9. Er hat ein jung Mädgen

[168] 1.

Geht ihr grossen Jungfern fort,

Und gedencket nicht ein Wort,

Daß ich mich um euch betrübe,

Dann mein Sinn wird offenbahr,

Und das Mädgen das ich liebe,

Geht nunmehr ins zwölffte Jahr.


2.

Ihre zarte Freundlichkeit

Spielt in keuscher Sicherheit,

Und bestrahlt die schönen Wangen

Durch dergleichen Uberfluß,

Daß ich über dem Verlangen

Auch zum Kinde werden muß.


3.

Ihre Jugend ist noch rein,

Und bewahrt den glatten Schein

In der Einfalt ihres Hertzens,

Andre lieben in den Wind,

Welche schon des stillen Schmertzens

Auß der Ubung kündig sind.


4.

Hofft man auff die Rosen nicht,

Eh die grüne Knospe bricht,

Ist sie aber auffgebrochen,

Wird man leicht des Handels satt,

Dann wer weiß, wer sie berochen

Und zuvor begriffen hat.


5.

Drum, ihr Jungfern, last mich gehn,

Ist mein Liebgen nicht so schön[168]

Als ein Bild von sechzehn Jahren,

Nun so darff ich auch die List

Mir zum Schimpfe nicht erfahren,

Daß sie falsch und eckel ist.


6.

Mangelt ihr am Gliedern was,

Ach wie bald ersetzt sich das,

Ist doch diß die beste Freude,

Wann die Jugend sachte blüht,

Und man seiner Augen-Weide

Untern Händen wachsen sieht.


7.

Nun das ist mein fester Schluß,

Und wofern ich warten muß,

Will ich lieber jetzt in zeiten

Nach der süssen Liebe gehn,

Alß daß ich so gar von weiten

Soll mit meiner Hoffnung stehn.

Quelle:
Christian Weise: Der grünenden Jugend überflüssige Gedanken, Halle a.d.S. 1914, S. 168-169.
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»Es giebet viel Leute/ welche die deutsche poesie so hoch erheben/ als ob sie nach allen stücken vollkommen wäre; Hingegen hat es auch andere/ welche sie gantz erniedrigen/ und nichts geschmacktes daran finden/ als die reimen. Beyde sind von ihren vorurtheilen sehr eingenommen. Denn wie sich die ersten um nichts bekümmern/ als was auff ihrem eignen miste gewachsen: Also verachten die andern alles/ was nicht seinen ursprung aus Franckreich hat. Summa: es gehet ihnen/ wie den kleidernarren/ deren etliche alles alte/die andern alles neue für zierlich halten; ungeachtet sie selbst nicht wissen/ was in einem oder dem andern gutes stecket.« B.N.

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