[166] 1.
Ach! wie geht es immer zu?
Die verliebten Hertzen
Heissen nicht einander du,
Wann sie freundlich schertzen.
Alles heist nur Er und Sie,
Und wann sie sich ehren,
Kan ich kaum mit grosser Müh
Schatz und Liebgen hören.
2.
Nein fürwar, die Reden sind
Mehrentheils verlohren:
Dann die Liebe ist ein Kind,
Und wird erst gebohren,
Drum, so müst ihr diese Zeit
Als wie Kinder leben,
Und der süssen Freundlichkeit
Kinder-Nahmen geben.
3.
Er und Sie klingt viel zu alt,
Vor die jungen Seelen,
Welche neuen Auffenthalt
In der Lieb erwählen.
Du und du das schöne Wort,
Muß die Küsse würtzen,
Und die Sehnsucht fort und fort
Mit der Hoffnung kürtzen.
4.
Was kan angenehmer seyn,
Als die zarten Kinder,
Drum so fängt die Liebes-Pein
Tausendmahl geschwinder,
Wann die Gunst-geneigte Brust
Sich darum bemühet,
Was sie bey der Kinder-Lust,
Als im Bilde sihet.
5.
Und darzu so ist noch nicht
Was von Kindern fertig,
Wann es mit der Zeit geschicht,
Seyd ihrs kaum gewärtig,
Drum, eh euch die Zeit was gönnt,[167]
Müst ihr euch verführen,
Und die Kinder, wie ihr könnt,
Selbsten præsentiren.
6.
Selig, wer so leben mag,
Thut mirs zu Gefallen,
Und versuchts nur einen Tag,
Nun so wird in allen
Neue Wollust, neue Ruh,
Neues Wolgedeyen,
Unter dem verliebten Du
Euer Lieb erfreuen.
Buchempfehlung
Die Geschwister Amrei und Dami, Kinder eines armen Holzfällers, wachsen nach dem Tode der Eltern in getrennten Häusern eines Schwarzwalddorfes auf. Amrei wächst zu einem lebensfrohen und tüchtigen Mädchen heran, während Dami in Selbstmitleid vergeht und schließlich nach Amerika auswandert. Auf einer Hochzeit lernt Amrei einen reichen Bauernsohn kennen, dessen Frau sie schließlich wird und so ihren Bruder aus Amerika zurück auf den Hof holen kann. Die idyllische Dorfgeschichte ist sofort mit Erscheinen 1857 ein großer Erfolg. Der Roman erlebt über 40 Auflagen und wird in zahlreiche Sprachen übersetzt.
142 Seiten, 8.80 Euro
Buchempfehlung
Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.
442 Seiten, 16.80 Euro