicht geblutet.

ROSALIE. Aber verwundet sind Sie doch?

LANGERS seufzt. Ja!

BEIDE MÄDCHEN. ?Wo?

LANGERS deutet aufs Herz. Hier.

FERDINAND lacht. Der Scherz ist allerliebst.

ROSALIE wendet sich schnell zu ihm. Was Scherz? Sie, Sie können lachen, nachdem Sie uns diese unverzeihliche Angst gemacht?

FERDINAND. Es war –

ROSALIE. Thorheit, mit einem Manne eifersüchtig zu sein, den man zum erstenmal sieht.

FERDINAND. Meine Liebe –

ROSALIE. Gründet sich nicht auf Vertrauen, folglich ist[317] das keine Liebe die heirathen darf. Wir sind geschieden.

FERDINAND. Rosalie –

ROSALIE. Ein ehrlicher Kaufmann muß Gott vor Augen, seine Frau im Herzen, und hinter dem rechten Ohr seine Feder haben. Der zieht keinen Degen, der kennt Pistolen nur als eine Münze, und endet mit einem Wortwechsel jeden Streit.

FERDINAND. Auch wenn er Recht hat?

ROSALIE. Das hat der Eifersüchtige nie.

FERDINAND. Wenn man sein Herz angreift?

ROSALIE. Den Kaufmann erschreckt nur ein Angriff auf seine Kasse.

FERDINAND. Wenn man ihm seine Frau verführt?

ROSALIE. Halt – jetzt sind wir auf dem Punkt den wir abzumachen haben. Ihr Verdruß entstand, weil Sie glaubten, ich hätte die Ehre Herrn Langers zu gefallen?

LANGERS. Gehorsamster Diener, die Ehre ist ganz auf meiner Seite.

ROSALIE. Ich erkläre also hiermit, daß ich das Recht habe,[318] und mir es in jedem künftigen Verhältnisse ausbedinge, allen Männern zu gefallen.

FERDINAND schreit. Allen?

ROSALIE. Repetire – allen Männern zu gefallen, räume Ihnen aber dagegen das Recht ein von mir zu verlangen, daß mir außer Ihnen, keiner gefalle. Dieses Recht muß jedoch durch artiges, gefälliges Betragen erworben, und durch Vertrauen erhalten werden. An beiden haben Sie sich insolvent erklärt; was für Rechte haben Sie denn noch auf mich? Keines. Ich darf also mein, seit einem Jahr nur auf Ihnen haftendes Auge wieder auf die Menge werfen, und zu meinem Herzen sagen: – suche Dir aus was Dir gefällt.

LANGERS. Charmant, unter der Menge bin auch ich – ich strecke mich, ich stelle mich auf die Zehen, daß Sie mich bemerken.

FERDINAND. Und ich liege zu Ihren Füßen – verzeihen Sie mir.

ROSALIE. Mein Gott! Für einen Kaufmann, welche Attitüde! – Auf, mein Freund! Daß es die Weit nicht sieht. – Was thut der Biedermann, dem man vertrauen soll?

FERDINAND. Er schwört –

ROSALIE. Nicht doch, er gibt sein Wort.


[319] Muß sehr schnell gesprochen werden.


FERDINAND. Seine Hand – ich vertraue.

ROSALIE. Ich liebe –

FERDINAND. Gleiche Rechte –

ROSALIE. Gleiche Liebe –

FERDINAND. Bis in den Tod.

ROSALIE. Bis in den Tod. Umarmt ihn.

LANGERS. Amen! Zu Julien. Was meinen Sie Fräulein, werden die Leutchen Wort halten?

JULIE verlegen. Ich habe darin zu wenig Erfahrung.

LANGERS. Ich desto mehr. Wenn beide nicht auf der Stelle sterben, hält keines seinen Schwur.

FERDINAND drohend. Langers –

LANGERS. Hu – der Ton führt Degen und Pistolen, wenn man mir die auf die Brust setzt, schwör ich für unser ganzes Geschlecht –


Ferdinand und Rosalie haben sich zurückgezogen, nach einer Pause sieht sich Langers um.


Ach – die Unterhaltung geräth ins Stocken, das Haus verwandelt sich in verschiedene Komitteen; dort wird über den Sklavenhandel debattirt – hier weiß man noch nicht, was die Minister belieben. Ich[320] merke schon, es geht mir an den Hals, auf jeden Fall bleibe ich Opposition. Sieht Julie an, dann für sich. Wie unterhalte ich sie denn? Das Thema vom Wetter ist zu abgenutzt. Ei was, bin ja so oft von einem Glas Wasser auf die Sündfluth, und von dem großen Mogul auf den kleinen blinden Knaben gekommen. Das Geld kann mir ausgehen, Worte nie. Wendet sich rasch zu ihr, dann sagt er für sich. Uebel wäre sie nicht, aber Tag und Nacht gegen ihre Schwester. Laut. Sehen Sie doch mein Fräulein, wie unartig die Verliebten sind, man lispelt, drückt sich die Hände – verschlingt sich mit den Blicken; um unsere Unterhaltung bekümmern sich die Leute nicht.

JULIE für sich. Ich weiß nicht, mir ist so bang.

LANGERS. Sagten Sie etwas?

JULIE. Ich? – Nichts.

LANGERS für sich. Aus nichts wird nichts. Ein so stummes Frauenzimmer ist mir noch nicht vorgekommen, die kann nie heirathen, denn sie bringt nicht einmal das Ja heraus. Da muß ich Sukkurs holen. Wendet sich gegen Ferdinand. Was Teufel –


Ferdinand und Rosalie sind während dem Gespräch ins Nebenzimmer geschlichen, und lauschen manchmal an der Thüre.


LANGERS. Fort? – Hm – das ist dumm, sehr dumm. Die Absicht merk' ich – die ist nicht gemacht um mich – kann mich ja auch empfehlen Will gegen Julien eine[321] Verbeugung machen. doch ich sollte ja noch mit der Mutter reden, vielleicht holt er sie; also bis dahin ein stummes tête a tête mit der Tochter. Betrachtet sie. Schön gebaut – aber ohne Geist, ohne Leben – schade. – Laut. Mein Fräulein, sehen Sie sich doch um, die Leutchen haben uns allein gelassen.

JULIE sieht sich um, erschrickt. Allein?

LANGERS. Wir sind hier gleichsam wie auf eine wüste Insel verschlagen, fern von allem was lebt, nur auf uns selbst reduzirt.

JULIE. Mein Gott –

LANGERS. Erschrecken Sie nicht. Auf unsrer Insel giebt es keine wilden Thiere. – Und jetzt eine Probe von meinem Erfindungsgeist – ich sammle die Bretter unsers zerschmetterten Schiffes – und hier steht – ein Stuhl! Giebt ihr einen Stuhl.

JULIE. Nur wenn Sie –

LANGERS. Auch sitzen? Sorgen Sie nicht, – für mich zimmere ich einen Sorgenstuhl – so, die zwei wichtigsten Geräthe sind fertig.

JULIE setzt sich.

LANGERS setzt sich. Pause, dann für sich. Noch immer stumm? Wenn das so fort geht, lasse ich sie wie Ariadne auf ihrem Naxos, steche wieder[322] in See, und suche Menschen. Laut. Können Sie es denn nicht über sich gewinnen, die Augen aufzuschlagen? Ich besitze die Gabe aus den Augen eines hübschen Mädchens so viele gute Gedanken herauszugucken, daß ich dann um unsre Unterhaltung gar nicht verlegen bin.

JULIE. O – meine Augen sind –

LANGERS. Planeten, die das Schicksal armer Sterblichen leiten; was sich in ihren Dunstkreis verirrt, muß sich um sie herum drehen. Ist es nun nicht entsetzlich, daß ich mich schon einen ganzen Tag um Sie herum drehe, ohne zu wissen, von welcher Farbe sie sind.

JULIE sieht ihn an.

LANGERS. Ach – blau – blau das gestirnte Firmament. – Ja freilich, wenn die Augen so viel sagen, ist es kein Wunder, wenn die Zunge schweigt. Die interessante Bekanntschaft Ihrer Augen hätte ich gemacht – nun möchte ich den Silberklang Ihrer Stimme hören; die einzelnen Akkorde versprechen viel – verwandeln wir das Pausen-Konzert in ein liebliches Adagio.

JULIE wendet sich weg. Ach –

LANGERS für sich. Da ist alles umsonst. Zu ihr gutmüthig. Sagen Sie mir, liebes Kind – sind Sie immer so stumm?[323]

JULIE. Oft.

LANGERS. Ihre Schwester hat es doch in der Redekunst sehr weit gebracht.

JULIE. Sehr weit.

LANGERS. In Ihrem Alter theilt man sich so gerne mit.

JULIE. Ich auch – aber nur bei Personen die –

LANGERS. Charmant, nur fort – nur weiter – bei Personen die? –

JULIE. Nachsicht mit meinen Fehlern haben.

LANGERS stutzt. Hätte ich die nicht?

JULIE. Ich weiß es Ihnen Dank, wenn ich es so finde – aber voraussetzen durfte ich es bei Ihnen nicht.

LANGERS. Warum nicht?

JULIE. Sie leben in der großen Welt, wo man die so gerne lächerlich macht, die besser denken als sprechen, die sich nicht leicht, nicht zierlich ausdrücken, nicht frei und offen benehmen, wo die Form alles, und der innere Gehalt des Menschen so wenig gilt.

LANGERS erstaunt für sich. Was Teufel![324]

JULIE. Diese Erfahrungen haben mich in meinem Betragen schüchtern, wohl auch gar linkisch gemacht. Ich sehe ein, daß ich mich zurückziehen muß, weiß es aber denen herzlich Dank, die sich mir gutmüthig nähern –

LANGERS rückt näher, und sieht sie erstaunt an.

JULIE. Die mir Muth machen mein Herz zu entfalten, die es der Mühe werth finden das Gute aufzusuchen, was die Erziehung der besten Eltern auf keinen unfruchtbaren Boden gepflanzt; die meine Einfachheit nicht tadeln, meinen Mangel an Welt und Welt-Sinn nicht verspotten, die meinem Herzen glauben, was Geist und Verstand nicht verbürgt; gegen solche Menschen bin ich offen und frei, und daß ich jetzt mit Ihnen so viel über mich gesprochen, muß Ihnen beweisen, daß ich Sie für einen solchen halte.

LANGERS für sich. Welche Sprache!

JULIE. Ich glaube, Sie sind gut.

LANGERS rückt näher. Ich bitte, halten Sie mich dafür.

JULIE. Sie unterscheiden Zurückgezogenheit von Unwissenheit.

LANGERS. Ganz und gar Rückt näher.[325]

JULIE. Einfalt dient Ihnen nicht zum Gespötte?

LANGERS. Nein – nie –

JULIE. Sie glauben an Tugend ohne Schimmer?

LANGERS sehr verlegen. Ich glaube – ich bin – ich werde – ich muß – Springt auf. Nun komme ich ins Stocken.

JULIE. Habe ich vielleicht? –

LANGERS. Nein, nein –

JULIE. Gewiß habe ich zu viel gesagt?

LANGERS. Viel, sehr viel, mehr als ich jetzt beantworten kann, aber nicht zu viel. Dies Gespräch hat einen sonderbaren Eindruck auf mich gemacht. Ich war – o ich bitte Sie, nur einen Augenblick überlassen Sie mich mir selbst.

JULIE geht an ihre Arbeit.

LANGERS Geht heftig herum, sieht sie oft an, endlich bleibt er vor ihr stehen. Lieben Sie diese Beschäftigung?

JULIE. Recht sehr.

LANGERS. Hat diese schöne Arbeit schon eine Bestimmung?[326]

JULIE lächelnd. Sie hatte eine sehr eitle. – Meine Mutter glaubt, daß ich es darin zu einiger Vollkommenheit gebracht, und dringt darauf, was ich auch dagegen sage, es in einer Sammlung von Kunstwerken öffentlich ausgestellt zu sehen.

LANGERS. Sie müssen ihren Wunsch erfüllen.

JULIE. Das ist jetzt nicht mehr möglich.

LANGERS. Weßhalb?

JULIE. Es ist beschädigt.

LANGERS. Wodurch?

JULIE. Ich habe da vorhin –

LANGERS. Was?

JULIE. Ein Stück losgerissen –

LANGERS. Warum?

JULIE verlegen. Zu –

LANGERS hastig. Zu meinem Verband?

JULIE. Ich glaubte Sie verwundet.

LANGERS mit Feuer. Julie, das thaten Sie? Dies Meisterstück konnten Sie vernichten, um mich – und mein Muthwille[327] war es, der Sie – Julie – Mädchen – Engel – gieb mir Deine Hand. Der Mann, für den Du das gethan, die Arbeit vieler Tage vernichtet, dem Lob der Menge entsagtest, der Mann muß Dein Mann werden. Julie – werde mein Weib.


Ferdinand und Rosalie treten leise heraus.


JULIE. Langers – o mein Gott!

LANGERS. Ich habe in der großen Welt gelebt, aber sie hat mein Herz nicht verdorben – Unschuld gilt mir mehr als Grimasse, Verstand mehr als Witz, gutmüthige Hingebung mehr als Koketterie. – Julie, werde mein Weib, und mache mich zum glücklichsten Menschen.

ROSALIE UND FERDINAND rufen. Und uns! Und uns!

FERDINAND. Geschwind zu meinem Vater. Schnell durch die Mitte ab.

ROSALIE. Geschwind zu meiner Mutter. Seitwärts ab.

LANGERS. Was war das? Wir hatten Zeugen? Sie fliegen hin, sie schreien mein Glück in alle Welt – desto besser, so kann die Braut nicht mehr zurück.

JULIE. Darf ich diesem raschen Entschluß –

LANGERS. Vertrauen? Ja – nicht meine Sinne sind gefesselt:[328] was Sie sagten, was Sie thaten, traf mein Herz. Ich achte – verehre – ich liebe Sie; ich war als Jüngling ein lockerer Geselle, er ist verblüht, die Flatterseite des Lebens wendet sich – auch seine ernste Seite schreckt mich nicht. Der Mann mit Erfahrung steht jetzt hier, und bietet einem edlen deutschen Mädchen die Hand. Schlage ein – ich leite, hebe, trage Dich über die Klippen des Lebens; ich vermeide, denn ich kenne sie – Julie – Engel – was hab ich zu hoffen?

JULIE. Ein gutes Weib – ohne Glanz und Schimmer – sie lebt nicht für die Welt, aber für ihren Gatten, und für ihre Pflicht. Giebt ihm die Hand.

LANGERS. Julie – meine Braut? Und bald mein Weib, mein liebes gutes Weib.


Quelle:
Johanna Franul von Weißenthurn: Neueste Schauspiele. Band 9, Berlin 1821, S. 315-329.
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