Siebente Fabel.

Ein Esel muß seine Ehrsucht mit der Haut bezahlen.

[723] Der vierfüßigen Thieren-König, der Löw, lage in seiner schattenreichen grünen Residentz, nemlich in einem dicken Wald sehr kranck an der Gelbsucht, und wollte ihm kein eintzige angewendte Artzney weder von Kälbernem, noch Kitzlein-Fleisch recht zuschlagen. Hierüber nicht wenig bestürtzt, beruffte er seine vornehmste Räth nacher Hof, sich über seinen gefährlichen Zustand mit ihnen zu unterreden. Es erschienen der Elephant, der Bär, das Pferd, der Hirsch, und andere Thier mehr von grossem [723] Ansehen und Tapferkeit; brachten auch nach gehaltener Umfrag allerhand gute Vorschläg auf die Bahn welche zu dessen Königs Genesung gantz vorträglich und dienlich waren. Allein, so bald der Rath entlassen worden, kehrte der Fuchs alles um. Dieser vertratte eine Zeit her zu Hof die Stelle eines Secretarii, oder geheimen Schreibers. War auch dem König wegen seiner Geschwindigkeit und Arglists sehr lieb. Weilen er dann den steten Zugang in das innere Gemach des Krancken hatte, beynebens denen grossen Thieren aufsätzig war, beredte er den König, ihren Räthen nicht zu viel zu trauen. Dann (sagte er) es ist ihnen um nichts wenigers, als um Ihro Majestät Wohlfahrt zu thun, sondern unter dem Schein getreuer Beamten suchen sie ihren eigenen Nutzen; wie sie sich nemlich des schuldigsten Diensts und Gehorsams entschütten, selbst zu Fürsten machen, ein freyes Leben führen, und mit denen Unterthanen ihres Gefallens handlen möchten. Der Elephant übernimmt sich seiner Weisheit, der Bär ist von Natur ein grober Gesell, und gantz gewixt Meutereyen anzufangen, das Pferd überaus starck, der Hirsch geht gar zu hoch, und tragt scharffe Waffen. Und so von anderen zu reden. Wann nun diese miteinander sollten eine Bündnus machen, und einer sein Witz, der ander seine Stärcke, der dritte die Waffen herleyhete, der vierte keck angrieffe; so wäre es bey jetzigem verwirrten Reichs-Weesen und Unpäßlichkeit des Haupts bald geschehen, daß ein Auflauf entstunde, und es dem König selbst Reich und Leben gelten dörfte. Wie redlich es diese Räth mit ihrer Majestät meynen, mögen sie selbst erachten; Indem sie ihnen nicht einmahl gestatten, einen frischen Luft zu schöpfen, und an statt, daß sie sollten auf eine geschmackte angenehme Speiß bedacht seyn, den Lust zum Essen wiederum zu erwecken, nur ein langes Fasten vorschreiben, wodurch sie ja nichts anders suchen, als daß die Kräften von Tag zu Tag ab, und die Kranckheit zunehmen, sie aber bey ereignetem Tod-Fall (welchen doch der gütige GOtt gnädiglich verhüten wolle) ihre eigene Angelegenheit und Nutzen desto besser beobachten mögen. Solches hab ich eine Schuldigkeit zu seyn erachtet, ihro Majestät in aller Unterthänigkeit zu hinterbringen.


Der König liesse ihm die Treu des Secretarii gefallen, und hatte von dieser Zeit an auf seiner Räth Thun und Lassen ein wachtbares Aug, gabe auch sein Mißfallen bey einer anderen Raths-Versammlung etliche Täg hernach deutlich genug zu verstehen, mit Befehl, auf bessere Mittel, und solche Speiß bedacht zu seyn, welche tauglich wären, die so sehr verlangte Gesundheit bäldist zu beförderen; widrigen Falls hätten sie nichts, als seine Ungnad zu gewarthen. Die Herren Räth baten um Frist, hierüber sich zu bedencken, und mit denen Leib-Artzten zu unterreden, und gleich folgenden [724] Tag ihr Gutachten seiner Majestät unterthänig zu eröfnen, welche kurtze Gedenck-Zeit sie dann auch erlangt haben. Es bedurfte aber nicht viel Nachfragens. Der Elephant mit seinem langen Rüssel riechte den Bratten gar bald, daß ihnen kein anderes Thier, als der arge Secretarius, der schlaue Hennen-Dieb, der Fuchs, diesen Streich gethan, und sie bey dem König so übel hinein gehebt hätte. Schwuren derohalben zusammen, und wurden bald eins, ihre Stimmen auf eine gewisse Artzney also einzurichten, welche dem König wenig nutzen; dem Fuchsen aber richtig den Halß brechen sollte. Nach gemachtem Schluß verfügten sie sich wiederum nach Hof, und trugen dem König vor: es beduncke sie, die beste und ersprießlichste Artzney wider gegenwärtigen Zustand seye das Hirn und Hertz eines Esels. Das wäre ja eine linde Speiß genug? Und wann man sie gantz warm thäte geniessen, wurde im Augenblick alle Kranckheit verschwinden. Der König liesse ihm solchen Vorschlag gefallen. Als man aber weiters fragte, wer den Esel bereden werde, daß er sein Hirn und Hertz willig hergebe, sagten sie einhelliglich: hierzu beduncke sie, der geheime Secretarius, der Fuchs am tauglichsten zu seyn, als welcher mit seiner Beredsamkeit, und tausend List das plumpe Thier leicht dahin vermögen wurde. Wann man es nur einmahl nach Hof brächte, wurde man leicht können zu Streichen kommen; es wäre um einen Druck zu thun, so wurde der Esel den Rest, und der König sein Hirn haben. Der Löw kame zwar ungern daran, daß er einen so getreuen Diener von der Seiten lassen sollte. Doch weil er den gesamten Rath nicht wollte für den Kopf stossen, und ihm sein Gesundheit lieb ware, wurde dem Fuchsen die Commißion aufgetragen, mit Versprechen einer höheren Ehren-Stell, wann er ein so wichtiges Geschäft wohl ausführen wurde. Der Fuchs zeigte zwar schlechten Lust hierzu, weilen er die Beschwernus wohl vorsahe, gleichwohl durfte er sich nicht wohl länger sperren; tratte demnach wider seines Bauchs willen die Reyse an.


Als er ein wenig für den Wald hinaus kommen, begegnete ihm der Esel auf einer grünen Wiesen. Dessen ware er dann mehr als froh, schliche hinzu, machte ein Compliment mit dem Schweif, grüßte ihn freundlich, und sprache: lieber Herr Esel, wie so gar allein, der Esel antwortete: Laß den Herrn-Titul aus: ich bin kaum ein halber Knecht. Aber was macht ihr so gar allein auf dieser Wiesen? fragte der Fuchs noch einmahl. Weilen man mir (sprach der Esel) zu Haus kein Futter gibt, muß ich gleichwohl meine Nahrung im Feld suchen? Wie so, fragte der Fuchs weiter: habt ihr dann einen so kargen Herrn, der euch nicht genug zu essen gibt, und dannoch vielleicht Arbeit genug aufladet? Du hast es errathen, sagte der Esel. Wann ich den gantzen Tag arbeite, daß mir die Rippen krachen, ist [725] Prügel und Peitschen mein Lohn; und das Heu, so die Kühe und Schaaf überlassen, für mich viel zu gut; wäre noth, ich freß nur Haberstroh. Warum nehmt ihr nicht hinter der Thür Urlaub, und sehet euch um einen besseren Herren um? sprach der Fuchs. Wo einen finden? antwortet der Esel. Ist einer geitzig, so ist der ander schindhärig. Keiner gibt dem Esel Kost, wie ers gern hätte. Folgt ihr mir, versetzte der Fuchs hinwieder: ich will euch einen besseren Herrn zuweisen, bey dem ihr genug zu essen haben sollet. Wohin, fragte der Esel, willst du mich führen? nach Hof, antwortete der Fuchs. Nach Hof? fragte der Esel; Behüt mich GOtt darvor: ich bin gar ein schlechter Hofmann: darzu weder vom Adel, noch gelehrt: ich taug nicht an Hof. Ey! sagte der Fuchs hingegen: ihr kennet, wie ich sihe, euere schöne Gaaben, die ihr von der Natur habt, selbst nicht. Ihr seyd jung und starck, habt eine helle Stimm, lang gespitzte Ohren, die ein Zeichen eines guten Hirns und gelehrigen Kopfs seynd. Und ob ihr schon kein Weltweiser seyd, so gebt ihr doch einen guten Practicierer ab, weilen ihr euch heimlich so fein um ein Futter umzusehen wißt. Gute Practicirer aber seynd heut zu Tag viel werther, als andere. So kan ich auch nicht glauben, daß ein so ansehnliches Thier, wie ihr seyd, nicht von Adel seyn solle. Ihr könnet (wann ihr zuruck dencken wollet) euer Geschlecht leicht von 100. Ahnen her probiren. Doch seyet dessen unbekümmert, man wird euch das Wappen schon visiren. So soll euch auch nicht abschröcken die schlechte Hof-Weiß, die ihr bißhero erlernet. Was Wunder? Ihr seyd euer Lebtag nicht viel unter vornehme Leut kommen, man riblet und hoblet einen schon ab, und werdet ihr in der Kunst bald ein Meister werden. Was sollt ich gegen euch seyn? gleichwohl so klein ich bin (ohne Ruhm zu melden) vertritt ich doch die Stell eines geheimen Secretarii. Ihr seyd noch zu höheren Dingen gebohren, und werdet ohne allen Zweifel durch euere lobwürdige Verrichtungen zu grossen Ehren und Reichthumen gelangen. Darum folget meinem Rath, und kommt mit mir: ich will euch bey dem König selbst anmelden, und euch bald ein Ehren-Dienstle zuwegen bringen. Der Esel liesse ihm solches Anerbieten gefallen: und weilen er viel von seinem guten Geschlecht und Gaaben der Natur hörte, stiege ihm die Ehrsucht in den Kopf. Entschlosse sich endlich, nach dem er ihm zuvor noch eines, und das andere ausgedinget, sein Glück zu versuchen, und die Gelegenheit hoch anzukommen, nicht aus Handen zu lassen, gienge also mit dem Fuchs nach Hof.


Bey der ersten Audientz, als er den König in solcher Majestät unter seinen Hof-Herren sitzen sahe, da stiege ihm die Hitz erst recht in den Kopf, und gedachte bey ihm selbst: O wann ich halt auch zu einem so grossen Herrn werden könnte! wie aber der Löw ein saures Gesicht machte, [726] und mit brüllender Stimm die Ursach seiner Ankunft von ihm forschte, erschracke er über die Massen, und an statt der gebührenden Reverentz kehrte er dem König den Rucken, und laufte mit vollem Trab wiederum seiner Wisen zu; Das schmertzte aber den König nicht wenig. Der Fuchs entschuldigte sich, er hätte sein Bestes gethan. Gabe zugleich dem König eine Erinnerung, wie daß er fort hin, wann er wieder jemand einen Zorn faßte, solches ihme nicht müßte lassen anmercken; es werde jetzt schwehr fallen den Esel das andermahl nach Hof zu bringen. Jedoch, wann es seine Majestät gnädigst befehlen wurden, wollte er noch einen Versuch thun, und an seinem Fleiß nichts erwinden lassen. Der Löw bekennte, daß er sich hierinn übersehen hätte: wünschte dem Fuchsen Glück auf den Weeg, mit dem Versprechen, diese seine Mühewaltung stattlich zu belohnen.


