Viertes Buch

[139] Das Gespräch, das sie über diesen Gegenstand noch einige Zeit fortsezten, hatte sie unvermerkt zum Strande kommen lassen, wo sie ein Schiff zu erwarten gedachten, das sie nach England führen sollte, wohin Belphegor mit brennender Begierde verlangte. Durch eine höchstglückliche Verknüpfung von Ursachen und Wirkungen – nach Fromals Ausdrucke – mußte gerade damals ein Fahrzeug in Bereitschaft liegen, das der Großvezier, der bey veränderter Regierung aus gegründeten Ursachen für seinen Kopf fürchtete, heimlich zu seiner Flucht bestellt hatte. Es wurde nur von drey Leuten bewacht, die mit ihm an einem versteckten, zum Einsteigen bequemen, verborgnen Winkel lauschten: die Reisenden näherten sich ihnen und erkundigten sich nach der Ursache, die sie hier zu halten bewegte, wovon ihnen aber, wie zu vermuthen, eine falsche angegeben wurde. Da die Schiffer sich aber umständlich und etwas ängstlich nach der Beschaffenheit des Tumultes, und besonders nach der Lage des Großveziers erkundigten, so drang Fromal, der gut Türkisch sprach, in sie, ihm ihr Geheimniß zu[139] entdecken, und versicherte sie mit dem höchsten Schwure, sie nicht zu verrathen. Die Muselmänner weigerten sich und sezten sich in Positur wider Gewalt, als plözlich von hinten zu aus einem Walde her ein wilder kriegerischer Lärm gehört wurde, der sie insgesamt aufmerksam und besorgt machte. Die nächste Vermuthung war, es für die Annäherung eines tumultuirenden Truppes zu halten, von dem alle ihren Tod gewiß erwarten mußten, schuldige und unschuldige. Die Schiffer wollten vom Lande stoßen, doch Fromal kam ihnen zuvor, sprang in das Boot und nöthigte seine Gefährten seinem Beispiele zu folgen. Die Schiffer, die dies für Verrätherey hielten, wollten Fromaln hinauswerfen, doch kaum sah er einen auf sich zukommen, als er ihn in der Mitte faßte und hinausschleuderte. Die übrigen fiengen an zu rudern, er riß einem die Stange aus der Hand und dem andern gab er einen Hieb mit seinem Säbel, daß er sie selbst sinken ließ und zum Boote hinausfiel. Fromal trieb das Boot dem Ufer wieder um vieles näher, um seine Freunde einzunehmen, als ihn der lezte von hinten zu anfiel, zu Boden warf und vom Ufer wegruderte. Fromal rafte sich auf und sendete ihn vermittelst seines Säbels mit gespaltnem Kopfe den nämlichen Weg, den seine Brüder genommen hatten: darauf fuhr er zum Ufer zurück. Der erste, der ohne Wunde ins Meer gestürzt war, schwamm indessen herzu und stieß aus Rache und Neid das Fahrzeug mit aller Gewalt vom[140] Lande zurück, daß Fromal kaum ihm widerstehen konnte: es war einen kleinen Raum noch von dem Einsteigeplatze entfernt: seine zween Freunde stunden zitternd und rufend am Ufer: schon schoß ein Schwarm Rebellen mit verhängtem Zügel auf sie herzu und die Säbel schwebten beinahe schon über ihren Häuptern: Tod im Meere oder von den Händen der Barbaren, war ihre Wahl. Schnell zog der friedliche Medardus einen Säbel, den er um der Seltenheit willen einem Erschlagenen vom Wahlplatze genommen hatte; hieb dem Kerle, der das Boot zurückstoßen wollte, die auf dem Rande desselben liegenden Hände ab, daß er herabstürzte, und Belphegor gab ihm mit einem Knittel, da er ihr Einsteigen noch immer verhindern wollte, einen Schlag auf den Kopf, Fromal trieb das Schiff näher, sie sprangen beide hinein und ruderten eilig fort: die Nachsetzenden schossen nach ihnen, trafen aber keinen. Da man kurz darauf den entflohnen Großvezier erhascht hatte, so gab man sich weiter keine Mühe, sie zu verfolgen.

Belphegor hatte seit seinem Eintritte in den Kahn in einer todtenähnlichen Betäubung dagelegen, indessen daß seine beiden Freunde unermüdet vom Lande wegruderten. Izt sind wir in Sicherheit, rief endlich Fromal; sie ruderten langsamer, und Belphegor sammelte sich wieder.

Gott! was haben wir gethan! rufte er mit zusammengeschlagnen Händen aus. Menschen, unsre Brüder,[141] Wesen unsrer Art, Verwandten unsers Geistes und unsers Blutes ermordet! von ihrer Selbsterhaltung verdrängt! in den Abgrund hinabgestoßen! – Gott! welch ein Gedanke, ein Menschenmörder zu seyn! – Fromal! ich zittre, ich schaudre vor ihm; – und so umfaßte er bebend seinen Freund. –

Belphegor! was ist dir? erwiederte dieser. Verfolgt dich dein feuriges Blut noch immer mit Gespenstern?– Was haben wir gethan? Menschen von ihrer Selbsterhaltung verdrängt, die uns von der unsrigen verdrängen wollten. Jedes Geschöpf ist sich selbst die ganze Welt; ohne andre Rücksicht kämpft jedes für sich und seinen Wohlstand: wen der Zufall gewinnen läßt, wohl ihm! Er hat UNS begünstigt; hätte er unsern Gegnern wohlgewollt, so lägen wir izt an ihrer Stelle, vom Meere verschlungen, so nährten WIR die Ungeheuer der See.–

»Aber, bester Fromal, woher waren sie denn unsre Gegner? –«

Weil sie unsrer Rettung, unserm Wohl im Wege stunden. –

»Hatten SIE nicht einen größern Anspruch auf dieses Boot, SIE, denen wir es entrissen? –«

Und konnten ihn ungekränkt haben, wenn sie uns verstatteten, uns mit ihnen zu erhalten. –

»Aber welches Recht hatten wir, uns ohne sie zu erhalten, da sie uns nicht vergönnten, es mit ihnen zu thun? –«[142]

Die Obermacht, das Glück! –

»Geben diese ein Recht? –«

Sie verschaffen es, sie sind es. Jedes Recht ist eine verjährte Unterdrückung, ein verjährter Raub; nichts weiter. Den Flecken Erde, den ich izt zum rechtmäßigen Eigenthume erkaufe, raubte, riß der erste Besitzer an sich: alle Menschen hatten vor ihm gleich gegründetes Recht darauf: er raubte ihn dem Menschengeschlechte und behauptete ihn durch die Obermacht; diese vollendete sein Recht. Zu den Diensten, die ich izt von gewissen Personen vermöge eines erkauften Rechtes fodre, zwang der erste, der sie sich leisten ließ, ihre Vorfahren, oder Furcht und Elend zwangen diese, sie ihm anzubieten: allemal Unterdrückung! – Mein Leben ist das Eigenthum meiner Natur; wer es mir nimmt, dem giebt die Obergewalt ein Recht darauf. –

»Fromal, du erschreckst mich! Ist es möglich, daß DU so denkst? – Eine unmenschliche Behauptung! –« Sie ist so menschlich, daß dies die Maxime aller Zeiten gewesen ist. Warum fodert der Despot, warum der Monarch, warum die Republik mein Leben? – Nicht um meinetwillen; blos um ihrentwillen: aber sie können es fodern, weil sie mich zwingen können; die Obermacht ist ihr Recht. –

»Aber das Leben dieser Unglücklichen war doch so sehr ihr Eigenthum, ihr ohne Unterdrückung erlangtes Eigenthum –«[143]

Keineswegs! Auf die Materialien ihres Wesens, auf die Theile ihres Bluts, ihrer Lebensgeister hatte ich, hatte jeder andre einen gleichen Anspruch mit ihnen: die Natur streute die Elemente zu unser aller Leben aus: der Zufall theilte einem jeden das mit, was er izt besizt: indem er es bekam, nahm ER es einem andern weg: nimmt es ihm dieser wieder, und der Zufall begünstigt ihn –

»Rede noch so subtil! mein Herz wirft alle deine Spizfindigkeiten zu Boden. Meine Empfindung macht mir den Vorwurf, daß ich eine Grausamkeit mit dir begangen habe; in meinen Augen bleibt es eine, wenn es gleich dein Räsonnement für keine erklärt –«

Allerdings ist es eine, auch nach meinem Gefühle, so gut als nach dem deinen: aber was kann ich dafür, daß die Natur die Erhaltung des einen Wesen auf die Zerstörung des andern gebaut hat; daß sie uns auf dieses Erdenrund gesezt hat, mit einander um Länder, Leben, Ehre, Geld, Vortheil zu fechten: warum entzündete sie diesen allgemeinen Krieg, und drückte mir ein Gefühl ein, das mich treibt, mich allen andern vorzuziehen, und mich quält, wenn ich es gethan habe? warum stellte sie mich an den engen Isthmus, entweder mir schaden zu lassen, oder andern zu schaden? – – Ey! ey! gewiß ein Seeräuber, den ich dort sehe! Gleich wirst du einen traurigen Beweis bekommen, daß in dieser Welt stäter Krieg, und Obergewalt Recht ist. Er schifft verzweifelt hastig auf uns zu: tummer[144] Teufel! dürftige Leute wirst du zu ernähren finden, aber nicht einen Flitter, der dir den Weg bezahlte. –

Himmel! schrie Belphegor, Seeräuber! Was sollen wir thun? – Uns ihnen ergeben, sprach Fromal, weil sie die Stärkern sind! Geschwind unsre Diamanten verborgen! versteckt, wo sie niemand finden kann, daß sie den Weg umsonst thun! –

Sie folgten seinem Rathe, und wegen der Eilfertigkeit, mit welcher sich ihnen das Schiff näherte, schien es ihnen ungezweifelt, daß es ein Korsar sey. Medardus und Belphegor zitterten vor Angst und Erwartung! doch Fromal ruderte ihnen unerschrocken entgegen. – Es ist izt eine Wohlthat für uns, sagte er, in ihre Hände zu fallen: sie müssen uns füttern, da wir ohnedies hier zwischen Wasser und Himmel verhungern würden. Wir werden freilich ihre Sklaven: aber wenn nun in der Reihe menschlicher Begebenheiten alles sich so geordnet hat, daß wir Sklaven in Algier oder in Tunis seyn müssen, wer will sich der Nothwendigkeit des Schicksals widersetzen? – Muth oder Gelassenheit! das lezte muß izt unsre Partie seyn. –

Medardus raffte seine Entschlossenheit wieder zusammen. Getrost, Brüderchen! sprach er. Die Vorsicht lebt noch: wer weis wozu das gut ist, daß wir izt Sklaven werden? –

O Freiheit! rief Belphegor, du göttliches Geschenk der Erde! so lebe zum zweitenmale wohl! Ich soll von neuem Zeuge der Unterdrückung, der Grausamkeit[145] der Menschen werden: wohlan! ich küsse die Sklavenkette, wenn sie mich nur mit euch, Freunde, untrennbar vereint. –

Kaum hatte er seinen Schwanengesang an die Freiheit geendet, als die Räuber schon an ihr Fahrzeug heranrückten; da sie nichts als ein beuteleeres Boot mit drey Menschen erblickten, so schienen sie unschlüssig zu seyn, was sie mit ihnen anfangen wollten: doch endlich erinnerten sie sich, daß sie das Boot brauchen könnten, und nahmen es also ein. Man untersuchte alle Winkel ihres Leibes, um verborgne Schätze zu entdecken: doch man entdeckte nichts. Sie wurden ins Sklavenbehältniß gebracht, und nach langem vergeblichen Herumkreuzen fanden sie eine Prise, von der sie sich gute Hoffnung machten. Es war das alte Lied des menschlichen Lebens: ein Trupp Menschen wurde des andern Herr, nachdem sich etliche von ihnen ermordet, ersäuft, erschossen hatten. Die Räuber kehrten voller Lust und Freude über ihre Eroberung nach Algier, wo sie ihre Abgabe von ihrer Beute entrichteten, auf neues Glück ausreisten und unsre drey Europäer in einer zweyjährigen Sklaverey zurückließen, ohne daß einer den Aufenthalt des an dern wußte.

Fromal machte während dieser Zeit verschiedene Versuche, sich und seine Freunde aus einem für Freygeborne so traurigen Zustande zu reißen: doch keiner gelang ihm, bis er es endlich dahinbrachte, unter einen Trupp von tausend Sklaven den Samen des Aufruhrs[146] auszustreuen, der sich schnell ausbreitete. Große Armeen von Sklaven brachen sich los, befreyeten andre, und Fromal war ihr Anführer. Man stürmte, raßte, wütete: das ganze Land war Ein Gemählde des Aufruhrs. Die erbitterten verwilderten Sklaven würgten und verheerten, wohin sie geriethen: die Reichen starben in den Flammen ihrer Reichthümer; man wollte alles ausrotten, was nicht Sklave war. Die Truppen der Republik sezten den Verwüstern zu, tödteten und wurden getödtet. Als alle Ebnen mit dem Blute und den Leichnamen der Aufrührer und ihrer Sieger besät waren, beschloß man das schreckliche Schauspiel mit den fürchterlichsten Scenen einer barbarischen Justiz.

Ehe es bis dahin kam, waren unsre Europäer insgesamt gerettet. Fromal hatte keine Absicht, als sich und seine Freunde zu befreyen, und ließ daher, bey Erbrechung eines jeden Sklavenbehältnisses die Namen Medardus und Belphegor ausrufen: nicht eher wollte er vom Aufstande ablassen, als bis ihm entweder der Tod das Leben genommen, oder das Glück seine Freunde wiedergegeben hätte. Sein Wunsch wurde bald befriedigt: er fand sie in den ersten zween Tagen, begab sich mit ihnen heimlich auf die Flucht und ließ seine Armee für Freiheit und Leben fechten und sterben, so lange sie wollte.

Nach einer langen ermüdenden Wanderschaft sahen sie sich an den Gränzen von BILIDULGERID. Hier glaubten sie sich sicher genug, lagerten sich unter einem[147] Palmbaume an einem kleinen Flusse und waren unschlüssig, ob sie Schläfrigkeit oder Hunger zuerst besänftigen sollten. Sie griffen zuerst nach den Datteln, die über ihnen hiengen, und schliefen bey dem Mahle alle drey ein.

Bey ihrem Erwachen blickten sie einander zum erstenmale wieder frey und ruhig an, erzählten ihre Drangseligkeiten, und Belphegor beschloß jede Erzählung mit einem herben Klageliede über die Grausamkeit der Menschen; und da die Reihe herum war, brach er in melancholischem Tone, mit Thränen in den Augen aus: O Fromal! was ist die Welt? du riethest mir, dies barbarische Schlachthaus kennen zu lernen: der Zufall erfüllte deinen Rath: ich hasse dich dafür; du hast mich unglücklich gemacht – Freund! in den engen Kreis der Unwissenheit eingezäunt, als ich nie über mich, meine kleinen Bedürfnisse und zwey oder drey Freunde hinausblickte, da ich mich vom Strome der Zeit hinwegreißen ließ, ohne mit Einer Minute Nachdenken bey einer Scene außer mir zu verweilen, da ich mit meinen Empfindungen über die kleinen einzelnen Anhöhen auf meinem Wege hinabgleitete, da ich aß, trank, schlief und empfand, ohne mich zu kümmern, wer in Norden oder Süden würgte, vergiftete, unterdrückte; wie wohl war mir da! – und izt wie düster, mitternächtlich schwarz um die ganze Seele! Sonst schien mir die Erde eine Blumenwiese, wo die Menschen zwischen rieselnden einladenden Bächen,[148] Hand in Hand, mit verschlungnen Armen herumwandelten, schwerbeladne Obstbäume ihrer lachenden Früchte entladeten, die Beute friedlich mit einander theilten und zur Sättigung der Muße Blumen pflückten, wo sie den anmuthvollen muntern Reihen des Lebens in einsamer Stille oder lauter Frölichkeit hinabtanzten: dies war das goldne Zeitalter meines Lebens, die glücklichste Blindheit, der seligste Traum der Unwissenheit. Izt habe ich die Augen geöffnet, ich übersehe einen weiten Raum der vergangnen und gegenwärtigen Zeiten, von dem großen Zirkel der Erde den meisten Theil, den Umfang der Menschheit, Sitten, Staaten, Verhältnisse, und – die Weite der Aussicht macht mich unglücklich! höchstunglücklich! der Mensch, der Mensch ist in meinen Augen gesunken, und ich mit ihm. Ich übersehe ein ungeheures Schlachtfeld, wenn ich über die Erde hinschaue –

Belphegor! unterbrach ihn Fromal, laß MICH das Bild mahlen! Du möchtest zu dunkle Farben dazu nehmen; meine gute Laune, merke ich wohl, hat unter uns dreyen am längsten ausgehalten. Hier, Freunde! schmaust Datteln und seyd gutes Muthes! Zum Zeitvertreibe zeichne ich Euch die Geschichte der Erde im Kleinen; wenn ich kann, so will ich über mein Gemählde lachen, und darf ich rathen – lacht mit mir! Wenns auch ein bittres Lachen ist – es ist doch besser als bittres Klagen.

Er machte sich die Kehle mit einer Dattel geschmeidig[149] und fieng an: – Habt ihr nie von den lustigen Affen etwas gehört, denen man einen Korb mit Früchten und eben so viele Prügel hinlegt, als ihrer versammlet sind, wovon alsdann ein jeder einen ergreift und sich nebst seinem Gefährten so lange herumprügelt, bis ein Paar die Oberhand behalten, die alsdann mit den nämlichen Waffen ausmachen, wer von ihnen beiden den Korb allein besitzen und den übrigen allen nach seinem Gefallen davon austheilen soll, was und wie viel ihm beliebt. Der Sieger wirft von Zeit zu Zeit Früchte unter sie, um welche ein neuer Krieg geführt wird; jeder Ueberwinder wiederholt mit seinem Antheile dasselbe Spiel, und so dauert der Krieg fort, bis alle außer einem etwas besitzen, der sich mit den Schalen und schlechtern Bissen begnügen muß, die ihm die übrigen zuwerfen. – Wenn das Mährchen nicht wahr ist, so hat es jemand zum Sinnbilde für die Geschichte unsers Erdenrundes er sonnen. Kann etwas ähnlicher seyn? – Die Natur baute einmal ein eyförmiges oder pomeranzenförmiges Ding, und sezte unter andern Geschöpfen eines darauf, das sich dadurch von allen übrigen unterschied, daß es weniger tumm, als jene, war, und sich für vernünftig ausgab. Jedem von diesen Wesen hieng sie, wie den römischen Rennpferden, zwo stachlichte Kugeln an, die sie bey jeder Bewegung in die Seite stechen und anspornen – Neid und Vorzugssucht. Hier, sprach sie, Kinderchen, habt ihr einen hübschen geräumigen Plaz, der euch und eure Nachkommen[150] nähren soll. Darauf gebe ich euch vier Stücke, die euch Gelegenheit geben sollen, eure Kräfte zu brauchen: – Weiber, Reichthum, Gewalt, Ehre. Balgt, prügelt, würgt, mordet euch darum, so sehr ihr könnt! Ich habe euch etwas Mitleid ins Herz gegeben, daß ihr einander nicht vertilgt; weiter kann ich nichts für euch thun. – So sprach sie und übergab dem Schicksale die Aufsicht über ihre Söhnchen. Da das Häufchen klein war, fand wohl ein jeder sein Pläzchen: man nahm, wo es beliebte. Bald wurde ihre Zahl größer: der Raum jener wenigen reichte für diese mehrern nicht zu: die Stärkern jagten die Schwächern fort. Die Vertriebnen ärgerten sich über das Glück ihrer Vertreiber: sie kamen verstärkt nach einigen Zeiten wieder, schlugen jene todt und sezten sich auf ihren Fleck. Die Nachbarn wurden besorgt, daß ihnen dasselbe widerfahren möchte, andre, die in ihrem Distrikte ein Paar Eicheln weniger zu essen hatten, beneideten diese glücklichen Eroberer; beide thaten zusammen, schlugen sie todt und theilten ihr Stückchen Erde, ihre Eichelbäume, ihre Hütten unter sich. Da die tummen Teufel nichts von der stereographischen Projektion wußten und folglich keine Theilungskarte machen, vielleicht nicht einmal bis auf drey zählen konnten, so mußte die Theilung nach einem ungewissen Augenmaaße geschehen. Eine Rotte wurde in der Folge, da sie im Rechnen etwas weiter gekommen war, inne, daß die andre sechs oder acht Bäume mehr besaß; sie nahm sie weg: jene[151] wurde böse, daß man ihr ihr heiliges theuer erworbnes Recht kränkte, schlug zu, und wer übrig blieb, hatte ein völliges erlangtes Recht dazu. Die kleinen Rotten verschlangen einander, schmolzen zusammen und wurden zu größern Rotten, die sich um ein Stückchen von dem schmuzigen Erdenkloße weidlich herumzankten, bald um nicht zu verhungern, bald weil andre weniger hungerten, sich die Hälse zerbrachen, sich trennten, sich vereinigten, sich alle von Herzen haßten, einander alles Herzeleid wünschten und anthaten, wenn sichs thun ließ, sich zulezt als Fremde betrachteten, und nicht mehr daran dachten, daß sie von Einer Mutter Natur ausgebrütet wären und zu Einem Geschlechte gehörten, und – das Schauspiel interessanter zu machen – sich gar nach huronischem und kannibalischem Völkerrechte fraßen. Was ist der ganze Lauf der Welt vom Anbeginn, als eine Prügeley um den elenden Erdenkloß, der gewiß alle ohne Kopfzerschmeißen ernähren würde, wenn sie nur gut einzutheilen gewußt hätten?

Kaum hatten sich die zusammengerotteten Schwärme auf verschiedenen Plätzen gelagert – siehe! da fährt einem wunderlichen Manne der Hochmuth in den Kopf; er will mehr als andre seyn; kurz, er machte es so listig und grob, daß die andern von seiner Rotte ihn für ihren Herrn erkannten, oder erkennen mußten. Geschwind überfiel mehrere der nämliche Hochmuth; sie thaten es ihm nach. Nun gieng ein neuer Zank an;[152] einer wollte herrschen, der andre auch, der dritte desgleichen, und noch mehrere: sie schlugen sich abermals herum, und die Leutchen, die zum Gehorchen gemacht waren, gaben ihre Köpfe dazu her. Bisweilen theilten sich zwey in die Gewalt, und bey der nächsten Gelegenheit verdrängte einer den andern; oder einer riß gleich die ganze Macht an sich; ein Theil wollte, der andre mußte gehorchen.

Da diese Gelegenheit zum Zanke so ziemlich abgenuzt war, und alle Rotten ihre Herrscher hatten, so wandelte diese ein noch artigerer Hochmuth an; einer wollte des andern Herr seyn. Sie machten ihren Rotten etwas weis, daß sie mit ihnen giengen und die andern Nebenmenschen so lange und herzhaft plagten, was diese nicht zu erwiedern vergaßen, bis einer oder der andre den Hals zum Joche darbot und den andern seinen Herrn nannte. Die Rotten hatten meistens nicht den mindesten Vortheil dabey; aber da ihnen doch der liebe Gott zwey Arme gegeben hatte, so wußten sie dieses Geschenk nicht besser anzuwenden, als sich damit herumzuschlagen; und daher ermangelten sie niemals, wenn ihnen gepfiffen wurde, auf einander loszugehn. Das Spiel gieng nun ins unendliche fort; es kam mit der Zeit so weit, daß sich der Herrscher alles, und seine Rotte nur ein Nebending ward, das um seines Interesse willen ohne Bedenken geschlachtet und gewürgt wurde. Einem gefiel der Fleck, den der andre mit seiner Rotte besaß; er nahm ihn weg, und[153] wer ihm den Besiz streitig machte, wurde niedergesäbelt. Dieser sah, daß die Menschenkinder in der andern Rotte hübsche Töchter hatten; er nahm ihnen eine gute Ladung weg, und der Stärkre besaß sie.

Der Menschenverstand wurde von Tage zu Tage feiner und also auch die Begierden. Lange Zeit waren den Sterblichen Weiber, Felder, Hütten, Berge, Thäler, Gewalt, Herrschaft gut genug, sich deswegen die Kehlen abzuschneiden: sie zankten sich um ein grobes Etwas, doch izt prügelten sie sich um ein feines Nichts, um eine Idee, um – die Ehre. War das nicht eine Verfeinerung, eine Erhebung ihrer Kräfte? – sie konnten sich izt schon umbringen, ohne etwas anders dabey zur Absicht zu haben, als die Ehre – sich umgebracht zu haben. Die Herrscher dünkten sich die größten, die vortreflichsten, deren Rotten am unbarmherzigsten gemordet, und fremde Distrikte am geschicktesten zur Wüste gemacht hatten.

Indessen war die Dosis Mitleid, die die Natur ursprünglich mitgetheilet hatte, in Bewegung gesezt worden, diese brachte etliche Ideen von Unmenschlichkeit, Grausamkeit, Barbarey und dergleichen in die Köpfe; man schämte sich des Mordens ein wenig: man gab ihm einen Namen, der sich mit jenem Gefühle vertrug, und die Rotten mordeten mit ruhigem Gewissen fort, weil das Ding einen hübschen Namen führte, um dessentwillen sie oft gar etwas verdienstliches zu thun glaubten.[154]

Wenn doch jemand den Ninus, Sesostris, Nebukadnezar, Cyrus, Xerxes, Alexander und ihre Nachfolger wohlmeinend zu Asche verbrannt hätte, ehe sie ihre blutigen Eroberungsprojekte ausführen konnten! –

MED. Ich hätte selbst ein Scheitchen Holz mit hinzutragen wollen.

FR. Das Blut so vieler zu vergießen, um den übrigen Herr zu seyn!

MED. Die Königinn Tomiris machte es recht; wenn sie doch lieber den blutdürstigen Cyrus vorher, ehe er auszog, so mit seinem Blute ersäuft hätte! – Siehst du, Brüderchen? wahrhaftig, wenn ich Alexander wäre, ich könnte keine Nacht ruhig schlafen: alle die Leute, die um meinetwillen ermordet wären, stünden des Nachts um mein Bette und heulten und röchelten um mein Kopfküssen5; mit jedem Schlucke Apfelwein dächte ich einen Todtenkopf hinunterzuschlingen; bey jedem Bissen Brodte fiel mir bey, das mag wohl den Leuten aus dem Leibe gewachsen seyn, die ich habe erwürgen lassen; bey meiner Schlafmütze! ich vertauschte hier das Fleckchen leidigen Koth, auf dem ich sitze, nicht gegen Alexanders ganze Monarchie, wenn ich sein Gewissen mitnehmen müßte: das Herz muß ihm doch geschlagen haben, so hoch, wie die Wellen auf der See. –

FR. Guter Medardus! dafür weis man schon Mittel.[155] Wenn Alexander sich und seinem Herrn die reine Wahrheit hätte sagen wollen, so würde er ohngefähr so gesprochen haben! – Lieben Kinder! ich will schlechterdings, daß die Leute auf der Erde, so weit sichs nur thun läßt, meinen Namen wissen: wenn ich ihnen die größten Wohlthaten erzeigte, so dankten sie mir vielleicht, und in einem Jahre wäre ich samt meinen Wohlthaten wieder vergessen; und das müßte schon etwas sehr Großes seyn, wenn es noch so lange dauern sollte: wie lange würde ich mit meinem Winkel, Macedonien, zureichen? – Drum ist es am besten, ich quäle, würge, morde und verheere so lange, daß es die Leute so bald nicht wieder verschmerzen können: so denken sie doch gewiß allemal an mich, wenns ihnen übel geht: die Spuren meiner Verwüstung werden wenigstens auch ein Jahrhundert und länger übrig bleiben: man denkt allemal an mich, wenn man sie sieht. Kommt! wir wollen die Perser, Asien und Europa so lange herumprügeln, bis mich jeder kleine Junge für einen großen Mann erkennt. Außerdem giebts in Asien Gold und Silber die Menge; und bey mir zu Hause ist mehr Sand als Gold: davon möcht' ich auch etwas, und wo es möglich wäre, alles. Ich kann es ohnehin nicht verdauen, daß der König von Persien sich den großen König nennt, so viele Länder und Leute hat, und ich hier in dem engen Kerker so einsam sitzen soll. Die griechischen Republiken thun so groß auf ihre Freiheit und brüsten sich, daß man in Persien[156] ihren Namen weis: sie müssen unter mich. Alles das kann ich mir und andern Leuten aber nicht so geradezu sagen: wir müssen also das Ding ein wenig übertünchen. Zu MIR will ich sagen: – das allgemeine Vorurtheil hat es zu dem wahrsten Grundsatze gemacht, daß nichts so groß, so edel ist, so sehr Ruhm erwirbt, als Tapferkeit und Muth; der Krieg ist die Laufbahn großer Seelen. Ich will sie betreten und Lorbern erndten, mein Haus und mein Vaterland bis zum Ende der Welt verherrlichen. Ich habe die gerechteste Gelegenheit dazu: ich muß die Sache Griechenlands wider die Perser vertheidigen, ich muß das Blut ihrer Vorväter an diesen stolzen Königen rächen. Ihr tapfern Gefährten sollt für eure Begleitung Reichthum und Ehre gewinnen, die Ehre, tausende von euern Nebenmenschen umgebracht zu haben. Im Grunde sind wir freilich nichts als eine Bande Räuber, die sich mit einer andern Bande herumschmeißen, und ich ihr Anführer: aber im menschlichen Leben kömmt alles aufs Wort und die Vorstellungsart an. Im Grunde ist unsre Größe wohl auf den Untergang andrer gebaut, und ihr habt im Grunde nichts davon, als Gefahren, Schmerz, Strapatzen, Hunger, Wunden, Tod, ihr könntet zu Hause wohl essen, trinken und ruhig schlafen, könntet euch mit eurer Arbeit nähren und nüzlich werden, euer Vaterland anbaun, glücklich seyn und glücklich machen, ihr seyd im Grunde recht herzliche Narren, wenn ihr um meinetwillen nur Einen gefährlichen Schritt[157] thut, denn ihr habt wenig oder gar nichts davon: aber wer wird sich alles das sagen? ich will Euch und mir schon ein Blendwerk von Worten, eine Verbrämung vormachen, daß ihr Eure Köpfe nicht zu lieb haben sollt: man muß überhaupt nicht zu viel von der Sache sprechen, sonst möchte das Bischen natürliches Mitleid aufwachen; und so wäre es um die ganze Heldengröße gethan. Wohlan denn! schlagt zu und ersiegt die Lorbern der Unsterblichkeit! – Mit dieser Illusion zog er und seine Soldaten aus, und erhielt sich darinne, bis er sich zu Tode trank. Guter Medardus! wenn du es zu einer solchen Illusion bringen, und die itzigen Macedonier in eine ähnliche versetzen könntest, so würdest du sie heute noch wider die Türken anführen. Die Illusion! das ist die ganze Kunst eines Alexanders; und wenn du nicht philosophische Gewissensbisse hinter drein leiden wolltest, so müßtest du dich in der Illusion bis an dein Ende erhalten: vermuthlich trank und schwelgte Alexander deswegen, um nicht zur Vernunft zu kommen und das Kleine seiner Größe zu fühlen. –

Elende Größe, die einer solchen Stütze bedarf! rief Belphegor.

FR. Und doch ist sie zu allen Zeiten die höchste gewesen, die traurige Größe, an dem Tode vieler Ursache gewesen zu seyn! Wer eine Rechnung über den Abgang der Menschheit anstellen wollte, würde vielleicht unter hunderttausend Millionen achzig finden, die der Herrschsucht, dem Neide, dem Geize, dem Aberglauben[158] von Menschen aufgeopfert worden sind, und zwanzig, die die Natur selbst gewürgt hat. Gewiß, die Natur muß die Menschen deswegen auf den Erdboden gesezt haben, daß sie sich in Rotten sammeln und einander von einem Flecke der Erde zur andern herumtreiben sollen –

Unmöglich! rief Belphegor.

FR. Aber was haben sie bisher gethan als dieses? – Die Tatarn drängen sich aus dem innersten Winkel Asiens hervor, diese verdrängen die sarmatischen Völker, die Sarmaten verdrängen die Deutschen, die Deutschen machen sich unter Galliern, Spaniern, den Einwohnern Italiens Plaz: die Mohren verdrängen Vandaler, Alanen, Sueven, Gothen, die christen verdrängen die Mohren; Dänen verjagen die Britten, Angelsachsen die Dänen, Dänen die Angelsachsen, Normänner die Dänen; und wenn es auch oft nichts als eine Verwechselung des Regenten, nichts als eine Vermischung der Völker war, so mußte doch beides mit Menschenblut bewerkstelligt werden. Was thaten die Menschen anders als daß sie sich in Rotten sammelten und einander wechselsweise zu unterdrücken suchten? Was war es als Unterdrückungssucht, die den Dschengis-Khan durch beinahe ganz Asien herumjagte? Was brachte seine Tatarn nach der Eroberung von China auf die menschenfreundliche Berathschlagung, ob sie nicht lieber alle Einwohner tödten und das ganze Land in Weiden für ihre Bestien verwandeln sollten? Waren[159] seine Kriege gleich weniger blutig, mochten sie gleich hinter drein einen zufälligen Nutzen wirken, so war doch dieser nicht seine Absicht, so sind sie doch ein Beweis von der Neigung der Menschen zum Unterdrücken. Was anders trieb den Kublai nach China? Was anders hezt die kleinen afrikanischen und ostindischen Könige ewig zusammen, sich beständig einander zum Herrn aufzudringen, obgleich keiner mehr zum Vortheile hat als den stolzen Gedanken, von einem Paar elenden Geschöpfen für ihren Obern erkannt zu werden? Was Huronen, Irokesen, Algonquinen, Plattköpfe und Kugelköpfe, sich ohne sonderliches Interesse, auf die Eingebung eines wilden Traums anzufallen, einzuschränken, aufzureiben, zu vertilgen und gar aufzufressen? – In allen Ständen der Gesellschaft und der Menschheit ist der Mensch Krieger, Unterdrücker, Räuber, Mörder gewesen. Ein Theil unsers Planetens ist endlich dahin gelangt, daß die Menschen sich einander ruhig unterwarfen, die Obergewalt, die der Zufall begünstigte, für Recht gelten ließen, dem Stärkern wichen, der Nothwendigkeit der Inferiorität nachgaben, in die Verhältnisse geduldig sich bequemten, die der Zufall angeordnet hat: aber das Spiel der Welt ist im Ganzen immer noch das alte, nur in regelmäßigere Form gebracht und mit weniger grausen und unmenschlichen Scenen überhäuft.6 Wenn die Entschuldigungen[160] der Kriege, die einige Gelehrte ausgesonnen haben, etwas mehr als erbettelte Ausflüchte heißen können, oder wenn sie deswegen zulässig sind, weil sie unvermeidlich nothwendig, bisher wenigstens, gewesen sind – welches unter allen Beschönigungen die einzige geltende ist – so muß die Bestimmung der Menschheit auf diesem Planeten im Ganzen diejenige seyn, die ich vorhin angab, oder kein Geschlecht von Geschöpfen hat bisher seiner Bestimmung so sehr zuwider gelebt als die Menschen.

BELPH. Ich bitte, ich beschwöre dich, Fromal, mache den verhaßten Schluß nicht! laß mich ihn nicht wissen, wenn er gleich Wahrheit ist! – Und wenn ja der Mensch im Ganzen das war, wie du ihn schilderst, so sagt mir doch mein Herz, daß, den Menschen im einzelnen betrachtet – daß du da lügst. –

FR. Lügst? – Das möchte ich bewiesen sehn! Hast du nicht durchgängig Neid und Vorzugssucht, als zwey der stärksten Gewichte, in jedem Menschenherze gefunden? Ich dächte, du hättest zu deinem Herzeleide Beispiele genug davon erlebt. Dein eignes menschenfreundliches Herz ist, offenherzig gesprochen, nicht davon leer: aber wohl dir, daß die Natur mit deiner sanften liebenden Empfindung dir ein Gegengewicht einhieng, das jenem die Wage hält! Laß deinen izt nur glimmenden Neid, deine izt nur lauschende Vorzugssucht Zunder finden – ich prophezeihe dir, sie lodern beide zur Flamme auf –[161]

BELPH. So viel ich mich kenne, nimmermehr! –

FR. Und so weit ICH den Menschen kenne, gewiß! Du würdest nie ein grausamer fühlloser Würger werden, dein Neid, deine Vorzugssucht würde immer noch die Menschlichkeit mehr als bey jedem andern zur Begleiterinn haben; aber sie würden gewiß beide hervorbrechen, sey es in welcher Gestalt es wolle.

BELPH. Ich schwöre dir: eher wollt ich mein Herz aus dem Leibe reißen, eher –

FR. Schwöre nicht! Das Schicksal hat oft wunderliche Grillen; es könnte dich in Umstände versetzen, wo du an deinem Schwure meineidig werden müßtest.

MED. Brüderchen, den Schwur wollte ich auch thun.

FR. Der Himmel wird euch vermuthlich den Meineid ersparen; aber, aber ... Neid und Vorzugssucht sind die zween allgemeinen Hauptzüge aller menschlichen Charaktere; so viel ich ihrer aus der Geschichte, aus der Erzählung, aus dem Umgange kenne – alle, alle hatten stärkre oder schwächre Schattirungen davon; oft waren sie freilich mit den übrigen Farben des charakters so verschmelzt, daß ein feines Auge dazu gehörte, sie zu erkennen: aber vorhanden waren sie. Wenn die menschliche Thätigkeit von zwo solchen Federn in Bewegung gesezt wird, so ist allgemeiner Krieg in jedem Verstande eine unvermeidliche Folge: jeder will über den andern, und jeder beneidet den andern, wenn er über ihn ist, es sey, worinne es wolle: dies ist ein unläugbares Faktum seit der ersten Existenz[162] der Menschen: allzeit bricht dies freilich nicht in hellen flammenden Krieg aus, weil tausend andre Rücksichten, ganz unzähliche Neigungen und Rücksichten jenem Bestreben, jenem Neide das Gleichgewicht halten und ihre fürchterlichen Ueberströmungen hindern. Oft reißt aber der Strom nicht den Damm durch, sondern gräbt sich einen Weg an einem weniger festen Orte unter dem Boden, ergießt sich durch, und Niemand weis es, als bis er die Ueberschwemmung fühlt. Von diesen beiden Trieben sind die meisten unsrer Laster und Tugenden Abkömmlinge oder Masken: die Eigenliebe ist die Mutter – oder wenn ich hier in Bilidulgerid unter einem Palmbaume eine in Europa erfundne Allegorie wiederholen darf, so will ich sie euch mittheilen. – Die Eigenliebe und das Mitleid wurden dem neugeschaffnen Menschen zu Begleitern gegeben, ihn durch den mannichfaltigen Kampf dieses Lebens hindurchzuführen: jene sollte seine Thätigkeit anspornen, ihm den nöthigen Stoß geben, um sich selbst, wie um seinen Mittelpunkt, zu bewegen, dieses ihm Einhalt thun, wenn ihm in dem Kreise seines Umlaufs eins seiner Geschöpfe im Wege stünde, daß er es nicht unbarmherzig in seinen Wirbel hinriß: jene sollte überhaupt ihn antreiben, dieses zurückhalten, jene thätig, wirksam, dieses gerecht, gütig machen. Nach einer kurzen Bekanntschaft mit den Menschen entsprungen aus dem Kopfe der erstern zwey Kinder – Neid und Vorzugssucht, die das Amt der[163] Mutter übernahmen und von nun an die Führerinnen der Menschen wurden. Sie entzündeten einen ewigen Krieg unter dem Menschengeschlechte, verdrängten die Gefährtinn ihrer Mutter, das Mitleid, von ihrem Geschäfte und machten die Menschen zu grimmigen grausamen Tigern, worunter der Stärkre den Schwächern fühllos zerfleischte. Endlich zog das Schicksal das vertriebne Mitleid aus seiner Verweisung zurück und suchte es zu seiner Würde wieder zu erheben. Jene Vertreiber willigten nach langem Widerstande in einen Vertrag: sie blieben die Regierer der Menschen, wie vorhin, und ließen es auf einen Kampf ankommen, wer von den beiden Partheien der einzige oberste Herrscher, und wem die andre unterworfen seyn sollte: der Kampf ist noch nicht geendet, noch nicht entschieden, der Mensch noch immer der Fechtplatz, wo diese beiden Gegner um die Obergewalt ringen, abwechselnd bald die eine, bald die andre Parthey auf kurze Zeit einen Vortheil erjagt, den oft der nächste Augenblick wieder zernichtet. Doch ist es dem Mitleide so weit geglückt, daß es dem Neide und seinem Gesellschafter die Verbindlichkeit aufgezwungen hat, nie anders als unter einer von IHM geborgten Maske zu erscheinen; und diese Masken sind – unsre Tugenden. Der Neid hatte indessen eine zahlreiche Nachkommenschaft, die Laster, geboren, und auch diese mußten sich unter jene Verbindlichkeit schmiegen. – Europa liegt unter dem Himmel, wo dieser glückliche Vertrag zuerst errichtet[164] wurde: man führt dort den Krieg der Natur klüger, daß ich so sagen mag, man führt ihn unter der Aufsicht des Mitleides; aber geführt wird er, nur mit andern Waffen und auf andre Art als ehmals.

BELPH. Aber, Fromal, so wären ja die verschiedenen Stufen, die die Menschheit durchwandert hat, nichts als verschiedene Formen von Kriege, die nur die Veränderung der Waffen und des Manövre unterschiede?–

FR. Nicht anders! wenigstens bis hieher, nicht anders! – So gar Menschen, die nicht –

MED. Brüderchen, da ich studierte, hörte ich viel von Grundtrieben und abgeleiteten Trieben: die beiden häßlichen, die du da nennst, sollen doch wohl nicht die Grundtriebe des Menschen seyn?

