8. Der betrübte Abschied

[151] 1.

So werd ich nun von dir getrieben,

Du allerliebste Marilis!

Und soll ich dich vergebens lieben?

Denn dieses ist nunmehr gewiß,

Nach dem ich meinen Schluß gelesen,

Ich bin am längsten hier gewesen.


2.

Nun werd ich dich gesegnen müssen,

Mein Kind! ich hätte zwar vermeynt,

Ich wolte deiner noch geniessen;

Doch mein Verhängniß ist mir feind,

Und rücket mir in einer Stunde,

Das liebste Bißgen auß dem Munde.


3.

Fürwahr ich wolte gerne leiden,

Was immer zu erleiden steht,

Und solt ich alle Lust vermeiden,

Die mir doch sonst zu Hertzen geht,

Wenn mir das Glücke nur vergönnte,[151]

Daß ich bey dir verbleiben könnte.


4.

Doch, hast du irrgend meine Schmertzen

Mit kalten Augen angeschaut,

Und hast du meinem frommen Hertzen

Die Redlichkeit nicht zugetraut,

So gib mir doch auff solche Weise,

Ein freundlich Ansehn auff die Reise.


5.

Dein Leben hat mir wohlgefallen,

Dein schöner Wandel war mein Liecht;

Wiewol du weist von diesen allen,

Gleich wie es scheint, die Helffte nicht,

Denn ich behielt die stillen Sorgen

In meiner engen Brust verborgen.


6.

Nun muß ich mir den Zügel lassen,

Weil doch nichts mehr zu hoffen ist:

Ich trette schon auff meine Strassen,

Wer weiß wem du bescheret bist,

Jedoch rühm ich des Glückes Gabe,

Daß ich dich nur gesehen habe.


7.

Und wirst du dich mit dem verbinden

Der dein und meine Freundschafft kennt,

So wirst du doch kein Hertze finden

Das in dergleichen Flamme brennt,

Jetzt muß ich mich von hinnen lencken,

Doch wirst du wohl an mich gedencken.

Quelle:
Christian Weise: Der grünenden Jugend überflüssige Gedanken, Halle a.d.S. 1914, S. 151-152.
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