Siebenzehende Begebenheit.

Boetii Leben, Gefangenschaft, und Tod.

[530] Boetius ein Zierd des Römischen Reichs hat diesen Ehren-Titul, daß er bey Leb-Zeiten die freye Künsten über sich gebracht, und die Römische Hoheit mit sich in das Grab getragen. Er ware aus dem hochadelichen Geschlecht der Manliorum, so vor uralten Zeiten die Vornehmste in der Stadt Rom waren, gebohren; auch mit Reichthum und zeitlicher Wohlfahrt auf das beste versehen: er hatte einen solchen Verstand, daß sich ob ihme alle Kluge auf das höchste verwunderten: sein Wandel ware so unschuldig, daß er billich einem köstlichen Perlein ohne Mackel zu vergleichen. Kurtz zu sagen: Boetius ware wegen seinen vortreflichen Eigenschaften bey jedermann in solchem Ansehen, daß nicht leichtlich einer nach Erbauung der Stadt Rom ihme in der Ehr, Geschicklichkeit und Tugend gleich gewesen. Er ware von dem Römischen König Theodoricus nicht allein das drittemahl zu dem Römischen Burgermeister-Amt erhoben, sondern auch seine junge Söhn durch eine sonderbare Gnad von gemeldtem König mit dem Titul der Burgermeisteren begabt worden. So bekennt auch Boetius selbst, daß, wann man je von den zeitlichen Ehren ein Freud schöpfen möge, er Ursach genug darzu habe; indem er seine 2. Söhn in einem Triumph-Waagen, mit Begleitung des gantzen Römischen Raths, und Frohlockung des Volcks sahe in der Stadt herum fahren. Eben an diesem Tag bedanckte er sich gegen dem König vor allen Römischen Raths-Herren wegen der grossen Ehr, so er seinen Söhnen, und gantzen Stammen angethan, dermassen zierlich, daß ihme Theodoricus alsbald ein goldene Cron als dem König der Wohlredenheit aufsetzen liesse. Gleichermassen sagte er auch Danck dem Römischen Volck; indeme er mitten unter zwey neuen Burgermeisteren auf dem grossen Platz erschienen, und ihme zur Erkanntnus solcher allgemeinen erwiesenen Ehr unterschiedliche Schanckungen austheilete. Die Freud ware bey ihme so groß, daß ihme die Zäher häuffig über die Wangen herab gerönnen.


Die grosse Glückseeligkeit vermehrte seine Gemahlin, welche eine aus denen klugsten und tugendhaftesten Römischen Matronen ware, so jemahlen in Rom gefunden worden. Damit Boetius solche kürtzlich wohl beschreiben möchte, sprache er: sie seye ihrem Herrn Vatter Simmachus in allem gleich gewesen: von welchem er sie als ein köstliches Kleynod zur Ehe bekommen. Dieser Simmachus ware dazumahlen ein Römischer Raths-Herr im hohen Ansehen, [531] und wegen seiner sonderbahren Tugend und Klugheit die Zierde des Römischen Reichs genannt. Wann aber einer der Menschen und zeitlichen Ehren Unbeständigkeit aus keinem anderen Zeichen könte abnehmen, wurde ihm diese Histori eine genugsame Unterweisung geben. Dahero unser Leben billich einem Schif gleich, so ohne Unterlaß von den Wasser-Wellen hin und her getrieben; endlich aber von einem Sturm-Wind an einen Felsen geworffen, und zu Trümmeren geschlagen wird. Dann weilen Theodoricus sahe, daß Boetius wie die Morgen-Röthe im Römischen Reich aufgienge, fienge er an, ihne mit schelen Augen anzusehen. Und weil er diesem Mann an Klugheit nicht gewachsen ware, faßte er wider ihn ein Mißtrauen, und zoge erstlich an sich zwey Fremdling, mit welchen er hinführan alle Geheimnussen seiner Regierung auskochte; die er auch deswegen zu denen vornehmsten Aemteren der Stadt Rom erhebte. Und diese waren Conigastus, und Trigilla, beyde Ehr- und Geld-geitzige Männer, so des Königs Nahmen bey jedermann sehr verächtlich, und verhaßt gemacht; und mithin alles Unheyl nach sich gezogen. Fürs andere liesse Theodoricus durch Anstiftung dieser beyden die gewöhnliche Reichs-Anlagen vermehren, und mit grosser Ungestimme einfordern. Fürs dritte hefahle er in einer grossen Hungers-Noth alles Getreyd, so um die Stadt Rom erwachsen, auf die Königliche Kösten, zu Unterhaltung der Soldaten zu liefern; für welches er einen sehr geringen Werth bezahlte. Endlich liesse er die vornehmste, vermöglichste Herren des Römischen Raths unter dem Vorwand, als hätten sie sich wider ihro königliche Majestät mit Worten vergriffen, ihrer Haab und Güteren berauben.


Es unterstunde sich zwar Boetius Theodoricum wider auf den rechten Weeg zu bringen; weilen er aber befande, daß er keiner heylsamen Ermahnung fähig, wolte er damahlen seine Ehr und guten Nahmen an seiner Person nicht verliehren, sondern fienge an wie ein brüllender Löw wider die Weis und Manier so zu Hof gehalten wurde, zu reden; bevor aber denen schädlichen Anschlägen gedachter zweyen geheimen Räthen sich mannlich zu widersetzen. Wordurch er genugsam zu erkennen gabe, daß er willig und bereit seye für die Beschützung der Gerechtigkeit Leib und Leben aufzusetzen. Trigilla, so des gantzen Reichs in zeitlichen Sachen Verwalter, und Thodorici Abgott war, unterstunde sich zwar solche verübte Unbillichkeiten, insonderheit aber das Getreyd betreffend, mit einer klugen Vorsichtigkeit zu beschönen; Boetius aber widerlegte ihm solche offentlich, erklärte die äusserste Noth der Stadt und Landen, begehrte auch dessenthalben bey dem König Audientz, damit er ihm diese persönlich vortragen möchte.


[532] Theodoricus, in welchem noch ein Funcken der Billichkeit glostete, wolte in diesem Fall nichts an seinem Amt erwinden lassen: entschlosse sich demnach Boetium und Trigillam in seinem Zimmer über diesen Puncten streitten zu hören; unter welchen Boetius die Unbillig- und Ungerechtigkeit dermassen mit klaren und unwidersprechlichen Ursachen erweisete, daß Theodoricus ihme beygefallen, den Befehl aufgehebt, und den zugefügten Schaden zu erstatten befohlen hat, welches Trigillä samt seinem Gesellen Conigasto über die massen empfindlich vorkame. Dahero sie auf eine neue Weis gedachten den König noch mehr wider Boetium und den gantzen Römischen Rath zu verhetzen. Aus dieser Ursach wurden Paulinus und Albinus zwey edle Raths-Herren, so hohe und ansehnliche Aemter mit grossem Lob verwaltet haben, wegen dieser zweyen falschen Anklag, sehr unbillich gehalten. Als derohalben Boetius sahe, daß die Gewaltthätigkeiten täglich überhand nahmen, und die Sach so weit kommen, daß er länger nicht mehr schweigen solle, redet er Theodoricum vor dem gantzen Römischen Rath behertzt auf folgende Weis an:


Durchläuchtigster König, Allergnädigster Herr!

Wir befinden uns, leyder! in einer solchen Zeit, in welcher es leichter zu schweigen, als von der Beschaffenheit des Reichs (ohne daß man etliche Personen verletze) etwas fürzubringen ist; inmassen mir nicht unbewußt, daß der Vortrag, so von mir oder einem anderen des gemeinen Weesens Wohlstands Liebhabenden an diesem Ort geschehen möchte, denenjenigen verdächtlich vorkommen werde, welche uns auch unsere Gedancken bey Ihro Majestät übel auslegen. Unterdessen muß man bekennen, daß es sehr schwer falle, bey gegenwärtigen Reichs-Stand still zu schweigen; weilen uns die Natur zu keinen Crocodillen gemacht, welche zwar Augen zu weinen, aber keine Zungen zu klagen haben.


Wann ich die Beschaffenheit des Römischen Reichs bey mir erwege, befinde ich, daß dieses jetziger Zeit schier alle Zierd und Vollkommenheit verlohren, und nichts als den blossen Nahmen behalten; daß wir auch in diesem allgemeinen Anligen (welches wir alle samtlich solten nach bestem Vermögen aufheben) nichts anders thun, als was gewöhnlich zur Zeit eines gefährlichen Wetters zu geschehen pflegt; indeme ein jeder allein für sich bittet, damit sein Hauß von dem Donnerstreich nicht getroffen werde, gehe es unterdessen anderen, wie es wolle. Also sehen wir, daß viel Herren des Raths, welche wegen ihren tragenden Pflichten die Gerechtigkeit mit Worten und Wercken solten handhaben, sich mit deme begnügen, wann sie durch ein schädliches Stillschweigen bey ihren Ehren und Güteren verbleiben mögen; leyde und [533] übertrage unterdessen der arme Mann und das gemeine Weesen, was sie wollen.


Meine Person belangend, weil ich durch GOttes Gnad aus solchem Stammen gebohren, der allem Schmeichlen abhold, und mich in solchem Amt befinde, in welchem mein Stillschweigen dem gemeinen Wohlstand schädlich seyn möchte, will ich mich befleissen meinen tragenden Pflichten ein Genügen zu thun, und mein Gutachten unverholen eröfnen: Damit ich aufs wenigst den Schatten der alten Römischen Freyheit erhalte, wann ich je die Billich- und Gerechtigkeit, so jetziger Zeit schwerlich bedrängt wird, nicht kan erlangen.


Wann ich diejenige glückselige Zeit, in welcher Ihro Königliche Majestät die Verwaltung des Römischen Reichs, zu welcher sie nicht ohne sonderbares Miracul beruffen worden, angetretten, bey mir selbsten was tiefers zu Hertzen führe, befinde ich, daß solche weit entwichen; dann ich mir nicht einbilden kan, daß jemahlen unterschiedliche Metallen durch das Feuer besser miteinander vermischt worden, als wir aus unterschiedlichen Landen damahlen durch die Lieb vereiniget waren. Was ware dies für ein Einhelligkeit? was für eine Vergleichung unter denen Ständen? wie fleißig nahme man die Gesätz in Obacht? wie gutwillig waren die Unterthanen? wie ruhig befanden sich die Städt? wie glückselig stritten die Kriegs-Heer? wie schleunig gienge alles von statten? Es hatte das Ansehen, als wann GOTT dem HErr Ihro Majestät Kriegs-Fahnen und Befehl ein heimliche Kraft mitgetheilt hätte, durch welche dieses im Frieden, jene aber in dem Streit ohne Unterlaß obsigten; und obwohlen beyde von Natur einander zuwider, vergleichten sie sich doch dermassen, daß sie den Triumph-Wagen, in welchem Ihro Majestät sassen, stet und sicher fortzogen.


Ach Durchläuchtigster Fürst und Herr! wo seynd solche gute Zeiten hinkommen? wer hat uns dieser Glückseligkeit beraubt? vielleicht vermeinen Ihro Majestät die Ernidrigung des Römischen Raths, deme bishero alle glorwürdige Kayser ein sonderbare Ehr erweisen, diene Ihro zu ihrer Hoheit? Allein wann sie die Sach was reifers erwegen, werden sie befinden, daß der Wohlstand dessen Ihro Majestät und Herrlichkeit vielmehr vonnöthen seye, als die Blätter einer Rosen, dero Zierd und schöne Gestalt zu erhalten. Mir wäre leicht die grosse und vielfältige Uebel, so aus denen bösen Rathschlägen gewöhnlich erfolgen, allhier beyzubringen, wann mir nicht bewußt wäre, daß Ihro Majestät solche durch eigene Erfahrnuß in guter Gedächtnuß hätten, welche Ihro die Bosheit aller Menschen niemahlen benehmen wird, wofern sie sich des himmlischen Liechts, mit welchem GOtt dero Verstand reichlich begabet hat, [534] gnädigst bedienen wollen. Das Römische Volck ist einem Kraut, so Basilisck genannt wird, billich zu vergleichen: Welches, wann es sanft berührt wird, einen lieblichen Geruch von sich giebt; wann man es aber hart drucket, sticht, und vergiftet es die Hand, die es angreift. Gleicher massen, wann Ihro Königliche Majestät gegen uns mit voriger Milde und Güte verfahren, werden sie die alte Ehrenbietung und Dienstwilligkeit als einen annehmlichen Geruch von uns zu gewarthen haben; wann aber durch unerträgliche Gewaltthätigkeiten, wie es sich ansehen laßt, uns bezwingen wollen, ist zu besorgen daß solche an statt eines lieblichen Geruchs die Würckung eines schädlichen Gifts der verbitterten Gemüther, und eines gefährlichen Aufstands in uns erwecke.


Uns ist gar wohl bewußt, daß unsere Feind Ihro Majestät ohne Unterlaß in denen Ohren liegen, und vorgeben, als wann wir Ihro die gebührende Ehr nicht erzeigten. Wie unbillich und unergründlich sie aber solches thun, ist es GOtt bewußt, deme nichts verborgen ist; inmassen wir dero Königliche Authorität auch damahlen, als sie von bösen Zungen vieler boshaften Menschen starck angefochten, und verkleinert waren, bey uns in steter guter Beobachtung erhalten haben. Derohalben wollen sich Ihro Majestät gnädigst entschliessen, uns bey unseren alten Freyheiten, so wir von unseren lieben Vorfahren ererbt, zu lassen, und solchen bösen Räthen kein Gehör geben, welche ihr schlechtes Herkommen durch Unterdruckung unserer Hoheit erheben, und uns auf unseren Häupteren herum gehen wollen; die darfür halten, sie können ihr schädliche Verwaltung nicht besser beschönen, als wann sie unsere Augen ausstechen, damit wir ihre Fehler nicht sehen; und die Zungen ausreissen, damit wir ihnen die Wahrheit nicht sagen können.


Welcher jetziger Zeitreich gebohren wird, oder sonst ein ehrliches Vermögen hat, muß sich vor diesen wie die Taube vor dem Habicht förchten. Ebener massen, wer mit vortreflichen Eigenschaften ein Amt verwaltet, machet ihm solche zu Feinde. Mit einem Wort, alles, was groß ist, kommet diesen verdächtlich vor: Scheinet also kein bessers Mittel zu seyn, die Sicherheit zu erlangen, als wann einer sich unwissend und unmündig stellet.


Wir haben uns bishero gegen Ihro Majestät dermassen gehorsamlich verhalten, daß wir auch so gar denen Gedancken kein statt gegeben zu erforschen, was gestalten sie die Gnaden und Aemter austheileten; daß also sie in diesem Fall viel freyer waren, als die Sonne, da sie ihre Strahlen herum schiesset. Wir befleissen uns die Bildnuß Ihro Majestät so wohl auf dem Eisen, als dem Gold zu erkennen, und zu verehren. Weilen wir aber, leider! jetziger Zeit [535] nicht ohne sonderbare Empfindlichkeit sehen, daß die beste Einkommen des Reichs unter solche Händ gerathen, welche mehr Pech als Fleisch haben, können wir vernünftig nichts anders thun, als daß wir Ihro Königlichen Majestät unterthänigist vortragen, was die Kleinmüthige nicht därfen, die Nasenweise nicht wollen, die Arme leiden, die Fromme beklagen, und die Böse aller Orten ausbreiten, indem sie sprechen.


Durchläuchtigster König und Herr! wann werden wir einmahl jene heilsame Sprüch, deren sie sich vor diesem zum öftern bedient haben, wiederum hören, indem sie sprachen: Man müsse zwar die Schaaf zu seiner Zeit scheren, ihnen aber die Haut nicht gar über die Köpf abziehen. Wann der Esel zu fast beladen wird, falle er unter dem Last nieder. Ein Fürst solle ihme kein grössers Einkommen begehren, wann er seiner Unterthanen guten Willen hat. Nun aber beklagen sich alle Städt und Länder wegen der unerträglichen Gewaltthätigkeit etlicher gewissen Personen, deren Geitz unersättlicher als das Feuer, und der Abgrund ist.

Allhier will ich unsere grosse Unglückseligkeiten weiters nicht ausführen, weilen ich unlängst diese in Ihro Majestät Zimmer nach Genügen erkläret, indeme ich die handgreifliche Noth der Länder dermassen erwiesen, daß sie alsbald Befehl ertheilt, solche aufzuheben. Wann sich nicht etliche befindeten, welche ohne Unterlaß Ihro Majestät guten Willen umkehrten, wurden sie Zweifels ohne allen ein sattsames Genügen thun.

Derohalben wollen Ihro Majestät ihnen allergnädigst belieben lassen ihre Augen wiederum, wie vor diesem, zum Trost des armen bedrangten Unterthanen aufzuthun; dann auf welche Seiten sie solche wenden, werden sie nichts als die äusserste Nothwendigkeit ansehen. Sollte dies nicht ein unbilliche Sach seyn, daß bisweilen die Leibeigene milder von ihrer Herrn, als das Römische Volck von ihrem König, von deme es sich jährlich erkauffen muß, gehalten werden? welchem es auch derjenigen Güteren, deren es beraubt worden, Rechnung thun, und also einen doppleten Schaden leiden muß.

Von dem gemeinen Mann ist man zur Unterdruckung der Obrigkeit geschritten, und hat vermeint, man könne die Römische Wiesen nicht besser abmähen, als wann man zuforderst die schöne voraus schiessende Blumen ausreisse. Dahero wurde Paulinus aller seiner Güter beraubt; Albinus in die Acht erklärt. Ihr Verbrechen ware kein anders, als daß sie reich und mächtig waren; konten auch kein andere Sicherheit, als in ihrer Armuth und Ernidrigung zu hoffen haben.


Wer siehet nicht, daß solche Weis zu handlen das Römische Reich, deme Ihro Majestät allbereit in die 30. Jahr vorgestanden, in das äusserste Verderben stürtze? wann man über [536] die Unholden, so die Bronnen vergiften, billich klaget; wie können wir schweigen, wann wir sehen, daß der Bronnen aller Anschlägen des gantzen Römischen Reichs, so Ihro Majestät Hertz ist, von Ehr- und Geldgeitzigen Leuten vergiftet, und verkehrt wird? aus welchem nothwendiger Weis ein allgemeiner Untergang aller Ständen herfür quellet.


Dahero wollen Ihro Majestät ein Exempel von Ihro selbsten, und voriger Weis zu regieren nehmen; die schädliche Schmeichler von Hof abschaffen, und denen guten Räthen, durch welche sie bishero alle Glückseligkeiten empfangen, fleißig nachkommen, und sich erinnern, daß sie von GOTT beruffen seyen die Menschen und nicht das Vieh zu beherrschen; die Unterthanen in dem Hertz zu tragen, und nicht mit Füssen zu tretten; ihnen durch ein gutes Exempel vorzuleuchten, und nicht mit Unbillichkeit zu beladen; sie als ein Vatter zu lieben, und nicht als Leibeigene zu tractiren: Daß sie dem Volck zu einem Trost, und nicht zu einem Schröcken gegeben worden. Dahero, wann sie ihre Macht betrachten, sollen sie zumahlen auch ihr Schuldigkeit beobachten, und dahin geflissen seyn, daß Ihro Majestät Herrlichkeit mehr durch die Milde und Gütigkeit, als durch die Strenge und Gewaltthätigkeit erkennt werde, damit wir von Ihro denjenigen tröstlichen Spruch, dessen sie sich vor diesem oft bedienet, wiederum hören mögen: Ein guter Fürst soll nichts mehrers förchten, als daß er von seinen Unterthanen nicht zu fast geförchtet werde.


Diese Red verursachte unterschiedliche Bewegungen in dem Hertzen der Unterthanen; der König zwar konte sich ab solcher unerwarteter Freyheit nicht genugsam verwundern, und das innerliche Mißfallen verbergen. Dahero er mit wenig Worten antwortete: Er wolle in dieser Sach bessern Bericht einnehmen; alsdann dem Rath wegen angezogenen Beschwerden mit nächstem ein Genügen thun.


Trigilla und Conigastus, die Ursächer solcher Verbitterung sahen wohl, daß sie von Boetius mit lebhaften Farben entworfen waren; dahero sie sich entschlossen Boetium mit nächster Gelegenheit aus dem Weeg zu raumen. Zu diesem End fiengen sie auf ein neues an den König mit falschen Bedencken wider ihn zu verhetzen, und gaben ihme vor, sie wären vergwißt, daß Boetius einen Aufstand wider ihn anspinne, welcher zu Constantinopel durch den Pabst Johannem samt seinen Mitgefährten, und zu Rom durch Paulinum und Albinum starck befördert werde; inmassen solches leichtlich aus ihrem steten Brief-Wechslen und öfteren Zusammenkunften abzunehmen. Damit sie aber ihrem bösen Vorhaben möchten einen Schein geben, haben sie ein Schreiben aufgesetzt, mit falschem Pettschaft versiglet, in welchem Boetius alles dasjenige vorbrachte, was ihnen [537] zu ihrem Vorhaben dienstlich ware. Solches bekräftigten sie mit falschen Zeugen, und überantworteten es dem König.

Als Theodoricus solches gelesen, und die Zeugen darüber angehört, wollte er keinen andern Bericht vornehmen, sondern verfügte sich alsbald in den Rath, truge das Schreiben in der Hand, erzeigte in denen äusserlichen Gebärden, was er in dem Hertzen hatte, und fienge an auf folgende Weis zu reden.


Edle, weise und günstige Herren.

Die letzte Red, so Boetius an diesem Ort gehalten, ware nichts anders, als ein Zeichen zu dem Aufstand wider unsere Person. Dahero wir uns nicht mehr verwundern, warum er mit solcher Zierlichkeit sich unterstanden unsere Verwaltung der Fehleren und Gewaltthätigkeiten zu bezüchtigen, inmassen solches darum geschehen, damit er die Herren sammentlich wider uns aufwicklete, und verbitterte. Eines aber kommt uns wunderbarlich vor, daß er sich hat därfen ein solche edle, gerechte, und uns wohl-geneigte Versammlung wider uns zu verhetzen, und seinen Widerwillen wider unsere gute Beamten mit solcher Frechheit an diesem Ort Männiglichen kund zu machen. Alle unsere Königliche Gaben und Gnaden, die wir Wohlverdienten mittheilen, seynd ihm ein Spieß in den Augen, und ein Nagel in dem Hertzen; wird also die gute Speis, die er niesset, in seinem Magen in ein Gall und Gift verkehrt. Die wir aus billichen Ursachen zu hohen Aemteren erhoben, mag er nicht gedulten, und haltet es für ein Unbillichkeit, daß wir ihme einen Mit-Regenten verordnen. Er beklagte das gemeine Anliegen des Volcks, als wann er dessen ein allgemeiner Vatter wäre. Alles, was nicht in seinen Seckel gehet, muß der Gemeind durch ein Gewaltthätigkeit entzogen seyn.

Wann die Barbarer das gantze Römische Reich unter über sich gestürtz hätten, vermeinen wir nicht, daß er grössere Klagen hätte führen können, als er wider unsere Verwaltung gethan hat, welche doch durch GOttes Gnaden denen goldenen Zeiten zu vergleichen, wann man die Regierung unserer Vorfahrer beobachten will. So bekennen auch unsere liebe Unterthanen, daß unsere lange Verwaltung die gröste Ursach ihrer Glückseligkeit seye. Er mußte aber einen Vorwand seiner Schalckhaftigkeit haben: dahero er sich des Namens eines allgemeinen Beschützers des Volcks anmassete, damit er uns von unserer Reichs-Verwaltung verstossen möchte. Wann je der Ehrgeitz zu ersättigen wäre, haben wir ihm solche Gnaden erwiesen, so auch die Aller-Ehrgeitzigste hätten erfüllen können: Inmassen wir ihn nicht allein zu hohen Würden und Aemteren erhoben, sondern auch seine junge Söhn mit dem Titul der Burgermeistern durch ein sonderbare Ehr gewürdiget; indem [538] wir aber solches thaten, wurden wir denjenigen gleich, welche das End an einem Circul, und den Boden in einem Abgrund suchen.


Wir haben seine Verbrechen ein lange Zeit mit Gedult übertragen, und die Klagen, so wider ihn einkommen, für ungründliche Afterreden gehalten, und solche in uns viel schmertzlicher empfunden, als wann wir mit dem Hinfallenden behaftet wären. Weilen er aber solche grosse und vielfältige Gnaden, die er von uns empfangen, beyseits gesetzt, und seiner Natur gemäß Böses für das Gute vergolten, gelanget an euch Herren! unser vernünftiges Begehren, sie wollen uns als ihrem König diejenige Gerechtigkeit erfolgen lassen, welche sie dem Mindisten in unserm Reich nicht wurden abschlagen.


Wir seynd zwar nicht mit solcher Wohlredenheit, wie er, begabt, durch welche wir seine vielfältige böse Anschläg wider unsere Person der Gebühr nach allhier möchten vorbringen; jedoch erachten wir, GOtt habe uns einen solchen Verstand mitgetheilt, durch welchen wir die helle Wahrheit leichter erkennen mögen. Damit sie aber den Grund unserer Worten besser vernehmen, so wollen sie die Zeugnuß unserer lieben Unterthanen, welche die Verständnuß wider uns nach Genügen erklären werden, persönlich anhören, und dieses Schreiben von seiner Hand geschrieben, und mit seinem Pettschaft verschlossen, ablesen, in welchem er Justinianum den Kayser von Constantinopel zu unserm Verderben beruffet. Die Herren wollen hierin schliessen, was sie für das billichste erachten werden; inmassen wir nichts anders begehren, als was das Recht und Billichkeit mit sich bringen.

Hierauf liesse er drey Zeugen, so aber Gewissen-und Gottlose Gesellen, hinein beruffen, sie nach der Strenge über diejenige Articul, die sie ihme zu Hof bekennt, fragen: Alsdann übergabe er ihnen auch den Brief, der von Cypriano einer arglistigen Hof-Katz gestellt worden, zu lesen. Entzwischen wollte er von einem bessern Bericht, oder fernerer Nachfrag nichts anhören.


Der unschuldige Boetius befande sich unterdessen nicht anderst, als der gerechte Naboth vor Zeiten, unter der Versammlung der Gottlosen. Er bemühete sich zwar fast seine Unschuld zu erweisen, wurde aber nicht angehört, sondern Theodoricus drang starck auf der Raths-Herren Meinung und Ausspruch: Etliche, die nicht wollten im Verdacht seyn, als lagen sie mit Boetio unter der Decken, redeten hart auf ihn, und vermeinten, seine Verdammung werde ihnen zu Erhaltung ihrer Sicherheit dienlich seyn: Andere, die seine Feind waren, brachten ihr Erachten wider ihn mit grosser Unordnung vor; Wenig waren übrig, die allbereit überstimmet, aus Kleinmüthigkeit dem grossen Hauffen beygefallen. Wurde [539] also Boetius nach Willen und Meinung des Königs zum Elend verdammt.


Unter allen erbärmlichen Zuständen in dieser Welt ist dieser der gröste, wann ein Unschuldiger von denen Lasterhaften solle gerichtet werden; dann unter allen Peinen ist diese die empfindlichste, daß er seines guten Namens, durch welchen er bey allen frommen Nachkömmlingen hätte sollen leben, unbillicher Weis beraubet wird. Dieses widerfuhre dem starckmüthigen Boetio, welcher, nachdeme er für die Ehr GOttes, und Wohlstand des gantzen Römischen Reichs treulich gearbeitet, und sein gantzes Leben mit grosser Mühe zugebracht, gefänglich eingezogen, und als ein Verräther des Reichs nacher Paviam geführt worden. Er begehrte zwar von seinen Freunden, bevorab seinem Schweher Simmacho den Abschied zu nehmen, wurde ihm aber nicht bewilliget. Mit harter Mühe erlangte seine Frau Gemahlin Rusticana diese Gnad; welche als sie ihren Herrn aus einem so hohen Stand in das äusserste Elend gerathen sahe, sich nicht konte enthalten, daß sie ihme nicht mit solchen Worten thäte beurlauben.


Ach! mein lieber Herr! ist das der Danck, den ihr wegen eueren treu-geleisteten Diensten verdient habt? wann je der König euch tod haben will, warum laßt er mich als den andern Theil euers Lebens übrig? Hertz und Muth hab ich genug, daß ich euch in das Elend, ja in den Tod nachfolge.

Indeme sie dieses sprache, fiele ihr Boetius in die Red, und sagte: Mein liebste Gemahlin! die Stund ist noch nicht vorhanden, daß ich sterben soll, sondern allein was weniges für die Gerechtigkeit zu leiden. Dahero sollt ihr euch meinetwegen nicht so fast bekümmern, weilen dieses ein Anzeigen ist, daß uns GOtt lieb habe, und unter seine Freund zähle. Die gute Zucht, die ihr von euerm Herrn Vatter, und die vielfältige Unterweisung, so ihr von mir empfangen, trösten mich, daß ihr diesen unerwarteten Zustand mit Gedult werdet übertragen. Es will sich nicht geziemen, daß unsere Klagen der Heyden Kleinmüthigkeit gleich seye. Laßt uns derohalben unseren Trost von dem Himmel suchen, weilen je der zeitliche Bitterkeit vermischet ist.


Hierauf wendete er sich zu seinen Kinderen, welche vor Weinen und Klagen nichts reden konnten, und sprach: Meine liebe Kinder! hinführan werdet ihr GOTT den HErrn besser für eueren Vatter erkennen. Befleisset euch der wahren Tugend, so zu jeder Zeit das beste Erbtheil unsers Stammens gewesen; dann alle zeitliche Güter und Ehren seynd nichts als Staub und Aschen; allermassen ihr dieses an meinem gegenwärtigen Zustand augenscheinlich abnehmen möget. Tröstet euere liebe Frau Mutter durch eueren Gehorsam, [540] und setzet all euer Hofnung auf GOtt den HErrn: Vielleicht werdet ihr mich bälder sehen, als ihr es vermeinet.

Diese Wörter waren lauter Pfeil in denen Hertzen seiner Gemahlin und Kinderen; von welchen sie ohne Zweifel sehr verwundet wurden. Dann obwohlen man sich untersteht ein grossen Schmertzen auszulöschen, verbleiben doch allzeit etliche Nachwehe davon noch übrig.


Die grosse Veränderungen haben gewöhnlich diese Eigenschaft, daß sie uns wie unversehene Wasser-Wellen überfallen, und ehender versencken, als wir sie erkennen. Der fromme Boetius befande sich zwischen 4. Mauren in dem Elend ausserhalb Rom, welches ihme bishero zu einem Schau-Platz seiner Herrlichkeit gedienet, von seinen Freunden entäussert, seiner Bücheren und guten Gelegenheiten beraubt, als ein Schlacht-Opfer, welches stündlich auf das Messer des Metzgers wartet. Im Anfang war er (inmassen er selbst in einem Schreiben bekennt) mit einer schweren Traurigkeit überfallen, in welcher er seine Unschuld, die also starck angefochten war, beklagte. Er führte zu Gemüth sein grosses Glück, in welchem er sich vor diesem befande; sein getreue Gemahlin und liebe Kinder, die seinetwegen viel mußten ausstehen; die unbilliche Klagen, die seine Widersacher wider ihn geführt; die Undanckbarkeit des Raths, welcher ihn wegen seiner treuen Diensten verdammt; die Grausamkeit, mit welcher der Sententz vollzogen war; die Beraubung seiner Haab und Güter: den Verlust seiner Ehr und andere dergleichen Sachen, so einem, der in die Königliche Ungnad gefallen mögen empfindlich vorkommen.

In diesem elenden Stand beklagte er sich über den Tod, daß er so viel junge und glückseelige Menschen, die das Leben über alles lieben, ohne alle Erbärmnuß hinrisse, ihme aber seine Augen, so ohne Unterlaß in dem Wasser schwimmen, nicht beschliessen wolle. Aus deme wir dann abnehmen, daß dieser starcke Held was Menschliches in seinen natürlichen Anmuthungen erlitten habe; hingegen aber auch daß er durch den rechtmäßigen Gebrauch seines Verstands alle unordentliche Neigung unterdruckt, und in seiner Gefangenschaft einen grossen Schatz der Gedult gesammlet habe. Sein köstliches Büchlein vom Trost, welches er in dieser geschrieben, ist allen Gelehrten bekannt, in welchem er die Weisheit, so ihne wegen gegenwärtigen Zustand tröstet, also redend einführt.


Bist du dieser, welchen ich mit meiner Milch ernähret, mit auserlesenen Speisen erhalten, und bis zu dem männlichen Alter gebracht habe? Ich hab dich mit allerhand Waffen nach Genügen versehen, mit welchen du dem unbeständigen Glück begegnen köntest, wofern du dich deren recht gebrauchen wurdest. Kennest du dann mich nicht? warum bist du also still? kommt dieses [541] aus einer Schamhaftigkeit oder Unverstand her? willst du nichts reden? der arme Mensch ist mit der Schlafsucht behaft, so ein bekannte Kranckheit derjenigen ist, welche denen falschen Blendungen unterworfen seynd. Er wird mich aber baldwiederum kennen, wann ich ihme die Augen eröfnen, und von denen bösen Feuchtigkeiten der irrdischen Sachen reinigen werde.


Also erwachete Boetius, und hielte mit dieser Königin der Künsten ein wunderbarliches Gespräch, welches er schriftlich verfasset, zudeme der günstige Leser gewiesen wird, mich begnügend mit etlichen Lehr-Puncten, so ihme die Traurigkeit benommen, und in seinem Zustand sehr behülflich gewesen, damit wir nach seinem Exempel lernen die Trübsalen mit Gedult übertragen.


Erstlich befragte ihn diese Weisheit, was er von der göttlichen Vorsichtigkeit halte? und ob er vermeyne, daß die Welt ungefehr, oder mit Vernunft regiert werde? Hierauf antwortete Boetius: Behüte mich GOtt, daß ich jemahlen ein solche Thorheit gerathe, und darfür halte, alles in dieser Welt geschehe ungefehr; dann ich wohl weiß, daß er das Haus dieser Welt, welches er mit sienen Händen erbauet, verwalte, und nichts ohne seinen Willen oder Zulassung geschehe. Da sprach die Weisheit: so kan ich mich dann ab deme nicht genugsam verwundern, daß ein Mensch, wie du bist, solche Meynung von der göttlichen Vorsichtigkeit habe, beynebens aber mit dieser Kranckheit behaft seye. Mein Freund! du solst wissen, daß du in dieser Welt als ein Kugel eingetretten, mit welcher die göttliche Vorsichtigkeit nach ihrem Gefallen spielet; dahero du mit Gedult übertragen sollest, was sie dißfals mit dir verordnet. Du solst dich nicht unterstehen ihro Maaß und Verordnung zu geben, sonsten möchtest du sie beleydigen, sondern als ein Baursmann, der seinen Saamen in die Erden geworffen, der Zeit des Schnitts erwartet. Du solst auch nicht fürwitziger Weiß der Frommen und Gottlosen Glückseeligkeit erforschen; dann was vermeynest du, daß GOtt dem Unschuldigen für eine Unbillichkeit zufüge, wann er diesen unter seine Freund zählet, welchem er die Himmlische Cron durch viele Trübsal und Creutz dieser Welt begehrt köstlicher zu machen. Ist dir nicht bewußt, daß sich etliche Fisch befinden, welche in den stillen Wässeren absterben, in den springenden und rauschenden aber frisch bleiben, und zunehmen? Alle tapfere Christliche Helden bedienen sich dieser sicheren Landstraß zu dem Himmlischen Jerusalem, und ergehet ihnen nicht anderst, als der Sonnen, welche nach langem Ungewitter viel lieblicher aus den Wolcken herfür trittet, als sie hinein gangen. Was vermeynest du, daß die Gottlose aus dieser Welt Glückseeligkeiten für einen Nutzen schaffen? Könnte auch was armseeligers [542] erdacht werden, als daß solche der Seelen nach in unvernünftige Thier verändert werden.


Du sagst: sie thun, was ihnen beliebet, darum seynd sie glückseelig. Ich antworte, und sage: Eben wegen dieser Ursachen seynd sie unglückseeliger, weilen sie dieses thun, was sie wollen: dann wann Böses wollen arg ist, so ist Böses thun noch ärger. Dahero wann ich einen Gottlosen der Strenge nach straffen wollte, wurde ich ihne weder, zu dem Galgen noch Rad, ja so gar auch nicht zu dem höllischen Feur verdammen, sondern mit Silber und Gold, mit Ehren und Wollüsten überhäuffen; und nachdem er sich in diesen als ein Schwein in dem Unrath umgewältzet hätte, ihme die Schönheit der Tugend, und den Verlust der himmlischen Freuden zu erkennen geben: welches ihn vielmehr als obgedachte Uebel peynigen wurde.


Fürs ander befragte ihn diese Weisheit, ob er wisse, wer er wäre? und als Boetius ihr antwortete: er seye ein ehrlicher Mann, der unlängst mit grossen Reichthumen begabt gewesen, und ansehnliche Aemter versehen habe; da sprach die Weisheit: Ich sihe wohl, daß du dich nicht recht erkennest; indeme du die Reichthumen und Ehren-Titul also kläglich anziehest. Wann dir GOtt an statt des Bluts hätte Gold lassen in deine Anderen fliessen, dich mit Edelgesteinen übersetzen, und in hohen Aemtern gebohren werden, könntest du vielleicht eine Ursach dich zu beklagen haben. Weilen du aber vor wenig Jahren, die du dir leichtlich zählen kanst, nackend und blos von deiner Mutter Leib ausgangen, nichts anders als Weynen und Klagen vermöcht, wie darffest du dich der Beschaffenheit eines Monarchens anmassen, und darfür halten, du seyest arm, wann du nicht alles besitzest, was sich in dieser Welt befindet? hast nicht einen ehrlichen Schwäher den Simmachum, so einer aus denen vornehmsten Raths-Herren des gantzen Römischen Reichs ist? eine Gemahlin, so billich einem Perlein zu vergleichen? feine und wohl erzogene Kinder, welche eine grosse Hofnung von sich geben? stehe, was dir noch übergeblieben; diese arbeiten dich aus deinem Verhaft aufs bäldist loszumachen.


Eines mißfallet mir sehr an dir, daß du den geringen Verlust der zeitlichen Güteren also fast beklagest. Wer befindet sich in dieser Welt also glückseelig, daß er gantz nichts zu leyden habe? Mancher besitzt grosse Reichthumen, schämet sich aber seines schlechten Herkommens. Ein anderer ist zwar von hohem Adelichem Stammen gebohren, hat aber das Vermögen nicht sich seinem Stand gemäß zu erhalten. Ein anderer hat an diesen beyden Stucken keinen Abgang, ist aber bey seinem Fürsten und Herrn in Ungnaden. Ein anderer hat einen guten Heyrath getroffen, bekommt aber keine Erben. Ein anderer hat [543] zwar Erben, seynd aber also beschaffen, daß er sie lieber nicht haben wollte. Werden also sehr wenig gefunden, welche mit ihrem Stand zufrieden seynd. Ueber diß seynd die Glückseelige gewöhnlich die empfindlichste, daß sie bisweilen wegen einer geringen Ursach in den Harnisch schlieffen, und jedermann todt haben wollen.


Wie viele schätzten sich die glückseeligste zu seyn, wann sie den halben Theil deiner Verlassenschaft besitzten? dieses Orth, welches du ein Elend nennest, ist anderer ihr Vatterland. Daß also nichts gäntzlich armseelig zu nennen, es bilde ihm dann einer in solches ein. Damit du aber wissest, in welchem die wahre Glückseeligkeit bestehe, frage ich dich: Ob du was köstlichers, als dich selbsten habest? Nein, antwortest du: Wann du derohalben dich selbsten recht beherrschest, kanst du einen solchen Schatz besitzen, dessen dich das Glück nicht berauben kan.


Fürs dritte, erklärte ihm diese Weisheit die Eytelkeit zeitlicher Gütern, und spricht: was beklagen wir uns wegen verlohrnen Silber und Gold, so von dem Rost verzehrt, über seidene und sammete Kleyder, so von den Schaben zernagt, über unsern Leib, so von den Würmen gefressen, über die Häuser und Höf, so einmahl auf einen Hauffen fallen, über die Edelgestein, so aus dem Wasser herkommen, und einmahl wiederum zu Wasser werden?