FR. Freund, nichts ist schwerer und willkührlicher, als die Genealogie von den Trieben der menschlichen Seele. Ich weis, welche in ihr liegen, aber welche die Natur gepflanzt hat, und welche aus diesen aufgewachsen sind, das ist mir völlig unbekannt: ich denke aber, daß zu allen, was in der Seele ist, die Natur eine Anlage mitgetheilt haben muß. So viel weis ich auch, welche unter diesen Trieben die zu allen Zeiten, unter allen Völkern, unter allen Menschen allgemeinen gewesen sind; diese, schließe ich, müssen ihm eben so wesentlich als Augen, Nasen, Ohren seyn; wie aber nie zwey Nasen, zwey Augen einander völlig gleich sehn, so hat der Neid, die Vorzugssucht bey verschiedenen Nationen, bey verschiedenen Menschen, in verschiedenen[165] Ständen der Menschheit und der Gesellschaft eine verschiedene Mine: die Grundzüge aber sind bey allem eins. – Diese Allgemeinheit derselben leuchtet am drollichsten bey denen hervor, die das Schicksal in eine solche Lage sezte, daß sie nicht herrschen, oder mit ihren Mitbrüdern um Sklaverey, Länder und Völker die Lanze brechen konnten. Um bey der allgemeinen Thätigkeit nicht müßig zu seyn, ersannen sie sich ein andres Etwas, ihre Tapferkeit daran zu üben: sie wählten unblutige Waffen, wie sie ihre Umstände erlaubten, und wenn sie einen Kitzel bekamen, das Schauspiel etwas interessanter zu machen, so zogen sie Leute mit hinein, denen Würgen und Morden verstattet war. Die Philosophen erfanden sich ein Ding, das sie Wahrheit nennten; um dieses hinkten sie herum, wie die Götzendiener des Baals. Sie erfanden eine Kriegskunst7, Regeln des Angriffs und des Rückzugs, Trenscheen, Stratageme, Laufgräben, grobes und kleines Geschütze; und die edlen Ritter der Wahrheit sind jederzeit die treflichsten Kanonirer gewesen. Das schnurrichste bey dem ganzen Kriege war, daß das bestrittne Ding gar nirgends existirte, sondern erst aufgesucht werden sollte. Folglich war ihr Krieg ohngefähr auf den Schlag, als wenn die europäischen Mächte einen um die terra australis incognita, die unentdeckten Länder des Süderpols führen wollten. Was müßten sie thun, um ihrem[166] Streite doch einem leidlichen Anstrich zu geben? – Spanien würde sagen, ich supponire, daß mein Alt- und Neukastilien diese Länder vorstellt; England supponirte, daß Schottland oder Irrland, Frankreich, daß Languedoc oder Provence es unterdessen seyn sollten; und eine ähnliche Supposition machte jede andre Macht, die an dem komischen Kriege einen rühmlichen Antheil zu nehmen gedächte; und nun frisch losgeschlagen! zerhauen und zerschossen! – Sonach könnten diese Mächte einen ewigen Krieg um die eigentliche terra australis incognita mit einander führen, bey jeder Eroberung der unterdessen dafür angenommenen Länder einen Frieden schließen und sich die Eroberungen wieder herausgeben. Hätten sie nicht unendlich vortheilhafter und vielleicht auch klüger gehandelt, wenn sie in Ruhe und Frieden auf die Entdeckung dieser Länder ausgegangen wären? und dann – omnis res cedit primo occupanti. So ein Froschmäusekrieg war der Krieg der Philosophen um die Wahrheit; jeder supponirte nicht, sondern behauptete, das was mir Wahrheit scheint, ist Wahrheit, und das Glück der Waffen soll entscheiden, wer im Punkte der Wahrheit herrschen und dem Glauben und dem Beifalle der übrigen Gesetze vorschreiben soll. Man sonderte sich auch hier in Rotten und Faktionen, auch hier waren Neid und Vorzugssucht die Waffenträger, auch hier galt es Unterdrückung und Herrschsucht. Es ist alles eins: nur andre Gegenstände, andre Waffen.[167]

Durch eine lange Reihe der Begebenheiten bildeten sich in der Gesellschaft verschiedene Stände, wurden verschiedene Lebensarten nöthig: und gleich entstund daher der große Krieg der Verachtung, dieser possirlichste und doch allgemeinste Krieg, da jeder Stand den andern herabsezt, jeder höhere den niedern verachtet, und der niedere sich durch Spott an dem höhern rächt – dieser Verachtung, die nicht blos innerhalb der Gränzen der Verachtung bleibt, sondern aus den Menschen Faktionen macht, worunter jede ein einzelnes Interesse von den übrigen absondert. Der Mensch ist ein geselliges Thier; wenn er es ist, so ist er es nur, um sich in Rotten zu theilen, sich zu würgen, sich zu verfolgen, sich zu verachten; die Menschen mußten sich vereinigen, um sich zu trennen, um sich unter dem Namen der Nationen, der Stände zu hassen, zu verachten, zu verfolgen. – Was sind Städte anders als Fechtplätze, wo man mit Verläumdungen streitet? – Alles, alles nüzten die Menschen, um den Naturkrieg fortzusetzen, von dem unsre Kultur nichts als eine veränderte gemilderte Form ist, wie ich vorhin sagte.

Es wurden Monarchen; man kämpfte um ihre Gunst. Es wurden Ehren, Titel und Würden; man kämpfte darum. Doch unter den vielen possierlichen Kriegen hat mir keiner mehr Laune gegeben, als der Kampf um öffentlichen Beifall. Wenn ein Dichter über alle seine werthen Zunftgenossen sich bitter satirisch lustig macht, ist das etwas anders als zu dem Publikum sagen:[168] ihr lieben Leute, ich will euch zwingen, daß ihr MICH alle für den größten Geist erkennen sollt; und hat er sich in den Besiz seines gesuchten Ruhms hineingedrängt, so hat er nichts gethan, als die Leute beredet, daß sie ihm den Gefallen erzeigt und ihn für etwas Großes gehalten haben. – Was sind Spiele, gesellschaftliche Ergötzungen anders als Kriege im Grunde? Auch wenn er sich die Zeit verkürzen soll, muß der Mensch streiten, mit der Karte, dem Würfel, der Kugel. – Selbst das sanfte unkriegerische Geschlecht, dem alle Waffen versagt zu seyn scheinen, wählte, um nicht allein in Muße zu leben, zu ihrem Kriege Blicke, Worte und Kleider, und führte ihn mit Perlen, Juwelen, Stoffen und der – Zunge.

Nur Erzbischöffen, Päbsten und Bischöffen war es vorbehalten, das ehrwürdigste erhabenste unter Menschen, die Religion, zum Gegenstande ihrer Kriege zu misbrauchen; und unter allen Religionen genoß die christliche zuerst diese Ehre. Man zankte sich um den Episkopus oekumenikus, um das Wörtlein Filioque, um Orthodoxie und Ketzerey, verbannte, verfluchte, exkommunicirte, verfolgte, trennte sich, alles in Gottes Namen, und eigentlich auf Antrieb und Begehr des Neides und der Vorzugssucht.

Wenn zu allen Zeiten vom Anbeginn, in allen Theilen der Welt, unter allen Völkern, in allen Ständen der Menschheit und der Gesellschaft der Krieg unter Menschen dauerte, noch fortdauert, und die verschiedenen[169] Gattungen desselben nur die Waffen und die Führungsart unterscheiden; wenn am Hofe und in der Stadt, der Gelehrte und der Handwerksmann, Mannspersonen und Frauenzimmer – wenn jedes, der größte und der geringste, nur für sich kämpft, über alle will und alle unter sich haben will, und omnes malunt sibi melius esse quam alteri; wenn dieser allgemeine Streit das ewige Gaukelspiel der Welt gewesen ist: was sollen wir alsdann denken? – Daß die Natur Affen auf diese Erdkugel sezte, die sich um goldne Aepfel und saure Feldbirnen, die das Schicksal von Zeit zu Zeit unter sie wirft, herumprügeln, und jeder Preis mit der Aufschrift: dem Stärksten! bezeichnet ist.

BELPH. Fromal, du bist ein unglücklicher Mann mit deinen Schlüssen. Warum willst du nun vollends den Rest von Traume verscheuchen, mit welchem mich mein Herz täuschte? – Gewiß, du suchtest nur die gehässigsten Züge zu deinem Bilde zusammen, und warfest alle zurück, die dir die Menschenliebe darbot.

FR. Die Menschenliebe? – Die Menschenliebe der Spanier meinst du wohl, als sie Millionen ihrer vielgeliebten Nebenmenschen zur Ehre Gottes und seiner apostolischen Majestät erwürgten? oder die Menschenliebe der Römer, die um der vortreflichen Einbildung willen, Herren der Welt zu seyn, dem halben damals bekannten Erdboden die Freundschaft erzeigten, sie nach einem kleinen Blutbade zu ihren Unterthanen zu machen? oder –[170]

BELPH. Kein oder mehr! ich bitte dich. – Warum nimmst du deine Originale nicht lieber aus dem sanften häuslichen niedrigen gesellschaftlichen Leben, aus deinem, aus dem Herze deiner Freunde, aus dem friedsamen Alter der Kindheit, dem offnen Gemüthe der Jugend –

FR. Warum räthst du nicht lieber, aus dem Theokrit oder Geßner? – Soll ich, um eine Truppe Gladiatoren zu charakterisiren, die Zuschauer schildern? weil diese friedlich und nur in ihrem Beifalle uneinig dasitzen, ohne sich Leides zuzufügen, diese Züge in ein Gemählde von den Fechtern hineinzwingen? – Noch ist nicht einmal jenes Alter von allen Spuren des allgemeinen Naturkriegs leer: selbst Kinder trennen sich bey ihren uninteressirten Spielen in Parteyen, ihre liebste Ergötzung ist balgen, das kleinste Mädchen ficht mit ihren ersten goldnen Ohrringen wider das zierdelose Ohr des Jüngern, aus Vorzugssucht verdrängt der vornehmere Knabe den geringern von seinem Spiele, oder erniedrigt ihn zu seinem Aufwärter, man kämpft um die Gunst der Eltern, der Lehrer, oft der Bedienten, das Kind beneidet schon das andre, wenn es nach seiner Meinung schönere Pompons erhalten hat, es will der aufgewartete Monarch in seinem Wirkungskreise seyn. – Und wir, bester Belphegor, ungern sage ichs! wir lieben uns, so lange wir keine Ursache haben, uns zu hassen. Alle Menschen lieben sich, so lange sie in gleicher Linie stehen, sind mitleidig, wohlthätig, ohne alle[171] Grausamkeit gegen einander: rückt einer über die Linie, dann gute Nacht Freundschaft! So bald der Zufall unsre Liebe auf eine Probe stellte, uns Materialien des Hasses und des Streites zuwürfe – Belphegor! Belphegor! fühle an dein Herz und forsche!

Belphegor und Medardus schwuren beide, daß Himmel und Erde in ein Chaos zusammenstürzen könnten, ehe Zufall, Schicksal, Glück, Macht und Reichthum ihnen die mindeste Regung des Neides oder der Grausamkeit einflößen würden.

FR. Nicht den leichtesten Schwur thue ich für mein Herz. Wenn alle Menschen bisher, so bald ihr Neid, ihre Vorzugssucht Zunder bekam, entglommen, und wenn nicht andre Rücksichten und Triebe sie abhielten, in Krieg, ein jeder auf seine Art, ausbrachen, warum sollte ICH so stolz seyn, mich für die einzige glückliche Ausnahme zu achten? – Kommt, Brüder! wir wollen uns lieben, so lange wir können, so lange nur Datteln uns entzweyen müßten; – und so standhaft wird doch wenigstens unsre Freundschaft seyn, daß sie sich wider eine Dattel vertheidigen kann? – Hier in Wüsten, in der Einsamkeit, wo kein Neid, kein Interesse, kein Vorzug uns aufwiegeln kann, hier laßt uns unser trauriges Schicksal verbessern, und den Nutzen für unsre Freundschaft daraus ziehn, den die Dürftigkeit uns anbeut!

Belphegor und Fromal umarmten sich freundschaftlich, indessen daß dieser versicherte, wie sehr er aller[172] falschen Anmaßung feind sey und darum frey gestehe, daß nach seiner Erfahrung der Schwur einer immerwährenden Freundschaft nur in Romanen, in der Einsamkeit, oder beständigem Elende statt finde. Während daß diese Umarmung beide beschäftigte, rief Medardus voller Schrecken: Jesus Maria! siehst du, Brüderchen? – Der Schrecken hatte ihn ganz vergessend gemacht, daß er ein Protestant war, und er wiederholte zu verschiedenen malen sein altes angewöhntes, Jesus Maria! – Als sich Fromal nach ihm umsah, erblickte er einen Löwen, der seine beiden Vorderklauen auf die Schultern des Medardus gelegt hatte und keuchend den aufgesperrten Rachen über seinem Kopfe hielt, daß es nur noch nöthig war zuzuschnappen, um ihn mit Einem Bisse vom Rumpfe abzureißen. Die ganze Gesellschaft war in der höchsten Bestürzung und sahe das Ungeheuer, wie versteinert, an. Fromal bemerkte zuerst, daß das Thier von Zeit zu Zeit einen schmerzhaften Blick auf die linke Klaue, und dann einen bittenden auf ihn warf, aus welcher Gestikulation er schloß, daß es von einem Uebel befreyt zu seyn wünschte. Weil dies eine so bequeme Gelegenheit war, sich in die Gunst dieses gefürchteten Gesellschafters zu setzen; so nuzte sie Fromal, faßte seinen Muth zusammen und näherte sich ihm, um den Schaden zu besichtigen. Der Löwe brüllte ihm einen freudigen Dank entgegen, daß der arme Medardus, dem diese Dankbarkeit wegen der Nähe in ihrer ganzen Stärke in die[173] Ohren fuhr, vor Erschrecken vorwärts niederstürzte und eine Zeitlang glaubte, daß er wahrhaftig in dem Magen des Löwen schon verdaut würde: das Thier warf sich auf die rechte Seite und reichte Fromaln die kranke Klaue dar. Die Kur war höchstgefährlich: denn er hatte sich einen scharfen Feuerstein so tief in das Fleisch eingetreten, daß kaum genug hervorragte, um ihn anzufassen; überdieß machte die Furcht die Hand des Wundarztes zitternd und jeden Handgriff unsicher: doch er sezte muthig an und zog ihn glücklich heraus, nahm etliche Palmblätter, band sie ihm mit einem Reste von europäischem Bindfaden, den er eben in der Tasche fand, darauf, und zog sich demüthig in eine bescheidne Ferne zurück. Der Patient riß die Verbindung ab, und leckte die blutende Klaue, bis das Blut gestillt war: alsdann sprang er auf, lehnte sich an Fromaln hinan, der jeden Augenblick statt des Honorariums seinen Tod erwartete, und leckte dankbar sein Gesicht mit der breiten Zunge, daß es von Geifer triefte. Diese großmüthige Gesinnung erwarb ihm das Zutrauen der ganzen Gesellschaft so sehr, daß sie ihm ihre Hochachtung und aufrichtige Ergebenheit durch Liebkosungen von jeder Art an den Tag legten, die er mit erhabner Majestät in Gnaden anzunehmen geruhte. Da man aber befürchtete, daß bey längerer Gesellschaft der Hunger endlich in nahrungslosen Zeiten die Dankbarkeit des Monarchen ersticken, und er seine eifrigen Verehrer alsdann aufspeisen möchte, so dachte man[174] auf eine heimliche Entfliehung von ihm. Doch jeden Schritt, den Fromal that, begleitete er; er war sein Busenfreund.

Mitten unter diesen Ueberlegungen und Bemühungen, seiner Freundschaft zu entwischen, kam ein Trupp von schwarzen Einwohnern des Landes, die kaum den Löwen erblickten, als sie sich ihm mit den ehrerbietigsten Konvulsionen und feierlichsten Geberden auf den Knieen näherten. Das majestätische Thier blieb ernsthaft an der Seite seines geliebten Fromals liegen, und bewegte nicht Einen Fuß, so sehr die Schwarzen ihn auch darum ersuchten.

Dieses Thier war, wie sich nachher zeigte, ein wichtiges Mitglied des dasigen Staats. Die Einwohner leben mit den Löwen im beständigen Streite, um dessentwillen man Schanzen und Kastele angelegt hat, die jene Feinde so regelmäßig angreifen und bestürmen als wenn sie die Kriegskunst des Königs von Preussen gelesen hätten. Wenn bey einer solchen Belagerung sich der Vortheil auf die Seite der Belagerer zu neigen scheint, so wird ein gezähmter Löwe, den man in jeder Festung zu diesem Endzwecke unterhält, als Bevollmächtigter zu seinem Geschlechte abgesendet, sie durch glimpfliche Vorstellungen von ihren ruchlosen Feindseligkeiten abzubringen und billige Friedensbedingungen zu erbitten. Diese Vermittelung ist, wie man es ihr ansieht, eine Erfindung der Priester, die einen solchen Abgesandten, statt des Beglaubigungsschreibens, mit[175] geweihten Palmblättern behängen – eine Zierde, die er gemeiniglich bey dem ersten Ausgange von sich wirft. Ein Dorf hatte eben izt eine solche harte Belagerung auszustehn, und da man sich auf das Aeußerste gebracht sah, so griff man zu dem lezten Rettungsmittel und sendete den geheiligten Löwen ab: doch kaum war der Treulose herausgelassen, als er die Wichtigkeit seiner Sendung und seinen ganzen Auftrag vergaß, sein Kreditiv von sich warf, davon rennte und belagern und bestürmen ließ, so lange man beliebte. Auf diesem Wege hatte er sich die Wunde zugezogen, die Fromal kurirte, und wofür er izt ihm die Freundschaft erwies und sich nicht von seiner Seite trennte, ohne den Bitten seiner Aufsucher nachzugeben.

Da die Priester diese Vertraulichkeit merkten, so winkten sie den drey Europäern, ihnen zu folgen, welches sie thaten, worauf der Löwe gleichfalls sich aufmachte und neben seinem Befreyer herhinkte. Als sie an die Festung gelangten, fanden sie die Besatzung in Bereitschaft, an dem noch freyen Orte auszuziehen und alles, was sie von ihren Vorräthen hineingerettet hatten, der Raubbegierde ihrer Angreifer zu überlassen. Die höchste Gefahr drohte: die Löwen kletterten in dichter Schlachtordnung den Wall hinauf, der aus Sand und Holze verfertigt war, und ein Wagehals unter ihnen hatte seine Klauen schon kaum etliche Zolle von dem obersten Rande des Walles entfernt, als Fromal mit seinen Begleitern ankam. Er stieg hinauf, das[176] Schlachtfeld zu besehen, und fand die Klauen jenes Verwägnen schon oben, um durch einen Schwung den Bösewicht vollends herauf zu bringen. Schnell hieb er mit seinem türkischen Säbel sie beide ab, daß das Thier rückwärts über seine nachfolgende Armee wegstürzte und den ganzen Wall hinunterrollte. Darauf verlangte Fromal Feuer, erfuhr aber durch Zeichen, daß keines mehr vorhanden war; sie hatten schon oft mit brennenden Baumzweigen auf ihre Feinde kanonirt, die nach einem kleinen Rückzuge sogleich wieder anrückten: endlich war ein starker Regen dazwischen gekommen, hatte alle ihre brennenden Materialien ausgelöscht, und neues anzumachen, hatten sie weder Zeit noch Gegenwart des Geistes genug, besonders da ihre Methode, Feuer zu bekommen, ungemein langsam von statten gieng. Fromal schlug mit einem europäischen Messer an den afrikanischen Feuerstein, den er dem Löwen aus dem Fuße gezogen hatte, fieng das Feuer mit trocknen Palmblättern auf, hielt sie an eine resinöse Materie, die leicht Feuer fängt und von den Einwohnern zu diesem Endzwecke herbeygeschaft war, brachte es glücklich zur Flamme, zündete vorräthige Baumzweige an, befahl auch andern, seinem Beispiele zu folgen, und so rennte er nebst einem Truppe Einwohner mit flammenden Fackeln den Wall hinauf, fuhr mit ihnen auf die kletternden Feinde zu, die sich anzuhalten hatten und deswegen nicht vertheidigen konnten, sengte ihnen Rachen, Mähne und Ohren; sie stürzten[177] brüllend herunter, andre wollten dem Feuer trotzen, ließen sich aber doch vertreiben, die sämtliche Belagerer geriethen in Verwirrung, stürzten, rollten, wälzten sich hinunter und nahmen mit versengten Nasen und Ohren ihren Abzug, indessen daß ihnen Fromal mit seinem siegreichen Truppe unaufhörlich lodernde Aeste nachschickte, so weit man sie schleudern konnte. Da der Sieg ungezweifelt war, erhub Fromal ein lautes Triumphgeschrey, welches die Einwohner nachahmten, worauf sie ihn auf ihren Schultern ins Dorf nebst seinen beiden Gefährten zurücktrugen. –

Siehst du, Brüderchen? sagte Medardus zu Belphegorn, als sie auf einem öffentlichen Platze niedergesezt wurden: sagte ich dir nicht? wer weis, wozu das gut ist, daß Prinz Amurat sich erstach, daß die Markisinn gespaltet, alle unsre Mitsklaven niedergehauen, und die Schiffer von uns ersäuft wurden? – Siehst du nun? Wir sollten hier die Löwen verjagen, und vielleicht gar–

Viel Anstalt zu einem kleinen Nutzen! sagte Belphegor, wenn er dies ganz seyn soll! –

Nur Geduld, Brüderchen! Wer weis, wer weis!

Es war die hergebrachte Gewohnheit des Landes, daß die heiligen Löwen nach einem glücklich abgelaufnen Löwenkriege mit einem Menschen beschenkt wurden, dessen Aufopferung sie wegen des Schadens wieder versöhnen sollte, den man ihrem Geschlechte zugefügt hatte. Aus einer ökonomischen Absicht, die[178] Eingebornen des Dorfs zu schonen, kamen die Priester diesmal auf den sinnreichen Einfall, einen von den drey angelangten Weißen dazu anzuwenden, die ihnen ohnehin verdächtig worden waren, weil sie die Ueberwindung der Feinde bewerkstelligt, und dadurch ihre priesterliche Wunderkunst beschämt hatten. Aus tückischem priesterlichen Neide thaten sie den unseligen Vorschlag und bestunden darauf, so sehr auch das Volk aus Dankbarkeit sich demselben widersezte; und konnte ein christlicher Pabst blos um eine angenommene Grille geltend zu machen, versichern, daß es ihm und Gotte angenehmer wäre, wenn die Priester Schwärme Konkubinen hielten und Millionen unehliche Kinder umbrächten, als daß ein Priester Eine rechtmäßige Frau nähme und Ein rechtmäßiges Kind zeugte, so darf man es einem afrikanischen Priester um so viel weniger verargen, wenn er aus Neid einen häßlichen Weißen den Löwen vorsetzen und lieber undankbar seyn, als eine hergebrachte Gewohnheit übertreten will. Sie beharrten hartnäckig darauf und lasen, ich weis nicht warum, den armen Medardus zum Schlachtopfer aus, während daß er sich bemühte, seinem Freunde die weise Anordnung der menschlichen Begebenheiten und ihre Abzweckung zum Guten zu beweisen.

Fromal merkte bald, daß eine außerordentliche Bewegung unter seinen neuen Freunden vorgieng, er erkundigte sich bey seinem Nachbar, der ihm durch seine Pantomime zur Noth errathen ließ, daß seinem[179] Gefährten eine Gefahr bevorstünde, ob er gleich die eigentliche Beschaffenheit derselben nicht zu erfahren vermochte. Ehe er sie ausstudieren konnte, sah er seinen armen Freund schon von den Priestern umringt, die ihn mit den heiligen Binden von Palmblättern behiengen und zur Speise der Löwen einweihten. Fromal errieth zwar ihre Absicht nicht, allein aus dem vorhergehenden Winke eines Schwarzen schloß er doch nichts Gutes; er zischelte dem Belphegor seinen Argwohn ins Ohr, der ihn nicht so bald vernahm, als er mit seiner gewohnten Heftigkeit auf die Priester losgehn wollte: doch Fromal stieß ihn zurück und übernahm es, für ihn zu sprechen: er drohte mit seinem Säbel, riß dem Medardus den ganzen Opferschmuck vom Leibe und stellte sich zu seiner Beschützung neben ihn, welches auch Belphegor that. Mit gezognen Säbeln erwarteten sie alle drey in geschloßner Reihe den Angriff; niemand wagte es: doch plözlich, schneller als sie sehen konnten, war Medardus mitten aus ihnen verschwunden, mit Leib und Seele verschwunden. Sie staunten, sie drohten nochmals, foderten ihn wieder: nichts antwortete ihnen als eine traurige Geberde, mit welcher sich die Umstehenden an die Brust schlugen. Belphegor schäumte vor Wuth und Zorn; er hieb einen dastehenden Priester in die Schulter und holte nach einem andern aus, als der ganze Haufe sie beide auf die Schultern faßte und laut rief: Nazib! Nazib! Unter diesem Geschrey wurden sie fortgetragen und langten[180] in kurzer Zeit in einer mit Bergen umschloßnen Ebne an, wo sie ein Gebäude, einer deutschen Gauklerbude ähnlich, und um dasselbe etliche kleinere von gleicher Architektur antrafen. Sie merkten aus allen Umständen, daß sie sich in der königlichen Residenz befanden, um der schwarzgelben Majestät vorgestellt zu werden, welches nach einem langen Aufenthalte außer dem Palaste wirklich geschehen sollte, während dessen alles innerhalb des Gebäudes in Bewegung war, und sie vermuthen ließ, daß man entweder das Audienzzimmer zu ihrem Empfange in Ordnung bringe, oder ein Schafott für sie baue.[181]

5

We Shall sit heavy on thy Soul to-morrow.

Shakesp.

6

If it be cruelty, yet there's method in't – könnte man vielleicht von den heutigen Kriegen sagen.

7

Die Dialektik, oder Disputirkunst.

Quelle:
Johann Karl Wezel: Belphegor, Frankfurt a.M. 1979, S. 139-183.
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