22.

Wie das nachtmal genomen ward, Waltherus von Lewfriden gefragt ward, und wie sie einander erst erkennen wurden, was grosser freuden do furgieng.

[321] Der imbiß ward mit freuden angefangen. Lewfrid aber begirig, von Walthern zů hören die ursach seiner reyß; derhalben fing er an mit im zů reden: ›Gůter man,‹ sagt er, ›ich bit, wöllend uns anzeigen, wie ir mir heüt versprochen haben, was euch beidsammen har in disen wald bracht hat oder was euwers gewerbs seye.‹

Walter fing an und sprach: ›Ir habend mir und meinem gesellen zů gebieten; was ihr von uns begeren, so müglich, solt ir gewert werden; dann ir uns heütigs tags auß grosser angst und not geholffen haben. Nemend war! Ich erzal euch, wer und von wannen ich geboren bin, wer meine eltern, wo mein vatterland ist und was mich zů solcher reyß verursachet habe. Meine eltern wonen in der küniglichen statt Salamanca. Mein vatter, Hermanus genant, ein reicher man, treibt grossen kauffmanschafft durch den wechsel gon Venedig, in Proband und Hispanien, auch in vil andre künigreich und nationen. Es begab sich inn meiner jugendt, das mit mir in meines vatters hauß aufferzogen ward ein junger schöner knab, welchen mein vatter von der můter nam, als sie ihn noch mit ir milch erneret. Er ward von meinen eltern in gleicher liebe, narung und kleyderen aufferzogen als ich, ir einiger son.‹

Lewfrid verstund, das diser sein liebster brůder and gesell was; noch wolt er sich im nit eh zů erkennen geben, er het dann zůvor warhafte urkundt, wo doch Erich, sein vatter, und Felicitas, sein můter, weren und wie es in ergieng. Darumb fragt er und sagt: ›Lieber junger man, ich bitt, wöllest mir verzihen, das ich dir inn din red vall. Sag mir doch, weß kind was der jung, so mit und bei dir ufferzogen ward, damit ich die materi uß dem grund mög vernemen!‹[322]

›Das will ich euch warlich sagen,‹ sprach Walter. ›Nit weit von der stat Salamanca ligt ein dorff, inn demselbigen wonet zů der zeit ein armer man mit nammen Erich. Der hat gar ein holdtselige liebe frawen, Felicitas genant, die gebar im vil knaben und töchtern inn grosser armůt. Die aber wurden von den reichen burgeren inn der stat Salamanca erzogen; niemants aber was, so dem gůten frummen Erichen und seinem weib fürsetzen oder zů statten kummen wolten. Der gůt man můst sich deß hirtenampts in dem dorff behelffen. – Daß stůnd ein zeitlang, biß in gott seines leyds ergetzen wolt. Eines tags hůt er seines viechs, so im under sein hůt befolhen waß, er versahe sich keins üblen. Sehe zů, so kumpt ein grosser ungeheürer lew under sein viech gon, deß der gůt man seer erschrocken war. Der lew aber ihm noch dem viech keinen schaden zůfüget, sondern sich gantz früntlich gegen ihm liebet; so begerten ihn die hund auch gar nit zů vertreiben. Diß weret so lang, das geschrey kam in die statt. Bald wurden vil reicher burger und kaufleüt zů raht, diß wunder zů sehen; under disen was auch mein vatter. Als sie nu diß wunder erfůren, pflegten sie täglichen hinaußzůreiten, dem lewen sein speiß mitfůrten. Davon er in kurtzer zeit gantz heimlich ward; dann in die gůthat daß lernet, so man im täglich beweisen thet. – In disen ziten begab sich, das mein vatter aber zů gemeltem hirten auff das feld kam, fand bey im sein weib und den lewen. Do ward mein vatter gewar, das Felicitas eins kindes schwanger gieng, bat derhalben den hirten, wann gott der allmechtig im die frucht bescheret und an die welt kommen ließ, wolt er ihn das kind auß der tauff heben lassen. Diß sagt ihm der hirt zů. Als nun das kind geboren, was mein liebe můter auch darbey. Der lew stetigs noch bey dem hirten wonet, also fridsam under vieh und leüten umbgieng. Derhalben so wurden sie zů raht, das kindlin Lewfrid zů heissen. Diß kind namen meine eltern zů ihnen und erzogen das, wie ich dann vormals gehört bin. Es erwůchs mit mir auff in gleichem alter. Mein vatter thet uns zůr schůlen; do lernet diser Lewfrid so wol, das er alle andren knaben seines alters an der leer übertreffen ward. Sie wurffen in auff für ihren könig. In der schůlen waren auch vil edler knaben,[323] die machten under ihn auch ein könig; dann sie vergünten uns, das wir so gůt regiment hielten. Auff ein zeit erhůb sich ein kindischer krieg zwischen beiden künigen. Lewfrid ermanet seine knaben gar tröstlich zum streit, deßgleichen auch der ander könig, ernanten einander sonder vorwissen ires schulmeisters zům streit ein schönen platz, kamen daselbst zůsamen, griffen zů der wehr. Lewfrid aber nam im und seinen gesellen einen vortheil in, also das er obligen thet. In dem abzug fingen sie einen jungen edlen knaben, denselbigen ließ Lewfrid mit růten streichen. Das verschmahet den jungen edlen gar seer, zeygt das seinem vatter an; der verklagt Lewfriden gar hart vor seinem schůlmeister. Also ward Lewfriden grosser streich getrauwen; deren wolt er nit warten sein, nam sich nit lang zů bedencken, begert an meinen vatter, er solt ihm erlauben zů seinem vatter auff den meyerhoff, auff welchen ihn mein vatter gesetzet hatt, als er von dem hirtenampt kommen was. Mein vatter erlaubt dem jüngling Lewfrid, zů seinem vatter zů gohn. Er aber hat ein anders vor im; dann er schrib ein brieff heimlichen in seiner kammer, verließ den hinder ihm in seinem schůlsack. In demselbigen verstendiget er meinen vatter, wie er auß dem land so ferr ziehen wolt, das niemans erfaren solt, wohin er kommen wer. – Als ich aber die ding vernam, umbgab mich groß hertzenleyd; nam mir für von derselbigen zeit an, sobald ich zů meinen mannbaren jaren kam, wolt ich nit erwinden meinen liebsten brůder und gesellen zů erfaren; hab also vor kurtzen tagen an meinen vatter mit grosser bit geworben, mir dise reyß zů erlauben, das er mit bekümmertem hertzen gethon hatt. Also reit ich der meynung auß, bin auch noch des vorhaben, so mir gott gnad verlihen wil, meinen brůder und gesellen zů erfragen, ob er doch todt oder lebendig sey.‹

Lewfrid jetzund kundtschafft gnůg hat; noch hett er gern zůvor gewißt, wie es der stunden umb sein vatter und můter ein gestalt het. Er fragt weiter: ›Lieber mein gůter gesell, ist dirs kein beschwerd, sag mir deinen nammen!‹ – ›Ich heiß Walter‹, sagt der jüngling, ›dann also nennet mich jederman‹. – ›Mein lieber Walter‹, sagt Lewfrid, ›wie ist es aber sidher dem armen hirten und seinem weib gegangen? Sind[324] sie auch noch bey leben?‹ – ›Sicher ja‹, sagt Walter, ›sie faren wol mit ihr armůt hinauß. Dann mein vatter hatt mit im abgetheilt auff dem hoff, hat in das halbe viech durch die banck fur eigen geben, darzů alle frucht, so auff den kästen und in der scheüren gewesen ist, demnach den hoff sampt aller zůgehörd für ein ewig erblehen zů sicheren handen gestelt.‹

Als nun Lewfrid diß alles vernam, mocht er die zäher in seinen augen nit mehr verhalten; und als er im ein wenig wider ein mannlich gemüt schöpffet, bot er dem jüngling Walthern sein hand und sagt mit lauter stimm: ›Frew dich, mein liebster brůder und gesell! Lewfriden, welchen du suchest, der bin ich selb. Darumb laß fürbaß dein trauren faren und biß frölich mit mir! Wiß, nachdem ich von deinem vatter gezogen, bin ich kommen in ein stat Merida genant zů einem graffen, bei welchem es mir gar wol ergeht. Darumb ist mein bitt an dich, wöllest die reiß mit mir gen Lisabona reiten, demnach wider an meines gnädigen herren hoff. Dir soll wol gepflegen werden; ich hoff auch erlaubnuß bei meinem gnädigen herren zů erlangen, daß er mir erlaubet mit dir heimzůreiten unnd mein vatter und můter heimzůsuchen, deßgleich mein liebsten herren und ernerer, dein vatter unnd můter.‹

Walter, als er die wort von Lewfriden verstůnd, umbgab in so grosse freud, das er nit wust, ob er lebendig oder tod was; er fieng vor grossen freüden an zů weynen. Die andern kaufleüt namen groß verwundern ab diser unversehenen sachen. Also wurden sie von newen dingen frölich schlemmen und freud mit einander haben, vertriben den mehrern theil der nacht mit freuden. Deß morgens namen sie iren weg über das rauch gebirg und finsteren wald mit grossen freuden.

Quelle:
Georg Wickram: Werke. Band 2, Tübingen 1903, S. 321-325.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Hume, David

Untersuchung in Betreff des menschlichen Verstandes

Untersuchung in Betreff des menschlichen Verstandes

Hume hielt diesen Text für die einzig adäquate Darstellung seiner theoretischen Philosophie.

122 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon