Zweites Kapitel

[644] Zwo Stationen vor dem Ende seiner Reise sah er einen Mann, dessen Figur außerordentlich viel Bekanntes für ihn hatte, den jungen Burschen gebieterisch kommandieren, der seinen Kuffer auf den Wagen packte: über eine Weile drehte sich der Mann nach dem Fenster hin, wo ihn Herrmann beobachtete. – ›Das ist mein Vater!‹ sagte sich dieser und wollte eben Anstalt machen, Erkundigung einzuziehn, als der nämliche Mann in einem gelben Postrocke hereintrat und sein Packgeld foderte: er stutzte, da er Herrmanns Gesicht erblickte, daß ihm das Wort zwischen den Lippen starb. »Herrmann! mein Vater!« rief der Sohn und flog auf ihn zu, seine Hände zu fassen: aber der Alte wehrte ihn von sich ab. – »Geh! du stolzer Halunke: ich kenne dich nicht: ich kenne keinen Sohn, der mich verachtet.«

Er wollte gehn, aber Herrmann zog ihn mit der äußersten Gewalt zurück. – »Ich muß von meinem Vater für seinen Sohn erkannt werden: eher reise ich nicht von der Stelle«, rief er.

Der Vater. So kannst du bleiben bis zum Jüngsten Tage. Bist du etwa in Not, daß du mich itzo kennst, du Schandbube? – Du hast mich in Berlin verleugnet, da ich dich brauchte: itzt mach ich's wieder so. Ich bin versorgt ohne deine Hülfe, du hochmütiger Affe; ich habe mein Brot: suche dir deins! Geh mir aus den Augen!

Der Sohn. Aber, liebster Vater, nur ein Wort! Meine Vergehung in Berlin war nicht meine Schuld: die Reue darüber hat mich genug gefoltert. Aus bloßer Reue, um meine schändliche Verleugnung wieder gutzumachen, aus kindlicher aufrichtiger[644] Liebe biete ich meinem Vater die Hand zur Versöhnung. Ich bedarf keine Hülfe: ich habe alles vollauf: ich biete Ihnen an, soviel Sie wollen, soviel Sie bedürfen, ich will gleich den Kuffer öffnen und vor Ihnen alles ausschütten: nehmen Sie, nehmen Sie davon, was Sie brauchen!

Der Vater. Denkst du, Hasenkopf, daß ich meine väterliche Liebe für Geld verkaufe?

Der Sohn. Nein, das ist gar nicht der Bewegungsgrund: bloß um Ihnen zu beweisen, daß mich nicht die Not dringt, Ihre Verzeihung zu suchen; daß ich mein schändliches Leben in Berlin mit der heißesten Reue mißbillige; daß ich nicht der Unmensch bin, der sich seines Vaters schämt, sondern daß eine fremde Gewalt mich dazu zwang – bloß darum fleh ich um Verzeihung. – Vater, ein versöhnendes Wort!

Der Vater. Da! schlag ein, du Halunke! es mag dir diesmal hingehn, weil du nicht mehr so vornehm aussiehst wie in Berlin. Ja, wenn ich nicht gar zu böse auf dich gewesen wäre, so hätt ich dir gleich die Hand auf das erste Wort gegeben, so gefällst du mir itzo in dem Aufzuge. Ein allerliebster Kerl bist du in den abgestutzten Haaren und dem runden Hute. So wahr ich lebe! ich habe gar nicht gedacht, daß mein Junge so hübsch ist: – ja, ich will dir's vergeben, weil du so hübsch um die Haare gehst. – Aber du gottlose Brut! willst du denn etwa deinen Vater wieder so trocken abspeisen wie in Berlin! den Augenblick nehm ich meine Vergebung zurück, wenn du nicht auftragen lässest! –

Der Sohn flog sogleich hinaus und bestellte alles, was zu haben war, in dem reichlichsten Überflusse. Sie setzten sich: der Vater zog sein schwarzes Pfeifchen aus der Tasche, schlug Feuer an und rauchte. – »So gefällt mir's«, sprach er dampfend, »daß wir so hübsch vernünftig beisammensitzen können. In der schönen Stube der hochgetürmten gelbschnäblichten Madam in Berlin hätt ich nicht für meine Sünden sein mögen: das war ein Hundeleben; und mich gar zur Tür hinauszujagen! – Siehst du, du gottesvergeßner Bube? weil du deinen Vater verleugnetest, hab ich die Leute ansprechen müssen: von Berlin bis nach Leipzig hab ich mich gebettelt,[645] bis mich ein Kaufmann aus Hamburg mit sich nahm und mir in seinem Hause eine Versorgung geben wollte: da wir hieher kamen, hörte ich, daß hier im Posthause der Packmeister gestorben war, und weil sie mich brauchen konnten, zog ich den gelben Rock an und blieb hier. Bist du nicht der Hölle wert, du ungeratner Sohn, daß du deinen Vater in solche erbärmliche Umstände kommen läßt?«

Der Sohn. Mein Herz zerschmilzt vor Betrübnis darüber: aber, ich gebe meine Seele zum Unterpfande, mein Herz blutete, indem ich dem grausamen Befehle, Sie nicht zu erkennen, gehorchte. –

Er erzählte hierauf die Begebenheit, soweit es zu seiner Rechtfertigung nötig war, und lag dem Alten inständig an, seinen Platz zu verlassen und ihm zu folgen: das wurde gerade abgeschlagen. Der Sohn verdoppelte seine Bitte, berichtete die Absicht seiner Reise und seinen künftigen Plan, doch ohne Ulrikens zu gedenken. »Ich mag nicht deiner Gnade leben«, antwortete der unerbittliche Alte. Der Sohn ließ seinen Kuffer in die Stube holen und schüttete ihm Geld hin. – »Packe dein Geld ein!« sprach der Alte plötzlich, indem er den Kuffer durchwühlte und einen weißen abgedankten Überrock fand, der schon einige Zeit zum Puderkleide gedient hatte. »Wenn mir der weiße Rock paßt, will ich mit dir gehn.« – Er machte einen Versuch, und da er ihn für seinen dürren Körper recht geräumig fand, rief er auf einmal voll Freuden: »Junge, ich geh mit dir: komm! mache mir so einen hübschen Kopf, wie du hast: wir leben und sterben zusammen.«

Der Sohn mußte ihm die Haare verschneiden, einen runden Hut für ihn zurechtmachen und vermittelte bei dem Postmeister seine Entlassung: sie reisten zusammen fort, und der Alte war so vergnügt über seinen neuen Kopfputz, daß er sich in jedem Wasser besah, durch welches sie fuhren.

Herrmann, als sie in dem Dorfe ankamen, aus welchem Ulrikens Brief geschrieben war, fuhr gerade vor die Pfarrwohnung, stieg ab, ging hinein: es war niemand als eine Magd zu Hause, die ihn mit seinem Vater in eine Stube wies[646] und ihre Herrschaft aus den Wiesen zu rufen versprach. In der Stube stund außer den gewöhnlichen Möbeln nichts als ein großes, altväterisches Himmelbette mit zugezognen kattunen Vorhängen. Langeweile und Ungeduld trieb ihn an, die Sachen in der Stube zu betrachten: besonders zogen die bunten Bettvorhänge, wo auf einem dunkelblauen Grunde eine Menge weißer Israeliten ungeheure Weintrauben an Stangen aus dem gelobten Lande trugen, seine Aufmerksamkeit auf sich: die grotesken Figuren reizten seine Neubegierde, auch die inwendige Verzierung des Bettes zu untersuchen, er schlug die Vorhänge zurück und fand ein schlafendes Frauenzimmer darinne – ein bleiches, abgezehrtes Gesicht, aus welchem selbst im Schlafe der Kummer sprach: die dürren, fleischlosen Hände lagen kreuzweise übereinander auf dem Bette, gerade als wenn sie im Sarge daläge. Herrmann, sowenig er Ulriken in ihr erkannte, zweifelte doch keinen Augenblick, daß sie es wäre. – ›Wenn dir ein blasses Mädchen im Sterbekleide vor dem Bette erscheint, dem Kummer und Reue aus den entseelten Zügen sprechen; dann denke: itzt starb meine Ulrike!‹ – Diese Stelle fiel ihm sogleich bei ihrer leichenmäßigen Lage aus ihrem letzten Briefe ein: bestürzt legt er leise die Hand auf ihr Herz, um zu fühlen, ob es noch schlage, empfand zu seiner Freude unter seinen Fingern matte langsame Schläge, wollte die Hand zurückziehn, um die Schlafende nicht durch seinen plötzlichen Anblick zu erschrecken, wenn sie etwa erwachte, und ließ sie immer liegen, wollte gehen und blieb da, mit banger Wehmut in ihre traurige Miene vertieft. Plötzlich fuhr sie im Schlafe zusammen, als wenn sie ein Traum schreckte: er wollte entfliehen, aber es war zu spät: ihre Augen standen schon offen, ehe er die Hand zurücknehmen konnte. Sie sah ihn einige Zeit starr an, als ob sie seine Erscheinung für einen Traum hielt, und kaum öffnete er die Lippen zu einem leisen »Ulrike«, als sie ängstlich seufzte: »Gott!« und tief ihr Gesicht in die Betten verbarg.

»Wende dich nicht von mir, Ulrike!« sprach Herrmann mit aller möglichen Sanftheit der Stimme, die ihm seine kochende[647] Empfindung zuließ. »Ich komme als dein Helfer, als dein Retter, will dein Herz seines Kummers entladen und ihm Freude und Ruhe wiedergeben, die ich dir nahm. Wende dich nicht von mir! Der Sarg soll nicht deine Brautkammer werden. Sieh! er ist da, den du liebst, und beut dir seine Hand, um dich aus den Armen des Todes zu ziehn. Er ist da und weint die Tränen aus Freude, die er um deinen Tod auf deinen Namen strömen sollte! Er ist da und wartet auf deinen Blick: warum verbirgst du ihn mir?«

Er hörte sie in das Bette hineinschluchzen und mit leisen abgebrochnen Tönen sagen: »Verlaß mich, daß ich mich erhole!« – Er gehorchte, machte die Vorhänge fest zu und ging aus der Stube zu seinem Vater, der im Hofe stand und ein Pfeifchen rauchte. Der Alte erstaunte, daß er die Pfeife auslöschen ließ, als ihm der Sohn Ulrikens Gegenwart und sein Vorhaben, sie zu heiraten, entdeckte: er hielt ihn für verwirrt; denn er wußte von seiner Geschichte weiter nichts, als was auf dem Schlosse des Grafen vorgefallen war, und auch dies hatte er schon längst vergessen. Der Sohn brauchte alle Mühe, ihn zu überzeugen, daß er bei völligem Verstande sei: er entdeckte ihm in verhüllten Worten den bedenklichsten Punkt der Geschichte. – »Was?« fuhr der Vater mit herzinniger Freude auf, »das Mädchen ist schwanger? Du verdammter Hund! so bunt hat's ja dein Vater nicht gemacht. Erleb ich die Freude so zeitig, daß ich Großvater werde? – Über den Zeisig!« –

Indem seine Freude über die unvermutete Großvaterschaft sich noch in vollem Strome ergoß, langte die Gesellschaft aus den Wiesen an, die Pfarrfrau voran, Herrmann ging auf sie zu, dankte ihr für Ulrikens Aufnahme und benachrichtigte sie, daß er gekommen sei, ihr die gehabte Bemühung zu vergelten und sie davon zu befreien. – »Ach, sind Sie der –?« fragte die Pfarrfrau mit einer scheelen Miene. Ihr Herr Sohn hatte kaum Herrmanns Gesicht erblickt, als er erschrak und furchtsam sich hinter seine Mutter stellte, um dem Menschen nicht in die Augen zu sehn, der ihm sein Geld abgewonnen hatte. Zuletzt unter allen kam auch Fräulein Hedwig herangewackelt[648] und schrie laut, da sich Herrmann nach ihr hindrehte. »Ach, du liebes Väterchen im Himmel!« fing sie an, »sind Sie denn wirklich in propriis figuribus da? Bewahre mich mein Gott! das ist ja wie dort bei dem Virgilio Marus, da Ulysses seine Penelopam in Kindesnöten wiederfindet. Das wird eine Freude sein. Haben Sie denn das arme Rik-chen schon gesprochen? Das liebe Mädchen ist so krank, sie kann nicht aus dem Bette. Hab ich's euch nicht immer gesagt, da ihr noch jung wart, ihr solltet nicht so frei reden und jede Sache deutsch nennen? Aber da hatte der hochweise Herr Schwinger beständig etwas einzuwenden: da mußte man euch allen Willen lassen, und wenn Ihr euch in einem Tage hundert Gages d'amour gegeben hättet; da sollte die Liebe durch Hindernisse und Verbote nur wachsen: ja, sie ist gewachsen! Nun kömmt dem überklugen Herrn der Glaube in die Hände. – Ach, die Mannspersonen! das sind doch leibhafte Bestiae ferocis, wie sie mit den armen Mädchen umspringen. Es ist auch gar kein Erbarmen.«

Über diesem Geschwätze waren sie in die Stube gekommen, wo Ulrike lag. Hedwig watschelte sogleich zu dem Bette, auch die Pfarrfrau ging hin. »Rikchen, sehn Sie doch, wer da ist! Du liebes Gottchen, sehn Sie doch! er ist ja da! er will Sie heiraten«, rief Hedwig. – »Heiraten, mein trautes Töchterchen!« unterbrach sie die Pfarrfrau. »Nicht sterben, mein Lämmchen! Heiraten! heiraten!« –

So bestürmten sie beide die arme Kranke mit unaufhörlichem Gewäsche und brachten es endlich so weit, daß sie sich umdrehte und noch um einige Minuten Geduld bat, ehe sie Herrmanns Blick ertragen könnte: man ließ sie in Ruhe. Herrmann erzählte seinen ganzen Plan, und alle billigten ihn außerordentlich. Die Pfarrfrau, die ungemeine Liebhaberin vom Heiraten war und nur deswegen ihre anfängliche scheele Miene verlor, weil Herrmann Hochzeit machen wollte, rechnte ihm schon alle Unkosten der Trauung und des Hochzeitsschmauses vor, belehrte ihn über das Zeremoniell, ordnete schon die Schüsseln auf der Tafel, setzte die Gäste nach der Rangordnung um sie herum und holte ein[649] hohes Sieb herbei, um ihm das Maß des Brautkuchens zu zeigen, und meldete mit innigem Vergnügen, daß ihr eigner in dieser Form gebacken worden sei. Fräulein Hedwig wurde über diese seelerfreuenden Anstalten so betrübt, daß sie ans Fenster trat und den Schmerz über ihre zweiundfunfzigjährige Jungfernschaft, für welche sich wahrscheinlicherweise keine Abnehmer erwarten ließen, in häufigen Tränen ersäufte, wiewohl sie vorgab, daß sie aus Rührung über das unverhoffte Glück der jungen Leute weinte. Der alte Herrmann verwarf alles, was die Pfarrfrau vorschlug, als unnütze Alfanzereien und wäre beinahe über die Größe des Brautkuchens in einen Zank mit ihr geraten; aber wenn sie einmal über einen Punkt einstimmten, dann gaben sie einander die Hände und lobten sich, daß sie so gescheite Einfälle hatten: die Pfarrfrau erinnerte zwar hie und da mit bedenklichem Achselzucken, daß es viel kosten werde: »Aber«, setzte sie hinzu, »es muß sein; und man macht ja nicht alle Tage Hochzeit; und zudem reut mich kein Geld weniger, als was mich meine Hochzeit gekostet hat.« – »Ach, der Junge hat Geld!« unterbrach sie der alte Herrmann, »Geld in Menge! Sie können fürstlich zusammen leben. Wenn nun der Teufel nur auch meine Nille herbeiführte! Das Henkersweib würde schwänzen und trippeln, wenn sie die Hochzeitanstalten mitmachen sollte: die würde schnattern und gackern und heulen vor Freuden! Für unsre Ohren ist es ganz gut; aber ich wollt' ihr doch die Freude gönnen, wenn sie nicht etwa mit dem christlichen Leinweber selber Hochzeit gehalten hat. Nille, Nille! wenn ich das erfahre!«

Herrmann stand, ohne zu reden, neben einem Tische, ließ die Leute Anstalten machen und dachte bei sich, keine einzige auszuführen; denn er wollte sich ohne alle Feierlichkeiten, wo nicht den nämlichen Tag, doch den folgenden am Bette mit ihr trauen lassen. Die Freude, die die Beratschlagung der Pfarrfrau und des alten Herrmanns belebte, teilte sich endlich auch der Kranken mit: sie vergaß ihren Kummer, überwand ihre Scham, öffnete von Zeit zu Zeit die Vorhänge, um nach ihrem Herrmann hinzuschielen, und ließ sie[650] hurtig wieder zufallen: sie konnte sich nicht bezwingen: nach langem Kampfe mit sich selbst, da die unendlichen Hochzeitsgespräche die Liebe wieder in ihr aufweckten und die Freude sie dreist machte, steckte sie den Kopf durch die geöffneten Vorhänge und rief leise mit bebender Stimme: »Heinrich!«

Der Laut hatte kaum sein Ohr berührt, so eilte er zu ihr hin, kniete vor dem Bette nieder und drückte ihre Hand feurig an seine Lippen: die Freude hemmte beiden die Zunge.

Ulrike. Kömmst du so zeitig, um auf meinem Grabe zu weinen?

Herrmann. Nein, Ulrike, um dich aus dem Grabe zu reißen! Schmücke dich mit Freude wie eine Braut! du bist es! du bist es!

Ulrike. O Heinrich! das Ende des Mais, wenn die Frühlingsblumen sterben! da wird dir der Tod eine pflücken –

Herrmann. Keine solche finstern Gedanken! Unser bisheriges Leben war Tod, solange uns das Unglück trennte: aber itzt, itzt beginnt es neu, frisch und duftend wie ein junger Morgen.

Ulrike. Ich kann mich des traurigen Gedankens nicht erwehren, daß ich sterben werde. Heinrich, ich sterbe gewiß: alles, was ich nur anblicke, was ich nur höre und empfinde, alle meine Sinne rufen mir zu: du stirbst!

Herrmann. Phantomen des Kummers und einer entflammten Einbildung! Sind nicht Tausende Mutter geworden, ohne daß sie starben? Warum sollte der Tod nur dich auszeichnen?

Ulrike. Aber keine stritt mit so langem Kummer, mit Reue, Schande und Mangel. Meine Lebenskräfte sind ausgezehrt, mein Atem nur noch ein schwacher Hauch: siehst du diese abgefallnen Hände, ein Knochengerippe mit Haut überzogen? und du zweifelst noch, ob ich sterben werde? – Ich bin gefaßt darauf: mein glimmender Lebensfunke wird ein neues Leben anzünden und erlöschen. Das Bild des Todes ist nicht aus meinem Gehirne gewichen, solang ich hier wohne: immer steht das schreckliche Gerippe mit ausgeholter Sense vor mir, daß ich oft den Hals ängstlich drehe und wende und[651] jeden Augenblick denke: itzt wird er dich wegmähen wie eine Grasblume! Dort im Winkel seh ich seit drei Tagen, da ich vor Schwäche nicht das Bett verlassen kann, meinen Sarg stehen – gerade wie der Sarg der Sechswöchnerin, die man vorige Woche begrub –, braun mit silbernen Leisten! Wenn das Tuch zum Essen auf den Tisch gebreitet wird, scheint es mir ein Leichentuch: ich höre laut und feierlich mein Sterbelied singen, und jedesmal, wenn die Kinder vor der Tür bei ihren Spielen ein Begräbnis aufführen, tönt mir ihr Gesang so ernst, so melancholisch! – ich glaube alsdann schon im Sarge zu liegen, die schwarzen Träger treten herein, um mich aufzuladen: tragt mich fort! sprech ich weinend: nur sagt meinem Heinrich, wo ihr mich hinlegt! – O warum kamst du, mich in meinen Todesgedanken zu stören?

Herrmann. Nicht bloß stören, verscheuchen will ich sie! – Betrachte dich als eine Auferstandne, von der Liebe aus dem Todesschlafe des Kummers erweckt! Diese Hand, deren Druck die deinige erwärmt, bietet dir ein kleines Glück, das freilich ein zufriednes Herz fodert, um ein Glück zu heißen! aber Ulrike, Liebe und Mäßigkeit sollen uns jeden Groschen verdoppeln, Freude den sparsamen Bissen würzen und Zufriedenheit unsern Acker zum Königreiche machen. Wir werden durch den Trauring vereinigt, sobald es deine Schwäche zuläßt: ich kaufe ein kleines Bauergut; und Ulrike, hat uns dann nicht der Himmel einen Wunsch gewährt, den wir in jener Nacht der Liebe taten?

Ulrike. Die Wonne ist zu groß, als daß ich sie glauben sollte: meine Brust ist zu enge für sie. – Aber gewiß, Heinrich! ich werde sie nicht erleben, werde vielleicht den ersten Morgenschimmer dieses Glücks sehen und sterben.

Herrmann. Neu verjüngt leben, willst du sagen! Wir wollen ganz werden, wozu die Natur den Menschen bestimmte – den Acker bauen und uns lieben! Bedenke, welche herrliche Auftritte auf uns warten! Auftritte, so schön du sie dir nie in deinem Arkadien auf dem Schlosse deines Onkels dachtest!

Ulrike. Die Freude wird mich töten, so gewaltig ergreift sie mein Herz bei deiner Beschreibung. Du bist mir wie ein[652] Bote des Lebens, der einem Gefangnen auf Tod den finstern Kerker öffnet: wie eine Sonne hast du alle Bilder in meinem düstern Gehirn erleuchtet: – Ach! wenn dies nur ein glänzender Traum wäre, den der Tod hinwegraffte!

Herrmann. Nennst du einen Traum, was man in der Hand hält? – So fest, so wirklich, als meine Hand die deinige faßt, so wirklich fassen wir auch unser Glück. – Welch ein Himmel, wenn unter den kleinen wirtschaftlichen Sorgen im überfließenden Genusse der Liebe und Wonne unser Leben dahineilt wie ein freundschaftliches, muntres Gespräch! Wenn ich hinter dem Pfluge dahinschreite oder den Samen für das künftige Brot ausstreue oder mit dir die Garben sammle und einführe und dann in der Sonnenhitze deine Hand mir den Schweiß abtrocknet, deine Hand mir den Trunk reicht, der mich laben soll! Wenn ich nur für dich Beschwerlichkeiten trage, für dich säe, für dich ernte! Wie wird dieser Gedanke alle meine Nerven anspannen, meinen Schultern die Last erleichtern und den Händen das Grabscheit oder die schwere Hacke zum leichten Spane machen! – Wir wollen ganz Landleute sein, wie es sich gehört, nicht wie faule Müßiggänger die Arbeit fremder Hände genießen, sondern mit unsern eignen unser Leben verdienen. Keine Beschäftigung, keine Mühe soll für mich zu geringe, zu verächtlich sein: du erleichterst den Kühen die hängenden Euter, streust reinliches Stroh auf ihr Lager, schaffst aus der fetten Milch unsern labenden Nachtisch oder reichst sie mir zum erquickenden Trunke in der hölzernen Schale; sammelst um mich herum das duftende Futter der kleinen Herde, wie es unter meinem Sensenhiebe dahinfällt; pflanzest, begießest; und jede Arbeit, die wir zusammen verrichten, versüßt muntres, fröhliches Gespräch. Schon seh ich dich wie eine geschäftige Hausfrau im leichten, kurzen Unterrocke, mit aufgestreiften Armen, die Haare unter das runde, verschobne Häubchen gesteckt, ohne städtischen Putz, in kunstloser reizender Nachlässigkeit herbeieilen und das selbstbereitete Mahl auf dem reinlichen hölzernen Teller mir vorsetzen, vor Betriebsamkeit kaum einen Bissen ruhig genießen, immer auf das fehlende[653] Bedürfnis sinnen und schnell es herbeischaffen, noch ehe man es vermißt: schon sitz ich neben dir des Abends unter den Linden vor der Haustür und verzehre mit dir von deinem Schoße die mäßige Abendkost und trinke aus dem neben uns stehenden Kruge, heiter, frisch, belebt wie die Luft, die um uns weht: wenn dann Nachbarn und Nachbarinnen sich zu uns gesellen, sich um uns herum setzen und mit offnem, neugierigem Munde die Geschichte der großen Städte von uns hören und über die Fratzen, Torheiten, Gebräuche und Bedürfnisse der vornehmen Welt wie über Seewunder lachen, vor Erstaunen die Hände gen Himmel heben und glauben, wir erzählen ihnen kurzweilige Märchen aus einem Fabelbuche! – Ich vermag sie nicht alle zu schildern, die himmlischen Szenen, in so unzählbarer Menge eilen sie mir entgegen! – Unsre Nachbarn werden uns lieben, weil wir sie lieben: wir stimmen uns allmählich zu der Kindheit ihres Herzens und ihres Verstandes herab, beneiden, tücken, verfolgen einander nicht, da ein jedes genug hat, weil es nur wenig braucht: Zwang, Langeweile, Verdruß kennen wir gar nicht; und dann, Ulrike! in so vertraulicher, harmloser, treuherziger Gesellschaft Liebe zu fühlen, wie wir sie empfinden! nach so mannigfaltigen Verfolgungen, Mühseligkeiten, Hindernissen und Qualen an der Brust der Liebe zu liegen und volles, reines, süßerquickendes Entzücken, wie Kinder ihrer Mutter Milch, zu saugen! – Ulrike! kannst du noch an den Tod denken, wenn sich dir ein solches Leben eröffnet?

Ulrike. O Heinrich, du bist mir ein Engel, der aus rosenfarbnen Wolken Licht und Feuer in meine bekümmerte Seele herabgießt: deine Reden haben alle meine Gedanken und Empfindungen über sich selbst erhöht: komm! fasse mich in deine Arme, daß mir die Freude nicht die schwachen Nerven zerreißt! –

Er faßte sie auf, als sie eben, entkräftet von der Wonne ihrer Einbildung, zurücksinken wollte: schluchzend an seiner Brust, sprach sie einmal über das andre: »So geht dann nunmehr der Traum meiner Kindheit in Erfüllung! so hab ich[654] dann nunmehr mein Arkadien, wie ich's in dem Garten meines Onkels mir träumte!« – Ihre aufgebrachte Phantasie arbeitete so heftig, daß ihr Körper unter der Anstrengung erlag: sie wurde so schwach, daß sie in Herrmanns Armen einschlief: er legte sie sanft auf das Kopfkissen nieder und verließ sie.

Die Pfarrfrau war unterdessen mit der übrigen Gesellschaft hinausgegangen, um ihr den Platz in natura zu zeigen, wo das Hochzeitessen gehalten, wie die Tafel gesetzt werden und wie die Gäste sitzen sollten; und Herrmann wartete ungeduldig auf die Ankunft ihres Mannes, um mit ihm über die Trauung zu sprechen: die Frau hatte vor Freuden, daß sie Hochzeitanstalten zu besorgen bekam, schon etliche Male nach ihm geschickt, allein er saß bei dem Bader und spielte mit ihm und dem Förster Kuhschwanz17, und die Partie war so ernsthaft, daß er sich unmöglich losreißen konnte. Endlich, nach der vierten Gesandtschaft an ihn, langte er an: Herrmann trug ihm nach der ersten Begrüßung sogleich sein Anliegen vor und bat, daß er ihn morgendes Tages mit Ulriken verbinden möchte. Der Pfarr gab ihm zur Antwort: »Um getraut werden zu können, müssen Sie sich erst dreimal aufbieten lassen: wollen Sie nicht dreimal aufgeboten sein, so geschieht es nur zweimal! wollen Sie nicht zweimal, so geschieht es nur einmal: wollen Sie auch nicht einmal, so geschieht es gar nicht.«

Herrmann. Das ist ja gerade mein Wunsch.

Der Pfarr. Wenn Sie gar nicht aufgeboten sein wollen, müssen Sie Dispensation haben: wenn Sie Dispensation haben wollen, müssen Sie sich an meine Vorgesetzten wenden: wenn Sie sich an meine Vorgesetzten wenden, müssen Sie ihnen Geld geben, damit sie Ihnen Dispensation geben; und ehe Sie Dispensation kriegen können, müssen Sie Ihren, Ihrer Braut, Ihrer beiderseitigen werten Eltern Namen, Ihren beiderseitigen Geburtsort, Geburtsjahr und Zeugnis von dem Pastore Ihrer beiderseitigen Geburtsörter beibringen, damit man sicher und zuverlässig weiß, daß Sie mit[655] Einwilligung Ihrer beiderseitigen werten Eltern und ohne Schaden und Nachteil eines Dritten sich verlobt und versprochen haben. Wenn Sie die Dispensation erlangt und bezahlt haben, ergeht an mich ein Befehl, und wenn ein Befehl an mich ergangen ist, trau ich Sie, sobald Sie die priesterliche Kopulation und Einsegnung begehren. Herrmann. Das ist ja ein unendlicher Weg zum Ehestande.

Der Pfarr. Anders geht es nicht; und wenn Sie eins von den genannten Erfodernissen nicht gehörig beibringen können, so bekommen Sie keine Dispensation, so darf ich Sie weder dreimal, noch zweimal, noch einmal aufbieten, so werden Sie nicht getraut.

Herrmann. Himmel! so sind die Gesetze noch grausamer als die grausamsten Menschen!

Der Pfarr. Ich habe die Gesetze nicht gemacht: wer die Gesetze gemacht hat, machte sie zum Besten vieler tausend Menschen; und was für viele tausend Menschen gut ist, kann um eines einzigen willen nicht aufgehoben werden.

Herrmann. O zum Besten der Menschen, daß man mit den Zähnen knirschen möchte! Priesterliche Gewinnsucht erfand sie, die Begierde, jede Handlung des menschlichen Lebens zinsbar zu machen: Herrschsucht und Geiz brüteten sie aus, und Aberglauben und Einfalt nahmen sie an.

Der Pfarr. Das kann in der Kirchenhistorie wohl wahr sein: ich bekümmere mich nur um das Gegenwärtige und lasse das Vergangne vergangen sein.

Herrmann. Ich mag Ihre eitele Zeremonie gar nicht: unsre Herzen sind zusammengeknüpft und werden es unzertrennlich bis in den Tod sein: – was vermag die Hand eines Priesters dabei? – Wenn zween Willen sich vereinigen, dann geht die Ehe an: wenn zween Willen sich trennen, dann hört sie auf. – Ich Tor! was will ich mich durch einen leeren Gebrauch an meinem Glücke hindern lassen? – Wir sind getraut: es bedarf Ihrer Hand nicht dazu. Hat uns das Unglück nicht genug geängstigt, soll es auch noch ein eitler Gebrauch tun?

Der Pfarr. Ja, in der Welt haben wir Angst. – Sie spielen ja wohl ein Lomberchen?

[656] Herrmann. Ulrike ist von dieser Minute an meine Frau: sie soll bei und mit mir leben, sobald ich eine Bauerhütte gekauft habe, die uns vor Wind und Wetter schützt, und einen Acker, der uns nährt.

Der Pfarr. Sie wollen sich ankaufen? – Bleiben Sie bei uns! werden Sie unser Gerichtsherr! Das Gut wird subhastriert werden. Es war jammerschade um unsern vorigen Herrn, daß er starb: wir werden so leicht keinen wieder bekommen, der so gut Lomber spielte. Ich versichre Sie, er machte Bete oder Kodille, und wenn der andre alle Hände voll Trumpf hatte. Es sollte mir eine Herzensfreude sein, wenn Sie unser Gerichtsherr würden.

