Eilffter Aufftrit.


[150] Pomponius. Storax.


POMPONIUS. Herr Gevatter / die Einfalt hätte ich euch nicht zugetraut.

STORAX. Warum? Ich habe ein gut Werck gethan / daß sich Ehe-Leute mit einander vergliechen haben.[150]

POMPONIUS. Ein schön gut Werck / darüber unsere Kindes Kinder noch werden zu seufftzen haben.

STORAX. Ich wills nicht hoffen: Wo die 2. Freythen fortgehen / so kriegen wir zwey brave Kerlen in unsere Gemeine.

POMPONIUS. Der Karren ist einmahl in Dreck geführet / nun wird unsere Gemeine nicht lassen zu Grunde gehen.

STORAX. Herr Gevatter / ihr seyd in der Kirche und auff dem Rath-Hause bedient: Ihr müst freylich weiter sehen / als ein ander einfältiger Mann.

POMPONIUS. Der Karren ist einmahl in Dreck geführet / nun wird mich mein sehen viel helffen. Ich dencke / es wird heissen: Da liegts / Mutter besehts.

STORAX. Aus den Reden kan ich noch nicht klug werden.

POMPONIUS. Was sollen uns die zwey Lese-Pengel / die Pflastertreter / die Müssiggänger in der Gemeine? Wenn wir die Leute bey uns von oben biß unten naus im Mörsel stampfften / so kriegten wir nicht anderthalb Lateinische Wörter zusammen / und nun sollen wir zwey solche Bachanten auf einmahl annehmen. Die werden uns verrathen und verkauffen. Ob alles in Büchern stehet / was sie nach einander her plappern / das wissen wir nicht: Und was werden wir alten Teutschen vor ein Ansehen haben / wenn der Lateinische Dreck wird allenthalben oben an schwimmen.

STORAX. Herr Gevatter / es ist wohl so eine Sache / wenn uns die lieben Eltern auch zu was gehalten hätten / daß wir mit dem Lateinischen um uns werffen könten / es wäre wohl besser.

POMPONIUS. Ey unser Rath-Hauß ist nicht übern Hauffen gefallen / da so viel 100. Jahr kein Lateinisch Wort drauff kommen ist. Wir werden nun die Pumpsäckichten Handlänger nicht bedürften.

STORAX. Die Welt wird immer klüger. Herr Gevatter wist ihr wol / wie viel 4. Groschen-Stücke musten wir neulich dem fremden Herrn an Hals schmeissen / daß er uns ein bißgen Lateinisch mit in den Brieff setzte?

POMPONIUS. Eine Schwalbe macht keinen Sommer. Ich lasse die Noth in 10. Jahren wiederkommen / so geben wir noch einmahl die 4. Groschen-Stücke / damit holla.

STORAX. Es wäre aber besser / wenn wir uns selber helffen könten.

POMPONIUS. Daß mir nicht die Besserung nachläufft! Jetzo seyn wir[151] alles in allen / was wir sprechen / das muß gelten auff Erden / und wer mit unserer Weißheit nicht zu frieden ist / der darff sein Unglück nicht wissen. Aber wenn doch die jungen Stutzergen was darzu reden dürfften / wir würden das breite Wort am längsten geführet haben.

STORAX. Ach die Gelehrten seyn höffliche Leute / sie werden andere Leute nicht kräncken.

POMPONIUS. Ja ja die schönen Teuffel seyn die ärgsten / sie machen es fein freundlich; Aber ich bedancke mich davor. Bey mir wäre es kein Unterscheid / ob mich einer einen Berenheuter hiesse / oder ob er mich ihr Gnaden titulirte, wenn ich einmahl wie das andere solte sein Narre seyn.

STORAX. Wie könt ihr aber dem Lateinischen so feind seyn? Habt ihr doch einen Lateinischen Nahmen.

POMPONIUS. Ich heisse Pomponius, das ist wahr; Aber ich will nicht hoffen / daß der Nähme Lateinisch ist. Ich dencke / wenn wirs aus der Grund- Sprache solten hersuchen / das Wurtzel-Wort würde gar anders raus kommen.

STORAX. Unser Herr Pfarr spricht alle Wörter die auf ein us ausgehen / die seyn Lateinisch.

POMPONIUS. Sein Wort in Ehren: So wird ein Ochsen-Fuß / ein Milch-Muß / eine Wasser-Nuß / ein Gelte voll Offen-Ruß / und ein Schlag-Fluß auch Lateinisch seyn.

STORAX. Der Herr Pfarr mags verantworten. Aber was könten uns die Leute schaden? Dürffen wir sie doch nicht in Rath nehmen.

POMPONIUS. Wenn sich die Kerlen mit den vornehmsten Familien beschwägern und befreunden / so muß wol Schande halben was gethan werden. Herr Gevatter denckt an mich / wo wir einen Lateinischen Lese-Pengel in der Gemeine lassen auffkommen / so werden wir nicht so gut seyn / daß uns die Hunde anseichen. Denn sie werden Brieffe schreiben / wie sie wollen. Wenn wir was dazwischen reden / so geben sie den Quarck Lateinisch: Da sitzen wir hernach / als wäre uns in die Hände hoffiret

STORAX. Der Richter bleibet wohl Richter / und der Land-Schöpffe bleibet wohl Land-Schöpffe / und Herr Pomponius wird seinem Wurtzel-Worte nach auch wohl bleiben was er ist.

POMPONIUS. Herr Gevatter / last euch das Wort entfahren seyn. Die[152] Stunde will ich hingehen / und will über die Feinde des Vaterlandes seufftzen. Was gilts / ihr solts einmahl mit Schaden erfahren / was meine Seufftzer vor ein Gewichte haben. Und wenn ich einmahl werde gestorben seyn / so mag es gehen wie es will: Aber daß ich den Untergang bey lebendigem Leibe sehen soll / und daß der vornehmste Mann ohne einen Seufftzer kein besser Mitleiden mit dem Schaden Josephs hat / darüber sollen noch unmündige Kinder weinen.

STORAX. Ey ey Herr Gevatter ihr müst mir nicht so nahe ans Gewißen greiffen. Wo es wahr ist / daß unsere Gemeine darüber soll zu Grunde gehen / so will ich die lateinischen Limmel gar helffen zu tode schlagen.

POMPONIUS. Ach wir haben so viel hand feste Kerlen in der Gemeine: Sie können einander in der Schencke so prave zu Dreschen. Ach wenn sich doch etliche so weit erbarmeten und den Landes verderbern das Wambst ausklopffeten. So viel als ich ein halb Ehrwürdiger Mann macht habe Sünde zu vergeben / so solte ihnen die Schlägerey verziehen und vergeben seyn.

STORAX. Ich dächte darzu könten wir wol kommen. Doch morgen auf dem Rath-Hause werden wir das Maul müßen aufthun.

POMPONIUS. Herr Gevatter / ich sage nicht / daß ihr meinet wegen was thun oder lassen sollet: Aber wenn sich die Leute mehr einbilden wollen / als wir / so wären wir wol die ärgsten Hunds etc. daß wir stille darzu schwiegen. Und denckt ihr denn / daß sich die Causen Macher nicht in unsere Gelderchen theilen würden? Ich dencke immer Schmal Hanß würde bey uns Küchen-Meister werden.

STORAX. Jtzund mercke ichs erst wo der Knoten steckt. Wir wollen sie nicht zum Bürger Rechte kommen lassen.

POMPONIUS. Nu nu / wir müßen es nicht zu mercklich machen: halt nur hübsch hinter dem Berge / wenn ich bey der Zusammenkunft was vorschlage / so fallt mir nur bey / das übrige will ich machen.

STORAX. Je nu Herr Gevatter / wenn ich nur so viel darbey zu thun habe / daß ich mir den Kopff nicht weiter zerbrechen darff / so mags seyn. Geht ab.

POMPONIUS. Nun die lateinischen Lumpenhunde sollen sagen / daß sie auch von den deutschen Micheln können betrogen werden.


Geht ab.


Quelle:
Komödien des Barock. Reinbek bei Hamburg 1970, S. 150-153.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Grabbe, Christian Dietrich

Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung. Ein Lustspiel in drei Aufzügen

Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung. Ein Lustspiel in drei Aufzügen

Der Teufel kommt auf die Erde weil die Hölle geputzt wird, er kauft junge Frauen, stiftet junge Männer zum Mord an und fällt auf eine mit Kondomen als Köder gefüllte Falle rein. Grabbes von ihm selbst als Gegenstück zu seinem nihilistischen Herzog von Gothland empfundenes Lustspiel widersetzt sich jeder konventionellen Schemeneinteilung. Es ist rüpelhafte Groteske, drastische Satire und komischer Scherz gleichermaßen.

58 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon