Fünftes Buch

[183] Die Zurüstungen zu dem Empfange der Europäer, so lange sie auch dauerten, konnten doch denselben Tag nicht völlig geendigt werden; man quartirte sie also indessen in eine Hütte ein, die sie für ein Gefängniß hielten, ob es gleich das schönste Gasthaus der Residenz war, wo sie die königliche Milde mit Datteln, ein Paar Straußeneyern und etlichen Schlucken Branntewein bedienen, und die Versichrung geben ließ, daß sie morgen gewiß das Glück genießen sollten, das Antliz Seiner Majestät zu beschauen.

In der Nacht fand sich ein Europäer bey ihnen ein, der sich einige Zeit an dem Hofe des Königs aufgehalten hatte, ein Franzose von Geburt und ein Herumstreifer von Profession war. Sein Besuch hatte zur Absicht, sie in dem Cerimonielle des Hofs zu unterrichten, zu dessen Erlernung, nach seinem Ausdrucke, Ein Menschenkopf nicht zureichend wäre. Fromal und Belphegor baten zwar inständigst, sie mit einer so schweren Wissenschaft zu verschonen; allein er bestund darauf, daß sie wenigstens in den zu ihrer Aufnahme nöthigen Gebräuchen seinen Unterricht annehmen[183] mußten. Sie brachten drey ganze Stunden damit zu und waren so ermüdet, daß sie endlich um die Endigung der Lehrstunden flehentlich anhalten mußten, welches sie aber nicht eher erlangten, als bis sie noch erfahren hatten, daß ihr Lehrmeister wo nicht der Erfinder doch der Verbesserer dieser Wissenschaft sey; und von wem, als einem Franzosen, sezte er hinzu, war dieses Licht zu erwarten? Die Franzosen tragen allenthalben Geschmack und gute Lebensart hin.

Da ihre Progressen in dieser ersten Stunde nicht sonderlich waren, so meldete ihnen ihr Lehrer den Tag darauf, daß sie à l'allemande etwas schwer begriffen und eben darum wenigstens noch acht Tage in der Unterweisung bleiben müßten, ehe sie würdig vor dem Throne seiner Majestät erscheinen könnten. Sie unterwarfen sich um der Sonderbarheit der Sache willen seinem Verlangen und verdarben sich mit Kameelmilch und Datteln indessen Appetit und Magen, womit man sie sehr sparsam bewirthete. Da der Tag ihrer Vorstellung erschienen war, that ihnen ihr Lehrmeister mit betrübtem Herzen zu wissen, daß sie wegen der Verwundung des Priesters das Angesicht des Königs nicht schauen könnten, wenn sie nicht vorher durch gewisse heilige Gebräuche und Büßungen von ihrer Sünde gereinigt wären; Medardus, berichtete er ihnen ferner, sey zwar noch am Leben, würde aber niemals wieder aus dem Reiche kommen; denn er sey unter die Zahl der heiligen Thiere versezt worden. Zugleich ließ[184] ihnen der König seine Vermittelung bey den Priestern anbieten, die er vermögen wollte, ihnen wenigstens drey Wochen von der nöthigen Reinigung zu erlassen, da sie eigentlich vier ganze Wochen dauern sollte, aber unter dem Bedinge, daß sie ihm gleichfalls einen Dienst erzeigten. Sie stünden herzlich gern zu Befehl und erfuhren darauf, daß der König zur Verherrlichung seines Reichs eine Gesandschaft aus Europa zu bekommen wünschte und daher sie ersuchte, diese Gesandten vorzustellen. Da es bey einem so elenden Duodezmonarchen keine Gefahr haben konnte, eine solche Komödie zu spielen, und sie vielleicht die Loslassung ihres Freundes durch ihre Einwilligung zu erlangen hoften, so verstunden sie sich dazu, und zween ganze Monate wurden erfodert, sie theils in den schweren Wissenschaften des dasigen Hofs festzusetzen, theils Anstalten zum Empfange der vorgegebnen Gesandschaft zu machen.

Der Monarch, der seine Größe auf diese Art glänzen lassen wollte, war der gefürchtete Beherrscher von etlichen hundert schwarzen schmutzigen Kreaturen, die er in verschiedene Königreiche zertheilt und sie mit Regenten versehen hatte, die ihm Tribut bezahlen und ihn als Vasallen ehren mußten. Er für seine hohe Person war der Tributar des großen Monarchen von SEGELMESSE, den sich Marocco zu dem seinigen gemacht hatte. Da er nicht im Stande war, sich von den Potentaten seiner Klasse zu unterscheiden, unter welchen er[185] in Ansehung der Macht die kleinste Rolle spielte, so rieth ihm sein Ehrgeiz, ihnen auf eine einleuchtende Weise zu zeigen, daß er zwar der kleinste an Macht, aber der größte an Ruhm sey: niemand von denen, die er durch die Taschenspielerey hintergehn wollte, noch er selbst hatte eine homanische Karte vor Augen gehabt, und er ließ es also dabey bewenden, seine Gesandschaft dem großen Könige aus Norden beyzulegen.

Aus Besorgniß, daß seine Herrlichkeit nicht ausgebreitet genug werden möchte, ließ er acht Tage vor der Audienz auf allen Gassen und an allen Orten, so gar Löwen und Straussen kund und zu wissen thun, daß sich jedermann versammeln solle, die Gesandschaft des großen Königs aus dem Norden zu beschauen. Die Feierlichkeit gieng mit allem Glanze vor sich, den nur seine königlichen Schätze zuliessen; seine sämtlichen Unterthanen vom Greise bis zu dem Kinde, das kaum gehen gelernt hatte, mußten paradiren: der Zug gieng unter der lärmendsten beschwerlichsten Musik einen Tag lang seine ganzen Länder hindurch: Kameele, Strauße, heilige Löwen, alle vierfüßige und befiederte Kreaturen, deren er nur habhaft werden konnte, mußten die Prozession verlängern helfen: alle Produkte seines Landes, die königliche Garderobe, die königlichen Schätze und Kleinodien, die in Datteln, Palmblättern, großen Schläuchen voll Kameelmilch und ähnlicher Kostbarkeiten bestunden, wurden öffentlich vorgetragen: Nach dieser mühseligen Reise durch[186] warme, sandigte, wasserlose Gegenden gelangten sie endlich zum königlichen Palaste, einer viereckichten großen Hütte von Palmbäumen aufgeführt, dessen Dach man gegenwärtig, wie bey allen vorzüglichen Feierlichkeiten, über dem Haupte des großen Königs weggerissen hatte, weil nach seiner eignen Versichrung ein so großer Monarch nichts als den Himmel Gottes über seinem Haupte dulden könne; die innern Wände waren mit Palmblättern austapeziert. Der mächtige NAZIB saß in halbnackter Majestät auf zween Klötzen, erhaben über alle die schmutzigen Vasallen, die, wie Sphynxe, um seinen Thron herum demüthigst auf den Bäuchen lagen und die Köpfe auf den untergestüzten Armen in die Höhe richteten. Zween langausgestreckte Vasallen genossen die Ehre, ihm zum Fußschemel zu dienen, auf die er von Zeit zu Zeit seinen erhabnen Speichel herabzuwerfen würdigte, sie ihrer Niedrigkeit und seiner Größe zu erinnern: plözlich blies er die Backen auf und ließ sie mit einem lauten Ausblasen des Athems wieder zusammenfallen, welches ein Befehl an alle Fürsten des Erdbodens seyn sollte, vor ihm niederzufallen.

