Drittes Kapitel

[661] Mitten unter diesen landwirtschaftlichen Übungen und Anordnungen, noch einige Tage vor dem gefürchteten Ende des Mais, trat des Morgens in aller Frühe, als eben Herrmann auf das Feld gehen wollte, die Pfarrfrau ungemein freudig herein, ein Kissen auf dem Arme und auf demselben einen neugebornen Knaben, den sie ihm überreichte. »Da!« sprach sie, »hier hat Ihnen der liebe Gott einen kleinen Ackersmann beschert: der wird einmal recht kommandieren: er hat schon die Stimme wie ein Mann, behüt' ihn der liebe Gott!« – Herrmann nahm ihn auf und küßte ihn mit rührungsvoller Freude. »Willkommen!« sprach er, »du kleiner Erdensohn! Willkommen in dieser Wohnung des Schmerzes und des Vergnügens, du Frucht der treuesten, feurigsten Liebe! dein Dasein sollte mich betrüben: – aber nein! freuen will ich[661] mich über dich, freuen wie ein Vater, dem sein erster Sohn geboren wird!« – »Das hab ich auch Ulriken geraten«, unterbrach ihn die Pfarrfrau. »Das arme Geschöpf härmt sich und weint, wenn sie den Jungen nur anblickt. Ich hab ihr schon gesagt, das Kind kann unmöglich gedeihen: Sie sind ja nicht die erste und werden auch, so Gott will, nicht die letzte sein: aber das hilft nichts, sie läßt sich nicht beruhigen. – Sehn Sie einmal, wie der kleine Schurke seinen Vater anlacht! Nu, so ruf: Papa!« – In dieser muntern Laune schäkerte und tändelte sie mit dem Kinde und war so lebhaft vergnügt darüber, als wenn sie es selbst geboren hätte. Sie trug sehr viel zu Ulrikens Aufheiterung bei: die junge Mutter gewöhnte sich allmählich an ihre Situation, und die Freuden des künftigen ländlichen Lebens, die ihr Herrmann täglich mit frischen Farben vormalte, stärkten sie, daß sie die Gefangenschaft einer Kindbetterin, aller Schwächlichkeit ungeachtet, glücklich überstand.

Herrmann hatte sich den Plan gemacht, daß nach Verlauf dieses Zeitpunktes in seiner neuen Behausung alles zustande sein sollte, um ihn mit seiner jungen Hausmutter aufzunehmen: mit den hauptsächlichsten Einrichtungen gelang es ihm auch. Von Freude glühend und wallend, brachte er in einem Vormittage Ulriken ihre neue Bauerkleidung, die er unterdessen für sie hatte machen lassen, half ihr sich ankleiden und lud sie auf den Mittag zur ersten Mahlzeit in seinem Häuschen ein. Im kurzen, flanellnen Unterrocke und roten Mieder, die Arme wirtschaftlich aufgestreift, stand sie da und lächelte mit kindischem Vergnügen über ihr eignes Bild im Spiegel: nur die Haube, nach der Mode des Dorfs gemacht, mißfiel ihr: sie warf sie mit Widerwillen vom Kopfe, band sich die Haare, daß sie eine Art von Ghignon bildeten, nahm Herrmanns runden Hut und setzte ihn drauf: sie war zum Entzücken artig und niedlich in der neuen Tracht. Herrmann nahm sie an den Arm: sein Vater, Hedwig, der Pfarr und die Pfarrfrau folgten ihm: die Pfarrfrau ließ sich um alles in der Welt die Ehre, das Kind zu tragen, nicht nehmen; und so hielten sie ihren Einzug. Von dem[662] Eingange durch das Vorhaus bis zur Schlafkammer war eine breite Straße von duftenden Blumen gestreut: über Türen und Fenstern hingen Bogen von Tannenreisig, mit Blumen verziert: ringsum atmete Wohlgeruch, und aus allen Gesichtern lachte Vergnügen. Ulrike wußte sich vor inniger Herzenswonne nicht zu fassen: sie lief geschäftig durch alle Kammern und besah jeden Winkel vom obersten Boden bis zum untersten Keller, bezeichnete im Garten jedes Plätzchen, wo dies, wo jenes gepflanzt und gesät werden sollte, und machte auf der Stelle mit einem Paket Samen den Anfang, den ihr die Pfarrfrau verschaffte. Hedwig eilte voller Begierde nach dem Stalle, den Kühen den Besuch abzustatten, und wollte in Gegenwart der ganzen Gesellschaft ihre Probestück im Melken machen: allein der heimtückische Zufall führte sie zu einem Stiere, und der landmännische Scherz hüb laut auf ihre Unkosten an. Sie hielten die nüchterne Mahlzeit im Obstgarten unter einem schattichten Apfelbaume: die Bienen des Nachbars summten in den durchsäuselten Ästen und unter den bunten Blumen des wollüstigen Grases, Vögel hüpften und zwitscherten in den Zweigen, Schmetterlinge schwärmten mit blinkenden Flügeln herum, in der Luft lebte das muntre, sausende Gewühl des Sommers und der regen Natur: an zween niedrige Bäume geknüpft, hing das weiße Tuch, worinne wie in einem indianischen Hamak, der junge Erbe des Hauses schlief und von der durchstreichenden Luft sanft gewiegt wurde. Der Tag war für Herrmann und Ulriken der fröhlichste ihres ganzen Lebens, ein Fest der Wonne.

Zween Tage hatten sie in voller Berauschung über ihr neues Glück hingebracht, als sich schon eine Bitterkeit in ihre Freuden mischte: der kleine Herrmann starb. Sosehr Ulrike vor seiner Geburt sein Dasein scheute, sosehr blutete itzt ihr mütterliches Herz bei seinem Verluste. Speise und Trank, Arbeit und Vergnügen schmeckten ihr herbe: jeder Ort, wo sie ihn getragen, geliebkost, gewindelt, genährt, wo er geschlafen, geweint oder gelacht hatte, erweckte ihre Tränen, und oft ließ sie eine angefangne Beschäftigung plötzlich liegen,[663] um zu der geliebten Leiche zu eilen, mit nassem Blicke über ihr zu hängen und in stiller Betrübnis über ihrem Ebenbilde zu trauern: sie hauchte den kleinen Lippen ihren Atem ein, aber die mütterliche Liebe vermochte nicht das erstarrte Herz zu erwärmen: sie trennte sich wehmutsvoll von dem entseelten Knaben und suchte an Herrmanns Brust Erleichterung für ihren Schmerz.

»Liebe!« sprach er zu ihr, »wir selbst wollen ihm die letzte Elternpflicht entrichten, mit unsern Händen sein kleines Grab bereiten, und aus unsern eignen Händen soll ihn die Erde empfangen.« – Ulrike übernahm das Geschäfte sehr gern, und während daß Herrmann sich von dem Totengräber einen Platz anweisen ließ und das Grab machte, pflückte sie auf den Wiesen Blumen, bettete mit ihnen in der Schachtel, die zum Sarge dienen sollte, ein buntes Lager, band einen Kranz von Fichtenzweigen, mit Vergißmeinnicht durchflochten, und schmückte damit das kleine Haupt, und in die Hände gab sie ihm eine aufbrechende Rosenknospe. In der Dunkelheit des Abends ging sie, ihren Herrmann am linken Arme und unter dem rechten den Leichnam, auf den Kirchhof. Der volle Mond stand über dem Grabe und warf Tageslicht in die finstre Höhle: alles schlief an diesem Orte der Ruhe, selbst die Luft. Die beiden Leidtragenden saßen in stummer Umarmung auf der ausgeworfnen Erde und schauten in die Wohnung ihres versenkten Geliebten hinab: nichts unterbrach das allgemeine teilnehmende Schweigen als das Rauschen dahinschießender Fledermäuse oder der Klageton des Uhus aus den finstern Winkeln des weißen Kirchturms oder das Wimmern eines Käuzchens, das wie ein ächzendes Kind über ihren Häuptern schwebte und das Leichenlied jammerte.

Sie standen auf und warfen das Grab zu, so schwer sich auch Ulrike dazu entschließen konnte. – »Welches von uns beiden wird das andre so begraben?« fing Herrmann an, indem er die Erde hinabschaufelte.

»Möchtest du es sein!« antwortete Ulrike. »Meine Leiden haben mich mit dem Tode so vertraut gemacht, daß ich[664] lebendig hier wohnen könnte in dieser friedlichen Nachbarschaft. Wie sie so einträchtig alle hier schlafen! Sie lieben sich freilich nicht: aber sie hassen sich doch auch nicht.«

Herrmann. Noch im Tode ist jede Familie ungetrennt. Siehe! hier neben mir ruht ein Hausvater – fünfundsiebzig Jahre lebte er, wenn mich das Mondlicht nicht täuscht –, neben ihm seine alte Hausfrau, im siebzigsten gestorben; hier ruhen sie unter vier schattichten Obstbäumen und zu ihren Füßen die ganze kleine Nachkommenschaft. Wie eine junge Baumschule stehn die kleinen Kreuze da: acht sind ihrer: und wer weiß, wie viele Brüder noch unter dem Joche des Lebens keuchen, die einst an einem andern Platze ihre kleine Herde ebenso um sich versammeln werden? – Wie glücklich, Ulrike, daß wir einmal in so guter Gesellschaft schlummern sollen!

Ulrike. Tausendmal süßer ist es, mir hier meine Ruhestätte zu denken als in der hochgräflichen Gruft meines Onkels: man liegt dort in dem schwarzsamtnen, tressenreichen Kasten, und der ganze traurige Aufputz hat so eine steife, gezwungne Miene, als wenn sich die Leute noch im Tode voreinander genierten. Kurz vorher, eh' ich das Schloß verließ, besuchte ich sie, als man frische Luft hineinließ: O, dacht ich, ihr seid wohl alle an der Langeweile gestorben. Die Leute liegen in so ehrerbietiger Entfernung voneinander, als wenn sie sich ebenso aus dem Wege gingen wie im Leben, und kommen nur dann erst in vertrauliche Nähe unter- und übereinander, wenn ihnen der Platz fehlt. – Tausendfach angenehmer ist es, hier in freundlicher Zutraulichkeit unter dieser grünen blumengestickten Decke zu schlafen!

Herrmann. Tausendfach angenehmer, sich hier sein Grab zu denken als auf dem städtischen Gottesacker, wo man, oft von Dunsen, Narren, Schurken und Bösewichtern umringt, liegt und sich vielleicht mit Gebeinen vermischt, die man im Leben kaum unter einen Himmel mit sich dulden mochte, und wo oft ein glänzender Stein und eine fabelhafte Inschrift den Nichtswürdigen noch im Tode über den braven Mann erhebt! Doch hier ruht man in der besten Gesellschaft, unter[665] den nützlichsten Bürgern des Staats – unter Menschen von dem allgemeinsten Einflusse, die die Lasten der Menschheit trugen und die Menschen nährten; die in reger Tätigkeit jede Minute des Lebens verdienten, durch Fühllosigkeit der Verachtung und Armut standhafter Trotz boten als der gerühmteste Weise, mit ihren bösen Handlungen den kleinsten Schaden und mit ihren guten den allgemeinsten Nutzen schafften. – O Ulrike! wenn wir hier, die Frucht unserer Schwachheit zu den Füßen, beisammen schlummern werden!

Ulrike. Laß uns gehn! dieser Gedanke macht mir die ganze Szene graushaft.

Herrmann. Nein, laß uns bleiben! Noch sind wir der Tugend eine Aussöhnung schuldig. Hier ruht er, der Sohn der Schwachheit: Leidenschaft entheiligte deine Tugend, um ihn zu zeugen: die Leidenschaft muß für diesen Frevel büßen. Über der Grabstätte unsers Kindes gelob ich dir – zwei Jahre soll unser Lager getrennt sein. –

Ulrike gab ihm die Hand, lehnte sich sanft an ihn und flüsterte ein seufzendes »Ja«.

Sie kehrten sich noch einmal zum Grabe, nahmen leisen Abschied und verließen den Kirchhof. Ulrike pflanzte den folgenden Tag rings um den Hügel niedres Gesträuch, und Herrmann setzte darauf ein schwarzes Kreuz mit den eingeschnittnen Worten: ›In Kummer gebar mich meine Mutter.‹ Nach der Sitte des Dorfs wurde der Kirchhof seitdem auch ihr sonntägiger Spaziergang, um das kleine Grab zu besuchen und von den Lebenden die Geschichte der Verstorbnen zu hören.

Quelle:
Johann Karl Wezel: Hermann und Ulrike. Leipzig 1980, S. 661-666.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Kleist, Heinrich von

Die Hermannsschlacht. Ein Drama

Die Hermannsschlacht. Ein Drama

Nach der Niederlage gegen Frankreich rückt Kleist seine 1808 entstandene Bearbeitung des Hermann-Mythos in den Zusammenhang der damals aktuellen politischen Lage. Seine Version der Varusschlacht, die durchaus als Aufforderung zum Widerstand gegen Frankreich verstanden werden konnte, erschien erst 1821, 10 Jahre nach Kleists Tod.

112 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon