Zweites Kapitel

[373] Herrmann erhielt bei seiner Ankunft zu Hause, wohin er erst nach stundenlangem Herumirren den Weg fand, von seinem Kameraden die Nachricht, daß der Diener schon die zehn Dukaten verdient und das Mädchen ins Haus gelockt habe, wo sie heute übernachte: dabei berichtete er auch den Unwillen des Herrn über sein langes Außenbleiben und hinterbrachte ihm als eine geheime Entdeckung, daß der Herr willens sei, ihn mit dem Mädchen wieder nach Hause zu schicken.

Den Morgen darauf bestätigten sich alle diese Nachrichten: der Kaufmann ließ ihn zu sich auf die Stube kommen und stellte ihm sehr glimpflich vor, daß er nicht zum Kaufmanne tauge und für ihn insbesondere ganz unbrauchbar sei: er habe also sich schon längst vorgenommen, ihn nach Verlauf der Probezeit wieder von sich zu tun, allein da sich ihm itzt eine so bequeme Gelegenheit darbiete, wieder nach Hause zu seinem Freunde Schwinger zu kommen, so solle er sich in Bereitschaft setzen, diesen Nachmittag mit abzufahren. -»Die Anverwandtin des Grafen«, setzte er hinzu, »ist gefunden: ich habe sie niemals gesehn, weil sie schon in Dresden war, als ich mich wegen meiner Geschäfte auf seinem Schlosse aufhielt. Wir sollen sie nicht merken lassen, was mit ihr vorgeht: ich habe ihr also eine Lustreise vorgeschlagen – denn so hat es der Graf ausdrücklich verlangt –, sie hat die Partie angenommen: mein Kuffer wird in dem Tore heimlich hinter der Kutsche aufgepackt; und hab ich sie nur einmal ein paar Stunden von der Stadt, so soll sie schon reisen müssen, wenn sie nicht im guten will. Du mußt sie wohl kennen?«

Herrmann. Ja – nicht sonderlich – so ziemlich.

Der Kaufmann. Ich will sie dir hernach zeigen: aber daß du dich nicht von ihr blicken läßt! sie möchte sonst Argwohn schöpfen. Sie hat sich mit dem Bordellwirte veruneinigt und ist, schon ein paar Tage her, für sich in der Stadt herumgewandert: sie sieht hübsch aus, aber es ist ein erzlüderliches[373] Tier. Wenn ich wie der Graf wäre, ich ließe sie laufen und dächte gar nicht daran, daß sie meine Verwandtin ist. Man muß aber das dem Grafen verschweigen: schreibe ja nichts an Schwingern davon, und wenn du nach Hause kömmst, tu, als wenn du nichts davon wüßtest! – Sie ähnlicht zwar dem Porträt nicht ganz, aber wie sie gelebt hat! es ist ein Wunder, daß sie sich noch so ähnlich sieht. – Es tut mir leid, daß wir nicht beisammenbleiben können: aber es ist vielleicht zu deinem Glücke: halte dich also bereit! –

Herrmann dankte mit den tiefsten Verbeugungen für sein Anerbieten und ersuchte ihn nur um die Erlaubnis, sich noch einen oder etliche Tage im Hause aufzuhalten: er habe schon längst Abneigung gegen Kaufmannsgeschäfte in sich gefühlt und sich deswegen nach einer Schreiberstelle umgetan, die er in einigen Tagen anzutreten und wodurch er Sekretär in einem angesehenen Hause zu werden hoffte. Der Kaufmann fragte nach dem Namen des künftigen Herrn, und Herrmann nennte ihm einen Geheimerat, auf welchen sich jener freilich nicht recht besinnen konnte, weil Herrmann auf der Stelle seinen Namen erfunden hatte. Er mußte noch ein paar Fragen von dahin gehörigem Inhalte beantworten, und er log sich glücklich aus der Verlegenheit heraus.

Eine gelungne Lüge verleitet leicht zur zweiten. – Der Kaufmann rief die vermeinte Ulrike zu sich in die Stube, und Herrmann mußte sie aus dem Kabinette beobachten. Er fand wirklich einige Ähnlichkeit mit Ulriken an ihr, aber nur wer die rechte Ulrike nicht gesehn hatte, konnte die falsche mit ihr verwechseln. Der Kaufmann fragte ihn um seine Meinung; und das Glück, die wahre Ulrike zu besitzen, und die Freude, einen Mann zu kränken, der ihn von jeher gehaßt hatte, machte ihn so übermütig keck, daß er versicherte, sie sei es leibhaftig. Nun war aller Zweifel bei dem Kaufmanne gehoben.

Dreimal, viermal glücklicher Herrmann! Kaum vermochtest du dein Glück zu fassen. Von lästigen Beschäftigungen befreit, mit den angenehmsten Aussichten auf Fortkommen und Ehre geschmeichelt, am Grafen durch eine einzige Lüge[374] gerächt, und vor allen Dingen – in Ulrikens ungestörtem Besitze! einer Verbindung mit ihr, wenigstens in Gedanken, nahe! ohne Furcht, ohne Besorgnis, entdeckt, verfolgt, getrennt zu werden! in der schönsten glänzendsten Stadt Deutschlands! – wenn das nicht dem Glück im Schoße sitzen heißt, was soll es denn sein?

Sein Glück sollte noch höher wachsen: gegen Mittag kam eine Frau und brachte ihm folgenden Brief von Ulriken.


den 27. Jan.


Freude, Freude, lieber Heinrich! Wir kommen einander immer näher. Ich habe heute mit Madam Vignali Deinetwegen gesprochen: sie will Dir, meinen Fenstern gegenüber, in ihrem Hause ein Zimmer einräumen, Dich mit Möbeln, Betten und allen übrigen Bedürfnissen versorgen. So viel tut sie mir zu Gefallen; und wenn sie Dich kennt, will sie Dich, Dir zu Gefallen, bei sich speisen lassen. Sie sagte zwar: »Wenn ich ihm und er mir gefällt« – aber das ist gar keine Frage. Das sagt ich ihr auch: »Er muß Ihnen gefallen, oder –«, weiter wollt ich nichts sagen: aber es verdroß mich, daß sie noch erst daran zweifeln konnte. Kurz und gut! lege Deinen Kaufmannsjungen ab und bestelle in der Minute den Schneider! Laß Dich herausputzen wie einen Prinz! Ich bezahle, und wenn mein Geld nicht zureicht, streckt mir Madam Vignali Hände voll vor. Ich freue mich schon wie ein Kind auf die erste Puppe, wenn meine Herzenspuppe, mein Heinrich, zum ersten Male im Degen, Chapeau bas, seidnem Futter, gestickten Knöpfen, en herisson frisiert, wie ein Adonis vor mir erscheinen wird. Ob dich Dich kennen werde? – Vielleicht nicht mit den Augen, aber mein Herz erkennt Dich gewiß: das hüpft Dir gleich entgegen, sobald Du nur in die Stube trittst: es will itzo schon mit aller Gewalt zur Schnürbrust heraus, und wenn ich das närrische Ding frage, was ihm ist – »er kömmt! er kömmt!« ruft es und will sich ganz vor Freude zerstoßen.

Du mußt mit Deinem Putze morgen früh zustande sein; denn morgen mittag um zwölf Uhr sollst Du Madam Vignali aufwarten. Sie hat mich schon auf morgen zu Tische gebeten,[375] und ich hoffe, daß sie selbst so gescheit sein und Dich auch einladen wird. Ich schicke Dir mit diesem Briefe hundert Taler, damit Du die nötigen Unkosten bestreiten kannst; und nun, lieber Heinrich! kaufe, bestelle, laß nähen und arbeiten, und wenn der ganze Schneider mit seinen Gesellen darüber zugrunde ginge: ich laß ihn begraben, wenn er sich zu Tode näht, und setze ihm auf seinen Leichenstein: ›Ein wackrer Schneider! er nähte hurtig und starb wie ein Held für die ungeduldige Liebe.‹ – Kann denn ein Schneider wohl eines edleren Todes sterben?

Vermutlich möchtest Du gern wissen, was diese so oft genannte Madam Vignali für ein Geschöpf ist! Ich will Dir's sagen, lieber Heinrich, während daß sich Frau Hildebrand, die Überbringerin dieses Briefs, die auch inskünftige unsre Botenfrau sein wird, ihre roten Finger an meinem Ofen auftaut. Rundheraus gesagt! es ist die Mätresse meines Herrn: er hält ihrer drei, eine Italienerin, welches die hochbelobte Madam Vignali ist, eine Französin, die Mademoiselle Lairesse heißt, und eine Deutsche, deren eigentlichen Namen ich nicht weiß: weil mein Herr die deutschen Namen nicht leiden kann, hat er sie wegen ihrer rosenfarbnen Wangen Mademoiselle Rosier genannt, und das ist nunmehr bei jedermann ihr Name. Jede von diesen drei Schönen wohnt in einem andern Teile der Stadt, und ist jede also eine halbe Stunde von der andern entfernt. Des Abends gibt meistenteils Vignali ein kleines Essen für einen kleinen Zirkel guter Freunde, das der Herr von Troppau das Soupér der drei Nationen nennt, weil die andern beiden, Lairesse und Rosier, allemal auch dabei sind. Sie leben sehr einig und freundschaftlich untereinander, besuchen sich oft und haben mich alle drei von Herzen lieb: die Hauptrolle aber spielt Deine künftige Gönnerin, Madam Vignali, weil sie den meisten Verstand hat. Du wirst sie alle nach der Reihe kennenlernen und Dich herrlich bei ihnen befinden; denn sie sind beständig lustig und guter Dinge. Nur Vignali ist ein wenig ernsthaft und will gern wie eine große Dame behandelt sein. Nimm Deine ganze Galanterie zusammen bei ihr; denn davon ist[376] sie Liebhaberin; aber, Schelm! wenn Du mir nicht bei der Galanterie stehenbleibst! – In ihrer und aller andern Gegenwart sind wir Cousin und Cousine; denn nun mußt Du allmählich anfangen, Dein Deutsch zu verlernen und alles französisch zu nennen, auch wenn Du deutsch sprichst. Madam Vignali wird französisch mit Dir reden, weil sie kein Deutsch kann: allein laß Dich das nicht anfechten! Ich habe sie schon vorbereitet, daß Du in der Sprache noch nicht geübt genug bist. – »Ich will ihn schon unterrichten«, sagte sie. Mit einer solchen Sprachmeisterin bist Du doch wohl zufrieden? –

Ja doch! gleich, Frau Hildebrand! Ihre Finger können unmöglich schon aufgetaut sein. – Die Frau drängt und treibt mich, daß ich vor Übereilung tausend höchstnötige Dinge vergessen werde. Laß sie Dir einkaufen helfen: sie versteht sich auf die Preise und ist ehrlich.

Ich muß nur schließen; denn sie treibt schon wieder. – O Heinrich! wer hätte sich in Dresden so überirdisch großes, so übermäßiges Glück träumen lassen? Wer hätte sich nur die Hälfte so vieler, so entzückender Freude vorgestellt? – Ich bin auch so trunken, so wirblicht davon, daß ich taumle: ich glaube, ich phantasiere gar zuweilen. Die Leute sagen immer, daß die Liebe ernsthaft macht: Lügen! lauter Lügen! Mich macht sie so lustig, daß ich oft für mich ganz allein lachen muß; und ich bin doch verliebt, das weiß der Himmel! Ich glaube, daß sich alle Liebe, die es nur auf der Welt gibt, in das kleine Fleckchen hier, in mein Herz, zusammengezogen hat. Ich merke auch gar nicht, daß sich jemand außer uns liebt: hast Du jemanden gesehn? – Nicht wahr? keine Seele! Die guten Leute können nicht: es ist so kalter Winter in ihren Herzen und Gesichtern wie auf der Straße; denn die Mädchen haben keinen Heinrich und die Jünglinge keine Ulrike. Wen ich nur erblicke, der schielt mich an und seufzt in Gedanken: ›Ach, wer so glücklich wäre wie die!‹ – Sie dauern mich recht, die armen Leute.

Die ungestüme Frau Hildebrand! fragt sie nicht schon wieder, ob ich fertig bin? – O sie kann sich heute den[377] ganzen Tag bei mir wärmen, ich bin doch immer noch nicht fertig: aber ich will mir Gewalt antun, punctum. Lebe wohl.

Diesen Abend um fünf Uhr hofft man die Ehre zu haben, den Herrn Cousin bei sich zu sehn. Es warten zwei Dinge auf dieselben, meine Reisebeschreibung und Deine

Deine Ulrike.


Nach Empfang dieses Briefes wurde kein Augenblick versäumt, die verlangten nötigen Anstalten zur morgenden Aufwartung zu machen, dem Schneider doppeltes Macherlohn versprochen und alles übrige doppelt so teuer eingekauft, als es weniger eilfertige Leute bezahlt hätten. Es schlug fünfe, und der glückliche Herrmann ging, stolz auf sein Schicksal, zur wartenden Ulrike.

Quelle:
Johann Karl Wezel: Hermann und Ulrike. Leipzig 1980, S. 373-378.
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