8. Man soll einander du heissen

[166] 1.

Ach! wie geht es immer zu?

Die verliebten Hertzen

Heissen nicht einander du,

Wann sie freundlich schertzen.

Alles heist nur Er und Sie,

Und wann sie sich ehren,

Kan ich kaum mit grosser Müh

Schatz und Liebgen hören.


2.

Nein fürwar, die Reden sind

Mehrentheils verlohren:

Dann die Liebe ist ein Kind,

Und wird erst gebohren,

Drum, so müst ihr diese Zeit

Als wie Kinder leben,

Und der süssen Freundlichkeit

Kinder-Nahmen geben.


3.

Er und Sie klingt viel zu alt,

Vor die jungen Seelen,

Welche neuen Auffenthalt

In der Lieb erwählen.

Du und du das schöne Wort,

Muß die Küsse würtzen,

Und die Sehnsucht fort und fort

Mit der Hoffnung kürtzen.


4.

Was kan angenehmer seyn,

Als die zarten Kinder,

Drum so fängt die Liebes-Pein

Tausendmahl geschwinder,

Wann die Gunst-geneigte Brust

Sich darum bemühet,

Was sie bey der Kinder-Lust,

Als im Bilde sihet.


5.

Und darzu so ist noch nicht

Was von Kindern fertig,

Wann es mit der Zeit geschicht,

Seyd ihrs kaum gewärtig,

Drum, eh euch die Zeit was gönnt,[167]

Müst ihr euch verführen,

Und die Kinder, wie ihr könnt,

Selbsten præsentiren.


6.

Selig, wer so leben mag,

Thut mirs zu Gefallen,

Und versuchts nur einen Tag,

Nun so wird in allen

Neue Wollust, neue Ruh,

Neues Wolgedeyen,

Unter dem verliebten Du

Euer Lieb erfreuen.

Quelle:
Christian Weise: Der grünenden Jugend überflüssige Gedanken, Halle a.d.S. 1914, S. 166-168.
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