10. Der Jungfern Andrees-Gebett

[153] 1.

Ach Sanct Andrees! erbarme dich,

Und gib mir einen Mann,

Und weil ich ihn so eigentlich

Jetzund nicht nennen kan,

So komm, und bring ihn diese Nacht,

Daß er vor meinem Bette lacht,

So bin ich wohl daran.


2.

Ist er nicht groß und lang genug,

So mag er kleine seyn,

Ist er nicht mehr an Jahren jung,

So mag er ältlich seyn.

Ist er nicht sittsam auff der Freyth,

Und hat zu wenig Frömmigkeit,

So mag er böse seyn.


3.

Weiß und versteht er nicht gar viel,

So mag er albern seyn,

Wo er nicht Hunger leiden wil,

So mag er fressig seyn,

Und wo er ja von Morgen an

Den Durst nicht wohl vertragen kan,

Mag er versoffen seyn.


4.

Ist er des Schweigens nicht gewohnt,

So mag er keiffig seyn,

Wo er das liebe Geld nicht schont,

Mag er verthunlich seyn.

Und wann es sich so wohl nicht fügt,

Daß er im Bette trocken liegt,

So mag er garstig seyn.


5.

Ist er am Leibe nicht gesund,

So mag er unpaß seyn.

Hat er nicht einen glatten Mund,

So mag er runtzlicht seyn.

Und zeiget sich sein Angesicht

In unbefleckten Farben nicht,

So mag er küpffern seyn.


6.

Ist es kein feiner Edelmann,

So mags ein Bauer seyn,[154]

Giebt sich kein grosser Doctor an,

So mags ein Schuster seyn,

Hält mich ein Kauffmann nicht so werth,

Daß er mich zu der Frau begehrt,

So mags ein Mäckler seyn.


7.

Ist es kein Superintendent,

So mags ein Küster seyn,

Und ist kein Schösser der mich kennt,

So mags ein Schreiber seyn.

Und wo der Bürgermeister nicht

Mir in der Zeit die Eh verspricht,

So mags der Thür-Knecht seyn.


8.

Wo er nicht tausend Thaler schafft,

So mögens zwantzig seyn,

Hat er kein Kleid von Doppeldafft,

So mags wohl Leinwand seyn.

Und wann er in und auß der Stadt

Auch nicht ein eignes Häußgen hat,

So mags ein Mietmann seyn,


9.

Wo sich kein Junggeselle find,

So mags ein Wittwer seyn.

Ist es kein ehrlich Mutterkind,

So mags ein Banckart seyn.

Und ist es kein bewährter Mann

Der neunmahl neune zehlen kan,

So mags ein . ... seyn.


10.

Ach Sanct Andrees, ich trage doch

Die Keuschheit mit Verdruß,

Drum komm, mein Trost, und gib mir noch

Was Gutes zum Beschluß,

Damit ich nicht in kurtzer Zeit

Vor übermachter Bangigkeit

Zur Hu.. werden muß.

Quelle:
Christian Weise: Der grünenden Jugend überflüssige Gedanken, Halle a.d.S. 1914, S. 153-155.
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