Also zoge nun der Fuchs zum anderenmahl hin, und besinnte sich unterweegs, wie er jetzt die Sach anzugreiffen hätte. So bald er nun von weitem den Esel ersehen, legte er seinen Gruß ab, und fragte: warum er doch also schnell sich von Hof hinweg begeben? Der Esel gabe ihm wenig gute Wort, hiesse ihn seinen Weeg weiter zu nehmen, mit Vermelden: er habe schon genug gesehen, wie es bey Hof hergienge, und daß keiner, der nicht wohl verschlagen und durchgetrieben, dort stehen könne. Die Ungnad und tückische Gesichter, so er alldort verspührt, werden ihm eine Witzigung seyn, so bald keinen Fuß mehr dahin zu setzen; die Freyheit seye besser, als eine goldene Dienstbarkeit. Aber der Fuchs wendete dargegen ein, es seyen Fürsten und Herren der sauren Gesichter halben nicht zu verdencken, die wichtige Geschäft und Reichs-Sorgen gestatteten ihnen nicht allezeit ein fröliches Gesicht zu machen. Er solle nur ein wenig zu Hof erwarmen, und ein schlechtes sich nicht gleich schröcken lassen, so werde er bald hervor kommen, Ehr und Reichthum erlangen, und sein gantzes Geschlecht mit einem unsterblichen Namen verewigen. In Summa der Fuchs wußte mit seinem Schmeichlen dem Esel die Ohren dermassen zu jucken, daß er von der Regiersucht angereitzt, ihm noch einmahl nach Hof gefolget, allwo er auch von dem König gantz freundlich empfangen worden. Ueber etliche Täg hernach, als der Esel sich bey dem Aufwarten einstellte, thate der Löw einen Sprung auf ihn, Willens ihme den Garaus zu machen. Aber der Poß gienge nicht an, der Esel ware geschwinder, entwischte in schneller Eyl, und rennte seiner Wisen zu: war also nicht die Kuhe, sondern der Esel das andermahl aus dem Stall. Das verdrosse den Löwen über die massen, und schamte sich schier, daß ihn ein Esel nunmehro zum zweytenmahl sollte zu gescheid worden seyn. Weilen aber die Herren Räth samt denen Artzten auf ihrer Meynung verharreten, einmahl [727] kein anderes Mittel seye vorhanden, seiner Majestät von ihrer Unpäßlichkeit abzuhelffen, als das Hirn und Hertz eines Esels; so wurde dem Fuchsen zum drittenmahl auferlegt, den Esel noch einmahl nach Hof zu liefern; koste es, was es wolle. Der Fuchs entschuldigte sich zwar auf alle Weiß, kratzte hinter den Ohren, und wendete die Unmöglichkeit vor. Aber umsonst und vergebens; er mußte fort mit Bedrohung Königlicher Ungnad, wofern er nicht gehorsamete, und die Sach aufs beste ausrichtete: welches dann eben die rechte Laugen war, womit die Hof-Herren und Räth diesem Fuchs-Schwäntzler zu zwagen gedacht waren; indem sie sich gäntzlich beredeten, er wurde entweders von dem Esel eines für die Ohren bekommen, oder vom König mit Schand und Spott von Hof geschaft, und auf solche Weiß der ihnen neulich erwiesene Schimpf gerochen werden; aber was vermag ein arger Fuchs nicht.


Er kam zum drittenmahl zu dem Esel auf die Wisen: Der ihm aber nicht allein kein gutes Wort gabe sondern einen Betrüger und Verräther scholte; als der viel verspreche, und beynebens nur einen Einfältigen übel einzuführen, und um Leib und Leben zu bringen gedacht wäre. Und hat eben genug zu thun gehabt, daß er ihm nicht eins versetzte: Dann er drehete sich gehling um, und schluge zwey, dreymahl mit beyden hinteren Füssen gegen ihm aus. Der Fuchs zuckte die Achsel, und sprach: Herr Bruder Esel! ihr müßt nicht urtheilen, ehe ihr die Verantwortung angehört; sonst seyd ihr kein gerechter Richter. Was Mangel habt ihr an meiner Person gefunden? Hab ich euch nicht eine gnädige Audientz bey dem König ausgebracht? hab ich nicht euere gute Gaben, die ihr von der Natur bekommen, höchlich angerühmt? hat man euch nicht, als einen lieben Gast, im Hof-Stall unter des Königs Leib-Pferdten stattlich bewirthet? wo ist euch jemahlen solche Ehr wiederfahren? hat euch nicht das Futter wohl geschmeckt? daß ihr aber zum anderen mahl selbst gleich wieder umgesattelt, und Reißaus genommen, ist nicht meiner Untreu, sondern euer Zagheit zu zumessen. Danck dirs der Schinder (sprach der Esel) mit deinem Hof-Stall und Futter. Ich achte die Suppen nicht, die man einem mit so sauren Gesichteren versaltzet, und einer noch darzu Leibs und Lebens nicht sicher ist. Was hat der Sprung bedeutet, den der Löw, dein König, auf mich gethan hat? gelt? wann er ihm angangen wär, man wurde dem armen Esel samt dem Gast-Hüttlein die Haut über den Kopf abgezogen haben? meinest du, ich seye eines so ungeschliffenen Hirns, daß ich deine Tück nicht mercke? O! man merckts bald, daß man einen nicht gern hab, wann man ihn die Stiegen einwirft. Darum gehe mir nur bey Zeiten aus dem Gesicht; oder ich will dir den Weeg weissen. Nicht so zornig, Herr Esel! nicht so zornig, sagte der Fuchs hinwieder: Ist um einen Bericht zu thun, so werdet ihr allen [728] Argwohn fallen lassen. Aus dieser euer Red nimm ich ab, daß ihr den Hof-Brauch noch nicht zu Genügen verstehet. Auf das saure Gesicht hab ich euch schon neulich Bescheid und Antwort ertheilt: was das Springen anbelangt, solt ihr wissen, daß mein König auf euch habe wollen spatzieren reutten. Und solches hättet ihr sollen für die gröste Ehr schätzen; massen in Welschland, und anderer Orten Fürsten und Herren nicht auf Pferden, sondern auf Eßlen reutten. Weil seine Majestät aber Kranckheit halber noch schwach, ist ihnen der Sprung mißlungen, da sie sonst des Tummlens treflich wohl erfahren, und in einem Sprung im Sattel seynd; jetzt verdrüßt sie die Schand mehr, als euer Flucht und wann ihr nur wiederum zuruck kehren, und euch wolt brauchen lassen, so sollet ihr eueren begangenen Fehler im geringsten nicht zu entgelten haben; sondern erst recht lieb und werth, und die nächst ledige Ehren-Stell euer seyn. Und ich bin keiner anderen Ursach halber anhero gesandt worden, als euch dessen im Namen des Königs zu versicheren. Was besinnet ihr euch lang? ist ja besser ein reicher Edelmann zu Hof, als ein armer Baur auf dem Land? Du redest nicht übel von der Sach (antwortete der Esel) wann dir nur auch zu trauen wär. Jch hab zwar (wann es eine solche Beschaffenheit hat, wie du sagst) des Reuttens halber kein Bedencken: dann ich starck genug bin; und ja lieber einen König, als ein Burde Holtz, oder Müller-Sack trage. Allein ich sorge: lasse ich den König einmahl aufsitzen, so wird er mich anstatt des Zaums bey den Ohren nehmen, dessen ich doch gar nicht gewohnt bin. Wo gedenckt ihr hin? sprach der Fuchs; das wär dem König ein Schand, und ein Zeichen, daß er nicht reutten könnte, wann er sich anstatt des Zaums an eueren Ohren einheben wolte. So därft ihr an meiner Treu nicht zweiflen: dann ich schwöre euch bey meinem Schweif (der mir um tausend Thaler nicht feil ist) daß euch nichts dergleichen im geringsten widerfahren solle. Sondern diesen Rath giebe ich euch, so ihr euch anderst (wie ich mich dessen gäntzlich versiehe) entschliessen wolt, euch bey Hof wiederum einzufinden, daß, wann ich euch ein Zeichen geben wird, ihr, aus Ehrenbietigkeit gegen der Königlichen Majestät, auf die fordere beyde Füß nieder kniet, damit der König desto leichter aufsitzen könne, und alsdann keines Sprungs, der euch schröcken möchte, vonnöthen seye: Worbey jedermänniglich zu ersehen haben wird, daß ihr nunmehr, Trutz allen, einen recht geschaffenen ausgemachten Hofmann abgebet.


Solches und anderes Geschwätz-Werck mehr machte der arge Fuchs dem Esel vor; striche auf ein neues seine schöne von der Natur empfangene Gaben, und sonderbar den schwartz-Sammeten Strich, den er über den Rucken herab hätte, als ein klares Kennzeichen des Adels herfür; also daß der einfältige Narr ihme Glauben [729] zugestellt, zum dritten mahl nach Hof kommen; und gleich bey dem ersten Eintritt in den Königlichen Pallast, auf geschehene Erinnerung des Fuchsens, nieder gekniet, und seinen Rucken zum Reuten unterthänig anerbotten hat. Welcher guten Gelegenheit dann sich der Löw bedient, aufgesessen, und den Esel zwar nicht bey den Ohren, wie er vorhin besorget; sondern bey dem Kopf genommen, ihme einen und den anderen tödtlichen Biß und Riß in die Gurgel versetzt, daß er darüber zu Boden gesuncken, und diese letzte Wort vor seinem End mit einem lauten Seuftzer hören lassen: Wehe mir armen Esel! warum hab ich einem Fuchsen geglaubt? Das war aber zu spat: Er bekame seinen Rest.


Uber diesen glücklichen Erfolg, und gute Verrichtung wurde der Fuchs von dem König sehr geprisen, und beschenckt. Und weilen er keinem anderen trauen wolte, befahle er ferners dem Fuchsen, den Esel auszuweiden, und dessen Hirn und Hertz in einer Schüssel wohl warm, und unverweilet auf die Tafel zu bringen. Der Fuchs kam dem Befehl nach, zoge das Aas auf ein Seiten, und weidete es aus. Wie er aber gewahr wurde, daß der Esel ein so schönes Hirn, und so frisches Hertz hätte, übernahme in der Lust, und frasse beydes auf. Laufte alsdann zu dem König hin, und erzählte ihm als ein sonderbares Wunder: Wie daß er zwar den Esel ausgeweidet, aber weder Hirn, noch Hertz bey ihm gefunden hätte. Der König konte solches nicht wohl glauben, sagte demnach: Wie? der Esel? ein so grosses Thier? kein Hirn, kein Hertz haben? Ja, einmahl, sprach der Fuchs, so ist ihm; und kommt mir, wann ich eins mit dem anderen überlege, gar nicht wunderlich vor: laßt sich auch, meines Erachtens handgreiflich dartun und beweisen. Dann hätte er ein Hertz gehabt, so wurde er nicht zweymahl so spöttlich und zaghaft davon geloffen seyn; hätte er ein Hirn gehabt, so wurde er das dritte mahl nicht nach Hof kommen seyn. Auf solche Weis speisete der listige Fuchs seinen König mit leeren Worten ab; drehete seinen Mißgönneren eine lange Nasen: Welche nun auf andere Mittel mußten bedacht seyn, wolten sie anderst mit ihrem Rath dem König von seiner langwierigen Krankheit abhelfen, er aber kame mit guter Beut hinaus. Rauscher S.J. Dominicale 2. Conc. 34. aus Antonii Guevara guldenen Sendschreiben 2. Theil.


Keine Leut zeigen mehr, daß sie dem Esel gleich seyen, als diejenige, die sich von der Ehrsucht einnehmen lassen. Dann, was suchen sie anderst, als ihren eignen Untergang? Wer hoch steigen will, bekommt leich den Schwindel, und fallt nur desto tiefer. Darum ist nichts sicherer, als in der Niedere bleiben, und mit dem Stand, in welchen uns GOtt gesetzt hat, verlieb nehmen.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 723-730.
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