[163] 1.
Sind das nicht unerhörte Straffen?
Ich bin so hurtig als ein Mann,
Und soll so lang alleine schlaffen,
Biß ich ein Weib ernehren kan:
Indessen hab ich keine Ruh,
Und Fleisch und Blut spricht nein darzu.
2.
Wem soll ich also Folge leisten?
Ich bin fürwar von Holtze nicht,
Und fühle meine Noth am meisten
Wann mich der lose Kitzel sticht,
Und auß den Händeln merck ich wohl,
Daß ich die Welt vermehren soll.
3.
Was hilfft michs? daß nun mit den Jahren
Die Kinder-Schu vertretten sind,
Wann mir der Schimpf soll wiederfahren,
Daß ich muß leben als ein Kind,
Und daß der Zwang der Einsamkeit
Mir alle freye Lust verbeut.
4.
Was seh ich doch vor schöne Leute[163]
Bißweilen auff der Gassen stehn,
Die alle wolten lieber heute
Als Morgen diese Strasse gehn,
Doch die Gewonheit ist so scharff,
Daß niemand sich erklären darff.
5.
Man soll der Ehre noch erwarten,
Doch dieser Trost der taug nicht viel,
Die Pretzeln schimmeln und verharten,
Wann man sie frisch versäumen will,
Und der beliebten Rosen-Liecht
Scheint in dem späten Winter nicht.
6.
Ach freylich sind es lahme Possen,
Weil man sich noch ergetzen kan,
So wird man allzeit außgeschlossen,
Hernachmahls geht der Handel an,
Wenn unser Lämpgen auff das Ziel
Gerathen und verleschen will.
7.
In dem ich dieses Liedgen mache,
So blick ich auf mein Dinte-Faß,
Das schickt sich wohl zu dieser Sache,
Die Dinte bleibt nicht immer naß,
Man schreib, und schreibe nicht darauß,
So trocknet doch der Boden auß.
8.
Ach! dürfft ich mich nur recht beklagen,
So darff ich meine liebe Noth
Auch nicht dem besten Freunde sagen,
Und das ist ärger als der Todt,
Ich warte, weil mein Leder hält,
Wo krieg ich dann mein Warte-Geld?
Buchempfehlung
Nachdem Christian Reuter 1694 von seiner Vermieterin auf die Straße gesetzt wird weil er die Miete nicht bezahlt hat, schreibt er eine Karikatur über den kleinbürgerlichen Lebensstil der Wirtin vom »Göldenen Maulaffen«, die einen Studenten vor die Tür setzt, der seine Miete nicht bezahlt.
40 Seiten, 4.80 Euro
Buchempfehlung
Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.
428 Seiten, 16.80 Euro