Vierdte Handlung


[82] Eusebius, Politicus.


EUSEBIUS. Ach wer hätte sich eines solchen Unwesens auch unter gemeinen Personen versehen?

POLITICUS. Die einfältigen Leute sind nur einen Mantelkragen besser als die Bauren / und gleichwohl wissen sie die betrüglichen Stücke so künstlich anzuwenden / daß der MACHIAVELLUS selber neuer Klugheit von nöthen hätte / wenn er in einem geringen Marckflecken ohne Schaden und Verhinderniß wohnen solte.

EUSEBIUS. Aber ach! was solten wir von den Weltlichen Einwohnern gutes weissagen / solte man nicht bey dem allgewaltigen GOtt Rath und Hülffe suchen / ehe man sich umb ein irrdisches Glücke bekümmerte?

POLITICUS. Sie wollen einen Unterscheid suchen unter den Geistlichen und Weltlichen Glück. Aber hiemit wollen sie die göttliche PROVIDENZ eines grossen Stückes berauben. Solte derjenige nicht im Politischen Glücke die Oberhand führen / welcher die Fürsten ab- und einsetzt / und solte er nicht auff den geringsten Dörffern bey den Aemptern die Hand im Spiele haben /da auch kein unnützer Sperling wider seinen Willen auff die Erde fallen darff?

EUSEBIUS. Wie man die Aempter sucht / so werden sie auch geführt: Verlanget man des Göttlichen Beystandes im Anfang nicht / so wird sich niemand wundern / wenn der[83] göttliche Segen im Fortgange etwas sparsamer zugemessen wird.

POLITICUS. Die Welt-Kinder verlachen den POLITICUM, der beten wil / aber wenn sie hernachmahls ihr Unglück beweinen müssen / so kömmt die Reue gemeiniglich zu späte.

EUSEBIUS. In einem Stücke habe ich mehr befunden als mir lieb ist; aber nun müssen wir doch erforschen / woher die geringen Leute von der Welt diese Boßheit gelernet haben.

POLITICUS. Vielleicht wird dieser unbekandter das unbekandte Werck bekand machen.


Rationalis kömmt.


RATIONALIS. Mein Diener APPETITUS ist mir aus dem Dienste entlauffen / und wenn ich meine Herrschafft bey ihm mit unterschiedenen Beweißgründen behaupten wil / so muß ich den ärgsten Spott von ihm einfressen. Ich befehle ihm / so wil er über mich herrschen. Ich rühre sein Gewissen / so wil er mich von der Gewalt herunter stossen. Ach / wie schlecht ist es mit einem Herren bewandt / dessen Knechte sich zu einen ewigen Ungehorsam vereiniget haben.

EUSEBIUS. Mein Freund / was vor ein Unglücke zwinget ihm diese Klage ab?

RATIONALIS. Ach gesegnet sey diese Stunde / da solche werthe Freunde in dieser Gegend ankommen. Hab ich nicht das Glücke / den EUSEBIUS und POLITICUS zu BENEVENTIren / mit denen ich vormahls im PARNASSO gute Freundschafft gepflogen habe?[84]

POLITICUS. Mein Freund wolle sich nicht verwundern / daß wir an die alte Freundschaft müssen erinnert werden: Denn es scheinet / als wäre das Gesichte / und die übrige Gestalt in währender Zeit mercklich verändert worden.

RATIONALIS. Ich armer RATIONALIS habe von Anfang meiner Geburt die Herrschafft über den muthwilligen APPETITUS erlanget / allein jemehr derselbige meinen Geboten und Vermahnungen zu wider lebt / desto weniger kan ich meine vorige Gestalt und mein fröliches Angesicht behalten.

EUSEBIUS. Wir sind von dem Durchlauchtigsten APOLLO in einer wichtigen Angelegenheit ausgeschickt. Denn der MACHIAVELLUS ist von unterschiedlichen Personen verklaget worden / als wenn die gantze Welt durch ihn verkehret würde. Dieser aber hat sich auff die niedrigsten Leute von der Welt beruffen / welche den MACHIAVELLUM nie gesehen hätten / und dennoch in allen listigen Vorhaben ihre Boßheit beweisen könten. Da sollen wir nun die rechte Warheit einholen / und dem Durchlauchtigsten Richter vollkommene RELATION erstatten.

RATIONALIS. Der gute MACHIAVELLUS ist gewiß unschuldig; Aber mein verlauffener Knecht APPETITUS, nebenst 2. gemeinen Dirnen / STULTITIA, und CALLIDITAS, haben sich an einen Kerlen gehangen / ist mir recht / so heist er ANTIQUUS, und derselbe pfleget unter des MACHIAVELLI Person vielfältige MASQUERADEN zu spielen. Sie belieben mir zu folgen / so wird das Geheimnüß gar leicht entdecket werden.


Appetitus, Stultitia, Calliditas.


APPETITUS. Wer ein Narr wäre / der könte sich zu einem ewigen Knechte verschreiben. Ich armer APPETITUS habe[85] nunmehr den hochmüthigen RATIONALIS lange genung über mich herrschen lassen / und da sonst ein geringer Bauer seinem Gesinde etwan ein Pfingstbier oder eine Licht-Ganß vergönnet / so hab ich an keine Süssigkeit gedencken können / davon mich dieser eigensinnige Kopff nicht verhindert hätte. Ich kan wohl sagen / daß die wilden Thiere bey ihren verächtlichen Zustande weit glückseliger sind / als ein Knecht / der einem solchen Sauertopffe zu Gebote stehen muß.

STULTITIA. Wer fragt darnach? Wer einen frölichen Muth hat / der bekümmert sich umb keinen Sauertopff.

CALLIDITAS. Und wer einen Weg zur Hinterthüre weiß / der bekümmert sich umb keinen Herren / der ein Schloß vor die Vorderthüre geleget hat.

STULTITIA. Wer wil die guten Stunden nicht mitnehmen? Es kömmt wohl eine Zeit / da man die Freude wider seinen Willen versäumen muß.

CALLIDITAS. Und wer wil seines Nutzens wegen ein geringes Schelmstückgen so groß auffmutzen?

STULTITIA. Sa / lustig! ein guter Tag / den ich geniesse / ist besser als 10. schlimme Tage / die ich erwarten soll.

CALLIDITAS. Man muß sich vor dem bösen Tage wohl fürchten! Aber der ist ein Narr / der sich von der gegenwärtigen Wollust abtreiben läst.

APPETITUS. Wo muß aber unser Herr MACHIAVELLUS seyn / welcher das COMMANDO in unser schönen COMPAGNIE führen soll?[86]

STULTITIA. Er wird mir gewiß Schellen zu einem Halßbande kauffen.

CALLIDITAS. Und mir ein Glaß zum PERSPECTIVE.


Antiquus kömmt.


ANTIQUUS. Sieh da / ihr lieben Kindergen / treff ich euch an diesem Orte beysammen an? Wollen wir bald unser Regiment in eine richtige Form bringen?

APPETITUS. Ich bin zufrieden / das Regiment ist mir am liebsten / da ich nach meiner Lust und nach meinen Willen leben kan.

STULTITIA. Und ich bin also gesinnet. Wenn ein Herr klüger wil seyn / als ich / so bin ich gerne weit davon.

CALLIDITAS. Und ich bin mit dem Regiment am besten zufrieden / da man die freye Ober- und Unterjagt / das ist / die Betrügerey gegen hohe und niedrige gebrauchen kan.

ANTIQUUS. Nur bleibet einig / daß RATIONALIS nimmermehr in seinen vorigen Standt gesetzet wird. Er ist von Person trefflich klein / warum soll ich ihm mit meiner grossen Statur nachgeben? Und warumb wolte jemand mein Regiment verachten / da ich alle Gesetze in diesem kurtzen Innhalt begreiffe: Thu / was du wilst; Suche / was dir gefällt; Iß / was dir schmeckt; Verfolge / was dir zu wider ist / und bekümmere dich umb keinen Schaden / wodurch dein Nutzen nicht verstöret wird. O was vor einen ewigen Ruhm hätte SOLON verdienet / wenn er die Athenienser mit solchen Gesetzen erfreuet hätte!


Eusebius, Politicus [kommen].[87]


EUSEBIUS. Ha / du Welt-Betrüger / bistu der Unglücks-Vogel / der die Menschen-Kinder so weit von dem Himmel absondert? Ich CITIRE dich hiermit in den PARNASSUM, allwo deine Bubenstücke vor dem Durchlauchtigsten APOLLO sollen gerichtet werden.

ANTIQUUS. Was geht mich der Richter-Stuhl an / dahin ich nicht geschworen habe? APOLLO mag seine Semmeln und Butter-Pretzeln in allen Frieden verzehren; Aber ich wil erweisen / daß ihm zu Trotze noch ein ander PARNASSUS soll erbauet werden. COMMANDIret er über die Tugendhafften / so wil ich die Lasterhafften unter meinen Schutz nehmen / und wir wollen sehen / wer den meisten Anhang / die beste Freude und das lustigste Leben davon bringen wird.

POLITICUS. Ich wil den Tag erleben / da der Durchlauchtigste APOLLO dein verdammtes Reich zerstören wird. Wir kennen deinen Nahmen / und es sollen solche Personen über dich geschicket werden / gegen welche dein Trotz wie Staub und Spreu vor dem Winde dahin fahren soll.


Geht ab.


APPETITUS. So können wir nicht mit Frieden bleiben. EUSEBIUS und POLITICUS müssen viel Zeit übrig haben / daß sie nach frembden Zeitungen in dem Lande können herum gehen.

STULTITIA. Dessentwegen kein Bein entzwey: Es donnert nicht allemahl / wenn es Wetterleucht.

CALLIDITAS. Wenn die Noth an Mann geht / so borg ich dem POLITICO einen Mantel ab / und verdinge mich zu dem EUSEBIO in Dienste.[88]

ANTIQUUS. Diese Rede war schon zu kleinmüthig / last uns die EXTREMITtät erwarten / wir müssen einmahl erfahren / ob APOLLO so viel über uns gebieten kan.

Quelle:
Christian Weise: Sämtliche Werke. Berlin und New York 1971 ff., S. 82-89.
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