Was ist diß für eine Thorheit, die Einsamkeit, welche von denen frömmsten und heiligsten Menschen allezeit geliebt, und in Ehren gehalten worden, als ein Straf ausnehmen, und sich für unglückseelig achten, wann uns nicht eine lange Reyhen Diener, deren Laster und Verbrechen wir verantworten müssen, nach uns ziehen? man beunruhiget Himmel und Erden, damit man der Armuth entgehe; entzwischen seynd die Reichthümer nichts anders als ein Rauch von dem Feur, welcher die Händ, so ihn berühren, rußig und übel schmeckig machen.


Was ist diß für ein Aberwitz, daß viele sich alsdann für glückseelig halten, wann sie grosse Geschäft, in welchen sie den Schlaf, das Leben, und oft sich selbsten verliehren, zu verwalten haben, da sie doch wohl wissen, daß man ihnen gewöhnlich in keiner Sach ein Genügen thun könne, und daß ihr Gnad leichter als ein Feder, ihr Ungnad schwerer als das Bley seye geduncket dich nicht ein solcher seines Verstands beraubt zu seyn, welcher aus einer langwierigen Gefangenschaft erlöset, alsobald mit Bitten und Begehren anhaltet, man solle ihn wieder in Verhaft nehmen? O Boeti! gedenckest du nicht, wie vor Zeiten Seneca unter Nerone, Papianus unter Antonio ein solche Einsamkeit gewünscht hätten? weilen sie aber sich aus den Banden, mit welchen sie verstrickt waren, unbescheidener Weiß begehrten loßzumachen, haben sie sich selbsten in ihrem Elend [544] begraben. Siehe! du bist anjetzo aller Sorg enthebt; du sitzest zu Pavia, so ein vornehme Stadt Welschlands ist, in einem Zimmer mit Bücheren ziemlicher massen versehen; kanst denen Studien, deren du von Jugend auf gewohnt, abwarthen. Warum machest du nicht aus der Noth eine Tugend, und ergibest dich der göttlichen Vorsichtigkeit gantz und gar.


Zum vierten hielte ihm die Weisheit die Nutzbarkeit vor, so aus der Trübsal entspringt, und sagte: die Glückseeligkeit ist aufgeblasen, schlipferig und unbeständig; hingegen die Trübsal nüchter, klug und bedachtsam. Jene führt uns unter dem Schein einer Ergötzlichkeit in unzahlbar viele Fehler; diese ist eingezogen und wahrhaft, jene bethöret uns, diese unterweiset uns, jene verunreiniget uns, diese waschet uns, jene bindet uns, diese löset uns auf, jene entäussert uns von dem höchsten Gut, und erfüllet uns mit Eytelkeiten, diese vereiniget uns mit dem Ursprung alles Gutes, ziehet uns von denen zergänglichen gleichsam mit einer Hacken ab, und führet uns zu der Betrachtung der Ewigkeit. Jene schmeichlet uns, diese zeigt uns den Unterschied zwischen den falschen und wahren Freunden.


Dahero mein Boeti, gedulde dich ein kleine Zeit, und wann dich dein Trübsal hart ankommt, so gedencke, daß solche gleichfals wie dein Glückseligkeit fürüber gehen werde. Das letzte Stündlein, so dir dein Leben vielleicht bald wird enden, wird zugleich ein End alles deines Leydens seyn; inmassen diß also von der göttlichen Vorsichtigkeit verordnet ist, daß die grosse Glück- und Unglückseeligkeiten nicht lang währen sollten, damit die sterbliche Menschen nicht mit unsterblichen Uebeln gepeiniget werden.


Endlich führet ihne die Weisheit zur Beschauung der ewigen Güteren und göttlichen Vollkommenheiten, in welche er sich gäntzlich versencket, indeme er erkannt, daß alle Geschöpf in GOtt als ihrem Schöpfer vielmehr als das Wasser in einem Schwamm, die Erden in dem Luft, und alle Elementen von dem Firmament beschlossen werden. Er sahe in ihm alle Ehr, Würde, Reichthum, Tröstung, Ergötzlichkeit und Seeligkeit. Er gienge mit seinen Gedancken in denen Abgründen göttlicher Vollkommenheiten als in einem irrdischen Paradeyß spatzieren. Jetzt betrachtete er die Unendlichkeit, bald die Unveränderlichkeit; jetzt die Ewigkeit, bald die Allmacht; jetzt die Weisheit, bald die Heiligkeit; jetzt die unendliche Grösse, bald die Vorsichtigkeit; jetzt die Barmhertzigkeit, bald die Gerechtigkeit; die Gütigkeit, die Langmüthigkeit, die Unbegreiflichkeit, und das End aller Sachen.


Von dannen begabe er sich zu Christo seinem gecreutzigten Heyland als dem König aller Betrübten, zu denen [545] HH. Martyrer, als Blut-Zeugen Christi, und hielte sich für glückseelig, daß er seine wenige Zäher mit ihrem vergossenem Blut vermischen könnte.


Auf solche Weis linderte er seine Schmertzen, machte ihm seine Gefangenschaft zu einem Kram-Laden vieler Heroischen Tugenden, und zeigte, daß solche auch unter den Banden ihre Freyheit erlangten. Die hohe Berg haben diese Eigenschaft, daß, indeme sie unten her grünen, und Frucht bringen, auf dem Gipfel mit Schnee und Eiß bedeckt seynd. Gleichermassen erhalten die tapfere Christliche Helden unter währender Trübsal ihre Gemüther in der Liebe GOttes frisch und lebhaft, und bringen die auserlesenste Früchten allerhand Tugenden herfür.


Daß unterdessen Boetius eine lange Zeit in der Gefangenschaft seye aufgehalten worden, ist abzunehmen aus der Vorred eines Buchs, welches er an diesem Orth geschrieben; indeme er sich ab der Strenge und Grausamkeit des Königs Theodorici beklagt, durch welche er an denen Kräften so wohl der Seel als des Leibs sehr geschwächt worden, bis er endlich sein Leben durch den Tod geendet hat. Dann des Boetii Widersacher (bevor aber Cyprianus und Basilius seine Ankläger) fiengen auf ein neues an bey dem König um die Vollziehung der Straf anzuhalten, damit sie diesen, welchen sie angefangen unbillicher Weiß zu verfolgen, gäntzlich um das Leben bringen möchten. Zu diesem End erlangten sie, daß dem Verwalter der Stadt Paviä die Commission aufgetragen wurde Boetium über diejenige Articul, so wider ihn einigegeben worden, zu befragen. Und der König selbst liesse ihm durch gedachten Stadt-Verwalter sein königliche Gnad anerbieten, wann er den gantzen Verlauf seiner wider ihn angesponnenen Aufruhr treulich entdecken wurde. Auf diesen des Stadt-Verwalters Vortrag antwortete Boetius also:


Der Herr wolle dem König zuwissen machen, daß mich meine graue Haar, und das Gewissen in einen solchen Stand gesetzt, in welchem ich wider die rechte Vernunft und Billigkeit weder durch Trohwort, noch Versprechungen was thun könne: und indem er den Verlauf meiner wider ihn erdichteten Verständnus begehrt von mir zu vernehmen, könne ich dieses ihme vielweniger als ein Meer-Wunder, so niemahlen gewesen, vorweisen. Setzet er dann einen Zweifel in diejenige Zeugen, so wider mich verhört worden, daß er die Ursachen meiner Verdammung von mir selbsten vernehmen muß? Billich kan und er meinen falschen Anklägeren keinen Glauben geben; weilen dieses mir zu meiner Ehr und Unschuld sehr dienlich ist: indeme ich von solchen Ehr- und Gewissenlosen Menschen angeklagt worden, durch dero Zeugnus auch die gröste Uebelthäter könnten gerechtfertiget werden. Basilius ein Schuldenmacher [546] von Hof verstossen, wurde mit Geld erkauft, damit er mein Blut verkauffen möchte. Der alle Treu und Glauben bey der gantzen Welt verlohren hatte, wird als ein rechtmäßiger Zeug zu Unterdruckung meiner Unschuld zugelassen. Opilio und Gaudentius, so wegen unzahlbar vielen Missethaten des Lands verwiesen worden, welchen man auch zu Ravenna aus Befehl des Königs die Stirn mit einem glüenden Eisen gezeichnet hätte, wofern sie nicht heimlich entwichen wären, wurden an dem Tag, an welchem sie begnadet worden, wider mich als Zeugen angehört. Aus einem jeden Holtz schnitzlete man Pfeil mich darmitt zu erschiessen. Die gröste Uebelthäter wurden durch meine Anklagung gerechtfertiget: Man hatte die Ehr eines Römischen Burgermeisters beyseits gesetzt, und wider ihn solche Zungen verhört, die auch nicht zur Verdammung eines Leibeigenens sollen zugelassen werden. Aus welchem ich dann abnehme, daß mein Elend vorbedacht, das Leben mir allbereit abgesprochen, und man ferner nichts, als einen zierlichen Vorwand, durch welchen meine Verfolger als Eyferer der Gerechtigkeit beschönen mögen, suche.


Der König Theodoricus will in diesem Fall gar zu klug angesehen seyn, indeme er alle Weis und Manier ersinnet, seinen Fehler zu bemäntlen. Dahero mag ihme der Herr in meinem Namen berichten, daß ich dieses zu thun im Sinn gehabt, warum ich verdammt worden; nemlich, daß ich den Römischen Rath in dem Wohlstand zu erhalten mich bemühet habe; obwohlen dieser solche Gutthat wenig erkennet: daß ich die Catholische Religion, als das Mittel zu meiner und aller Menschen Seeligkeit, so viel mir möglich ware, in ein Sicherheit, und das Römische Volck in die alte Freyheit habe setzen wollen. Und gleichwie ich mich anjetzo in einem solchen Stand befinde, in welchem ich mir die Freyheit durch kein Unwahrheit zuerkauffen begehre; also lasse ich derohalben geschehen, daß man mich wegen jetzt vermelten Ursachen meines Lebens beraube: Wollte auch, daß es auf das bäldiste geschehe, weil ich in diesem Stand ein grosses Verlangen darnach trage.


Ab dieser des Boetii Freyheit zu reden verwunderte sich der Stadt-Verwalter nicht wenig, und berichtete den König mit einem Zusatz, was er zur Antwort bekommen hätte; dahero die Sach bald ein End gewonnen. Unterdessen bemühete sich Rusticiana nach allem Vermögen des Königs Zorn zu stillen, und ihren Herrn Gemahl aus dem Elend loszumachen. Und weilen ihr wohl bewußt ware, daß Amalazuntha, Theodorici Prinzeßin, ein milde und barmhertzige Fürstin, in diesem Fall viel vermöchte, hatte sie diese um ihre Fürbitt ersucht, welche ihr auch in kurtzer Zeit die Audientz bey ihrem Herrn Vatter zuwegen gebracht. Als sie derohalben samt ihren Söhnen vor dem König erschienen, [547] fienge sie an auf folgende Weis zu reden.


Allergnädigster Fürst, und Herr!

Mann Ihro Königliche Majestät sich würdigen aus ihrem Thron der Glory den Staub der Erden anzusehen, so wollen sie ihre barmhertzige Augen allergnädigst auf diese armselige und trostlose Person, so den Schatten ihrer vorigen Glückseligkeit nicht mehr hat, fallen lassen. Ich bin, leider! nicht mehr die alte Rusticiana, in dero Lustgärten die fruchtbare Palmbäum und allerhand wohlriechende Blumen der Ehren und Ergötzlichkeit gewachsen; inmassen mir solche das Unglück alle Weeg genommen, und nichts als den blossen Namen samt den Schmertzen der gegenwärtigen, und Forcht der zukünftigen Ublen übergelassen.


Ich därfte schwören, daß mein Herr Gemahl niemahlen was wider Ihro Königliche Majestät oder Person schriftlich oder mündlich gehandlet habe, sondern daß aller Mißverstand von den falschen Anklägeren den Anfang genommen, welche allen Fleiß angewendet seine Unschuld bey Ihro Königlichen Majestät, dero Nutzen er vielmehr, als der seinigen gesucht, verdächtlich und verhaßt zu machen. Ich weiß wohl, was er mir zum öftern gesagt, und was massen er diese seine Söhn, so bey Ihro Königlichen Majestät, um das Heyl ihres lieben Herrn Vatters, zu Füssen ligen, zu Dero Diensten auferzogen habe.

Wann die Gerechtigkeit kein statt mehr findet, so beruffen wir uns zu dero, Barmhertzigkeit. Durch diese wollen Ihro Königliche Majestät ihnen allergnädigst belieben lassen, diese arme bedrangte Person aus den Sturm-Winden der unerträglichen Betrübuussen heraus zu reissen. Wir haben allbereit dero Macht nach Genügen erfahren; nun lassen sie uns auch dero Milde verkosten.

Das unersättliche Feur, obwohlen es alles verzehrt, lasset doch die Aschen übrig. Es werden sich ohne Zweifel Ihro Königliche Majestät von diesem Element nicht überwinden, und auf das wenigst die Aschen unserer vorigen Glückseligkeit überlassen. GOtt der HErr ist ein sonderbarer Tröster aller Betrübten. In diesem mögen Ihro Königliche Majestät nachfolgen, wann sie mir armen betrübten Frauen meinen Gemahl, so mir das Liebste auf der Welt ist, wiederum los lassen, und in seinen vorigen Stand setzen. Solche Gnad wollen wir alle die Täg unseres Lebens mit unterthänigster Schuldigkeit erkennen.

Durch diese Wort hätte die armselige Rusticiana bälder ein Tigerthier zu dem Weinen, als Theodoricum zu der Barmhertzigkeit bewegen können. Dahero er sie mit Unwillen abgeschaft, und diese wenige Wort gesprochen: Wir wollen der Gerechtigkeit ihren Gang lassen. Und weilen Cyprianus, und Basilius ärger als zwey lebendige Teufel, den Argwohn der [548] erdichteten Verständnuß bey diesem forchtsamen König von Tag zu Tag vermehrten, und vorgaben, als wann Boetius allbereit die Picken in der Hand hätte, und mit Kayser Justino die Stadt Rom belagerte, ist er dermassen darob ergrimmet, daß er ohne weitern Proceß den vorgedachten Verwalter der Stadt Paviä abgefertiget mit Befehl Boetium alsbald durch den Tod in die andere Welt zu schicken: damit er sich hinfüran vor ihme nicht zu förchten habe.


Der fromme Boetius hatte sich fleissig zu dieser Reis durch Betten und Empfahung der H.H. Sacramenten bereitet; dahero er denen zweyen, so ihme den Tod ankündeten, unerschrocken geantwortet: Die Herren mögen ihrem Befehl nachkommen, dann ich mir nichts anders einbilde, als der Tod werde mich aus dieser Gefangenschaft los machen. Hierauf begabe er sich zu dem Gebett, befahl GOtt seinem Schöpfer die Seel, welche er in dieser Gefängnuß als in einem Feur-Ofen geläutert; damit sie ohne allen Verzug zu denen himmlischen Freuden abfliegen möchte. Alsdann verfügte er sich behertzt an den Ort, an welchem er die Marter solte überstehen; so aus Befehl des Königs geheim war damit das Volck, um dessen Wohlstand er sich beworben, kein Aufstand erweckte. Als er nun solchen Ort ersehen, sprache er:

Dieses ist mein Kampf-Platz, welchen ich ein lange Zeit begehrt hab: allhier protestire ich vor meinem GOtt und HErrn; vor allen Heiligen und Auserwählten GOttes, und vor der gantzen Welt, daß ich in meinen Verrichtungen nichts anders als die Ehr GOttes, und den gemeinen Wohlstand des Römischen Reichs gesucht habe. Und obwohlen mein Unschuld anjetzo gewaltthätiger Weis unterdrucket wird, bin ich doch getröster Hofnung, es werde ein Zeit kommen, in welcher sie meine Feind zu Schanden machen werde. O Rom! wolte GOtt, daß du mit meinem Blut gäntzlich gereiniget wurdest, und ich der letzte seye, der für deinen Wohlstand das Leben lassen muß! ich begehre denjenigen, so mich verdammet, nicht anzuklagen, sondern vielmehr, daß GOtt sich über ihn erbarmen, ihme seine Augen eröfnen, seinen Fehler, mein Unschuld, und meiner Ankläger Betrug zu erkennen geben wolle. Dieses ist mein Lohn, welchen ich den Tag meines Lebens durch meine treu-geleistete Dienst gesammlet hab. Also besoldet die Welt ihre Soldaten; GOtt aber, deme ich anjetzo mein Leben, Leib, Seel und alles, was mir zugehörig, befehle, der mein Hertz erkennet, wird mir solchen in der andern Welt, zu dero ich allbereit fertig bin, reichlich in alle Ewigkeit erstatten.


Boetius hatte in seinem Elend einen eintzigen Diener, der zwar eines adelichen Herkommens, aber arm an Reichthumen war, als er diesen wegen seines Zustands mit Zäheren überronnen sahe, sprache er zu ihm: Lasse dir meinen Hintrit nicht also sehr zu [549] Hertzen gehen, sonderen beweine vielmehr die Armselige, und sage meinem Herrn Schwäher, meiner Frauen Gemahlin, und meinen lieben Kinderen, ich habe nichts wider ihre Ehr und guten Namen verwürckt, sie sollen derohalben auch nichts wider die meine durch unmässiges Klagen und Trauren thun; sondern vielmehr dieses mein Ableiben für ein sonderbare Gab GOttes annehmen. Sie werden sich erinnern, was ich ihnen oftermahlen gesagt: Man müsse die Ruhe nicht in diesem, sondern in dem andern Leben suchen, in welches ich nun hingehe ihnen ihre Oerter zubereiten.


Hierauf wendete er seine Augen und Seufzer wieder zu GOtt, und liesse die Gerichts-Diener ihr Amt verrichten, die ihme dann das Haupt mit einem Schwerdt abgeschlagen: Er aber hat nach empfangenem Streich das Haupt in die Händ genommen, ist darmit für den Altar des Kirchleins, so nächst an diesem Ort war, gangen, allwo er ein gute Weil sich wiederum seinem HErrn und Schöpfer befohlen, bis er endlich den Geist aufgegeben. Sein Leichnam ward in der Kirchen des heiligen Augustini (deme er mit sonderbarer Andacht zugethan gewesen) begraben. Seinen Namen hat die Catholische Kirch (wie Baronius bezeuget) unter die Zahl der H.H. Martyrer gesetzt; inmassen er mehrern Theils für Beschützung derselbigen wider die Arianer gemartert worden. Das Ort seiner Gefängnuß ware auch in grosen Ehren gehalten, und die Begräbnuß mit vielen Reimen gezieret: deren Uberschrift war diese:


Boetius im Himmel oben,

Und in der Welt ward hoch erhoben.


Nicht lang nach dieser grausamen That liesse Theodoricus Simmachum Boetii Schwäher auch hinrichten, und beyder Güter seiner Königlichen Schatz-Kammer einverleiben; ab welchem sich die gantze Stadt Rom aufs höchste entsetzt. Rusticiana verhielte sich in diesem sehr schmertzlichen Umstand als ein wahre Christliche Heldin, verehrte diese zwey als H.H. Martyrer, strafte sich selbsten, wann ihro etwann ein Zäher ihrenthalben entfiele, tratte behertzt für den König, und beklagte sich wegen dieser unmenschlichen Grausamkeit.


Die göttliche Rach ist nicht lang ausgeblieben, inmassen Theodoricus alsbald von seinem eigenen Gewissen und Einbildungen der ermordeten unschuldigen Raths-Herren dermassen geänstiget worden, daß er weder Ruhe noch Schlaf haben könnte. Und indeme man ihm unter währender Mahlzeit ein Fischkopf aufsetzte, sahe er diesen für das Haupt Simmachi an, welchen er vor wenig Tagen seinem Tochtermann in der andern Welt Gesellschaft zu leisten tyrannischer Weis hat hinrichten lassen. Und obwohlen man unterschiedliche Mittel anwendete, ihm diese Einbildung zu benehmen, wolten doch solche nichts unterfangen, sondern er fienge an am gantzen Leib zu zittern, und schreyen, als wann man [550] ihne niedermachen wolte. Dahero wurde er von der Tafel in das Beth getragen, in welchem er mit grossem Weheklagen seinem Artzt bekennt, er habe unschuldiges Blut vergossen, in welchem er allbereit schwimmen, und ertrincken müsse, welches auch geschehen; inmassen er von Sinnen kommen, und in wenig Tagen durch ein hitziges Fieber verzehrt, mit einem grossen Register der schweresten Verantwortungen in die andere Welt vor den strengen Richterstuhl GOttes abgefordert worden. Was gestalten er mit seiner Rechnung bestanden, ist uns nicht bewußt. Allein sagt der H. Gregorius, er habe von einem glaubwürdigen Mann vernommen, daß an dem Tag, an welchem Theodoricus zu Rom verschieden, etliche vornehme Personen in der Insul Lipara von einem frommen Einsidler, den man für Heilig hielte, befragt worden, ob sie wußten, daß König Theodoricus mit Tod abgangen? und als sie ihme antworteten, sie wußten diß zwar aber dieses, daß als sie vor wenig Tagen von Rom abgereist, er sich in guter Gesundheit befunden habe, sprache er: das glaube ich; ihr sollt aber wissen, daß er heutiges Tags gestorben, vor dem Richterstuhl GOttes erschienen, verurtheilt, verdammt, und in dieses Feur, so wir des Vulcani Hafen nennen, geworffen seye worden.


Als nun diese wieder zu Rom ankommen, haben sie befunden, daß eben zu dieser Stund, in welcher ihnen der Einsidler solches gesagt, der unglückselige König Theodoricus todts verfahren seye. Aus welchem dann die gantze Stadt Rom mit grossem Schröcken die gerechte Urtheil GOttes erkennt, und das unschuldige Blut Boetii beklagt hat.

In der Regierung ist ihme Athalaricus, sein Enckel nachgefolgt. Weilen er aber sehr jung, verwaltete Amalazuntha sein Frau Mutter eine Zeit lang das Reich, welche der verwittibten Rusticianä die Güter Boetii aus königlichem Fisco wieder erstatten lassen.

Diese Rusticiana erstreckte ihre Jahr bis zu der Regierung Kaysers Justiniani, welcher durch seinen Feld-Obristen Belisarium die Schweden aus dem Reich vertrieben. Unter diesem hat gemelte Wittib die Bildnussen Theodorici, so viel sie deren bekommen mögen, zerreissen, verschlagen, und verbrennen lassen.


Ach GOtt! der du alle Ständ regierest, und die Säulen der Himmel erschüttest, was ist der Mensch, der sich deinen unergründlichen Anschlägen widersetzet? Dieses erscheinet an Theodorico, welcher den gerechten Weeg deiner himmlischen Leitung verlassen, etlichen GOtt- und Gewissen-losen Menschen angehangen, durch dero Verblendung er seines Reichs, des zeitlichen und ewigen Lebens beraubt worden. Und obwohlen er eine Zeit lang glückseelig und scheinbar gewesen, ist er doch nicht anderst als der Rauch im Luft [551] verschwunden, und hat einen üblen Gestanck hinter sich gelassen. Hingegen ist Boetius, der deinen Gebotten, und göttlicher Leitung fleißig nachkommen, zu der ewigen Glory, in welcher er sich anjetzo mit allen deinen Auserwählten erfreuet, aufgenommen worden, und hat allen Nachkömmlingen einen ewigen Nahmen hinterlassen.


Anmerckung.

Dieser Theodoricus ware ein natürlicher Sohn Theodomiri Königs in Schweden, welchen er von einer mit Nahmen Aureliana erzogen. Er hatte neben grosser Wissenschaft im Kriegs-Weesen gute Eigenschaften zu der Regierung: daß er aber glücklich regiert, hatte er denen guten Räthen und Verleitung Boetii zu dancken. Aus welchem dann sein grausame Undanckbarkeit gegen diesem seinem grossen Gutthäter zu erkennen ist. Der Religion nach ware er ein Arianer, so eine der verfluchtisten Ketzereyen auf der Welt ist, weil sie Christo dem HErrn die GOttheit absprechen darf. Was wunders dann, daß seine Regierung ein so unglückliches End genommen? Glückseelige Catholische! die nicht allein Christum für ihren GOtt und HErrn erkennen; sondern oft (und O wie billich ist das) mit Andacht zusprechen:


Gelobt sey JEsus Christus!

In Ewigkeit, Amen.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 530-552.
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