14.

Wie Lottarius nit weiter gieng dann von Prüssel gen Halle, seind drei meilen wegs; do schnitt er einem kauffmann sein bulgen auff, stal im sein gelt, kam damit darvon biß gen Dengen, ist fünff meil; er würt von dem kauffmann verkuntschafft, in der herberg funden, würt entlich gefangen und gehenckt.

[43] Boßheit und büberey můß belond werden, es stand lang oder kurtz. Also gieng es disem Lottario auch. Er mocht nit wercken, hat fauler tag, fressen und sauffens gewonet; so was niemants mehr vorhanden, so für in zalen wolt. Was solt der arm schweyß anders anfohen, dann was in sein kunst, auff deren er gewandret was, lernet! Zů Brüssel hat er nit mehr platz, heim darfft er nit mehr kummen von wegen gůter stücklein, so er in seines vatters hauß gebraucht hat. Was thůt er dann? Er greifft sein sach fein geschickt an, redt mit im selb also: ›Lottari, du můst ein andren beltz anlegen. Du hast nit lang zů zeren, so magst du auch nit wercken, als soltestu gehenckt werden. Ich will mich in die sach schicken, mich zů Halle zů einem wirt für ein haußknecht verdingen; da mag ich gůte faule tag haben bey kleiner arbeyt und gůter kost. Ich hab wol gesehen, wo ich bey wirten gelegen bin, haben die haußknecht alweg die schlüssel zům keller, tragen wein und brot auff, mag offt einem ein zug auß der kannen gerhaten. So dann einer klupig umb die tisch ist und sich mit schencken weidlichen braucht, wird ihm von den gesten manigs gůts bißlein, auch mancher drunck dargestossen. Des will ich mich fürbaß underston und metzger lassen den, so es gern thůt; ich hab kein hertz darzů.‹

Also kam er gen Hall, fand bald ein gůten herren, einen wirt, der meynet, gott het in berhaten. Dann der schalck kondt mit solchen glatten worten strychen, das mann meynet, es were glatt geschliffen; er was auch von person ein hüpscher gerader jüngling. Er tummelt sich auch erstlichen so wol, das ihm sein herr anfieng gar nach alle seine geschefft zů vertrüwen und befelhen. Den schalck wůßt er zimlich zů verbergen, das einer gar spitzig het müssen auffmercken, der sein schalck erkennet het. Es stund aber nit lang, er kam so grob an den tag, das nit gröber het mögen sein.

Dann nemen war, es kamen eines tages vil kaufleüt gehn[44] Hall, die wolten in Antorffer meß; und wie dann brauch ist, gaben sie dem wirt ir bulgen mit samt dem gelt zů behalten, welchs in dann der wirt fleißig verwaret, saß demnach zů den kauffleüten und was frölich mit inen. Sie sagten von gůten schwencken, ein jeder, was im seid von hauß begegnet wer, gůts und böses, wie dann der kaufleüt gewonheit ist; wann sie in die messen faren, treiben sie all kurtzweil, damit sie die zeit vertreiben. Also gieng es da auch zů.

Als sie nun im besten essen seind, so kumpt einer irer gesellen geritten, welcher in nach postiert; dann er sich etwas doheym verhindert hat. Als er sie an dem nachtmal find, gibt er Lottario sein pferd, befilcht im das anzůlegen, nimpt seine bulgen, zücht zů seinen gesellen und lantsleüten in dem sal, befilcht dem wirt seine bulgen. Der wirt sagt: ›Mein herr, seind ihr zů růhen, ich will sie versorgen.‹ In kurtz darnach kumpt Lottarius. Der wirt befilcht ihm die bulgen auffzůheben. Er macht sich gantz küplich, nimpt die bulgen und des wirts kammerschlissel, als wann er die bulgen darin zů den andren behalten wöll. Er aber verstoßt die under ein stegen in alt gerümpel, kumpt wider mit des wirts schlißlen, gibt im die wider, als wann al sach gantz wol wer außgericht und versehen. Die kaufleut werden all wol bezecht, gond zů beth schlaffen, befelhen dem wirt, auff den kunfftigen morgen ein gůt früstuck zů bereiten; dann sie woltend nit frü auffston. Des ist der wirt gar wol zůfriden. Also gond sie all frölich schlaffen, der wirt und seine gest. Lottarius aber nam im für, die nacht nit vil zů schlaffen, sunder seinem geschefft außzůwarten.

Als nun alles volck im hauß schlaffen was, nam er die bulgen mit gelt und trůg die in sein kammer, da er dann mit einem scharpffen messer gerüst was. Er saumet sich nit lang, schneit sie auff; do fand er ein groß gelt darin, dann es was lauter goldt. Der schalck nam davon, sovil im möglich zů tragen was, legt an seine beste kleider. Sobald es tag ward, macht er sich darvon gantz frü, eh dann kein mensch im hauß auff was. Er nam sein weg den nechsten auff Dengen, ist fünff meilen wegs. Do kert er in ein herberg ein, bat den wirt, er wolt in nit vermelden, gab im sein[45] gelt, so er gestolen hat, eins teils zů behalten. Der wirt gedocht wol, die sach gieng nit gar schlecht mit im zů; dann er förcht ihm gar seer, wie diser diebischen bůben brauch ist; dann sie gmeinglich keinen bidermann dörffen ansehen.

Als aber nun zů Halle wirt und gest auffkamen, fragt jederman nach dem haußknecht; es kondt aber niemant nichts von im sagen. Dem wirt was nienan recht, er lieff für sein kammer, klopffet an; niemants wolt im antwort geben. Er schloß auff die kammer, wie er mocht, schauwet in alle winckel nach seinem knecht, zůlest erblickt er in einem winckel die zerschnitten bulgen. Davon erschrickt er unmenschlichen seer, laß damit ein lauten schrey: ›O wee des grossen bößweichts‹, sagt der wirt, ›er hat mich verderbet!‹ Diß geschrey erhorten die kaufleut, auch das ander gesind im hauß. Sie lieffen mit hauffen hinzů, do funden sie den gůten wirt in grossem jamer und klagen; dann er von schrecken nit wol geston mocht. Do die kaufleut von den bulgen klagen horten, erschracken sie all gemeinlich gar übel; dann ein jeder meynet, es were seine. Zulest erfand sich, das sie des kaufmans waren, so am lesten kummen was. Er laufft hinzů, befind sein schaden; dann er ein grosse summ seines goldes manglet.

Was solten sie thůn? Der gůt mann saß auff sein pferd, deßgleichen der wirt, ritten mit einander gar schnell auf Dengen zu; dann der bößwicht was dem wirt under der porten verkuntschafft worden. Die ander kaufleut hatten groß mitleiden mit irem gesellen, ritten auch auff all strassen, ob sie etwas von dem bößweicht erfaren mochten.

Der wirt und der ander kauffmann kamen gen Dengen, funden und erforschten so vil, das ihn angezeigt ward, in welcher herberg der bößweicht hat eingekert. Sie sassen ab von ihren pferden, stelleten auch in der herberg. Derselbig wirt was ein vernünfftiger und geschyder mann; er sach wol an der beider geberden, das sie bekümmert waren, er fragt sie die ursach. Sie sagten im den handel. ›Schwigt, lieben herren‹, sagt er, ›habend nur ein leichten můt! Ich hoff, euch soll geholffen werden.‹ Sagt in damit von seinem gast, welcher neulich zů im kummen und nit gar ein stund in seiner herberg gewesen wer, zeygt in darbey an gestalt und kleidung, darbey[46] der wirt von Hall wol abnam, daß es eben der bůb was, welchen sie sůchten.

Als sie nun mit einander sprachen, kumpt der schalck daher gon ein stegen herab. Als er nun den wirt von Halle erblicket, erschrickt er fast übel, understot die flucht zů geben. Der kauffmann aber laufft im die theür ab und sagt: ›Du verzwifleter arger schalck, hie můstu mir dein läben lassen.‹ Lottarius falt behend auff seine kney, bitt umb gnad, ziehet damit das gold, so er hatt, auß seinem bůsam und sagt: ›Ich hab hievon noch nichts verthon; so hat mein wirt das überig theil.‹ Davon der kauffmann seer erfreuwet ward. Der wirt brocht das überig gold auß seiner kammer, gabe das dem kauffmann. Der wolt jetz zůfriden gewesen seind. Aber der wirt von Halle sagt: ›Nein, der bößwicht můß keinem frummen mann mehr solchen schrecken abgewinnen. Es ist zů vil mit dem.‹

Also ward er dem richter geantwort, unnd dieweil er in so frischer that ergriffen, gleich an die folter geschlagen, do er von kleiner marter all sein boßheit bekant. Als nun der richter semlich bůbenstuck von im vernam, ward er gleich des tags an den leichten galgen gehenckt. Da ward im sein verdienter lon, nach welchem er gerungen.

Hie merckend auff, ir jungen knaben, was gůtes darauß erfolget, wann ir vatter und můter nit volgen, deßgleichen euwern schůlmeistern und fürmündern! Seind in widerspennig und volgen nach bösen üppigen bůben, von welchen ir nichts gůts lernen, sunder all bößen stück, als mit falschen würflen und karten umbzůgon, dergleich liegen, schlecken, stelen, welchs die rechten haubtstuck seind, so an galgen gehören, wie ir dann an disem Lottario wol gesehen!

Diß bleibt also. Jetzund wend wir wider kummen an Wilbaldum, wie es im ergangen sey, nachdem der böß vogel Lottarius von im gelauffen ist; demnach wend wir auch sagen von Fridberten und Felixen, die iren herren unnd schůlmeister willig und gehorsam gewesen, was nutz in darauß erfolgt.

Quelle:
Georg Wickram: Werke. Band 2, Tübingen 1903, S. 43-47.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Traumnovelle

Traumnovelle

Die vordergründig glückliche Ehe von Albertine und Fridolin verbirgt die ungestillten erotischen Begierden der beiden Partner, die sich in nächtlichen Eskapaden entladen. Schnitzlers Ergriffenheit von der Triebnatur des Menschen begleitet ihn seit seiner frühen Bekanntschaft mit Sigmund Freud, dessen Lehre er in seinem Werk literarisch spiegelt. Die Traumnovelle wurde 1999 unter dem Titel »Eyes Wide Shut« von Stanley Kubrick verfilmt.

64 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon