Erste Handlung.


[10] Eusebius, Uranius.


EUSEBIUS. Wo soll das Spiel vorgestellet werden?

URANIUS. Eben auff diesem Platze.

EUSEBIUS. Und wollen die Personen den Heydnischen APOLLO zu Ehren erscheinen?

URANIUS. Sie habens willens.

EUSEBIUS. Das soll gleichwohl an Christlichen Orten nicht geduldet werden.

URANIUS. Man hat Himmlische Sachen genung / die sich bey solchen Gelegenheiten anschauen lassen.

EUSEBIUS. Ich wil mich doch der Sache recht erkundigen. Dort kommt mein guter Freund / der wird vielleicht mit uns einerley Gedancken haben.

URANIUS. Ja wohl / kan POLITICUS dem EUSEBIO gute Dienste thun.


Politicus und Civilis treten auff.


POLITICUS. Ich bin zu frieden / daß ich meine Person in dem Schau-Spiele sehen lasse.[10]

CIVILIS. So wil ich folgen.

POLITICUS. Der PARNASSUS soll sich eröffnen / und die Tugendhafften sollen den grossen APOLLO als ihren Richter ansehen.

CIVILIS. Ich bedancke mich / daß ich solche annehmliche Sachen soll zu Gesichte bekommen.

POLITICUS. Ein junger Mensch muß bey Zeiten einen Blick in die Welt thun.

CIVILIS. Ich wolte wünschen / daß mein Glück mit guten Nutz geschehen möchte.

POLITICUS. Der PARNASSUS wird diesen Wunsch getreulich SECUNDIren.

CIVILIS. Ich bin jung; allein aus kleinen Samen sind offtmahls ansehnliche Stauden in die Höhe gewachsen.

POLITICUS. Der Himmel helffe / daß dieser köstliche Same


Legt Civili die Hand auf den Kopff.


mit vollem Wachsthum hervor breche.

EUSEBIUS. Liebster Bruder / was hat man vor ein Schau-Spiel unter der Hand? soll APOLLO auff einem Christlichen THEATRO auffgeführet werden?

POLITICUS. Warum solte dieses verboten seyn?

EUSEBIUS. Weil die Heydnischen Götter der Himmlischen Majestät zu trotze sind erdacht worden.[11]

POLITICUS. Ich sehe wohl / daß die Sache durch eine wohlanständige Erklärung muß RECOMMENDIRET werden.

EUSEBIUS. Wo der gantze Leib verdorben ist / da wird keine äusserliche Artzney helffen.

POLITICUS. Der Herr Bruder wird wissen / was der Sinnreiche Italiäner TRAJANO BOCCALINI, mit seiner RELATION aus dem PARNASSO, vor ein Kunststück erwiesen hat.

EUSEBIUS. Es ist nicht alles Christlich / was künstlich ist.

POLITICUS. Es ist nicht alles unchristlich / was von den Heyden abgeborget ist.

EUSEBIUS. Dieser Italiäner mag vielleicht noch schlimmer gewesen seyn als ein Heyde.

POLITICUS. Ich sage meine Gedancken. Wer die Heydnischen Götter anbeten wil / der hat sich einer Sünde theilhafftig gemacht. Aber wenn jemand die artigen Erfindungen in solche Nahmen einkleiden wil / so wird ein Christlicher Poete so viel Freyheit haben als ein Heydnischer.

EUSEBIUS. Aber wo stecken die Erfindungen?

POLITICUS. Der PARNASSUS, oder die Versammlung der Tugendhafften / bedeutet die allgemeine Freundschafft der Gelehrten / welche gegen Abend und Morgen ausgebreitet sind / und welche von jedwedern Vorhaben ein kluges Urtheil zu fällen wissen.

EUSEBIUS. Aber was soll ich mir bey dem APOLLO einbilden?[12]

POLITICUS. Wenn die Gelehrten unterschiedene Meynungen führen / so muß doch auff einer Seite die Warheit bestehen: Und dannenhero wird APOLLO vor den klügsten CONSENS der Gelehrten / und daß ich so reden mag / vor den Kern der klugen Wissenschafft genommen: darumb / wenn ich sage / APOLLO hat es in dem PARNASSO befohlen / so heist es / die vornehmsten und edelsten Gelehrten sind in dieser Meynung einig worden.

EUSEBIUS. Ist es möglich / daß die Erfinder dergleichen Außlegung haben?

POLITICUS. Es ist nicht anders. Wer wolte sich einer Heydnischen Gotteslästerung theilhafftig machen? Wer wolte aber auch die zulässigen Gedancken / welche bey den Poetischen Gemüthern nicht ungemein sind / also bald verwerffen?

EUSEBIUS. Also werde ich selbst belieben tragen / diesen APOLLO in seiner RESIDENZ zu besuchen. Ich weiß / mein URANIUS wird nicht von mir weichen.

URANIUS. Ich liebe den Himmel / und umb des Himmels Willen liebe ich die menschliche Gesellschafft.

POLITICUS. Dieser Gang soll uns nicht tauren.

CIVILIS. Ach gesegnet sey dieses Bildnüß / da EUSEBIUS und POLITICUS einander begleiten.


Gehen ab.

Simplex, Candidus, Fidelis.


SIMPLEX. Die Menschen leben in einer Welt / und haben nicht einerley Gedancken.[13]

CANDIDUS. Man scheuet sich vor dem Lichte / und fürchtet sich vor der Finsternüß.

FIDELIS. Man lobt die Treue / und befleckt sich mit untreuen Verrichtungen.

SIMPLEX. Wo sind die einfältigen Menschen hinkomen?

CANDIDUS. Wo hat die Auffrichtigkeit ihren Sitz behalten?

FIDELIS. Ach / wo darff ein Mensch unter tausenden auch wol einem vertrauen?

SIMPLEX. Ich habe bey den Menschen das Bürger- Recht verlohren.

CANDIDUS. Mein Erbtheil ist mir in der Welt zu Waßer worden.

FIDELIS. Und meine Freundschafft ist in allen vier Theilen der grossen Erdkugel biß auff den letzten Mann abgestorben.

SIMPLEX. Ich suche Wohnung / aber ich werde verdrungen.

CANDIDUS. Ich suche meines gleichen / aber ich werde betrogen.

FIDELIS. Ich liebe / doch meine Zuneigung wird mit Schande und Verachtung belohnet.

SIMPLEX. Der grosse Schöpffer hat uns einen Kopff gegeben / daß wir uns vor zweyfältigen Gedancken eyfrig hüten sollen.

CANDIDUS. Und in dem Kopff beweget sich nur eine Zunge / daß wir nur einerley Sprache führen sollen.[14]

FIDELIS. In der Brust wallet nur ein Hertze / daß wir die Freundschafft aus einer Quelle heraus leiten sollen.

SIMPLEX. Der Todt macht alles gleich. Warum wird das Leben mit vielfältigen Farben verändert?

CANDIDUS. Ein jedweder Mensch erschrickt vor dem Grabe: doch wenn er Lasterhafftig ist / so begräbet er sich selber.

FIDELIS. Und alle verlangen die göttliche Treue / wenn sie sterben sollen; niemand aber wil derselben Gehorsam seyn / so lange das Leben währet.

SIMPLEX. Woher muß doch diese Veränderung entstanden seyn?

CANDIDUS. Ich bekenne meine Gedancken offenhertzig heraus: Der betrügliche MACHIAVELLUS hat die letzte Grund-Suppe der Welt mit diesen Unrathe gekochet und gewürtzet.

FIDELIS. Warum reden wir verblümt? Seit MACHIAVELLUS seine Schrifften in der Welt ausgebreitet hat / so ist die Treue verloschen / und an derselben statt Falschheit / Ehrsucht / Geitz und Meineydt eingeführet worden.

SIMPLEX. Hat der Welt-Verderber nicht verdienet / daß er vor Gericht gezogen wird?

CANDIDUS. Man hat sich bißhero vor seinen Beyständen gefürchtet.

FIDELIS. Und die spitzfündige Welt wil ihren Lehrmeister nicht gerne verdammen.[15]

SIMPLEX. Auff / ihr Brüder / weil der grosse APOLLO sein Gerichte hält / so versäumet die Zeit nicht. Hat er uns auff das äuserste verfolget / so mag ihn auch die ernste Straffe gedoppelt über den Hals kommen.

CANDIDUS. Die finstere Nachteule mag in einem dunckelen Gefängnisse verschmachten.

FIDELIS. Ja / dieser untreue Bösewicht soll unter falschen und grausamen Peinigern die Ewigkeit beschliessen.

SIMPLEX. Wer soll in unsern Namen das Wort führen?

CANDIDUS. Ich bin mit INNOCENTIO GENTILETO bekannt / der hat Muth und Kräffte genung diesen falschen POLITICUM zu verklagen. Allein er wird aus Furcht der allgemeinen MACHIAVELListen in frembden Kleidern / wie denn auch in unbekanten Haaren erscheinen müssen.

FIDELIS. Heist dieses ein EXEMPEL der Auffrichtigkeit?

CANDIDUS. Ein Mensch kan zugleich auffrichtig seyn / und falschen Personen in gebührender Klugheit Widerstand thun.

SIMPLEX. Wohlan / es bleibe bey den Advocaten / und bey der übrigen RESOLUTION.


Gehen ab.

Der innere Schauplatz eröffnet sich / darinn Apollo in einem hellen Throne præsentiret wird.


APOLLO. Nach dem die Gesellschafft der vernünfftigen Menschen ihre zweiffelhafftige Fälle diesen hellgläntzenden[16] Throne mit unterworffen haben / auch von so vielen Jahren her dieses Licht und diese Majestät von allen Völckern ist verehret / und mit beständigen Gehorsam angeschauet worden: Als will auch uns nicht anders obliegen / denn daß wir die kluge Welt bey diesen Vertrauen erhalten / und durch ein rechtmässiges Regiment die Klugheit von der Unvernunfft / den Irrthumb von der Wahrheit und das menschliche Wesen von der BESTIALItät unterscheiden: zu welchen Ende auch dieser ordentliche Gerichts-Tag wiederum angestellet ist / daß ein jedweder auff diesem freyen PARNASSUM ungehindert herauff steigen / und sich eines unpartheyischen Urtheils getrösten möge. Dannenhero gehet unser Befehl / daß FAMA den Gerichts- Tag allenthalben ausbreiten und die klagenden Personen biß zu unsern Majestätischen Throne begleiten möge / daran geschiehet unsre ernste Meynung.


Die Scene fält wieder zu und verbirgt den Thron.

Innocens, Infucatus, Immutabilis.


INNOCENS. Ich habe mich lange betrügen lassen / nun ist es Zeit / daß mir Hülffe geschieht. Ich heisse INNOCENS, aber in dem ich der Unschuld ergeben bin / schämen sich andre Leute nicht ihre Schuld durch allerhand Unrechte bey mir zu häuffen.

INFUCATUS. Ich bin selbst erfreuet / daß ein Advocate kommen ist / welcher den verdammten MACHIAVELLUM zur Straffe fodern wird. Ich heisse INFUCATUS, aber indem ich die Menschen mit keiner Schmincke betrügen will / wird mir alle Tage / ach! wohl alle Stunden ein neues und geschmincktes Blendwerck vor die Augen gestellet.[17]

IMMUTABILIS. Unsre Principalen werden den Gerichts-Tag mit Verlangen erwarten: Ich selbst hätte der Welt gute Nacht gegeben: denn ich heisse IMMUTABILIS, doch jemehr ich in meinen ehrlichen Gemüthe zu einer beständigen Treue befestiget werde / desto mehr muß ich die wanckelmüthige Falschheit beklagen. Allein was erhebt sich vor ein Gethöne?


Es wird eine Trompete geblasen / Fama kommt heraus.


FAMA. Es sey hiermit allen und jedweden Einwohnern der alten und neuen Welt kundbar und zu wissen gemacht / daß der durchlauchtigste APOLLO, alsbald von Auffgang der Sonnen / in seinem hellgläntzenden PARNASSO den Majestätischen Richterstul eingenommen hat / und werden demnach alle jede gebührend erinnert / wofern sie in einigem Stücke / die Menschliche Klugheit betreffend / beschweret oder betrogen worden / daß sie den Gerichts-Tag nicht versäumen / und bey Erhebung ihrer rechtmässigen Klage eines gerechten Urtheils erwarten wollen.

INNOCENS. Dem Himmel sey Danck / daß der Tag eher angesetzet wird / als wir gehoffet haben.

INFUCATUS. Diese Zeitung wird von unsern Principalen frölich angenommen werden.

IMMUTABILIS. Es wird aber von nöthen seyn / das wir uns der gewissen Zeit erkundigen.

INNOCENS. Liebste Freundin / hat der Durchlauchtigste APOLLO seinen Sitz allbereit eingenommen?

FAMA. Es ist nichts anders als ich sage. Niemand kömmt zu geschwinde: aber will jemand zu langsam kommen / so[18] darff Er den PARNASSUM wegen des Verzuges nicht beschuldigen.

INFUCATUS. Es sind etliche tugendhaffte im Begriffe mit einer unterthänigsten Klage zu erscheinen.

FAMA. Der Weg ist keinem verschlossen: last sie nur kühnlich herzutreten: ich muß weiter fort / und die Zeitung in allen Enden der Welt ausblasen.


Fama schwinget sich davon / die Trompete wird wieder geblasen.


IMMUTABILIS. Ach ihr Brüder säumet euch nicht / unsre Botschafft wird mit höchster Annehmligkeit gehöret werden.


Die Scene eröffnet sich wieder / da Apollo auf dem Throne sitzt.


APOLLO. Was hat doch der Mensch vor ein kostbares Kleinod an seiner Vernunfft / und wie könte doch derselbige nicht nur über etliche Geschöpffe / sondern über die gantze Welt triumphiren / wenn er die vernünfftige Seele nicht selbst ihrer Gewalt beraubete / und die fleischliche Begierden dem allgewaltigen Schöpffer zu hohen Verdruß über sich regieren liesse. Ach wie selten würde dieser Richterstuhl von mir betreten werden / wenn ein jeglicher Mensch den Richter-Stul seines Gewissens / den Anspruch seines Verstandes / und das Gesetze seiner gesunden Vernunfft beobachten wolte.


Gentiletus, Simplex, Candidus, Fidelis, Innocens, Infucatus, Immutabilis.


GENTILETUS. Durchlauchtigster APOLLO, alsbald ihre Majestät diesen allgemeinen Gerichts-Tag ausblasen / und absonderlich[19] die tugendhafften zu gebührenden Schutze wider alle Bedrängnüß gnädigst aufffodern lassen / haben gegenwärtige Personen SIMPLEX, CANDIDUS, FIDELIS, wie denn auch ihre Befreundten / INNOCENS, INFUCATUS, IMMUTABILIS, meine Wenigkeit dahin vermocht wider den Weltberuffenen MACHIAVELLUM eine Klage zu erheben / leben auch des unterthänigsten Vertrauens / es werde dieselbige von Ihrer Majestät in aller Huld angenommen / und nach den Regeln der Gerechtigkeit / der gantzen Welt zum herrlichen Exempel / erörtert werden.