Nachdem die lächerlichste Pantomime auf allen Seiten gespielt war, wobey Fromal kaum seine Muskeln zu der nöthigen Ernsthaftigkeit zwingen konnte, und Belphegor vor Erstaunen über den unsinnigen Grad, zu welchem er die kindischste Vorzugssucht hier gestiegen sah, nicht zu sich kam, sprang endlich der König[187] auf, gab jedem seiner Vasallen eine Ohrfeige, und ließ sich von ihnen vor den Palast tragen, wo er der Sonne, die eben untergehen wollte, den Auftrag gab, dem großen Könige des Nordens, zu welchem sie nun bald kommen würde, großgünstig zu melden, daß er, der mächtige Nazib, sein Gebet erhört, ihn zum ersten seiner Vasallen, zum Sessel seines Hintern erhoben habe, und ihm verspreche, ihm alle Huld und Schuz in Gnaden angedeihn zu lassen. Da die Gesandten aus vielen wichtigen Ursachen die zugedachte Ehre verbeten hatten, das ertheilte Erbamt ihres Principals in eigner Person zu verrichten und dem großen Nazib zum Sessel des Hintern zu dienen, wie es anfangs veranstaltet war, so mußte sich der oberste von den Vasallen dazu bequemen, der über dieses Glück so stolz wurde, daß er Tages darauf einem seiner Mitvasallen ein Auge vor Uebermuth ausschlug. Als der Nazib seinen Siz auf ihm mit einem expressiven Stoße genommen hatte, so wiederholte er die obige Grimasse mit dem Backen, um allen Fürsten des Erdbodens anzudeuten, daß er ihnen nunmehr die Erlaubniß gebe, von dem anbefohlnen Kniefalle wieder aufzustehn. Zulezt wollte er den Gesandten noch zumuthen, seine Füße, die es ungemein nöthig hatten, in Kameelmilch zu waschen, welches sie mit einem Bündel Palmblätter obenhin thaten, dann lagerten sich die Vasallen in einer Reihe vor ihm hin, und er goß ihnen mit erhabnem Stolze den Rest seines Fußbades ins Gesicht.[188]

Darauf nahm die Mahlzeit ihren Anfang, die überhaupt aus sechs Ingredienzen bestund, wovon ein jedes unzählichemal aufgetragen wurde: man saß vom Untergange der Sonne bis zum Anbruche des Tags, und die sämtlichen Unterthanen des Reichs standen in Parade um die Tafel: die untersten Vasallen bedienten ihn, und die übrigen lagen neben ihm am Tische. Nach aufgehobner Tafel wünschten Fromal und Belphegor sehnlich, von ihrer hohen Rolle befreyt zu seyn, allein nun fiengen erst die Lustbarkeiten an; sie mußten aushalten.

Sogleich traten zween Truppe schwarze Kerle hervor, die auf ein gegebnes Zeichen auf einander losgiengen und sich mit Knitteln unbarmherzig prügelten, daß gleich bey dem ersten Angriffe drey todt auf der Stelle niedersanken. Belphegor und Fromal ließen durch ihren Dollmetscher, den Franzosen, flehentlichst bitten, eine so unmenschliche Lustbarkeit zu endigen; allein sie bekamen die lachende Antwort: es sind ja nur meine Unterthanen. Belphegor ergrimmte über diese entsezliche Antwort so heftig, daß er ohne Fromals Zurückhaltung dem großen Nazib den Hirnschädel gespaltet hätte. Die Streiter schlugen einander todt bis auf einen, der die Ehre des Siegs und zur Belohnung die Erlaubniß bekam, den Staub von den Füßen des Nazib zu lecken. Belphegor ließ noch einmal alle dergleichen barbarische Ergözlichkeiten verbitten; allein die Antwort blieb beständig dieselbe: es sind[189] ja nur schlechte Kerle, meine Unterthanen, meine Sklaven.

Als die beiden Europäer in ihre Hütte ermüdet zurückkamen, so konnte sie die Ermattung von einer so beschwerlichen Rolle nicht abhalten, über den lächerlichen Ehrgeiz des großen Nazib zu lachen. So eine Karrikatur ist der Mensch, sprach Fromal, unter allen Zonen; die komischste Zusammensetzung von kindischem Stolze und läppischen Einbildungen: aber glaube nicht, daß er unter dem afrikanischen Himmel allein dies possierliche Ding ist! Unter allen neunzig Graden südlicher und nördlicher Breite, vom ersten Mittagszirkel bis zum lezten ist er das nämliche burleske Geschöpf, nur in dem Ausdrucke seiner Narrheit verschieden, allenthalben in sich selbst verliebt, allenthalben sich selbst der größte, der wichtigste, und der Verächter andrer: sollte er gleich nur Strohkörbe machen können, so verachtet er doch gewiß, den Brodneid abgerechnet, aus bloßer Selbstgefälligkeit alle Körbe, die ER nicht verfertigt hat. Wir lachen über diesen Mückenmonarchen, daß er seine Vasallen seine Obergewalt so empfindlich fühlen läßt: allein wo nicht die Furcht vor dem Spotte und dem Gelächter viele Menschen in poliziertern Himmelsstrichen zurückzöge, so würden sie alle diesem jämmerlichen Nazib gleichen: wer nicht in der That unterdrücken kann, unterdrückt in der Einbildung; wer im Staube liegt, steigt wenigstens mit seinen Gedanken empor, und glaubt der höchste zu[190] seyn, weil er sich der höchste zu seyn dünkt. Das einzige Mittel, das die Europäer vor solchen ausschweifenden Ausbrüchen des Stolzes bewahrt, ist meiner Meinung nach – die Politesse, Furcht vor dem Spotte, und die vielfältige Verwickelung des Interesse; wo diese zurückhaltenden Schranken fehlten, da habe ich den Stolz Farcen aufführen sehn, oder von ihm erzählen hören, die unserm afrikanischen Lustspiele nicht viel zum voraus ließen. Kennst du den deutschen Ehrenmann noch, von dem ich dir lezthin erzählte, daß er sich täglich dem beschwerlichsten Zwange, der langweiligsten Etikette unterwarf, sich und seiner Familie durch einförmige abgezirkelte Cerimonien und Komplimente das Leben schleppend, lästig, freudelos machte, blos um seinem Hause das Ansehn eines Hofs zu geben? –

Fromal wollte abbrechen, allein Belphegor ersuchte ihn fortzufahren.

Oft, sezte er seine Gedanken fort, habe ich gleichsam an dem Fuße der menschlichen Größe gesessen und dem Eifer zugesehn, mit welchem eins über das andre hinwegklettern wollte, wie man rang, wie man kämpfte, wenn weiter nichts möglich war, wenigstens das Recht zu erlangen, über dem andern zu sitzen, zu stehen, vor ihm hineinzugehn und herauszugehn, eher, als er, der Teller und das Glas präsentirt, eher die Verbeugung zu bekommen, wie man sich beleidigt fand, wenn aus Versehen dieses Recht gekränkt wurde. Anfangs[191] that es mir wahrhaftig weh: du weißt, wir hatten beide in Einem Traume der Fantasie geschlummert: der erhabenste Mensch war uns der weiseste, der verständigste, der geistreichste, der empfindungsvollste – kurz, wir maßen seine Größe nach seinem Geiste: aber wie bald fand ich, daß dieser Maasstab dem Maasstabe einer kleinen Provinz glich, der nur in ihr und sonst nirgends gebraucht wird; mein Maas traf nie mit dem Maase eines andern überein: ich warf es weg und richtete mich nur bey mir selbst darnach. Ich hatte weder Lust noch Kräfte mich in den allgemeinen Wettstreit zu mischen; ich blieb Zuschauer. Ich sahe, daß der Mensch SICH SELBST mit seinem ganzen Zubehör von Vorurtheilen zum Muster hinstellte, nach dem er tadelte und lobte, billigte und verwarf; ich sah sie alle nach dem Ringe des Vergnügens und des Vorzugs rennen, ich sah, daß sie nach jedem Vorzuge gierig griffen, wenn er in meinen Augen gleich nicht Eines Schrittes werth war, sollte er auch in einer Schuhschnalle bestehn; ich sahe, daß dem Vortheile alles weichen mußte, daß man nur in Rücksicht auf IHN handelte, daß man sich wechselsweise Lob und Bewundrung abkaufte, daß man gab, um zu empfangen, daß das ganze Leben nur ein Kommerz von Schmeicheleyen war, und daß man sich bey dem Besitze eines solchen Beifalls glücklich dünken konnte, ohne einen Augenblick daran zu denken, daß er nur eingetauscht war, daß er nicht dem Manne, sondern seinem Kleide, seinem[192] Pferde, seinem Titel, seinem Gelde gehörte; ich sah bey meinem ersten Eintritte unter die Menschen die freundliche Stirn, die dienstfertigen Füße, die gefälligen Hände, die ehrerbietigen Verbeugungen, die liebkosenden, schmeichelnden, glatten Worte für die Dollmetscher des Herzens an, und freute mich! – und schalt alle wahnwitzig, die dem Menschen weniger zutrauten, als ich damals an ihm zu finden glaubte: ich sah die Menschen einzeln, ich warf einen eindringenden Blick in ihr Herz, ich belauschte sie, und – Tiger entdeckte ich, die einander zerreißen möchten, Falsche, die das verspotteten, was sie vorhin bewunderten, die das beneideten, wozu sie vorhin Glück wünschten, die den haßten, den sie vorhin gebückt ehrten; Herzen entdeckte ich, mit dem verächtlichsten Unrathe kleiner Begierden, elender Wünsche, niedriger Verlangen angefüllt; Köpfe, mit leeren nichtswürdigen Anschlägen, unter drückenden Listen, Projekten einer Seifenblasengröße beladen: nein, dachte ich, mit euch, Leutchen, kann mein Weg nicht lange auf Einem Fußsteige fortgehn; ich müßte mich ganz umschmelzen, oder mich mit einem gar zu starken Firnisse der Heucheley übermahlen, wenn ich nicht in ewigem Widerspruche mit euch seyn wollte. Ich, Narr, ich grämte mich, ich tadelte mich darüber, ich warf mir Unvollkommenheit, Unthätigkeit vor, daß ich meine Zunge nicht zur Bewundrung zwingen konnte, daß meine trägen Hände sich nach keiner der geschäzten Hoheiten,[193] nach keiner dieser goldschimmernden Früchte ausstreckten, daß mein Herz, wie erstarrt, keinen einzigen Pulsschlag um ihrentwillen schneller that: man schalt mich sogar einen Fühllosen, einen Duns ohne Lebenskraft: – ey wozu das? – Ich ersparte mir meine Unruhe; ich ließ sie schwatzen: warum sollte ich meinen Gaum zu einem Bissen zwingen, der ihm widerstund, und den mein Magen also sicher nicht ohne Schmerzen verdaut hätte? – Weg, weg mit ihm! ich ließ die Leute darnach schnappen, darnach laufen und rennen, sich freuen und betrüben, sich liebkosen und hassen, sich erheben und unterdrücken, stolz und klein seyn, und – lachte; freilich bisweilen etwas bitter, mit einer guten Quantität schlimmer Laune! aber wer kann sich helfen? – Wir könnte mir ein so aufgeblasner Ritter, wie unser Nazib, Herzbeschwerungen machen wie dir? – Lieber Lungenbeschwerungen von vielem Lachen! –

BELPH. Aber, bester Fromal, muß das Herz nicht zum höchsten Aufruhre emporsteigen, wenn dieser lächerliche Götze seinem Wahne sogar Menschen opfert? –

FR. Unempfindlichkeit! Kälte! Eiskalter Frost, wie in Spizbergen! – und dann zugesehn! – Du hast ja so keinen Flecken am Leibe mehr, den du dir noch entzweyschlagen lassen könntest: schlaf gesund in deiner Haut, und sieh zu, wenn du wachst! Die Menschen sind gar wunderliche Spizköpfe: hättest du dem Nazib[194] seinen aufgedunsnen Schädel für seine Grausamkeit gespalten, so hätten dir alle, die du von seinem Unsinne befreyen wolltest, ein gleiches gethan: selbst die Todten, wenn sie wieder lebendig hätten werden können, würden dich niedergehauen haben, weil du ihrer Nachkommenschaft die Ehre benahmst, wie sie, für die Größe und zum Zeitvertreibe des mächtigen Nazib sich todt zu prügeln.

BELPH. Fromal, schaffe mir Eis, schaffe mit die Kunst zu lachen, und unsern Medardus! – dann wollen wir sehn. – die verdammte Hitze! Hier hast du meinen Säbel; wo ich in Zukunft nicht so frostig, wie ein Eiszapfen, bin, so haue zu! spalte mich vom Wirbel bis zur Fußzehe! –

Fromal verbat den Auftrag, versprach ihm gelindere Mittel und schlief mit ihm ein.

Unterdessen hatte der Franzose, ihr Lehrmeister in dem Hofcerimoniell, mit Hülfe seines Ehrgeizes einen wichtigen Grund entdeckt, seine beiden Schüler von Herzensgrunde zu hassen. Die Ehre und Herrlichkeit dieser hohen Gesandschaft, die er sich vorher nicht so groß vorgestellt hatte, leuchtete ihm izt, da er so müßig in der Ferne zusehn mußte, so stark in das Gesicht, daß er weder Fromaln noch Belphegorn mit offnen Augen anschauen konnte. Er gieng um sie herum, machte ihnen steife frostige Komplimente, stichelte mit unter ein wenig auf ihre genoßne Ehre, versicherte mit etwas bittrer Großmuth, daß er sie von sich selbst[195] abgelehnt habe, ob es gleich in seiner Macht gestanden hätte, sie vor allen andern zu erlangen, und gab dabey zu verstehn, daß sie IHM die ganze Verbindlichkeit dafür schuldig wären. Fromal und Belphegor gaben ihm gleichfalls zu verstehn, daß sie ihm zwar Verbindlichkeit für seinen guten Willen, aber nicht für die Sache hätten, die das beschwerlichste Possenspiel der Welt wäre. Sie lachten und scherzten; und in drey Tagen war der Franzose unsichtbar.

Der Ruf von der Gesandschaft des großen Königs aus dem Norden war bis zu allen umliegenden NAZIBS durchgedrungen: der sie empfangen hatte und also wohl wußte, daß sie seine eigne Veranstaltung war, wurde doch auf den bloßen Gedanken daran so stolz, daß er schon willens war, dem Könige von SE GELMESSE Gehorsam und Tribut aufzukündigen; ob er gleich wußte, daß seine Macht nicht um ein Haarbreit durch diese vermeinte Ehre gewachsen war, so kam er doch im Ernst auf den Einfall, sich zu einem Kriege wider ihn zu rüsten, wenn er sich seiner Aufkündigung widersetzen sollte.

Er hatte nicht nöthig, sich mit langem Nachsinnen über einen Operationsplan das Gehirn zu beschweren, als ihn schon die Noth zwang, einen für seine Rettung auszudenken. Alle Könige von seiner Klasse hatte die Ehre, der empfangnen Gesandschaft wider ihn aufgebracht: sie wollten den Mann demüthigen, der ihnen an Ruhm so überlegen war. Sie verbanden sich zu[196] einem fürchterlichen Kriege wider ihn, und mitten in dem Genusse seiner Größe überfielen sie ihn, wie ein Donnerschlag. Der erste Einfall in sein Reich war schon eine Eroberung desselben, und der Nazib in der Gefangenschaft, ehe er vermuthen konnte, darein zu gerathen. Der ganze Sieg war wohlfeil; er kostete nur dreyer Menschen Leben: die einzige Bedingung des Friedens war, neben der Oberherrschaft ihres gemeinschaftlichen Oberherrn von SEGELMESSE auch die Gewalt seiner verbundnen Feinde über sich zu erkennen. Für ihn war nichts als ein demüthiges Ja übrig, das er sogleich mit schwerem Herze von sich gab, und über seine Demüthigung tröstete er sich mit seinem ausgebreiteten Ruhme und der Gesandschaft aus dem Norden.

Jeder von den Siegern verlangte alsdann von den beiden Europäern, daß sie ihnen eine Gesandschaft aus dem Norden bringen sollten; da sie keine Vollmacht dazu hatten, so weigerten sie sich: allein sie wurden gezwungen, entweder zu sterben, oder Gesandten des großen Königs aus dem Norden zu seyn. Sie willigten bey einer so mißlichen Wahl in das Lezte: doch nun erhub sich ein neuer Wettstreit unter den Monarchen, wem zuerst diese Ehre zu Theil werden sollte. Gründe und Gegengründe gegen einander abzuwägen, war ihnen zu langweilig: sie griffen zu den Waffen, nicht für ihre Personen, sondern sie ließen ihre Unterthanen auf einander los; und die guten Narren zausten und[197] mordeten sich, um auszumachen, welcher von ihren Herren zuerst eine erdichtete Gesandschaft aus dem Norden erhalten sollte. Der Zufall erklärte sich für einen Nazib, der den übrigen an Macht überlegen war; man mußte ihm den Vorrang lassen. Fromal und Belphegor waren indessen in enger Verwahrung gehalten worden und sollten nun abgeholt werden, dem Ueberwinder weis zu machen, daß er ein berühmter Herrscher sey. Als sie mitten auf dem Wege waren, thaten die Zurückgesezten zusammen und raubten die Gesandten, verwahrten sie von neuem und schlugen sich von neuem um sie.

Unterdessen hatte sich der Franzose, dessen vorhin gedacht worden ist, mit Haß und Groll wider Fromaln und Belphegorn an den Hof des Nazibs begeben, der zuerst das Vorrecht auf die Gesandschaft erkämpft hatte. Er war von dem ersten Nazib in der Absicht weggegangen, um bey einem andern die Ehre zu genießen, die er Belphegorn und Fromaln misgönnte: um so viel mehr nüzte er die böse Laune dieses Königs, bey dem er izt sich aufhielt, über den Raub seiner Gegner. Es gelang ihm, zu seinem Zwecke zu kommen, beide, der Nazib und der Franzose, waren befriedigt und ließen die übrigen sich um Belphegorn und Fromaln herumbalgen, so lange sie wollten.

Inzwischen gelangte das Gerücht von diesem komischen Kriege und seiner Bewegursache zu den Ohren des Monarchen von SEGELMESSE, ihres gemeinschaftlichen[198] Oberherrn, der sich mit den gültigsten Gründen von der Welt bewies, daß er vor allen seinen Vasallen das Recht auf eine Gesandschaft aus dem Norden besitze, gebot allen seinen Tributaren von ihrem Anspruche darauf abzustehen und ihm allein diese Ehre zu überlassen. Sie waren zu sehr in ihren Wunsch verliebt, um ihn sogleich aufzugeben; sie widersezten sich. Der Monarch ergrimmte, schlug zu, bis sie alle demüthig zu seinen Füßen um Verzeihung baten. Er ertheilte ihnen gnädigst Vergebung, ließ ihnen huldreichst die Bäuche mit einem Feuersteine aufschneiden und sie so insgesamt an Einem Baume aufhängen. Fromal und Belphegor mußten noch einmal ihre Komödie zu Segelmesse spielen, und bekamen zu ihrer Belohnung zwey von den offnen Königreichen, die sie im Namen des Königs vom Norden von ihm zur Lehn nehmen mußten, und ihr Lehnsherr freute sich ungemein, einen so großen Monarchen zum Vasallen zu haben, von dem er nicht einmal wußte, ob er existirte.

Belphegor war mehr zum friedlichen einsamen Betrachter der Welt, als zum wirksamen Mitspieler gemacht, wenigstens nicht zur Rolle eines Monarchen: Fromal paßte mehr dazu. Sie suchten beide einen Grad von europäischer Kultur in ihren Reichen einzuführen, ihre Völker von dem Kriege abzulenken und zu den Künsten des Friedens zu leiten. Das Projekt war etwas weitläuftig und ungemein schwer; auch blieb es nur bey dem Entwurfe.[199]

Der Franzose, der Neider der neuen Monarchen, war izt nicht mehr über ihr Glück neidisch sondern rachsüchtig: er wollte es ihnen schlechterdings verbittern oder gar rauben. Er wollte seinen Nazib zum Kriege wider sie reizen; allein der Schuz, den sie ihr Oberherr genießen ließ, schreckte ihn ab, so gern er einen Gang mit ihnen versucht hätte. Da diese Mine nicht springen wollte, so grub er eine andre; er suchte die beiden Könige zu entzweyn und sie durch sich selbst zu Grunde zu richten. In einer solchen Absicht begab er sich zu Fromaln und machte ihm Belphegorn verdächtig, besonders beschuldigte er ihn eines Bündnisses zu seinem Untergange; seine Beschuldigungen fruchteten nichts. Er machte bey Belphegorn den nämlichen Versuch und richtete nichts mehr aus: doch hatte er beide dahingebracht, daß sie sich beobachteten und mehr als vorsichtig gegen einander handelten.

Sich beobachten und argwöhnisch seyn ist beinahe eins, wenigstens giebt das erste unendliche Gelegenheit, das lezte zu werden. Sie lauerten bald auf einander und bemerkten oft vieles, worüber man sich bey weniger Freundschaft hätte zanken können: doch blieb es ohne Bruch.

Belphegor hatte einen Extrakt von tummen Geschöpfen zu regieren bekommen, die sich nicht im mindesten in seine Anstalten zu ihrer Verfeinerung fügen wollten, zumal da ihm seine natürliche Hastigkeit nicht erlaubte, anders als sprungweise zu verfahren. Durch[200] Einen mächtigen Zauberschlag sollten seine afrikanische Thiere in europäische Menschen verwandelt seyn: sie lehnten sich gegen seine schnelle Umschaffung auf, blieben, was sie waren, und ihr Regent ward misvergnügt, überdrüßig, an ihrer Polirung zu arbeiten. Fromal hingegen war glücklicher: entweder waren seine Untergebnen von besserm Stoffe, oder durch zufällige Ursachen schon vorher in der Kultur weiter fortgerückt, oder hatte ihr Beherrscher bessere Maasregeln ergriffen – genug, sein Reich war polirter und mit bessern Menschen angefüllt als Belphegors Gebiet. Fromals Bemühungen waren freilich durch etliche günstige Zufälle unterstüzt worden, die jenem fehlten, allein er gieng auch mit kälterer Bedachtsamkeit und mehr anhaltender Geduld zu Werke, als jener. Genug, die beiden Distrikte schienen zwo Nationen von verschiedenem Geschlechte zu seyn, so auffallend war ihr Unterschied; und Belphegor konnte sich nicht enthalten, den Unterschied mit scheelem Blicke zu bemerken, Fromals Geschicklichkeit dabey zu verringern und die Ursache dem Zufalle zuzuschreiben.

Sie hatten einen kleinen Handel unter sich und den benachbarten Distrikten eingeführt, wovon nur unbeträchtliche Anfänge vorhanden waren. Auch hierinne war Fromal glücklicher: seine Unterthanen waren gesittet, bis zu einem gewissen Grade freundlich, arbeitsam, keine Mühe eines ehrlichen Gewinstes zu scheuen, und erfindsam, die Gelegenheiten dazu zu entdecken:[201] Belphegors Horde war grob, tumm, träge, wollte ohne Mühe durch Betrug gewinnen, nahm den Vortheil, wo sie ihn fand, ohne ihn jemals aufzusuchen: mit ihnen wollte niemand zu thun haben, indessen daß jene überflüßig beschäftigt waren. Die meisten in Belphegors Gebiete giengen zu dem alten Gewerbe des Raubens und der Jagd zurück, und der gute Mann war im Grunde der Regierer einer Bande Spizbuben, die den Handel und das Verkehr der umliegenden Gegenden auf alle Art zu hindern suchten, woraus beständige Privatkriege entstunden.

Belphegor war seiner Hoheit so satt, daß er sich ihrer gern entladen hätte, wenn der Geschmack des Herrschens nicht zu süß wäre, um ihn ohne Reue zu entbehren. Es war außer sich gesezt, und wünschte, seine ganze unselige Rotte mit Einem Schwertstreiche vernichten zu können. Unter diesem Unwillen dachte er an Fromals Fortgang, der geliebt und bekannt, wie er hingegen vergessen oder verachtet war; und er konnte sich nicht enthalten, mit einem Zähneknirschen sich von einer solchen Vorstellung wegzuwenden. Er argwohnte gar, daß ihn Fromal durch listige Ränke in der Ausübung seiner Absichten verhindert habe; er wußte sich keinen Beweis davon anzugeben, aber der Argwohn grub sich doch bey ihm ein und unterminirte von Tag zu Tag seine Freundschaft und gute Meinung von ihm, die ohnehin schon geschwächt war.

Die Gährung war vorhanden; nur noch eine Gelegenheit[202] zum Ausbruche! – und die größten Freunde sind die größten Feinde. Sie kam. Ihr Oberherr, der König von SEGELMESSE, sahe mit Erstaunen und Unwillen die Schritte, die Fromals Gebiet in der Polizierung gethan hatte, daß seiner Hauptstadt ein Theil ihres ehmaligen Handels entzogen wurde; und da er überhaupt es nicht verdauen konnte, daß seine Tributaren sich mit ihm in gleiche Linie setzen und vielleicht gar eine Macht erlangen wollten, die der seinigen das Gleichgewicht hielt, so beschloß er, sich von einer so ängstlichen Besorgniß zu befreyen. Gleichwohl konnte er nicht die Stärke der Waffen ohne Gefahr gebrauchen, weil sie, insgesamt vereinigt, ihm das Gleichgewicht hielten. Der Franzose, der sich izt an seinem Hofe aufhielt, merkte kaum seinen Wunsch, als er ihm mit seinem Rathe beystund. Er beredete ihn, Belphegors gährende Eifersucht so lange anzufeuern, bis sie zu offenbarer Feindseligkeit aufbrauste, und nahm das Geschäfte über sich.

Er that weiter nichts als daß er Belphegorn die guten herrlichen Anstalten seines Freundes, den Fortgang derselben, den blühenden Zustand seines kleinen Staats, seine Macht, seinen Reichthum, seinen Ruhm, den Zuwachs seiner Unterthanen pries, und dagegen das kontrastirende Bild seines Gebietes hielt, das mit einer Handvoll Jäger und Räuber besezt war, die hartnäckig von ihrer alten Lebensart nicht abgehn, oder ihren Regenten ermorden wollten, wenn er sie zu einer andern[203] zu zwingen versuchte. Belphegor seufzte anfangs, biß sich vor Aerger in die Lippen, verringerte die Größe seines Freundes; doch der Abgeschickte, ein Adept in der Kunst der Intrigue, wiederholte jene Vorstellungen täglich so oft, und wußte ein so verhaßtes Licht darüber zu verbreiten, daß Belphegor voll Zorn und Aerger, ihn von sich gehen hieß, und ihm drohte, ihn mit Gewalt von sich zu entfernen, wenn er ihn mit einem so widrigen Vortrage unterhalten wollte. Der Franzose sagte ihm ganz gelassen, daß er ein Mittel wüßte, ihn von einer so schaudernden Inferiorität zu befreyen. Er bot ihm den Schuz und große Versprechen von Seiten des segelmessischen Königs an, wenn er sich mit ihm wider seine Mitvasallen besonders wider Fromaln vereinigen wollte, um ihn wegen einer Grausamkeit zu strafen, die er an etlichen Unterthanen seines Lehnherrn begangen haben sollte. Belphegor fühlte einen gewissen Zug zur Einwilligung in sich, und gleichwohl zu gleicher Zeit ein Etwas, das ihn davon zurückriß. Er blieb wankend zwischen Ja und Nein stehen.

Da der Abgeordnete gewahr wurde, daß er nur noch einen starken Stoß brauchte, um sich auf die Seite zu lenken, wohin er ihn zu bringen suchte, so veranstaltete er heimlich, daß etliche von Belphegors Räubern eine ungleich stärkre Anzahl Handelsleute aus Fromals Gebiete anfallen und von diesen umgebracht werden mußten. Kaum war der Vorfall geschehn, als er zu Belphegorn eilte, ihn davon benachrichtigte, seinen[204] Bericht mit den schwärzesten Farben zeichnete, Neid, Eifersucht, Zorn, Ehrbegierde, Rechtschaffenheit in ihm aufwiegelte, und ihn zum Kriege wider Fromaln antrieb. Belphegors Gerechtigkeit ließ es aber doch nicht anders zu, als daß er erst Genugthuung von Fromaln verlangte; ob ihm gleich an den schwarzen Kreaturen im Grunde wenig lag, so war ihm doch ihr Leben izt, da andre Leidenschaften sich ins Spiel mischten, so wichtig, so theuer, daß er schwur, ihren Tod unablässig zu rächen. Fromal stellte ihm mit der größten Billigkeit vor, wie viele Ursachen ER habe, Genugthuung zu fodern, und daß seine Untergebnen das Recht der Selbstvertheidigung wider Räuber und keine Ungerechtigkeit ausgeübt hätten. Der Franzose machte Belphegorn so verwirrt, daß er die Billigkeit dieser Vorstellung verkannte, der Neid, sein vorgefaßter Groll gegen Fromaln machten ihn noch verwirrter, und alles mahlte ihm in seinem Kopfe das Verfahren seines vorigen Freundes als eine verweigerte Gerechtigkeit ab; er folgte den Einblasungen des Abgeordneten und glaubte mit völliger Ueberzeugung, daß er ein auf natürliche und willkührliche Gesetze gegründetes Recht habe, die von Gott verliehene Macht der Waffen wider seinen Freund anzuwenden und ihn mit Gewalt zur Gerechtigkeit zu nöthigen.

Das Bündniß mit dem Könige von SEGELMESSE wurde errichtet und der Krieg angefangen. Der Franzose vermochte durch seine politische Geschicklichkeit[205] noch einige andre von den kleinen Potentaten, zu dem Bündnisse zu treten; und kaum hatten diejenigen, die durch Fromaln in Flor und Wohlstand gesezt waren, die Nachricht erhalten, was man wider ihn unternehme, als sie alle, um ihren geheimen Neid über seine Vorzüge zu befriedigen, auf die Seite des segelmessischen Königs traten. Fromal sah sich ganz allein wider so viele, deren Misgunst ihm den Untergang geschworen hatte. Nicht lange hielt er einen so ungleichen Kampf aus; er wurde geschlagen, gefangen genommen und zum Tode bestimmt.

So sehr es ihn schmerzte, seinen ehmaligen wärmsten Freund an der Spitze seiner Widersacher zu erblicken, so kam ihm doch dieses und die erstaunliche Revolution seines Glücks so wenig unerwartet, daß er muthig seinem Tode entgegengieng. Die von Ewigkeit her geknüpfte Reihe der Begebenheiten, sprach er zu sich, ist durch den Zufall so geordnet, daß dies alles so und nicht anders erfolgen mußte. Ebendieselbe unwiderstehliche Nothwendigkeit riß auch meinen vorigen Freund zur Feindschaft gegen mich hin; alle Ursachen und Wirkungen vereinigten sich in ihm und außer ihm so, daß dies die einzige mögliche Folge war: wir haben gekämpft, das Schicksal hat entschieden, wer Recht haben soll: das eingeführte Recht verlangt meinen Tod: wohlan! ich sterbe, weil ich nicht länger leben kann, weil ich muß. –

Kaum wurde Belphegor inne, zu welcher äußersten[206] Gefahr sein Freund durch seine Mitwirkung sich getrieben fand, als plözlich alles in ihm aufwachte – Mitleid, Freundschaft, Reue, Betrübniß, Schrecken, die sein Herz mit den schärfsten Stacheln zerrissen. Er arbeitete mit allen Kräften seiner Beredsamkeit und seiner Macht daran, ihn wenigstens vom Tode zu erretten. Er bot dem Könige von Segelmesse alles, sein eignes Leben, für das Leben des Gefangnen an; er war unerbittlich. Er drohte ihm in der äußersten Verzweiflung mit Krieg und der Aufwiegelung aller seiner Vasallen, er wütete, er raste, er schrieb SICH die Veranlassung zu Fromals Tode einzig zu, er wollte sich neben ihm mit dem nämlichen Werkzeuge umbringen, das das Leben seines Freundes zerschneiden würde. Endlich verstand sich der König dazu, ihm das Leben zu schenken, mit der Bedingung, daß er mit der nächsten Karavane nach Nigritien gebracht werden sollte, um dort als Sklave verhandelt zu werden; und von dieser Bedingung sollte ihn sein eigner Untergang nicht abbringen.

Belphegor sahe sich genöthigt einzuwilligen, obgleich mit schwerem Herzen, und in wenigen Tagen wurde er mit der gewöhnlichen Karavane nach Nigritien geschaft, um dort von dem weisesten und menschlichsten Volke des Erdbodens, den Engländern, als Sklave eingehandelt zu werden.

Keine Seuche auf unserm Planeten kann eine so ansteckende Kraft haben, als die Leidenschaft: hat sich[207] eine in unser Herz geschlichen, so können wir sicher seyn, daß bald ein ganzes Heer daraus aufwachsen wird, wie aus den Drachenzähnen des Kadmus, das sich auf dem Grunde, wo es aufschoß, ewig herumtummelt, kämpft, haut und sticht, bis alle außer einer niedergemacht sind. Belphegor war von seiner Unruhe über das Unglück seines Freundes noch nicht völlig wiederhergestellt, er machte sich noch täglich Vorwürfe über seinen Antheil an der Veranlassung desselben, und nahm Besiz von seinem entledigten Reiche; weder er noch ein andrer seiner Mitvasallen hatten Anspruch darauf, und doch war ER der erste, der einen darauf machte. Der König von Segelmesse war keineswegs gesonnen, einem andern als sich selbst ein Gebiet zu gönnen, dessen Besitzer er in kurzem wieder zu fürchten hätte; er erklärte SICH ohne Umstände für den rechtmäßigen Herrn davon und ließ Belphogorn die Wahl, ob er aus seiner Eroberung gehn, oder herausgeworfen seyn wollte. Belphegor foderte sie als eine Belohnung seiner geleisteten Hülfe, und bekam eine zweite Drohung zur Antwort.

Unterdessen hatten einige andre Nachbarn gleichfalls Lust zu Fromals Hinterlassenschaft bekommen; ohne ihr Recht darauf vorher zu beweisen, erwarben sie sich es mit den Waffen und vertrieben Belphegorn, zankten sich unter einander selbst, gaben ihren schwarzen Unterthanen den Auftrag, sich an ihrer Stelle herumzuschlagen, bis der König von Segelmesse der Komödie[208] ein Ende machte, alle Akteurs hängen ließ und das Theater in Besiz nahm.

Belphegor wurde über diese Ungerechtigkeit, wie er es sich selbst nannte, oder wenn er aufrichtig hätte sprechen wollen, über das widrige Schicksal, daß er ganz leer ausgieng, äußerst aufgebracht, und beschloß sein verschmähtes Recht geltend zu machen, was es ihm auch kosten würde. Er errichtete ein Bündniß und sezte sich von neuem ein, ward vertrieben, und vertrieb – kurz, er spielte das ganze langweilige Lied der politischen Geschichte, das sich aber seiner Seits mit dem vertrieben werden endigte. Der Monarch von Segelmesse bekam ihn gefangen und verurtheilte ihn kraft aller göttlichen und menschlichen Gesetze, das heißt, kraft der hergebrachten Gewohnheit zum Tode.

Da er nichts gewisser als den Scharfrichter erwartete, der Leib und Seele trennen sollte, so wurde ihm seine Befreyung angekündigt, die er einem von den heiligen Thieren zu danken hätte: es fiel ihm ein, daß Medardus zu der Ehre eines Platzes unter dem heiligen Vieh gelangt seyn sollte, und überließ sich der angenehmen Einbildung, daß seine Rettung von IHM herrühre. Er verlangte seinem Versprecher in eigner Person zu danken; allein da kein profaner Blick auf ein heiliges Thier fallen darf, so mußte er seinen Dank einem Bevollmächtigten anvertrauen, der ihn an Ort und Stelle überlieferte. Demungeachtet wurde er aus dem Reiche verbannet und ihm auf ewig untersagt, sich in den[209] Gränzen des segelmessischen Monarchen blicken zu lassen, wenn er nicht die Vögel des Himmels und die Würmer der Erde mit seinen Gebeinen füttern wollte. Er wurde gleichfalls nach Nigritien mit der Karavane von Segelmesse gebracht, die unterwegs, um sie nicht unbeschäftigt zu lassen, die ganze Natur, Wind, Sand, Hitze, Durst, Räuber und Löwen auf manchen mühseligen Kampf herausfoderten, doch langten sie wenigstens mit dem Leben an.

Eigentlich war es wohl der ausdrückliche Wille des Königs, der ihm diese Marschrute vorschrieb, nicht gewesen, daß er, wie Fromal, verkauft werden sollte: allein der Kaufmann, dem er übergeben war, urtheilte sehr vernünftig, daß ein Mensch umsonst Leib und Seele vom lieben Gotte empfangen hätte, wenn er keinen Nutzen damit schafte, und wollte Belphegorn, der bisher nur ein todtes Kapital für ihn gewesen war, in Geld verwandeln. Er wurde zwar einem von der erleuchteten englischen Nation zum Verkauf vorgestellt, allein aus vaterländischer Menschenliebe machte er sich, als er seinen krüplichten nicht sonderlich viel Arbeit versprechenden Körper erblickte, ein Gewissen daraus, wider alle Christenpflicht einen weißen Nebenmenschen in den Handel zu bringen. God damn me! Gott verdamme mich, sprach er, wenn ich jemals den angebornen Edelmuth meiner Nation so sehr verläugne, daß ich mit weißen Christen handle! – Aber, fiel ihm Belphegor ins Wort, sind schwarze Heiden nicht auch[210] Menschen? – The ordures, das Auskehricht der Menschheit! rief jener. – Aber – wollte ihm Belphegor antworten, doch der Mann schien kein Liebhaber vom Disputiren zu seyn, sondern kehrte sich hastig um, ein Paar schwarze Mütter zu bezahlen, die aus Dürftigkeit ihrer mütterlichen Empfindung auf einige Zeit den Abschied gaben und ihre Kinder dem großdenkenden Engländer überließen, um sie aufzufüttern, bis sie geschickt wären, in Amerika unter Hunger, Elend und Blöße den Europäern den Kaffe süß zu machen.

Belphegor wünschte sich nur einmal noch so viele Macht, als ihm genommen war, um eine die Menschheit entehrende Unterdrückung, den schändlichsten Handel zu vernichten, wovon er izt ein Augenzeuge war. Sein bisheriger Patron, der nach zwo andern Proben deutlich abnahm, daß Belphegor eine verlegne Waare ohne Werth war, gab ihm den wohlmeinenden Rath, sich von ihm zu entfernen, wenn er nicht mit Gewalt entfernt werden wollte: er folgte dem Rathe ohne Anstand und überließ sich Wind und Wetter, was es aus ihm zu machen gedachte. Er that sich nach einer Gelegenheit um, um mit einem Sklaventransporte aus dieser Gegend zu kommen; doch auch diese Gefälligkeit versagte man ihm. Zulezt traf er einen Mitleidigen, der ihn mit sich nach Abissinien unentgeldlich zu nehmen versprach; aber im Grunde waren seine Bewegungsgründe nicht die mitleidigsten, wie die Folge[211] beweisen wird. Er schickte ihn mit einigen von seinen Leuten und Kameelen voraus, die ihn an einer Gegend des Senegalstroms erwarten sollten.

Belphegor that seine Reise mit einer Niedergeschlagenheit, die seinem natürlichen Charakter zuwider zu seyn schien: das Unglück hatte ihn bisher mehr aufgebracht als muthlos gemacht: doch izt war seine Lebhaftigkeit merklich gesunken. Er sezte sich mit tiefsinniger Selbstbetrachtung unter den Schatten eines Palmbaums, indem seine Reisegefährten die Kameele am Strome tränkten.

