5. Daphnis nimmt von der Rosilis Abschied

[80] 1.

Ach Rosilis du süsses Kind

Wie bistu gegen mir gesinnt,

Darff ich dich länger lieben?

Wie oder soll ich deinen Sinn

Nicht mehr damit betrüben,

Auff deinen Willen zieh ich hin,

Nur mach es nicht so ungewiß,

Ach Rosilis.


2.

Ach Rosilis zu deiner Pein

Will ich dir nicht behülfflich seyn,

Sollst du deßwegen leiden,

Daß ich bißweilen umb dich bin,

So will ich dich zwar meiden:

Jedoch erkläre deinen Sinn,

Gefällt dir jenes oder diß

Ach Rosilis.


3.

Ach Rosilis wie war ich doch

So wunder-seelig als ich noch

Dich friedlich konnte küssen,

Nunmehr vor einer langen Zeit

Hast du dich ändern müssen,

Als ich in meiner Sicherheit

Mir in die Karte sehen ließ,

Ach Rosilis.


4.

Ach Rosilis dasselbe mahl

Hab ich nicht eine schlechte Qual

In deiner Brust vermehret,

Und mir war auch nicht wohl dabey

So bald als ich gehöret[80]

Daß ich mit dir verrathen sey,

Du weist den Jammer der mich stieß

Ach Rosilis.


5.

Ach Rosilis wie hab ich mich

Seit dieser Zeit so wunderlich

Mit List an dich gestohlen,

Man dörffte zwar zu mir und dir

Die Häscher langsam holen,

Jedoch der Neid tritt uns dafür

Und gibt uns manchen scharffen Biß,

Ach Rosilis.


6.

Ach Rosilis nun last uns auch

Ein übel-angenommner Brauch

Gar kaum beysammen stehen,

Doch soll diß schöne Liebes-Band

So bald nicht untergehen:

Ich bleibe noch in deiner Hand

Mein Kind und liebe dich gewiß,

Ach Rosilis.


7.

Ach Rosilis nun gute Nacht,

Mein grosses Ungelücke macht

Daß ich dich muß verlassen,

Doch eh ich dein vergessen will

Werd ich mich selbsten hassen,

Du bleibst mein angenehmes Ziel,

Mein Trost, mein Leben, mein Geniß,

Ach Rosilis.


8.

Ach Rosilis ich werde nun

Mit dir nicht mehr so freundlich thun,

Wer weiß wann ich dich wieder

In gutem Glücke sehen kan,

Indessen nimm die Lieder

Vor ein bewährtes Zeugnüß an,

Dein Daphnis liebet dich gewiß,

Ach Rosilis.

Quelle:
Christian Weise: Der grünenden Jugend überflüssige Gedanken, Halle a.d.S. 1914, S. 80-81.
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