APOLLO. In unserm PARNASSO ist es nicht eingeführet / daß man die Vorsprecher zuvor reden läst: wer beleidiget ist / der mag seine Nothdurfft selber vortragen: wird man hernach eines Advocaten bedürfftig seyn / so kan auch diese Rechts-Wohlthat den bedrängten Theile zu statten kommen.

SIMPLEX. Durchlauchtigster APOLLO, wird sind zu einer rechtmässigen Klage genöthiget worden: denn da ich an meinem Orte unter den Menschen ein rechtschaffenes und einfältiges Vernehmen erhalten möchte / wie denn auch der grosse Schöpffer deßwegen ein Hertz und ein Haupt gegeben hat: So hat der boßhafftige MACHIAVELLUS mit seinen unverantwortlichen Schrifften die Gemüther dergestalt eingenommen / daß nunmehr zweyfältige Gedancken / zweydeutige Reden / mit einem Worte / eine zweyköpffigte Mißgeburt in der allgemeinen Gesellschaft angetroffen wird.

CANDIDUS. Eben der boßhafftige Feind hat mich / also zu reden / von Haus und Hoff gejagt. Ich heisse CANDIDUS und bin gewiß / daß die Redligkeit und ein auffrichtiges Vernehmen gleichsam in dem Panier stehen soll: Ach so hat so sich die Welt aus diesem MACHIAVELLIschen Buche so weit verführen lassen / daß man fast! ach ihre Majestät verzeihe dieser unbesonnenen Rede; daß man fast an eines jedweden[20] Menschen Brust ein gläsernes Fenster wünschen möchte / daß nur die verborgnen Gedancken könten an das Licht gestellet werden.

FIDELIS. Durchlauchtigster Apollo, ich heisse FIDELIS und wie der liebreiche Schöpffer durch sein eignes Exempel uns zu lauter Liebe / Treue / Freundschafft und Gütigkeit anlocken will / also wäre auch mein Wunsch / daß ich die vernünfftigen Menschen bey solchen Vorhaben beständig erhalten könte. Allein ich möchte fast blutige Thränen weinen / daß die betrügliche Falschheit mich allenthalben aus den rechtmässigen Erbtheile verjaget hat.

APOLLO. MACHIAVELLUS hat seiner Schrifften wegen in dem PARNASSO albereit seine Straffe erlitten / daß er auch niemahls in die Versammlung kommen darff / wenn er nicht einen gelben Flecken zum Wahrzeichen an dem Kleide trägt: doch wir haben noch nichts vernommen / daß er die Welt mit neuer CONFUSION belästiget hätte. Er soll hergebracht werden / immittelst beredet euch mit euren Vorsprecher / damit das Werck in aller kürtze zu entscheiden sey


Sie treten zusammen biß Machiavellus kömmt.


MACHIAVELLUS. Durchlauchtigster APOLLO auff allergnädigste CITATION erscheine ich / und will anhören / wessen ich mit Grund der Warheit könne beschuldiget werden.

APOLLO. Hier ist ein Advocat / der soll die Klage kürtzlich vorbringen.

GENTILETUS. Durchlauchtigster APOLLO, dieser gegenwärtige MACHIAVELLUS hat alle Falschheit / List und Betrügerey in der Welt eingeführet / daß numehr ein tugendhaffter Mensch der Welt eher Feind wird / als er mit schuldigen Diensten einige Freundschafft erweisen kan.[21]

MACHIAVELLUS. Ein anders ist anklagen / ein anders die Klage durch Beweiß befestigen.

GENTILETUS. Liegen die Schrifften nicht an Tage? es wäre schädlich / wenn man die Tugend im Hertzen hätte: Wohl aber könte es nützlich seyn / wenn man sich äusserlich durch einen Tugendhafften Schein RECOMMANDIRte / wiewohl mit diesem Bedinge / daß man auff dem Nothfall zu den Lastern greiffen / und die Tugend ohne Beschwerung des Gewissens verjagen könte.

MACHIAVELLUS. Was mein Buch betrifft / davor hab ich vor diesen Durchlauchtigsten Richter-Stuhl meine Straffe erlitten. Denn ob ich wohl durch eine Satyrische Schrifft die gewöhnliche Tyranney der Italienischen Fürsten vor der gantzen Welt PROSTITUIren wolte; So hätte ich doch besser gethan / wenn ich in der Schrifft nicht so ernstlich und gleich als mit einer gewissen Meynung auffgezogen wäre. Allein wo kömmt diese neue Klage her?

GENTILETUS. So lange das Buch nicht aus der gantzen Welt verbannet wird / so lange kan ein neuer Schaden erwachsen / und so lange muß der Autor des Buchs davor stehen. Ich meine / die Parisische Blut-Hochzeit wäre nachblieben / wenn die damahligen Statisten den MACHIAVELLUM nicht fleissiger gelesen hätten als die Bibel.

MACHIAVELLUS. Aus welchen Buche STUDIRten die Sicilianer ihre Vesper? Denn ich werde mein Buch nicht etliche 100. Jahr zuvor geschrieben haben / eh ich gebohren bin. Oder aus welchen Buche STUDIRte Cain / daß er in Gegenwart sei nes Vaters mit dem Abel freundlich reden / und ihm hernach mit guter Gelegenheit den Hals brechen solte?[22]

GENTILETUS. Ich habe genung / was in dem Buche steht / das wird jetzund in der Welt PRACTICIRT: Also müssen wir den jenigen beschuldigen / welcher den ärgsten Verdacht auff sich geladen hat.

MACHIAVELLUS. Was vor meiner Zeit gewesen ist / darinn kan ich nimmermehr der Anfänger seyn.

GENTILETUS. Vor Zeiten lebten andre Leute / die haben ihre Verführer vor sich gehabt / und darum lassen wir uns unbekümmert: genung / daß wir wissen / woher die jetzige Welt betrogen wird.

MACHIAVELLUS. Gleich als könte die jetzige Welt den alten Verführern nicht folgen.

GENTILETUS. MAHOMET wird dessentwegen gleichwohl ein Verführer genennet / wenn er gleich seinen ALCORAN von den alten Jüden Ketzern und Heyden geborget hat: und desto schlimmer ist ein solches Buch / darinne die alte Betrügerey gleichsam IN QUINTA ESSENTIA wiederumb zu Marckte getragen wird.

MACHIAVELLUS. Ich höre nichts als eitle Muthmassungen.

APOLLO. Nein / MACHIAVELLE, auf diese Klage muß etwas deutlicher geantwortet werden.

MACHIAVELLUS. Durchlauchtigster APOLLO, die Boßheit der verkehrten Welt wird meinen geringen Buche zugeschrieben: allein ich will die Klage leicht von mir weltzen / wenn ich spreche / die Bauern sind nach Innhalt der eingegebnen Klage die ärgsten MACHIAVELLIsten / und ich will mich hoch verwetten / daß kein eintziger meine Schrifft gelesen und dergestalt den Namen eines würcklichen MACHIAVELLIsten verdienet hat.[23]

APOLLO. Nehmt einen Abtritt / der Bescheid soll euch in kurtzen entdecket werden.


Die Scene fällt zu.


GENTILETUS. So muß sich numehr ein Fürstlicher und Päpstlicher SECRETARIUS auff die Bauern beruffen?

MACHIAVELLUS. In dem Vorgemache geb ich einem Parteyischen Advocaten keine Antwort. Ich erwarte / was der durchlauchtigste Richter beschliessen wird.


Curiosus, Eusebius, Uranius, Politicus, Civilis.


CURIOSUS. Auff erhobene Klage wider den MACHIAVELLUM und auf erfolgte Antwort / giebt der Durchlauchtigste Apollo diesen Bescheid/ daß EUSEBIUS und POLITICUS als verordnete COMMISSARIen in der Welt herumb ziehen / und daselbst bey den Bauren Achtung geben sollen / ob sie alle Boßheit mit den andern Menschen gemein haben; darnach / ob sie solches von dem MACHIAVELLO, oder von einem andern Lehrmeister begriffen haben: daran geschiehet ihrer Majestät ernster Wille / und sie haben biß auff den künfftigen Gerichts-Tag ihren Abschied.


