7. Auff einen Wittwer, der sich mit der andern Frau in der Bade-Schürtze trauen ließ

[150] 1.

Kommt, Liebste! kommt heran,

Und knüpffet mir die Schürtze,

Daß ich euch hertzen kan,

Es ist ein feiner alter Brauch,

Und meine Frau die hat mirs auch

Vor dieser Zeit gethan.


2.

Es ist nun hohe Zeit,

Wir haben nun genug geschlaffen,

Der Morgen ist nicht weit,

Ich, als ein Wittwer, muß verstehn,

Und weiß mit euch so umbzugehn,

Daß ihr zu frieden seyd.


3.

Die Hexen sollen mir,

Nun keinen Knoten knüpffen,

Denn dieser Knoten hier,

Hilfft wieder allen Hütterauch,

Und meine Schürtze vor den Bauch

Ist trefflich gut dafür.


4.

Die Leute mögen nun

Durch unsern Trau-Ring pinckeln,

So wollen wir doch ruhn,

Und alle die Quacksalberey

Soll uns bey unser Löffeley,

Doch keinen Schaden thun.


5.

Und wann mir einer will

Ein dutzent Schlösser schliessen,

So irrt er mich nicht viel,

Kein Künstler und kein kluger Mann,[150]

Der sonst Caninchen machen kan,

Verderbet unser Spiel.


6.

Drum gebt euch immer drein,

Greifft an das Werck mit Freuden,

Es muß doch endlich seyn,

Macht fort, und knüpfft den Knoten auf,

Denn sonsten trifft der rechte Kauf

Uns gar zu langsam ein.


7.

Ihr seyd mir doch nicht huld,

Ich will auff euch nicht warten,

Ich habe die Gedult,

In meinem Wittwer-Hertzen nicht;

Doch wo mir was zu leid geschicht,

So geb ich euch die Schuld.


8.

Und also geht es loß,

Hie liegt die Bade-Schürtze,

Der Bräutgamb steht nun bloß,

Und fordert seine liebe Braut,

Mit Fleisch und Bein, mit Haar und Haut,

Auffn Hieb und auff den Stoß.

Quelle:
Christian Weise: Der grünenden Jugend überflüssige Gedanken, Halle a.d.S. 1914, S. 150-151.
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