Zwölfte Begebenheit.

[449] Es war ein reicher, mithin aber in dem Sünden-Koth bis über die Ohren, und zwar viel Jahr lang versenckter Edelmann. Diesem schickte GOtt ein tödtliche Kranckheit zu, ihme hierdurch Gelegenheit zu geben, in sich selbst zu gehen, und an das Heil seiner Seel zu gedencken. Allein nichts geschahe weniger, als dieses. Als nun die Heil. Brigitta, so damahls lebte, dessen verständiget worden, hatte sie mit dem elenden Stand dieses Sünders grosses Mitleiden. Begabe sich demnach in das Gebett, und rufte zu GOtt, er möchte ihm doch belieben lassen, diesen Sünder zu bekehren. Verharrete auch so lang mit ihrem Anflehen bey der göttlichen Barmhertzigkeit bis ihr endlich Christus erschienen, und zu ihr gesagt hat, sie solle ihren Beicht-Vatter zu ihm schicken, der den Krancken zur Buß ermahne. Nun dieser geht hin, und thut sein Bestes. Allein der verstockte Gleißner gabe ihm zur Antwort! er seye ein Christ; und als ein Christ wolle er auch sterben. Seye auch durch GOttes Gnad in solchem Stand, daß er des Beichtens nicht vonnöthen habe. Brigitta wird auf ein neues von Christo befehlt, den Beicht-Vatter noch einmahl zu dem Krancken zu schicken: dieser aber bekame von dem Krancken kein andere Antwort als die vorige. Das drittemahl lasset sich Christus bey Brigitta abermahl sehen, und zeiget ihr an, daß dieser halsstärrige Sünder die Wahrheit nicht rede: solle also dem Beicht-Vatter bedeuten, daß er dem Krancken folgende Bottschaft bringen solle: JEsus Christus der Sohn des lebendigen GOttes, lasset dich wissen, daß du einen Teufel bey dir habest, der dich nicht will reden lassen, was zu deinem Heil nothwendig ist. Derohalben sollest du diesem kein Gehör geben; sondern Reu und Leid über deine Missethaten erwecken, und selbige aufrichtig beichten, so werdest du bey GOtt Gnad finden, und Verzeihung aller deiner, wiewohl fast unzahlbahrer und überaus schweren Sünden, erlangen. Als diese Bottschaft bey dem Krancken abgelegt worden, da ist nicht auszusprechen, was gestalten er dardurch bewegt worden, indem er gähling in diese Wort ausgebrochen; wie dann? solte ich von GOtt noch Verzeihung meiner Sünden erhalten, der ich so viel Jahr lang nichts anders gethan, als gesündiget hab? O der unermessenen Barmhertzigkeit! warum zerspringt mein Hertz nicht vor Liebe gegen einem so gütigen und barmhertzigen GOtt? jetzt, jetzt bin ich gantz verändert. Es ist beschlossen, ich will wiederum zu GOtt kehren, von welchem ich so treuloser Weis abgewichen, und mich vom bösen Feind so schändlich hab betrügen lassen. [450] Geschwind, geschwind, ich will beich ten, damit ich dem Befehl Christi nachkomme; hoffe auch, er werde mir seinem Versprechen gemäß, nach seiner unendlichen Barmhertzigkeit, alle meine wiewohl fast unzahlbare (O ich erschröcke, wann ich daran gedencke:) und überaus grosse Sünden verzeihen. Auf dieses hin hat hat er noch selbigen Tag 4. unterschiedliche mahl unter Vergiessung häufiger Zähern, und vielfältigen Seufzen gebeichtet. Folgenden Tag hat er die himmlische Wegzehrung empfangen; und den 5ten aber mit größter Andacht seine Seel in die Händ ihres Schöpfers aufgegeben. Nachdem er gestorben, ist Christus der Heil. Brigittä erschienen, und ihr gesagt: Wisse mein Tochter, daß die bekehrte Seel in dem Fegfeuer ist, sie wird aber über ein kurtzes bey mir im Paradeis seyn. Als Brigitta dieses gehört, hat sie sich nicht wenig entsetzt, indem sie nicht fassen konte, wie doch ein Mensch eines so gottlosen und verruchten Lebens mit bereutem Hertzen habe sterben können. Allein Christus halffe ihr aus dieser Verwunderung, indem er hinzusetzte: »Wisse abermahl meine Tochter, daß die Andacht gegen meiner liebsten Mutter diesem Sünder die Porten der Höllen verriglet habe; dann er hatte im Brauch, sich öfters mitleidig zu erzeigen, so oft er zu Gemüth geführt, das unaussprechliche Hertzenleid, welches die Seel meiner liebsten Mutter gleich einem zweyschneidigen Schwerd durchschnitten hat, da sie neben dem Creutz stunde, und mich nicht allein voller Wunden und Schmertzen daran hangend, sondern auch in äusserster Verlassenheit sterbend hat ansehen müssen. Dieser Ursach halben hat er Heil gefunden, und ist selig worden.« Auriemma supra cit. ex Revelat S. Brigittæ.