Geht ab.


GENTILETUS. Wir müßen bey diesem Bescheid ACQUIESCIren: doch werden die Commissarien / nicht anders befinden / als daß die Bauern das MACHIAVELLIstische Gift von den übrigen POLITICIS eingesogen haben.

MACHIAVELLUS. Ich erfreue mich / daß meine gerechte Sache durch einen guten Anfang SECUNDIret wird.


Geht ab[24]


GENTILETUS. Entweder MACHIAVELLUS ist der Thäter; oder ein ander muß die Beschuldigung über sich nehmen / von welchen wir hernachmals SATISFACTION begehren könten.

SIMPLEX. Die Einfalt soll dennoch die Oberhand behalten / wenn sie gleich durch tausendfachen Betrug gedrücket wird.

CANDIDUS. So lange als die Sonne der Finsternüß zu wider ist / so lange bin ich in meiner Hoffnung befestiget / daß meine Feinde nicht ewig triumphiren werden.

FIDELIS. Und so lange sich die göttliche Majestät die Liebe nennen lässet / so lange werde ich der untreuen Freundschafft zu keinen ewigen Sclaven verkaufft.


Sie gehen ab.


EUSEBIUS. So machen wir uns auf die Reise?

POLITICUS. Der scharffe Befehl unsers Monarchen leget uns diese nothwendige Schuldigkeit auff.

EUSEBIUS. Aber mein liebster URANIUS, wir werden auff eine kurtze Zeit von einander gesondert.

URANIUS. Ich wolte nachfolgen / allein ich bin noch zu schwach.

EUSEBIUS. So lebet in dessen wohl / und gebet Achtung / daß niemand unterdessen unsre Wohnung im PARNASSO verunreinigt.

URANIUS. Ich will alles genau in acht nehmen / mein EUSEBIUS ziehe glücklich hin / und gedencke an seinen Stuben-Gesellen[25] / dessen Gemüthe sich dem Himmel / und also dem Himmlisch gesinnten EUSEBIO gewidmet hat.


Gehet ab.


POLITICUS. Ihr aber / mein liebster CIVILIS, wollet ihr mir das Geleite geben?

CIVILIS. Ach APOLLO hat es nicht befohlen.

POLITICUS. Aber womit wollt ihr die Zeit vertreiben / denn es möchte kommen / daß wir unterweges auffgehalten würden?

CIVILIS. Ach mein POLITICUS, ich will genug zu thun finden: bald will ich in meinem Buche lesen / bald auff das Feld gehen / bald will ich auch den Himmel ansehen und beten: Solte wohl einem Menschen bey solchen Geschäffte die Zeit ohne Lust und Liebe dahin gehen?

POLITICUS. Wer hat euch gesagt / daß ein zukünfftiger Weltmann beten muß?

CIVILIS. Ich sehe / daß EUSEBIUS und POLITICUS beysammen wohnen: und gleich wie sich EUSEBIUS in die Welt schicket / also muß auch POLITICUS sein weltliches Glücke bey dem Himmel suchen.

POLITICUS. Der Himmel erhalte euch in meiner Abwesenheit bey diesen Gedancken.

CIVILIS. Ach mein POLITICUS, ich nehme Abschied: in wenig Wochen will ich einen Kuß zum angenehmen Willkommen geben.


Geht ab.[26]


EUSEBIUS. Wohlan wir befördern unsre Reise.

POLITICUS. Doch hab ich Verdruß / daß ich mich umb geringe und Bäuerische Personen bekümmern soll.


Gehen ab.


Quelle:
Christian Weise: Sämtliche Werke. Berlin und New York 1971 ff., S. 10-27.
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