Herrmann. Nein, so hoch steigen meine Wünsche nicht. Ein Bauer, ein wirklicher leibhafter Bauer will ich werden, ein mittelmäßiges Gütchen kaufen, das mich und Ulriken durch unserer Hände Arbeit erhält.

Der Pfarr. Sie ein Bauer? – Ein Bauer ist des lieben Gottes Esel, dem er alle Säcke aufladet, die die übrigen Menschen nicht tragen wollen – geplagt vom Morgen bis zum Abend, von der Wiege bis ins Grab: er muß geben für alle, und jedermann will durch seine Arbeit oder seinen Schaden reich werden: verachtet, bevorteilt, immer nur halb gesättigt, muß er sich sein Leben lang quälen, damit es andern Leuten wohlgeht. Hat er sein Äckerchen mit Mühe durchwühlt, gesät, geerntet, verkauft, dann trägt er sein gelöstes Geld zu Steuern und Gaben hin und darbt oder lebt kümmerlich, bis er wieder ernten und geben kann: und noch muß er die Zeit zur Bestellung wegstehlen: da gibt es Spanndienste, Handdienste, Botdienste, Frönen, Hofdienste, Kriegsfuhren, Kammerfuhren und Gott weiß, was weiter: viel geben, viel arbeiten und nichts haben, ist der Lebenslauf eines Bauers.

Herrmann. Unglücklicher Mann! Sind Sie denn bestimmt, meinen liebsten Wünschen zu widersprechen? – Milzsucht und Menschenhaß können nur so ein finsteres Bild von dem glückseligsten Stande entwerfen, den die Menschheit kennt: aber alle Ihre misanthropischen Gemälde sollen mich nicht erschüttern: mein Entschluß bleibt unverrückt.

[657] Der Pfarr. Mir soll es sehr gelegen sein: so bekomme ich mit meinem Herrn Konfrater in der Nachbarschaft den dritten Mann zu einem Lomberchen; und kömmt noch ein guter Gerichtsherr dazu, so spielen wir Quadrille, Trisett, Tarock mit dem König, spielen Billard à la guerre, à la ronde oder wie Sie wollen: ich bin bei allem. Bauergüter sind immer zu bekommen: unsre Bauern richten sich immer so ein, daß man ihnen in zwei Jahren nichts mehr nehmen kann als die Haut: es werden zwei oder drei Höfe im Dorfe zu verkaufen sein. –

Herrmann freute sich ungemein über diese Nachricht und nahm sich vor, gleich den folgenden Tag die verkaufbaren Bauergüter zu besehen und, wo möglich, den Handel auf der Stelle zu schließen. Die Pfarrfrau, als sie hörte, daß er keine Hochzeit haben wollte, geriet in die äußerste Unruhe: sie stellte ihm viele klägliche Beispiele von solchen selbstgemachten Ehen ohne Trauung und Hochzeitschmaus vor und empfahl aus allen Kräften ein dreimaliges Aufgebot und priesterliche Kopulation: sie bat ihren Mann angelegentlich, die Sache nicht so genau zu nehmen, damit sie nur eine Hochzeit auszurichten bekäme: allein der Pfarr war ebenso standhaft in seiner Pflicht als Herrmann in seiner Verachtung gegen die Kopulation. In einer solchen Verlegenheit mußte sich die gute Frau mit dem Gevatterschmause trösten, den Ulrikens Umstände bald zu erfodern schienen, und lag dem jungen Hausvater eifrigst an, die Anstalten dazu beizeiten durch sie machen zu lassen. Auch Ulrike verfiel in keine geringe Betrübnis, als sie die Unmöglichkeit einer gesetzmäßigen Verbindung erfuhr, wenn sie nicht durch die Anzeige ihrer Abkunft sich der Gefahr aussetzen wollte, entdeckt zu werden und in Untersuchung zu kommen: doch Herrmann beruhigte sie, trat zu ihrem Bette und sprach: »Ulrike, wir sind getraut, durch stärkere Fesseln verbunden, als ein Priester verbinden kann. Zum Zeichen unsrer ewigen Treue trag ich hier am emporgehaltnen Finger den Ring, womit du unter dem Baume im Garten deines Onkels ihn schmücktest: zum öffentlichen Bekenntnisse deiner Liebe trägst du den[658] meinigen: ihr insgesamt, Vater, Freund und Freundinnen, seid Zeugen, und noch mehr das Wesen, das den Meineid bestraft, daß ich hier dieser lieben Seele eheliche Treue und Liebe bis in den Tod angelobe; und wer sie bricht, den treffe der Fluch des Himmels, solang ein Gedanke in ihm lebt! Dieser Kuß besiegele unser Versprechen. – Nun sind wir getraut: welcher Zeremonie bedarf es weiter?«

Den Tag darauf betrieb Herrmann sein vorgenommenes Geschäfte mit seiner gewöhnlichen Hitze: er schloß den Handel, sosehr sich auch der Pfarr dawidersetzte, und viel weniger vorteilhaft, als er tun konnte, wenn er nicht mit Leidenschaft kaufte. Er ließ sich von einem erfahrnen Landmanne in den Geheimnissen der Wirtschaft unterrichten, lernte von ihm den Pflug regieren, säen, eggen und die übrigen ländlichen Verrichtungen: der Bauer hatte noch nie einen so gelehrigen Schüler gehabt, der mit so vieler Lust und Emsigkeit an seine Lektion ging. Wenn ihn der Pfarr des Abends zu einer Partie Piquet aufsuchte, saß er bei drei, vier Bauern und ließ sich in der ökonomischen Klugheit unterweisen: der Unterricht war angenehm und fruchtbar, obgleich die schlechte Methode und der verworrne Vortrag der Lehrer ihn nötigte, alles durch Fragen aus ihnen herauszuziehn und deutlich zu machen. Er schaffte die nötige Gerätschaft, Hausrat und andre Bedürfnisse an, baute in seiner neuen Wohnung, soviel sich in der Geschwindigkeit tun ließ, und machte die häuslichen Einrichtungen mit Hülfe der Pfarrfrau, die vor Vergnügen über diese Geschäftigkeit um zehn Jahre jünger wurde. Die beiden Leute taten alles mit einer Heftigkeit, als wenn sie in vierundzwanzig Stunden fertig sein wollten: Herrmann rennte die Treppe hinauf, die Pfarrfrau hernieder, sie stießen mit Armen und Köpfen zusammen, ohne sich aufhalten zu lassen, eins ordnete hier an, das andre dort, und meistens befahl jedes das Gegenteil von dem, was auf Befehl des andern schon geschehn war. Selten waren sie einerlei Meinung: die Pfarrfrau trotzte auf ihre längere Erfahrung und Herrmann auf seinen größern Verstand: sie richtete sich pünktlich nach der hergebrachten Gewohnheit,[659] und er wollte keine andre Regel als Schicklichkeit und Vernunft anerkennen: freilich wollte er der armen Frau mitunter manche ehrliche Grille für Vernunft aufdringen, aber sie ließ sich durch die schönsten Scheingründe nicht täuschen. Er verlangte von allen Vorschlägen und Anordnungen das Warum zu wissen, und weil seine Gehülfin immer keinen andern Grund angeben konnte als: »Es muß so sein«, so gerieten sie in unendliche Streitigkeiten miteinander: er demonstrierte ihr deutlich und bündig, daß es anders besser wäre, und sie behauptete, ohne seine Gründe zuzugeben oder zu widerlegen, daß es so sein müßte. Beide waren in ihren Meinungen hartnäckig; und so zankten sie sich fast alle Stunden einmal: bei jedem Zanke schwur die Pfarrfrau, nichts wieder zu sagen, keinen Fuß wieder in so ein unordentliches Haus zu setzen, so einen verkehrten eigensinnigen Menschen seiner Blindheit zu überlassen; und kaum war der Schwur über die Lippen, so flog schon eine neue Anordnung zum Munde heraus, die Herrmann von neuem mißbilligte und worüber sie sich von neuem stritten. Der ernsthafteste Bruch entstand über die Stellung der Betten: da das Haus gegen Morgen lag, wollte er das seinige schlechterdings so gesetzt haben, daß ihn die aufgehende Sonne jeden Morgen zur Arbeit weckte, und die Pfarrfrau versicherte ihn, daß es eine ganz unerhörte Unordnung sei, das Haupt des Bettes an die Kammertür zu stellen: er setzte seinen Willen mit Gewalt durch, und die Pfarrfrau beteuerte auf ihr Gewissen, daß sie zeitlebens sich der Sünde nicht teilhaftig machen werde, über die Schwelle eines Hauses zu schreiten, wo die Leute mit den Köpfen an der Kammertür lägen: sie ging mit der Prophezeiung hinaus, daß unter dieses Dach weder Segen noch Gedeihen kommen könne, kam einen ganzen halben Tag nicht hinein, und am folgenden Morgen war sie schon wieder die erste auf dem Platze.

Auch Fräulein Hedwig wurde vom Fieber der Landwirtschaft angesteckt: sie molk der Pfarrfrau alle Kühe rein aus, wo sich nur eine blicken ließ, gab allen lateinische Namen und sprach so viel lateinisch und französisch mit ihnen, daß[660] sie zuletzt vor Gelehrsamkeit keine Milch mehr gaben; und die Pfarrfrau war sehr der Meinung, daß ihre Trockenheit von den fremden Sprachen herrührte, die das arme Vieh nicht gewohnt wäre. Die Sichel zu führen, Futter vorzulegen, Stroh einzustreuen übte sich das hochgelehrte Fräulein Tag für Tag: um den Unterricht nicht umsonst zu empfangen, lehrte sie dafür die Mägde, wie Virgilius und Homerus Sichel und Gras lateinisch nennten. Der alte Herrmann wählte die bequemste Beschäftigung: er lernte die Schafe hüten. Der Pfarr war bei dieser allgemeinen Regsamkeit um nichts so sehr bekümmert als wegen des neuen Gerichtsherrn: keiner unter allen, die das Gut schon besehen hatten, stund ihm an; und er gab eines Tages Herrmannen mit tiefer Betrübnis die Nachricht, daß es wahrscheinlicherweise ein Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft erstehen werde, ein Mann, der ehemals Bedienter gewesen sei, sich durch Spitzbübereien bei seinem Herrn reich gemacht habe und von seinem Raube nunmehr ein Gut nach dem andern kaufe: »Er kann unmöglich gut Lomber spielen, weil er ein Spitzbube ist«, setzte er untröstlich hinzu.

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ein gemeines Kartenspiel.

Quelle:
Johann Karl Wezel: Hermann und Ulrike. Leipzig 1980, S. 644-661.
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