Dieses ware freylich für diesen Sünder ein unerhörtes Glück, von welchem er ihme nicht einmahl hätte sollen traumen lassen. Allein es ist ihme gelungen; und darum solle keiner vermessentlich auf solches Glück warten. Die Gerathene (sagt das Sprichwort) seynd die beste: wie leicht aber hätte es diesem Sünder können fehlen? Auf GOttes Barmhertzigkeit solle man hoffen, aber nicht darauf sündigen: dann eben darum wurde man sich derselben unwürdig machen. Jedoch siehet man aus dieser Begebenheit, wie angenehm es Christo seye, wann man sich nicht allein seines bittern Leidens und Sterbens, sondern auch des Hertzenleids, so darüber sein liebste Mutter in ihrer Seel empfunden, mitleidiglich erinnert. Zu diesem End ist sehr dienlich folgendes Klag-Lied, so der Heil. Pabst Gregorius solle gemacht haben über das Hertzenleid, so Maria in ihrer Seel empfunden, als sie neben dem Creutz stunde, und also lautet:


[451] 1.

Christi Mutter stund voll Schmertzen,

Bey dem Creutz, und weint von Hertzen,

Da ihr lieber Sohn dran hieng.


2.

Voll der Peine, voll der Quäle

Ware ihr betrübte Seele,

Sie ein scharfes Schwerdt durchgieng.


3.

O wie traurig und versehret,

War die Mutter hoch-geehret,

Wegen ihres Sohns allein.


4.

Dann sie klagt, und sich betrübte,

Als sie sahe den sie liebte

Stehn in Spott, in Leid und Pein.


5.

Welcher Mensch sollt doch nicht weinen,

Wann er seh die Mutter reine,

In so grosser Quaal und Leid.


6.

Wer sollt doch mit ihr nicht trauren,

Diese Mutter höchst bedauren,

Der bedenckt ihr Traurigkeit?


7.

Für die Sünden aller Menschen

Sah sie JEsum in Tormenten,

Und von Geißlen gantz verwundt.


8.

Sie sah ihren lieben Sohne

Hangend an des Creutzes Throne

Sterbend um die neunte Stund.


9.

Eja Mutter, Bronn der Liebe!

Mach, daß mich dein Schmertz betrübe,

Daß ich allzeit traur mit dir.


10.

Mach mein Hertz in Liebe brennen,

Die Pein deines Sohns erkennen,

Daß ich ihm gefallen mög.


11.

Mutter! deines Sohnes Schmertzen

Wollst eindrucken meinem Hertzen,

Daß ich stets gedenck daran.


12.

Mach, daß alle Streich und Wunden,

So dein Sohn für mich empfunden,

Ich im Hertzen allzeit führ.


13.

Mach mich hertzlich mit dir weinen,

Und Jesu Peinen,

Jetzt, und auch zu aller Frist.


14.

Zum Creutz will ich mit dir gehen,

Neben dem Creutz bey dir stehen;

Dann dies mein Verlangen ist.


15.

Jungfrau, der Jungfrauen Crone

Mir erwerbe Gnad beym Sohne,

Daß ich allzeit traur mit dir.


16.

Daß ich anders nichts thu achten,

Als des Sohnes Pein betrachten

Und sein Marter trag in mir.


17.

Mach, daß mich sein Streich verwunden,

Und das Creutz mir mache Schrunden,

Zu erzeigen meine Pflicht.


18.

Daß ich in der Lieb gefirmet,

Durch dich Jungfrau werd beschirmet,

An dem strengen jüngsten Gericht.


[452] 19.

Mach, daß mich das Creutz behüte,

JEsu Tod erfüll mit Güte,

Mich bewahr in GOttes Hand.


20.

Wann mein Leib wird endlich sterben,

Mach, daß mein Seel mög erwerben,

Die erwünschte Seligkeit.


Bartholomäus von Crepena, einer Stadt in Welschland, wiewohl er noch als ein Welt-Mensch in vielen Lasteren vertieft war, hatte gleichwohl im Gebrauch, dieses Klag-Lied täglich mit innerstem Mitleiden zu sprechen, und deswegen durch Mariä mächtige Fürbitt die Gnad seiner Bekehrung erlangt; indem er in den Orden des Heil. Francisci getretten, und darinn bis an sein End fromm, und in strenger Buß gelebt hat, wie zu lesen in der Chronic gedachten Ordens. NB. Wem aber dieses Klag-Lied zu lang fallet, der mag darfür sprechen folgendes Gebettlein.


Heiligste Jungfrau und Mutter GOttes! gedencke an das unaussprechliche Hertzenleid, welches gleich einem zwey-schneidenden Schwerd dein Seel durchschnitten, als du deinen allerliebsten Sohn hast sehen müssen lebendig am Creutz hangen: am gantzen Leib erbärmlich verwundet, und mit Blut überronnen: Händ und Fuß mit groben Näglen durchschlagen; also, daß die Aderen mit unaussprechlichen Schmertzen zerrissen worden: und er in solcher Pein und Marter 3. gantze Stund lebendig gehangen, his ihm endlich die Schmertzen das Hertz abgestossen, und er seinen Geist in die Händ seines himmlischen Vatters hat aufgegeben. O des traurigen Anschauens! O wie zitterte und bebete dein zartes und mütterliches Hertz! O in was für einem Meer der Bitterkeit war dazumahl dein liebe Seel versencket! O Mutter! O Jungfrau! Unschuld! was für ein Mitleyden hab ich mit dir! durch dieses unaussprechliche Hertzenleyd bitte ich dich, du wollest mich deinem für mich gecreuzigten Sohn, dessen Marter durch die deinige gewaltig vermehret worden, befehlen, und ihn erbitten, daß doch sein bitteres Leyden und Sterben an meiner armen Seel nicht verlohren gehe: der mit dem Vatter und Heil. Geist lebt und regiert in Ewigkeit. Amen.


Wer will zweiflen, daß ein solches mitleydige Erinneren der Mutter GOttes überaus angenehm seye? wann er jemahl gelesen, oder gehört hat, wie sie sich einstens gegen der Heil. Brigitta beklagt hat mit diesen Worten: Tochter! ich wende meine Augen hin und her, um zu sehen, ob ich auch Menschen auf der Welt finden könne, die sich meiner Schmertzen mitleydiglich erinneren. Allein ich siehe, daß viel seynd, die nicht einmahl daran gedencken, und also meiner gäntzlich vergessen. Aufs wenigst [453] wollest du meiner nicht vergessen. Wer kan, lieber Leser! solche Klag ohne Mitleyden anhören? ach wie unempfindlich müßte einer wohl seyn! mithin wisse, daß dem Heil. Evangelist Johannes in einer Verzuckung geoffenbaret worden, daß diejenige, welche sich öfters mit Andacht erinneren des Hertzen-Leyds, so die Mutter GOttes mit ihrem lieben Sohn gehabt, da sie ihn am Creutz hangend, und daran sterbend sahe, sich in ihrer Sterb-Stund des sonderbaren Schutz-GOttes, und der kräftigen Gnad, vollkommene Reu und Leyd über ihre Sünden zu erwecken, und mithin dero völlige Verzeyhung zu erlangen, werden trösten können. O Gnad über alle Gnad! hast du diese, was geht dir ab die Seeligkeit zu erlangen? Casparus Tausch S.J. in Matre Dolorosa Praxi 1. §. 5.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 449-454.
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