Sechste Fabel.

In einem schönen herrlichen Gebäu stritten einstens alle Theil des Haus um den Vorzug.

[718] Es war ein schönes herrliches Gebäu, in welchem alle Theil des Haus lange Zeit friedlich beysamen gewohnt, bis sie sich (weiß nicht durch wessen Anstiftung) von einer stoltzen Einbildung, und Regiersucht einnehmen lassen; also daß die Stube nichts mehr um die Kammer, die Kammer nichts um die Stube gabe. Die Stiege wolte höher, als das Tach; das Speis-Gewölb über die Kuchel; das Camin vornehmer, als das Fenster seyn. Ware also ein lauterer Unfried, Zanck und Hader im Haus; ein jeder Theil wolte Herr seyn, und vor anderen den Vorzug haben.

Die Haus-Thür vermeinte, ihr gebühre der Vorzug. Dann (sagte sie) für wen wäre das gantze Haus, wann niemand weder aus- noch eingehen konte? wurde man nicht glauben, die Pest regiere darinnen? bin ich nicht diejenige, welche nächtlicher Weil die Dieb ausschließt? wo sonst die Herrschaft nicht ruhig schlaffen könte? und wem fragt man mehr nach, als eben mir? indem man wissen will, ob ich wohl verschlossen seye, oder nicht?

Allein die Stiegen wolte nicht weniger seyn. Was nutzte die Thür (sprach sie) wann kein Stiegen in die obere Zimmer wäre? über eine Leiter hinauf steigen, wäre so gefährlich, als beschwerlich. Hingegen seynd meine breite, und nicht hohe Staflen zum steigen gar bequem. Auf der Stiegen empfangt man die liebste Gäst; über die Stiegen führt man sie höflich hinauf: und deme man eine sonderbare Ehr erweisen will, dem gibt man freundlich das Geleit über die Stiegen hinab.

Die Stuben machte hierüber ein saures Gesicht, und sagte: was solt ihr zwey gegen mir seyn, du kothige Stiegen, und du Wurm stichige Thür? mich hat jedermann in Ehren: den man bey der Hand in die Stuben führt, der ist lieb und wehrt. In mir isset und trinckt man; in mir stellt man Mahlzeiten an, und macht sich lustig. Im Winter laßt man alles stehen, und eylet der Stuben zu.

Das Fenster hielte Widerpart, und sprach: was wäre ein Stuben, ja das gantze Haus ohne Fenster? fürwahr nichts anders, als eine wüste, finstere Keichen. Es müste ja jedermann ersticken, und halb verblinden? ich laß die Sonnen ein: ich theile das Liecht mit zur Arbeit, Essen, Lesen, Schreiben etc. durch mich gehen die schlimme Dämpf hinaus; und der gesunde Luft hinein. Ich eröfne der Herrschaft, und allen Hausgenossenen ein freyes Ausehen auf die Gassen[719] hinaus: soll mir nicht deswegen der Vorzug gebühren?

Die Kammner spreitzte sich auch, und sagte: wann jedermann müd und matt ist, sucht er seine Ruhe bey mir, und findet sie auch durch einen süssen Schlaf. Herr und Frau tragen ihre Geschäft zwischen den Wänden der Kammer aus. Ich bin der Schatz-Meister, die Schatz-Truchen alles Gelds, und Silber-Geschmeids, Kleydung und Leinwath seynd bey mir in der Verwahrung etc.

Die Kuchel lächlete dazu, und sprache: was wäret ihr alle auf einen Hauffen zusammen ohne mich? Hunger müßte die Herrschaft, Kinder, und Ehehalten sterben, wann ich nicht täglich zu seiner Zeit richtig die Speisen auf den Tisch liferte. Ich bereite Pasteten und Torten, Gesottenes und Bratens, Schwartz- und Feder-Wildprät, oder wo sonst ein guter Bissen vorhanden ist, auf das beste, und wohl-geschmacktiste zu etc.

Wie so stoltz? rußige Kuche! wie so stoltz? Fragte das Speis-Gewölb. Was hast du Guts als von mir? es müßte das Feur lang auf dem Herd brinnen, bis du auch nur mit einer geschmaltzenen Wasser-Suppen der Herrschaft köntest aufwarthen, wann ich dich nicht so reichlich mit allem Vorrath thäte versehen. Eyer, Schmaltz, Butter, Saltz, Mehl, roh- und gesaltzenes Fleisch, und was halt den Namen einer Speiß hat, muß ich herschaffen. Du hast für dich nichts, als schmutzige Häfen und Pfannen, etliche Koch-Löffel; Rauch mehr als dir lieb ist; und über das Grillen, Katzen und Mäuß zu Kost-Gänger. Pfui! wie magst du so viel aus dir selbst machen?

Als das Dach merckte, daß es um die Ober-Herrschaft zu thun wäre, nahme es sich der Sach ernstlich an, und sagte: ihr solt wissen, daß jedermann unter meinem Schutz wohne. Daß es nicht einregne, nicht einschneye; die Sonn denen Leuten nicht zu starck auf den Kopf steche; der Schaur und Hagel niemand treffe, um das hat man mir zu dancken. Und wo ist jemahl erhört worden, daß der Obere seinen Unterthanen nachgehen solle? Derohalben, wer sich noch länger meines Schutzes zu bedienen gedacht ist, der soll sich zum Gehorsam bequemen; oder noch heut das Haus raumen.

Was? sagte der Camin: ich soll dein Unterthan seyn? bin ich nicht höher als du bist? ich brauch weder Fach noch Dach; stehe frey da in dem Luft, und laß den Rauch hinaus, von dem sonst jedermann ersticken müßte.

Also strichen auch andere Theil ihre schöne Eigenschaften, und hohe Verdienst herfür, und wolte ein jeder der Vornehmste seyn. So gar der gestumpete Besen bedunckte sich etwas zu seyn, und rühmte sich, daß er das Haus auskehrte, und sauber hielte: welches ja nichts seye. Uber solches Geschrey und Tumult, weil es schiene, es därfte gar zu einer Aufruhr kommen, und alles unter über sich gehen, ersuchte derjenige, so die [720] Aufsicht auf das Haus hatte (das ist: der Pfleger) etliche Benachbarte um Beystand: welche dann bald vorhanden ware, und ihr bestes thaten, Frid zu machen. Aber kein Parthey wolte weichen, noch das geringste von ihrem vermeynten Recht vergeben: bis sie nach langem Gezänck endlich der Sachen so weit eins worden, daß sie einen aus den Benachbarten, der sie der Klugste zu seyn gedunckte, für einen Schiedmann erwählten, welcher den Ausspruch thun solte, was ihm billich und recht zu seyn vorkommen wurde; die andere solten dessen Zeugnuß seyn. Man setzte sich also nieder, und in Beyseyn des Herrn Pflegers wurden die Partheyen verhört, und zugleich einem jeden streitenden Theil ein und der andere Fehler angedeutet, der ihn zum Regiment untüchtig machte.

Man fienge an von der Haus-Thür, und gabe ihr zu verstehen: sie seye gar zu partheyisch, und gebe nicht fleissig genug auf ihr Amt acht: schliesse zwar die Dieb aus; aber nicht die Buhler, Schmarotzer, Spil-Gurren, und anderes schlimmes Gesindlein: stehe oft viel Stund Angel-offen, wo sie billich solte zu seyn, damit die Bettler nicht so gleich hinein lauffen.

Der Stiege wurde bedeutet: Es schickte sich gar nicht, daß sie ihr von einer Ober-Herrschaft solt traumen lassen, als welche von den Maurern und Zimmer-Leuten unter die Füß wäre verordnet worden. Zu dem seye sie oft gar finster und schlipfeig, und allzeit ein Gefahr, daß nicht fremde Leut fallen, Händ und Füß abbrechen, bevorab, wann etliche mit einem guten Dampf von Wein gar zu spat heimgehen. Die freundliche Complimenten, die man auf der Stiegen mache, gehen sie nichts an. Es seye dem Haus-Herrn nicht allzeit ernst; sondern es hiesse nur, so bald mancher den Rucken gekehrt: behüt dich GOtt draussen: hierinn ist dir nichts geschehen.

Der Stuben wurde gesagt, sie seye zwar ein feines Zimmer; wisse aber kein Mäßigkeit zu brauchen: bald seye sie zu kalt, bald zu warm: gebe denen Fliegen und Schnacken, welche denen Innwohnern sehr überlästig fallen, und alle Wänd besudlen, Unterschlauf: stincke oft ärger, als ein Baur zwischen den Zehen! jage auch die faule Knecht und Mägd hinder dem Ofen nicht herfür.

Dem Fenster wurde verwisen, daß es einer Haus-Gemeind das gröste Ubel verstatte: nemlich den Müßiggang: indem Mancher, und Manche gantze Stund müßig unter dem Fenster liege, und die edle Zeit mit Fürwitzen übel zubringe: schliesse sich auch nicht allzeit recht zu, indem es durch das Schetteren seiner lucken Scheiben, wann ein Wind geht, die Leut aus dem Schlaf aufwecke.

Der Kammer liesse man endlich gelten, daß sie eine Schatz-Meisterin seye; allein es mangle ihr an der Gerechtigkeit, und anderen einem Regenten höchst nothwendigen Tugenden. Sie verberge gar oft fremdes [721] gestohlnes Gut, gebe der Hurerey, Ehebrüchen, und allen Lasteren einen Unterschlauf. Was eine Obrigkeit oder Herrschaft an ihren Unterthanen straffen solle, das müsse sie selbst nicht thun.

Der Kuchel wurde abgedanckt, mit Vermelden, wann die schmutzige Häfen, rußige Kessel, Pfannen und Dreyfuß eine Obrigkeit verlangten, möchten sie endlich zukommen, aber vor nicht.

Das Speiß-Gewölb wurde gelobt wegen der Vorsichtigkeit, und gemachter guter Anstalt an allerhand Vorrath ins Hausweesen, und ihm also die nächste Stell des Kuchelmeister-Amts versprochen, allein von der Ober-Herrschaft solle es ihm nichts traumen lassen: es schmecke gar übel nach Unschlit und Schmeer, wie die schmutzige Hosen eines Sudel-Kochs, der eben vom Bratwürst machen daher kommt, und die Händ daran abgewischt hat etc.

Dem Dach zeigte man den Unterschied zwischen dem Hut, und dem Kopf. Der Hut stehe zwar auch hoch oben, könne aber aus Mangel der Witz anderer Glieder Haupt nicht seyn. Mancher habe einen feinen Hut, seye aber wenig Hirn darunter. Zudem, wann ein Haus zu Grund gehen wolle, fange dessen Untergang gemeiniglich von dem Dach an, welches sich nicht überall recht verschliesse, sondern da und dort dem Regen freyen Paß gestatte; wovon hernach die Balcken nothwendig faulen, und das Haus einfallen müssen.

Das Camin bekame einen starcken Verweis wegen seines Ehrgeitzes, daß es als ein armer Luftschlucker ein Rauchfang, ein auswendig abgeweißter, und innwendig von Ruß schwartzer Gleißner, der des Fegens so oft vonnöthen habe, sich eines Regiments anmassen dörfte.

Den letzten und besten Butzer bekame der gestumpete Besen wegen seiner unleydentlichen Hoffart. Was? sagte der erwählte Schidmann, du liederlicher, kothiger, gestumpeter Besen? Darfst du dir einen Gedancken von einer Ober-Herrschaft machen? Geschwind packe dich in einen Winckel, und seye froh, wann dich nicht heut noch die Kuchel-Magd ins Ofen-Loch hinein wirft etc.

Also wurden die streitende Partheyen verhört, also abgefertiget, alle zu Fried und Einigkeit ermahnt, es sollte ein jeder auf sich, und sein Amt acht geben, nach keiner höheren Ehren-Stell trachten, worzu er doch nicht tauglich seyn wurde, sondern mit seinem Stand zufrieden seyn, und demjenigen fleißig nachkommen, worzu er gleich Anfangs bey Aufrichtung des Hauses von denen Baumeisteren verordnet wor den; so wurde es mit ihnen allen wohl stehen. Welches sie dann auch zu thun angelobet.

Der Pfleger erzeigte hierüber ein sonderes Vergnügen, bedanckte sich freundlichst wegen der nachbarlichen Lieb und Beystands dessen Erbietens, solches bey einer anderen Gelegenheit zu erwidrigen; und wollten diese schon allbereit wieder nach Haus [722] kehren. Indem sie aber die Stiegen hinab, und bey dem Keller fürüber giengen, sprange ein Reif an einem Faß, mit so lautem Schnall, daß der Pfleger eylend zulieffe, zu sehen, ob nicht ein Schaden geschehen wäre. Die Benachbarte folgeten hinnach, fanden aber weiter nichts, sondern der Pfleger liesse ein Glaß voll des besten Weins heraus, und brachte seinen Schidmännern eins zu. Sie thaten Bescheid, lobeten den Trunck, und der Pfleger sagte ferners, wie daß er dem guten Keller darum zu dancken hätte: im Sommer seye er Eiß kalt, und im Winter warm: und also könnte er allezeit einen frischen Trunck haben. Die Benachbarte verwunderten sich hierüber. Und einer aus ihnen sprache: Herr Pfleger, wann je ein Theil des Hauses sollte die Oberhand haben, so gebe ich dem Keller wegen seinen guten Eigenschaften meine Stimm. Der Pfleger sagte: er wäre auch dieser Meynung. Als man aber den Keller selbsten fragte: ob er nicht Lust hätte, höher anzukommen? Schüttelte er den Kopf, und gabe damit zu verstehen, wie daß er nichts, als das unterste Orth suchte: welche Demuth dann alle sonderes vergnügte, und ihn eben darum der Ehr würdig achteten, weilen er alle Ehr so großmüthig verachtete. Rauscher S.J. Festivale 2. in der Zugab von der guten und schlimmen Haushaltung.


Wäre diese Uneinigkeit, so allein aus stoltzer Einbildung und Regiersucht entstanden, nicht bey Zeiten gestillt worden, wurde sie den unfehlbaren Untergang des gantzen Hauses nach sich gezogen haben. Dann Hoffart gehet vor dem Fall. Das ist: wo die Hoffart regiert, da ist der Fall am nächsten. Also nache seynd diese miteinander verknüpft. Herentgegen wo Demuth ist, da gehet ihr die Ehr auf dem Fuß nach. Demuth wird von jedermann geachtet, Hoffart von jedermann verachtete. Wie solle dieses Bedencken jedermann in der Demuth erhalten.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 718-723.
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