Was für Seiten, sprach er zu sich, habe ich, seit Akantens Kniestoße, an dem Menschen gesehn l Seiten, die ich in dem Taumel meiner ersten Jahre mir schlechterdings nicht denken konnte! – Ja, Fromal, der Mensch ist ein Würfel mit unzählbaren Seiten; man werfe ihn, wie und so oft man will, so kehrt er allemal eine empor, auf welcher Neid und Unterdrückung mit verschiedener Farbe gemahlt steht. Fromal, DU lehrtest mich das; ich glaubte dir nicht, ich glaubte nur meinem Herze, das mit stolzem Selbstzutrauen sich selbst verkannte. Du wolltest mir es benehmen, und ich schwur, weil mein Herz schwur. Ich Unglücklicher, ich habe dich selbst zum Beweise gemacht, daß ich ein Meineidiger bin. Hätte ich das geglaubt? – Geglaubt, daß unter dieser feurigen freundschaftlichen Brust Eis genug liegen könne, die Flamme der Treue zu löschen, alle Regungen des Mitleids, der Liebe so[212] lange zu ersticken? geglaubt, daß in einem Winkel meines Herzens Sauerteig des Neides genug liege, um die ganze lautere Masse desselben anzustecken? – Was bin ich denn nun besser, als jene Grausamen, deren Unterdrückung meinen Zorn sonst reizte? Worinne besser? – blos daß ich nicht würgte und mordete; ich bin der Neidische, der Habsüchtige, der Unterdrücker gewesen, der sie insgesamt sind, nur daß der Neid mehr Mitleid in mir zu bekämpfen hatte als bey jenen, daß die Stärke meines Mitleids durch weniger Gelegenheiten weniger abgeschliffen ist, als bey jenen. Vielleicht – eine traurige Vermuthung! – dürfen nur mehrere Reize, mehrere Verblendungen meiner Vernunft vorgehalten, die Fälle meines Lebens mit den Umständen andrer mehr zusammengeschlungen, verwickelter werden; vielleicht darf nur alsdann in der Bemühung für mein Interesse, für mein Recht dieses feurige enthusiastische Gefühl der Menschenliebe, dieser Schwung der Einbildungskraft niedergedrückt werden; und ich bin so hartherzig, so fühllos wie die Unbarmherzigen, die ich tadle. Konnte ich es schon so sehr gegen meinen Fromal seyn? konnte der Neid so sehr alle Stimmen in mir überschreyen? – Doch bis zur Unterdrückung – nein, so weit ist mein Herz nicht böse noch schwach. – Neid? – leider muß ichs zugeben, daß ein blendendes Nichts, betäubende Ueberredungen, glänzende Vortheile die Vernunft des schwachen Menschen so verwirren, seine[213] Eigenliebe so anspornen können, daß sie sich unser ganz bemeistert, alle andre Empfindungen verdrängt und alle Federn unsrer Thätigkeit allein nach ihrem Zuge spielen läßt: doch den heiligsten Schwur thät ich gleich, ohne Furcht vor Meineid, daß ihre Obermacht in mir niemals bis zur grausen Unterdrückung anwachsen soll. – Welche Betäubung alles Sinnes gehört dazu, mit der Freiheit eines Geschöpfes von meiner Art ein Gewerbe zu treiben? es zu einem ewigen Sklavenstande zu bestimmen, wenn es weder Kenntniß noch Wahl leitet? es dem Tode auf dem Wege, oder dem Elende in einem andern Welttheile entgegenzuführen? und auf diesen Ruin der Menschheit seinen entehrenden Vortheil zu gründen? – Ja, Fromal, du hast Recht: die Menschen sind Unterdrücker; dieser einzige Fall ist mir Beweises genug. Die Mutter, um sich ein elendes Leben weniger elend zu machen, unterdrückt schon in dem Alter der Unbesonnenheit, der Schwäche ihr Kind; der englische Sklavenhändler, um für die erworbnen Reichthümer zu schwelgen, unterdrückt den hülflosen dürftigen Afrikaner, dem die mangelvolle Freiheit seines Landes weit über die etwas nahrhaftere Sklaverey eines fremden Himmels geht; raubt ihm die Freiheit, er, der mit Händen und Füßen kämpft, so bald die seinige in einem elenden Pamphlet nur von fern mit erdichteten Gefährlichkeiten bedroht wird. Der üppige Handelsmann der neuen Welt unterdrückt ohne alles Gefühl den gekauften Sklaven, läßt ihn halbhungernd[214] arbeiten, stößt ihn unter sein Geschlecht zu den Thieren hinab, damit die Europäer ihre Tafeln mit wohlfeilem Konfekte besetzen, ihre Speisen wohlfeil mit einer angenehmern Süßigkeit würzen können, als ihre Vorväter: ein Theil der Menschheit wird zu Tode gequält, damit der andre sich zu Tode frißt. – Himmel! wie schaudre ich, wenn ich diesen Gedanken, wie eine weite düstre Höle, übersehe. Je weiter sich mir die Aussicht der Welt eröffnet, je fürchterlicher wird das Schwarz, das diesen traurigen Winkel bedeckt. Ist von jeher die Bequemlichkeit und das Wohlseyn eines wenigen Theils der Menschheit auf das Elend des größern gegründet gewesen; hat immer jeder, in sich selbst konzentrirt, den Schwächern unterdrückt; hat immer der Zufall einen Theil der Menschen zum Eigenthume des andern gemacht, und mußte dieser durch seine Bedrängung einem Haufen auserwählter Lieblinge des Glücks Bedrängnisse ersparen: was soll man alsdann denken? – Entweder daß die Unterdrückung mit in dem Plane der Natur war, daß sie den Menschen so anlegte, daß einer mit dem andern um Freiheit, Macht und Reichthum kämpfen mußte; oder daß der Mensch, wenn sie ihn nicht hierzu bestimmte, das einzige Geschöpf ist, das seit der Schöpfung beständig wider die Absicht der Natur gelebt hat; oder daß die Natur mit ungemeiner Fruchtbarkeit Kinder gebar, und sie mit stiefmütterlicher Sorgfalt nährte: denn diesem Elenden versagte sie nicht allein die blos imaginative Glückseligkeit,[215] ohne die tausende glücklich sind; nein, selbst die thierische! Der Sklave, der bey einem kümmerlichen Stückchen Kassave oder Maisbrodte die beschwerlichsten Arbeiten tragen muß, der von seinem Tirannen nichts empfängt, sechs Tage für ihn arbeiten und den siebenten die Nahrung der übrigen betteln muß, der wie das Vieh behandelt und von seinem Besitzer als eine Möbel gebraucht wird – dieser Mitleidenswürdige, verglichen mit einem europäischen Schwelger, der Lasten auf seinem Tische und in seinen Zimmern aufthürmt, woran der Schweis und vielleicht das Blut jener Elenden klebt, der sich nicht speist, sondern mästet, in Bequemlichkeit, Ruhe und Sinnlichkeit zerfließt – und doch beide Kinder Einer Mutter! – welch ein Kontrast! Mir springt das Herz, wenn ich ihn denke: ich hätte Lust ein Rebell wider Natur und Schicksal zu werden. Unmöglich kann der Mensch das erhabne Ding seyn, wofür ich ihn sonst ansah; er ist eine Karrikatur, oder ein Ungeheuer. – O wenn doch die flammende Sonne dieses glühenden Erdstrichs mir meine Einbildungskraft und meine Empfindung versengte, verbrännte, ganz zernichtete! Sonst mahlten sie mir die Erde als ein Paradies, und izt als eine Mördergrube; sonst den Menschen als einen friedsamen liebreichen Engel, und izt als einen streitsüchtigen unterdrückenden Wolf; sonst den Lauf der Welt als ein sanfttönendes harmonisches Konzert, dessen Melodie in der abgemessensten Ordnung herabfließt,[216] und izt als ein Chaos, als eine allgemeine verwirrungsvolle Schlacht, als eine Reihe Unterdrückungen, die nichts unterscheidet als weniger oder mehr Gräßlichkeit. – O Unwissenheit! einzige Mutter der Glückseligkeit, der Zufriedenheit! Könnte ich dich zurückrufen; die Hälfte meines Ichs gäbe ich um dich, um die andre überglücklich zu machen. Wäre es nur noch einmal mir vergönnt, meinen Blick ganz in mich zurückziehn, nur in meiner Einbildungskraft und meinem Herze zu existiren, mir mit meinem Fromal die ganze Welt zu seyn! Könnt ich die traurige Wissenschaft des Menschen und der Welt, und die noch traurigere Kunst der Vergleichung ausrotten. O ihr glücklichen Seelen, die ihr innerhalb eures Selbst und eurer nächsten Gesellschaft mit eurer Erkenntniß stehen bliebt, denen die Natur ein kurzsichtiges Auge und einen engen Horizont gab; ihr seyd die Glücklichsten dieser Erde! – Ja, gewiß, Fromal, um glücklich unter der Sonne zu seyn, muß man Ignoranz im Kopfe oder kaltes Blut in den Adern haben; – man muß träumen oder sterben: denn zu wachen – wehe, wehe dem Manne, der dahinkömmt, und nicht von Eis zusammengesezt ist! –

Er würde seine schwermüthige Selbstbetrachtung noch lange fortgesezt, und sich vielleicht gar noch am Ende tiefsinnig in den Senegal gestürzt haben, wenn nicht seine Gefährten durch ihre Zurückkunft mit den Kameelen den trüben Strom seiner Gedanken unterbrochen[217] hätten. Sie hielten sich nur wenige Tage an diesem Platze auf, während dessen Belphegor oft zu seinen Betrachtungen zurückkehrte: der zweite Trupp, den sie erwarteten, vereinigte sich mit ihnen, und sie gelangten glücklich nach Abissinien, wo sie ihren Weg nach dem Orte nahmen, den der mächtige NEGUZ8 mit seiner Hofhaltung damals beehrte.

Kaum waren sie angekommen, als plözlich alle sechstausend Zelte, die die Hofstatt ausmachten, von Einem allgemeinen Schalle ertönten, der dem Tone eines fernen Orkans nicht unähnlich war. Belphegor erkundigte sich voller Verwunderung nach der Ursache dieses Phänomens und bekam zur Antwort: der mächtige Neguz niest. – Niest? rief er; das muß wahr haftig ein mächtiger Monarch seyn, der mit seiner Nase einen solchen Sturmwind erregen kann. – Ach, erwiederte man, der große Kaiser niest, wie jeder Sterbliche, allein es ist hier die Gewohnheit, daß Unterthanen und Monarch in einer beständigen Uebereinstimmung leben. Jede Handlung, die ER thut, muß das ganze Land thun; und wo sich das nicht schickt, wenigstens seine Hofstatt. Wenn ER niest, so wird ein Zeichen von dazu bestellten Leuten gegeben; und der ganze Hof niest: in gewissen Entfernungen sind durch alle Provinzen Posten gestellt, die einander diese Zeichen durch einen weittönenden Knall mittheilen: diese Mittheilung erstreckt sich durch das ganze Land, das ihm unmittelbar[218] unterworfen ist, und bringt es dahin, daß eine halbe Stunde nach dem Niesen des Neguz das ganze Land herumgeniest hat. – So geht es mit vielen andern Handlungen, die ich nicht nennen mag, sagte sein Belehrer, und die das ganze Land gewissenhaft und pünktlich nachthut. Dieses ist unterdessen nur auf die hauptsächlichsten Verrichtungen der menschlichen Bedürfnisse eingeschränkt; doch die ganze Hofhaltung ist ein wahrhaftes Schattenspiel von dem Neguz. Wenn ER liegt, liegt alles; steht ER, steht alles; sizt ER, sizt alles; ER steckt einen Bissen in den Mund, ER trinkt, und jedermann unter den sechstausend Zelten, der nur von einiger Beträchtlichkeit ist, thut zu gleicher Zeit das nämliche; welches alles vermittelst der ausgestellten öffentlichen Cerimonienmeister, die gleichsam den Takt zu dem Leben der Hofstatt nach der Angabe des Kaisers schlagen, glücklich bewerkstelligt wird.

Belphegor staunte nicht wenig über diese abgezirkelte Etikette, und konnte sich nicht enthalten, sie zu belächeln. O, sprach der Andre, der ein Portugiese war und französisch sprach, es giebt viel mehr Sonderbarheiten in diesem Lande, die jene weit übertreffen. Haben Sie noch keine bemerkt? – Belphegor besann sich: – daß hier so viele Leute hinken? fragte er. – Ja, und wissen Sie warum? erwiederte jener. Als der gegenwärtige NEGUZ den Thron bestieg, verbreitete sich das Gerücht, daß er hinke; sogleich hinkte ein jeder seiner Unterthanen: wer nicht theatralische Geschicklichkeit[219] genug in den Beinen besaß, einen hinkenden Gang natürlich nachzuahmen, der verrenkte sich den Fuß, schlug sich einen Knochen daran entzwey, zerschnitt eine Sehne, eine Ader, oder gebrauchte ein ander Mittel, wie es einem dienlich und bequem schien, sich zu lähmen. Als sich das ganze Land auf diese Art gebrechlich und dem großen Neguz ähnlich gemacht hatte, so kam man erst auf die Frage, mit welchem Fuße der mächtige Kaiser eigentlich hinke. Weil man in der ersten Hitze an diese wichtige Bedenklichkeit nicht gedacht hatte, so hinkte dieser auf die rechte, jener auf die linke Seite: zu ändern stund es bey denen nicht, die eine wirkliche Lähmung dem Neguz gleich machte: jede Partey mußte also mit Gewalt das Recht des Fußes durchsetzen, an welchem SIE hinkte. Das ganze Reich zerfiel sogleich in zwo Faktionen, die mit der uneingeschränktesten Wuth sich verfolgten, bekriegten, ermordeten; das ganze Land war Ein Krieg; man vergoß sein Blut gern zur Ehre seines Kaisers, um auszumachen, ob das abissinische Reich mit dem rechten, oder linken Beine hinken sollte. Endlich wurde man des Aufruhrs überdrüßig und wollte die Entscheidung des Streites dem großen Neguz auftragen, der allein mit Zuverlässigkeit berichten könne, welcher von seinen Füßen lahm sey. Es geschah; und man erfuhr, daß der Kaiser gar nicht hinke, sondern auf einem Auge blind sey. Wirklich hatte sich auch das ganze Hoflager von dem Nächsten[220] nach dem Kaiser bis auf den untersten Stallknecht aus Ergebenheit gegen ihren Herrn das linke Auge ausstechen lassen; und nur aus Neid, Misgunst und Unterscheidungssucht war von den Höflingen das Gerücht von dem Hinken des Kaisers ausgesprengt worden, damit der Hof allein mit dem Vorzuge einer wahren Aehnlichkeit mit dem Neguz prange. Aus alberner Begierde vergaß das tumme Volk sich zu erkundigen, welches Auge ihrem Monarchen fehlte, sondern sie liefen haufenweise wie in einer Trunkenheit zurück, und jeder stach oder stieß sich ein Auge aus. Manche nahmen aus Oekonomie das schlechteste unter ihren beiden dazu; die natürlich Blinden ersparten sich den Schmerz und ließen es bey ihrer angebornen Aehnlichkeit bewenden: andre, die wider keins von ihren Augen erhebliche Einwürfe zu machen fanden, ließen sich in ihrer Wahl vom Zufalle bestimmen: da aber an allen Köpfen nicht dasselbe Auge schadhaft, oder natürlich blind war, oder vom Zufalle getroffen wurde, so waren abermals die Abissinier getheilt, abermals in der größten Verlegenheit. Sie waren wenigstens in so weit klüger, daß sie ohne Blutvergießen sich sogleich an den großen Neguz wandten, der sie belehren ließ, daß ihm das linke Auge ganz fehle. Welches Unglück für diejenigen, die sich das rechte geblendet hatten! Sie mußten, wie Bastarte des Reichs, zu ihrer Kränkung Zeitlebens in ewiger Unähnlichkeit mit dem Neguz bleiben, wie Verworfne von den übrigen verachtet werden,[221] oder sich ganz blind machen. Einige brachten mit neidischer Verzweiflung viele ihrer glücklichen Mitunterthanen um, andre tödteten sich selbst, noch andre geriethen auf den sinnreichen Einfall, das linke Auge ausheben und in die leere rechte Augenhöle versetzen zu lassen, und da kein einziger geschickter Okulist unter dem abissinischen Himmel bisher aufgewachsen ist, so wurden sie insgesamt stockblind; kein einziges Auge wollte nach der Verpflanzung bekleiben. Ein kleiner Haufe begnügte sich mit der ersten Thorheit und ertrug seine vermeinte Schande in Gelassenheit. War gleich der geringere Theil der Einwohner beruhigt, so brach nunmehr der Krieg am Hofe aus. Dem großen Neguz hatte die Natur gar kein linkes Auge mitgegeben: die beiden Augenlieder schlossen sich fest zusammen, oder waren vielmehr zusammengewachsen und in den leeren Plaz des Auges hineingedrückt. Einige von seinen Hofleuten waren so glücklich gewesen, vermittelst eines feinen Leims die Augenlieder ebenfalls zu vereinigen und durch ein andres Hülfsmittel ihnen natürlich die nämliche Gestalt zu geben, als wenn es Werke der Natur nach Einem Modelle wären. Allen, die von ihnen hierinne zurückgelassen wurden, dienten sie zu einem Gegenstande des Neides und des Hasses: die Unglücklichen waren überzeugt, daß sie niemals mit ihnen zu gleichem Vorzug gelangen konnten, und erregten die häßlichsten Meutereyen, sie ihrer Zierde zu berauben. Jene Auserwählten durften nie ohne starke Wache[222] schlafen, nirgends ohne Begleitung sich hinwagen, nichts ohne vorgängigen Versuch essen oder trinken, wenn sie nicht ermordet, geblendet, vergiftet seyn wollten. Man spielte sich, da Gewalt nichts wider die Vorsicht vermochte, die hinterlistigsten Kabalen, verläumdete, verkleinerte sich, einer untergrub des andern Kredit, beschuldigte sich der entsezlichsten Verbrechen, weil alle nicht auf gleiche Art blind waren, welche geheime Gährung um so mehr zunahm, als der große Neguz selbst diejenigen am vorzüglichsten ehrte und erhub, die ihm die meiste Aehnlichkeit mit seiner blinden Person werth machte: um ihm zu gefallen, mußte man gerade so blind seyn, wie er. Nicht lange dauerte es, als diese Etikette zu den Höfen seiner Vasallen übergieng, die sie so weit trieben, daß sogar einer, dem ein Fall in der Jugend die Nase platt an den Kopf gedrückt hatte, allen seinen Hofschranzen das Nasenbein zerschlagen, und ein andrer, dem ein kalter Brand den Arm verzehrt hatte, allen den seinigen den kalten Brand inokuliren ließ.

Belphegor sah sich seinen Portugiesen bey dieser Erzählung etwas bedenklich an und erinnerte sich einer alten Geographie, wo der Nation des Erzählers die Aufschneiderey beygemessen wurde, weswegen er etliche Zweifel und Verwunderungen über seine Nachrichten äußerte, welches sein Mann so übel empfand, daß er sich auf der Stelle von ihm trennte und mit stolzem Unwillen fortgieng.[223]

8

Der Kaiser.

Quelle:
Johann Karl Wezel: Belphegor, Frankfurt a.M. 1979, S. 183-225.
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