Das dritte Capitel.

In gewissen Begebenheiten können kleine Bussen auferlegt werden.

[878] Es lehren die Schrift-Gelehrten, daß zu Zeiten grossen Sündern kleine Bussen mögen gegeben werden. 1. Aus Ursach grosser innerlichen Reu, oder Zerknirschung des Hertzens. 2. Wegen gewisser Leibs- oder Seelen Gebrechlichkeit. 3. Wann die Gnaden-Porten des Jubel-Jahrs, oder der Schatz-Kasten aller Verdiensten, durch vollkommenen oder unvollkommenen Ablaß eröfnet wird: alsdann können gnädiger die Beichtvätter, den Beicht-Kindern verschonen.

P. Cotton von 4. letzten Dingen des Menschen, erzählet von einer Welt-liebenden Fräulein, welche Christlich glaubend, hie der Welt Lustbarkeit, dort die unverwelckliche Freuden geniessen, nach diesem in dem ewigen Leben keinen Schaden leyden wollte, daß diese einsmahls gebeichtet, in etlichen auferlegten Bussen Entschuldigungen so weit vorgewendet habe, bis ihr der Beichtvatter zur geringen Buß diese wenige Betrachtung auferlegt: meine Tochter, so oft sie[878] ihre zarte Händ waschet, betrachte sie mit einem Gedancken: daß nach wenig Zeiten ihre Händ verwesen, von Würmen und Motten werden verzehret werden: das nehme sie an zu ihrer heylsamen Buß; das nahm sie doch endlich an: gedachte auch immerzu unter dem Händwaschen darauf, daß sie nach und nach von einer Welt-Docken, ein Tugend-Fräule, den Frauen-Zimmer ein Spiegel der Andacht worden.


Einem jungen edlen Herrn, deme alle weltliche Freuden zu Diensten waren, deme waren alle geistliche Ermahnungen und Gewissens Händel gantz und gar zu wider: seinen Beicht-Vatter, welcher ihm einsmahls heimgesucht, batte er nichts vorzubringen, was Forcht und Sorgen, auch traurige Gedancken erweckt, doch gab er ihm nach Besichtigung aller herrlichen Bequemlichkeiten, in Ansehung seiner schönen Liger-Stadt diese Buß, welche er ihm allein ins Ohr geredet; zu Abbüssung seiner Sünden, vergeß er nicht des Spruchs Isaiä: Motten werden dein Lager seyn, und Würme werden dich bedecken. cap. 14. v. 11. das soll ihme zu Gemüth gehen, nicht traurige, sondern fröhliche Gedancken machen: die urplötzliche Forcht, und Sorg, wird ihm die ewige Sicherheit und Freud erwerben.

Selten gieng folgends dieser junge Herr zu Beth, daß ihm dieser Gedancken nicht einfiele, ja nicht allein einfiele, auch heylsame Begierden erweckte, alles weltliche zu verlassen, und sich dem geistlichen Stand zu ergeben. Entschliesset demnach, nicht dem verweßlichen Fleisch, sondern der glückseeligen Auferstehung, abzuwarten: begibt sich in Prediger-Orden, und suchet sein Heyl. Platus l. 3. c. 58.

Es finden sich nicht wenig Beicht-Vätter, welche in Bedencken des Spruchs St. Augustini: es ist kein Sünd die ein Mensch gethan hat, welche nicht auch der andere Mensch thun kan, so etwann jener Herrscher, durch welchen der Mensch worden ist, ermanglet: mit allen Sündern Mitleyden tragen, und mit allen Büssenden liebreich umgehen. Wie lang, auch wie liebreich, freundlich hat St. Xaverius, jenen zehen Jahr unbußfertigen Sünder zur Buß und Beicht beredet und gebracht? auch mit keiner scharffen Buß abgeschröckt, sondern allein ihne betten heissen ein Vatter unser, und englischen Gruß. Dieses hat St. Xaverius gethan, und thun es annoch auch nicht wenig Beicht-Vätter, welche dem Lamm GOttes nachfolgen, jenes Lamm, welches sanftmüthig hinnimmet die Sünd der Welt.

Guilelmus Parisiensis, welchen der geistreiche Gerson mehrmahlen rühmet, erkläret hierinn sein Meynung; sicherer ist es denen, welche beichten, ein geringe Buß, welche sie verrichten, auflegen, und sie mit solcher ins Fegfeur; als mit einer schwären, welche sie nicht verrichten, [879] in die höllische Verdammnuß schicken. Et si erramus modicam pœnitentiam imponentes, nonne melius est, propter misericordiam rationem reddere, quam propter crudelitatem? ubi Pater familias largus est; ut quid Sacerdos ejus austerus? vis apparere sanctus? circa vitam tuam sis austerus, circa alienam benignus. Ex divo Chrysostomo, aut rectius ex auctore imperfecti operis in Matth. Hom. 43. Geschiehet es, daß wir fallen in Auflegung geringer Buß: ist es dann nicht besser wegen geleister Barmhertzigkeit, als wegen verübter Strengheit Rechenschaft geben? indem der Haus-Vatter freygebig, warum solte sein Priester so streng seyn? wilst du heilig angesehen werden? sey streng in deinem, und gütig in andern ihrem Leben. Die erfahrne und gute Beicht-Vätter beweisen hierdurch ihr unaussprechlich grosse Lieb, dann es ist kein grössere Lieb, als sein selbst eigene Seel für die Beicht-Kinder setzen. Sie ruffen zu GOtt, mit dem Fürsten des auserwählten Volcks: dieses Volck hat ein überaus grosse Sünd gethan: entweder verzeyhe ihnen O HErr! diese Missethat, oder aber tilge mich aus, aus dem Buch das du geschrieben, Exodi 32. v. 32.


Thomas Cantipratanus erzählet mit was für Lieb, und Bescheidenheit Petrus de Corbœl Sononensischer Ertz-Bischof mit den büssenden Sündern gehandlet. Es beichtet ihm einer, welcher seiner vätterlichen Treu schändlich vergessen, seiner Tochter das Ehren-Kräntzlein ihrer Jungfrauschaft mit Gewalt genommen, derowegen begehret er ein lebenlange Buß: all sein Haab und Gut setzet er darauf, solches unter die Armen auszuspenden, willkürig nimmer zu trincken was truncken macht, nimmer zu geniessen, von Fleisch und kostbarlichen Speisen. Sein Reu über seine Sünd war groß wie das Meer, und sein Leyd wie sausende Wasser-Wellen zur Zeit des Ungewitters.

Das klägliche Weinen des Sünders, beweget eben auch den Ertz-Bischof zum Weinen; tröstet doch ihne, daß unvergleichlich grösser GOttes Barmhertzigkeit, als alle Sünd der gantzen Welt: und dieweil er eine langwürige strenge Buß inständig verlangt hat, so legt er ihm auf ein sieben jährige. Hochwürdiger Vatter, widerredet der Büsser, die Buß ist viel zu wenig gegen meinem Verbrechen, solte ich hundert Jahr leben, so wolte ich hundert Jahr büssen. In Ansehen dessen, wohl wissend, daß GOtt ein zerknirschet und gedemüthigtes Hertz nicht verschmähet, veränderet er ihme die sieben-jährige in ein dreytägige Buß, sprechend: drey Tag faste in Wasser und Brod. Der Büsser ergiesset sich hierauf noch mehr mit Leyd-Klagen und Weinen, daß der Ertz-Bischof vor Verwunderung und Freud ihme anbefohlen, ein alleiniges Vatter unser etc. zu betten: mit dem Zusatz, vertraue, deine Sünd seynd dir vergeben. Da fallet der[880] Büsser ohnmächtig nieder, verbleichet, und stirbt bey den Füssen des Beicht-Vatters. Jacob Marchanti, cant. myst. tr. 3. propos. 3.

O GOtt meines Heyls: so du gewolt hättest Brand- und Schlacht-Opfer, hätte ich dir solche gegeben: aber an diesem hast keinen Lust, ein zerschlagener Geist ist vor dir ein angenehmes Opfer.

Dieser glückseelige Tod dieses Büssers erwecke alle Sünder zum Leben der Buß.

Von einem andern Beicht Vatter erzählet obgedachter Marchantius in hort. past. cant. myst. tr. 5. item spec. exempl. verbo desperatio. Dieser hat einen krancken verzweifleten Sünder mit grosser Lieb und Bescheidenheit, in ein gutes, ja sicheres Vertrauen gebracht, daß er vollkommentlich gebeicht, ein geringe Buß angenommen, von Sünden loßgesprochen, gestorben, und seelig worden.

Dieser fromme Seel-Sorger wurd nicht von Krancken, sondern von des Krancken Haus-Genossen beruffen, und berichtet, was massen sein Hertz Stein hart, sein Gemüth in verzweiflender Kleinmüthigkeit. Im Eintritt erfahret er dieses, dann die Wort dieses Krancken: grösser ist mein Sünd, ruffet er, als ich Gnad finde. Einige Beicht kan ich weder anfangen, weder vollenden, meine Sünd gleich dem Sünd-Fluß haben mich überschwemmet. Ist es wohl möglich, daß ein alter Wolf seine reissende Art lasse? Der Beicht- Vatter hingegen eröfnet ihm die unendliche Barmhertzigkeit GOttes, die Brunnquellen der göttlichen Gnaden, welche aus den Wunden Christi fliessen zur Reinigung der Seelen. Er wolle ihm belieben lassen mit einer offenhertzigen Beicht sich zu erklären. Der krancke Sünder ruffet, das ist mir unmöglich, ich kan und mag durchaus nicht beichten. Nach vielfältigen Zusprechen und Bitten, wendet ihm der Beicht-Vatter jenes Mittel vor, welches ihm die antreibende Christliche Lieb eingerathen: er sprach, alles was ich mein lebenlang Gutes gethan, alles dessen will ich mich berauben, und dir alles überlassen, und schencken: meine Verdienst sollen dein seyn, deine Sünd aber, welche du dein Lebenlang begangen, sollen mein seyn, und auf mein Leib und Seel fallen. So es GOtt also gefället, diese Abwechslung anzunehmen, diesen Tausch richtig und gut zu heissen: ach ja, so laß ich mich ein, redet der krancke Sünder: der Beicht-Vatter bietet ihm dar die Hand, und mit einem Hand-Streich wurd die Abwechslung bestätiget.


Aber nun muß ich wissen was mein ist, erfordert der Priester: der Krancke rund heraus bekennet ihm seine überhäuffige Missethaten, wohlan fragt ferner der Priester, was haltest du von allen diesen Missethaten? die Antwort erfolgt: ach! wären sie nie geschehen: wohlan schliesset der Priester: dein Kranckheit sey dein Buß, meine gute Werck seynd dein Eigenthum, [881] deine Sünd mein Last, welchen ich übertrage. Der Sünder wird absolvirt, gehet ein den Weeg alles Fleisches und stirbt. Nach einem Monat offenbahret er sein Seeligkeit, und erkläret, was massen des liebreichen Priesters Verdiensten ihme nicht benommen, sondern verdopplet worden.

Nemo ergo diffidat, nemo veterum conscius delictorum, prœmia divina desperet: novit Dominus mutare sententiam, si tu noveris emendare delictum. S. Amb. Ep. 1. 2. in Luc. c. 1. in fine. Derowegen soll niemand einiges Mißtrauen haben, niemand, wiewohlen mit viel alten Sünden beschwäret, soll verzweiflen. Der HErr kan seinen Ausspruch veränderen, wann du deine Missethaten kanst verbesseren.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 878-882.
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