Ich singe den Leib, den elektrischen

[122] Ich singe den Leib, den elektrischen,

Die Heerscharen, die ich liebe, umgürten mich und ich umgürte sie,

Sie wollen mich nichtlassen, bis ich mit ihnen gehe, für sie einstehe,

Daß ich sie läutere und sie fülle mit der Fülle der Seele!


Hat man gezweifelt, daß diejenigen sich verstecken, die ihren eigenen Leib verderben?

Und daß die, welche die Lebendigen schänden, so schlecht sind wie die, welche die Toten schänden?

Und daß der Leib nicht völlig so viel vermag wie die Seele?

Wenn der Leib nicht die Seele wäre, was ist dann die Seele?


Die Liebe zum Körper eines Mannes oder Weibes entzieht sich aller Rechenschaft, der Leib selber entzieht sich der Rechenschaft,

Der des Mannes ist vollkommen, und der des Weibes ist vollkommen.


Der Ausdruck des Gesichtes entzieht sich aller Rechenschaft,

Aber der Ausdruck eines wohlgestalteten Mannes tritt nicht in seinem Antlitz allein hervor,

Auch in seinen Gliedern und Gelenken, in den Gelenken seiner Hüften und Hände,

In seinem Gang, der Haltung des Halses, der Biegung seiner Lenden und Kniee; die Kleidung verbirgt ihn nicht,

Die starke, wohlige Eigenart, die er hat, durchdringt Kattun und Tuch,

Ihn vorbeigehen zu sehen, gibt so viel wie das beste Gedicht, vielleicht mehr,[123]

Man bleibt stehen, um seinen Rücken zu sehen, seinen Nacken und seine Schultern.


Das Spatteln der rundlichen Säuglinge, die Busen und Köpfe der Frauen, die Falten ihrer Kleidung, ihre Haltung im Vorübergehen, die Linien ihrer Gestalt nach unten,

Den Schwimmer im Bade, wie man ihn in dem klar durchleuchteten Grün schimmern sieht, oder wie er auf dem Rücken liegt und sich wohlig beim Heben und Senken des Wassers wiegt,

Das Vor- und Zurückbeugen der Ruderer im Boot, den Reiter im Sattel,

Mädchen, Mütter, Hausfrauen in all ihren Beschäftigungen,

Die Gruppen von Feldarbeitern in der Mittagszeit, wie sie bei ihren aufgedeckten Speisekesseln sitzen, und ihre wartenden Frauen dabei,

Den Burschen, der das Getreide harkt, den Schlittenfahrer, der seine sechs Pferde durch die Menge lenkt,

Das Ringen der Ringkämpfer, zwei ausgewachsene Lehrbuben, rüstige, gutmütige Landeskinder, draußen auf dem leeren Bauplatz, bei Sonnenuntergang nach der Arbeit,

Röcke und Mützen zu Boden geworfen, Umarmen der Freundschaft und Widerstand,

Obergriff und Untergriff, Haare wirr herunter bis über die Augen!

Den Aufmarsch der Feuerwehrleute in ihren Kitteln, das Spiel der männlichen Muskeln durch prallsitzende Hosen und Leibriemen,

Die langsame Rückkehr vom Brande, das Stillstehen sobald die Alarmglocke plötzlich wieder läutet, das Aufhorchen,[124]

Die natürliche, verschiedenartige Haltung, der vorgebeugte Kopf, der gebogene Hals und das Zählen der Glockenschläge,

Solches liebe ich – ich löse mich los, geh' ungebunden, bin an der Mutterbrust mit dem kleinen Kinde,

Schwimme mit den Schwimmern, ringe mit den Ringern, marschiere im Gliede mit der Feuerwehr, horche, zähle ...


Ich habe ausgefunden, daß es mir genügt, bei denen zu bleiben, die ich lieb habe,

Abends in Gesellschaft mit andern zu sein, genügt mir,

Umgeben zu sein von schönem, atmendem, lachendem Fleisch, genügt mir,

Mich unter ihnen zu bewegen, irgend einen zu berühren, meinen Arm, wenn auch noch so leise, um seinen oder ihren Hals zu legen, – was liegt doch darin?

Ich verlange keine größere Wonne, ich schwimme darin, wie in einem Meer!


Hier ist die weibliche Gestalt,

Ein göttlicher Schimmer strömt aus ihr, vom Kopf bis zu den Füßen,

Sie besitzt eine heftige, unwiderstehliche Anziehungskraft,

Ihr Atem zieht mich an, als wäre ich ein willenloser Nebel, alles versinkt, ausgenommen mein Ich und sie.

Bücher, Kunst, Religion und Zeit, die sichtbare, feste Erde, Alles, was man vom Himmel erwartete oder von der Hölle fürchtete, ist jetzt verschwunden,

Wilde Fühlfäden, unbändige Blitze zucken hervor, die Gegenwirkung ist gleichfalls unbezwinglich,[125]

Haare, Busen, Hüften, die Biegung der Beine, lässig hinsinkende Hände, ganz aufgelöst, meine Glieder auch,

Ebbe, angestachelt von der Flut, und Flut, angehalten von der Ebbe, Liebesfleisch, schwellend und köstlich schmerzdurchbebt,

Unermeßlich klare Strahlen der Liebe, heiß und ungeheuer, zuckender Gallert der Liebe, Gischt und Saft der Raserei!

Bräutliche Nacht der Liebe, sicher und sanft eindringend bis in den erschlafften Tag,

Hineinwogend in den willigen und weichenden Tag,

Verloren im Liebesumschlingen, Tag von köstlichem Fleisch!

Schämt euch dessen nicht, ihr Weiber! euer Vorrecht umschließt alles andere und ist der Ausgang für alles,

Ihr seid die Pforten des Leibes, und ihr seid die Pforten der Seele.

Das Weib enthält alles und mildert alles,

Sie ist an ihrem Platz und bewegt sich in vollendetem Gleichgewicht,

Sie ist alles in allem, richtig verschleiert, ist duldend und handelnd zugleich,

Sie soll Töchter sowohl wie Söhne empfangen, und Söhne sowohl wie Töchter gebären.

Ich sehe meine Seele in der Natur widergespiegelt,

Wie durch einen Nebel, eine Gestalt in vollkommenster Gesundheit und Schönheit,

Sehe das gebeugte Haupt und die Arme, über die Brust gefaltet: Die weibliche Form sehe ich.

Der Mann ist nicht weniger die Seele, oder mehr; auch er ist an seinem Platze,

Er enthält auch alle Eigenschaften, er ist Tatkraft und Macht,[126]

Die Blüte des Weltalls liegt in ihm,

Verachtung kleidet ihn gut, Begierde und Trotz stehen ihm wohl an,

Die wildesten stärksten Leidenschaften, höchste Seligkeit, tiefste Trauer kleiden ihn wohl, der Stolz ist für ihn,

Der voll durchdringende Stolz des Mannes erfreut die Seele und befriedigt sie,

Wissen schmückt ihn, er liebt es stets, an alles legt er seinen Maßstab,

Was auch das Gebiet, was auch das Meer und das Schiff, hier nur zuletzt fühlt er Grund,

(Wo sonst fühlte er Grund, als hier?)

O mein Leib! ich wage nicht, das dir Verwandte in andern Männern und Weibern zu verlassen, noch ähnliche Teile von deinesgleichen,

Ich glaube, sie sollen mit den dir verwandten Seelen stehen oder fallen, (daß sie die Seele sind),

Und glaube, sie sollen mit meinen Gedichten stehen oder fallen, und daß sie meine Gedichte sind,

Gedichte des Mannes, des Weibes, des Kindes, der Ehegattin, des Ehegatten, der Mutter, des Vaters, des Jünglings, des Mädchens,

Kopf, Hals, Haar, Ohren, Ohrläppchen, Trommelfell,

Augen, Augenwimpern, Augenstern, Augenbrauen und das Wachen oder Schlafen der Augenlider,

Mund, Zunge, Lippen, Zähne, Mundhöhle, Kinnbacken und die Scharniere des Kiefers,

Nase, Nasenlöcher und Scheidewand,

Wangen, Schläfen, Stirn, Kinn, Kehle, Nacken, Drehpunkt des Halses,[127]

Starke Schultern, männlicher Bart, Schulterblatt und die volle Wölbung des Brustkorbes,

Oberarm, Achselhöhle, Ellbogengelenk, Unterarm, Armsehnen, Armknochen,

Handgelenk und Beuge des Handgelenks, Handfläche, Knöchel, Daumen, Zeigefinger, Fingergelenke, Fingernägel,

Breite Vorderseite der Brust, Kräuselhaare der Brust, Brustknochen, Brustseiten,

Rippen, Bauch, Rückgrat, Rückgratwirbel,

Hüften, Hüftgelenke, Stärke der Hüften, innere und äußere Rundung, Manneseier, Manneswurzel,

Fester Bau der Schenkel, den Rumpf oben sicher tragend,

Sehnen der Beine, Knie, Kniescheibe, Oberbein, Unterbein,

Fußknöchel, Fußspanne, Zehen, Zehengelenke, Ferse,

Sympathicus, Herzklappen, Gaumenklappen, Geschlecht, Mutterschaft,

Weiblichkeit und alles, was des Weibes ist, und was des Mannes ist, der vom Weibe kommt,

Gebärmutter, Brüste, Brustwarzen, Brustmilch, Tränen, Lachen, Weinen, Liebesblicke, Liebeswallungen und Regungen,

Die Stimme, Sprache, Geflüster, lautes Rufen,

Das Wiegen des Oberleibes auf den Hüften, Springen, Biegen, Umarmen, Armbeugen und Spannen,

Der beständige Wechsel in den Linien des Mundes und um die Augen,

Die Haut, Sonnengebräuntheit, Sommersprossen,

Die merkwürdige Hinneigung, die man spürt, wenn man mit der Hand das nackte Fleisch betastet,

Die Schönheit der Taille und weiter abwärts der Hüften und Kniee,[128]

Die flüssigen roten Säfte in dir oder mir, die Knochen und das Mark in den Knochen,

Das köstliche Gefühl der Gesundheit!

O ich sage, dies sind nicht allein Teile und Gedichte des Leibes, sondern der Seele,

O jetzt sage ich: diese sind die Seele!


Quelle:
Whitman, Walt: Grashalme. Leipzig 1904, S. 122-129.
Lizenz:
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