Das achtzehende Capitel.

Es werden vorgewendet etliche Ursachen, welche genugsam antreiben ein General-Beicht zu verrichten.

[986] Die erste Ursach sey diese. Wann es dahin kommt, daß das Sterb-Stündlein herzunahet, alsdann ist das einige Verlangen, sowohl bey Fromm- als Gottlosen, ein General-Beicht zuverrichten. Erstlich zwar die witzig und heilig lebende Leut verrichten solche, als sie nun mercken, daß der Tod herzunahet, wie dieses die Beicht-Vätter, welche ihnen beystehen, vielmahlen erfahren. Man siehet täglich viel fromme Leut sterben, darunter tugendliche Ordens-Personen, auch Gelehrte aus unserer Gesellschaft JEsu, dero sehr viel zuvor mit einer General-Beicht ihrer Seelen Seeligkeit versorgen. Beynebens wann man in einen geistlichen Ordens-Stand eintritt, da macht man allzeit ein vollkommene Lebens-Beicht: ist es aber ein Priester, der sich in unser Gesellschaft begibt, so lasset man ihm nicht zu, durch die erste zwey, oder drey Täg die Heil. Meß zu lesen, indem er sich zur General-Beicht vorbereitet: folgends alle Jahr machen sie eine jährliche General-Beicht von der letzten angefangen. Solches, was ich von unserer Gesellschaft allhier vermelde, ist gleichfals bey andern geistlichen Ordens-Leuten in löblicher Gewohnheit.


In dem Leben des geistreichen Patriarchen von Antiochia, und zugleich Ertz-Bischoffen zu Valenz, Don Joanne von Ribera wird gelesen, was massen er sechsmahl in seinen Lebens-Zeiten generaliter gebeicht habe. Von der Königin Isabella aus dem Borbonischen Geschlecht wird erzählet, daß sie aus gutem Rath, hochgelehrt- und tugendlicher Leuten, solches eben so oft verrichtet. Wann nun die fromm, gottsförchtig, und gelehrte Leut dieses thun, warum wolt ihr es nicht auch werckstellig machen?

Als GOtt das Liecht hat erschaffen, spricht der Heil. Text, sahe er, daß es gut ware. Nach erschaffenem Meer und Erden, sahe er, daß alle Sachen gut waren. Er erschaffet das grüne Graß, und die Bäume, und sahe gleichermassen, daß gut ware: und nachdem er alle Ding erschaffen, durchsihet er alle Geschöpf, die erschaffen, & vidit cuncta, quæ fecerat, & erant valde bona: und er hat alles gesehen, was er gemacht hat, und es war sehr gut. Mein grosses Verlangen wäre, ihr machet es, gleichwie ihm GOtt gethan, ihr solt durchsehen alle eure Particular-Beichten, mit einer General-Erforschung aller euerer Sünden, und ihr werdet entgegen aussprechen können, vidi cuncta, quæ feceram, & erant valde mala: ich hab alles gesehen, was ich gemacht hab, und es war sehr böß. GOtt durchsiehet abermahlen [987] seine Geschöpf, wiewohlen sie gut und vollkommen waren, warum wolt ihr nicht auch abermahlen durchsehen euere Werck, die voller Boßheit und Greuels seynd. Nicht allein die fromme, sondern auch die boßhafte Sünder siehet man, wann es zum sterben kommet, da wollen sie diesem guten Rath folgen. Ein Priester aus unserer Gesellschaft besuchte einsmahls die Gefangene, darunter befande sich einer mit einem Hals-Ring von Eysen an seinem Hals, dieser ruffet dem Pater, und sprach: morgen will man mich aufhencken, heut aber will ich meine Sünd alle auf ein Nagel hencken, und will rechtschaffen beichten alles, was ich mein Lebenlang hab gesündiget: darauf fraget ihn der Pater, lieber Freund, wer hat dich diese Andacht gelehret? O mein Pater, beredet er diese Frag, ein grossen Sprung muß ich thun, vom zeitlichen in das ewige Land, ist es, daß ich in meinem Sprung falle, wehe mir! dieses redete ein Bößwicht: daraus zu ersehen, daß der Frommen und Bösen endliches Verlangen seye, ein General-Beicht vor dem End zu vollbringen.


Die zweyte Ursach soll seyn, weilen ihr nicht wisset, ob euch eine geraume Zeit wird übrig seyn, eine vollkommene des gantzen Lebens Beicht zu verrichten. Viele sterben gähling dahin, andere bethöret mit Schmeichel-Worten von ihren Befreunden, lassen ihnen nicht traumen, daß ihre Kranckheit so gefährlich, sie wollen den Krancken nicht betrüben, und betriegen also eine unbußfertige Seel höchst schädlich. Oft geschieht es, wann nun die Kranckheit überhand genommen, da erligen die Kräften, es ist keine Zeit mehr mit dem Krancken etwas heylsames zu verrichten, es ist unmöglich eine rechtschaffene General-Beicht heraus zu pressen.


Dieses zu bekräftigen, mercket, was sich mit einem Apostolischen Pater aus unserer Gesellschaft im Königreich Aragonia zugetragen. Ein fürnehmer Cavalier vom Königlichen Hof kam zu diesem Pater, und sprach: er wolte sein Gewissen wurtzaus reinigen mit einer General-Beicht: warum das? fragte der Pater, wer ist der geheime Rath, der euch dieses einrathet? er antwortet: mein Pater, bin ich dann nicht ein sterblicher Mensch? alle Stund und Augenblick schleicht mir nach der unvermeidliche Tod, und vielleicht bald werde ich vom Todten-Pfeil durchschossen, in die Gruben fallen, in mein Grab. Wann es aber zum absterblichen Abschied kommet, da werden in einem Winckel mein betrübte Ehgemahl, in dem andern meine Kinder jämmerlich weinen, meine Verwandten werden mich nicht meinetwegen, sondern ihrentwegen heimsuchen, und mich bittlich um ein Erbtheil ansprechen; ich aber mit Kopf und Magenwehe betranget, werde weder essen, weder schlaffen können, mit einem brennenden Durst entzündet seyn, die Gedächtnus des Grabs und die Tod-Angst [988] werden mich quälen und erschröcken, geschieht es, daß ich dazumahlen unbezahlte Schulden habe, wird mir auch dieses neben anderen trüben Gedancken machen; wie ist es möglich alsdann denen heylsamen und bußfertigen Gedancken aufbieten, generaliter zu beichten, daran doch die ewige Glückseeligkeit hanget; was trag ich darvon aus dieser Welt, als mein gut oder böses Gewissen. Mein Habschaft, es sey viel oder wenig, verbleibt auf der Welt, und vielleicht die es erben, werden es liederlich verschwenden, meiner wenig oder gar nicht gedencken. Das ware die weise Unterredung dieses Cavaliers mit seinem Beichtvatter, darauf er eine gute General-Beicht abgelegt.


Die dritte Ursach ist, daß in Kraft der General-Beicht der allerwerthiste Schatz, nemlich die Forcht GOttes, welche ein Anfang ist des frommen Lebens überkommen wird. Folgende Gleichnuß erkläret dieses. Es wanderet ein gewisse Person, und verfehlet den rechten Weeg, sie wird von der finsteren Nacht überschattet, ein klein wenig kan sie noch sehen, sie ist gantz müd, und vom frostigen Abend-Luft erfroren, sie siehet überall herum, wo aus, oder wohin sie sich soll begeben, sie findet endlich zu ihrem vermeinten Glück ein holen Felsen, darein verfüget sie sich, setzet und wirffet sich zur Erden nider, da findet sie ein sanfte Ruhe, der süsse Schlaf nimmet sie ein, sie schlaffet eines Schlafs fort, bis daß der anbrechende Tag mit hellen Sonnen-Strahlen in ihr Angesicht scheinend, sie aufwecket: aldann wischet sie den Schlaf aus den Augen, siehet munter in den holen Felsen das Nacht-Lager an, und er siehet gar bald ein grosse grün- und schwartz gespräglete Schlang mit einem waltzendem Natter-Gezücht, grosse und kleine Krotten, Scorpionen, und anders vergiftes Ungeziffer. Mit was Schröcken ist sie alsdann in Ansehung dessen bis in das Maul erbleichet, bald hebet sie ihre zitterende Glider von der Erden auf, gantz forchtsam trittet sie hinaus aus dieser giftigen Nacht-Herberg, das Hertz war von Schröcken eingenommen, daß der Mund kein Wort möchte aussprechen, doch eylet sie nur fort, und da sie vermeint der Gefahr entgangen zu seyn, steiget sie auf einen Baum, das Land, und die umliegende Gegend zu betrachten, aber sie siehet aus dem wilden Gebürg Wölf und Tatz-Bären mit blutigen Mäulern lauffen, welche von dem nächtlichen Raub, in ihre Schliefwinckel und Höhlen sich begeben: ach! schreyet sie auf: wie nahend bin ich bey dem Tod gewesen, wie vielfältige Gefahr hat mich umringt! der göttlichen Gütigkeit sey unendliches Lob und Danck gesaget, GOtt war mein Schutz und Behütung: hinführo will ich besser Obacht haben, daß ich nimmermehr vom rechten Weeg abweiche. O wie bin ich ein Beyschläfferin gewesen, so giftiger Schlangen und Natteren! dieses seye mir ein stätte Warnung, hinführo sicherer zu wandlen.

[989] Also geschiehet es wahrhaftig, wann man generaliter beichtet: dem Himmelreich bist du zu gewanderet, und durch deine Sünden hast dich durch Abweeg verirret, also hast du dich von dem Schatten des Tods überfallen in die hohe Fels und des höllischen Feinds verfüget, darinn hast du so viel Zeit in deinen Tod-Sünden geschlaffen, bis dich die Sonne der göttlichen Gütigkeit erwärmet, von dem so tieffen Schlaff deiner Boßheit zu der Buß auferweckt: da hast angefangen zu sehen, und zu erkennen die vielfältige Gefahr, in welcher du geschlaffen. Socius fui Draconum: Du hast gesprochen, giftige Schlangen waren meine Gespän, Paulo minus habitasset in inferno anima mea: wenig hat es gefehlet, und mein Seel hätte in der Höllen gewohnet: künftige Zeiten werde ich meinen Wandel besser beobachten, daß ich vom Weeg göttliches Befehls, und Gebotten nicht abweiche.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 986-990.
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