65.
Wie der künig seiner schwester alles, so ir von dem ritter geschickt was, selb überantworten thet, auch wie die edel junckfraw begert den botten zů ir zů bringen, des ir der künig verwilliget, und wie ir Gabriotten hertz über tisch bracht ward.

[357] Als nun der gůt jung in grossen sorgen stund, auch fast fleißig verwart ward, hůb er erst an seinen allerliebsten herren zů klagen. Den lassen wir also sein zeit vertreiben und sagen fürbaß, wie es mit dem hertzen gangen sei.

Eines morgens umb primzeit sich der künig zů seiner schwester fügen thet, das hertz, brieff und ring heymlich zů im nam, zů seiner schwester kam, ir einen gůten morgen wunscht. Die junckfraw im mit züchten dancket. Der künig anhůb und sprach: ›Schwester, so ich gesichert wer, das du von deinem trawren abston woltest, du müßt bald bottschafft von deim Gabriotten vernemmen. Du můst mir aber zůvor versprechen, sunst mag dir solicher brieff nit zů sehen werden.‹

Die junckfraw vor freüd und leyd nit wußt, was sie daruff antworten solt; zůletst hůb sie an und sprach: ›Ach brůder, nit verziehendt lang mit solchem brieff! Dann er sei, wie er wöll, so seind des sicher und gewiß, das er meinem trawren ein end geben würt. Des hand euch mein trew zů pfandt.‹

Der künig sprach: ›Liebe schwester, ich glaub, wo du des ritters wolfart, gesundtheyt und vermüglichkeyt vernemmest, du werdest dich größlich erfrewen. So aber das widerspil vorhanden ist, wie wilt du dich dann halten?‹ – Ihm sei, wie im wöll‹,[357] sprach Philomena, ›so würt sich mein trawren enden.‹ Damit sie aber irem brůder volß herußhalff, sprach sie weiter: ›Was ist mir von nöten weiters zů trawren, so ich vernimb, das es wol umb meinen ritter stat! Was hilfft mich dann klagen und weynen, so er gestorben ist! Dann ich in damit nit widerbringen mag.‹

Der künig von den worten seiner schwester zům theyl ettwas freüd empfieng; yedoch wolt er ir noch nichts verjehen; dann im zůhandt ein ander gedancken fürkam. Zů seiner schwester sprach: ›Wolan, Philomena, dieweil ich die trostlich antwort an dir erlangt hab, so will ich nit lenger verziehen dann disen künfftigen ymbiß. Yedoch so wiß zůvor, das ich dir die ding nit vor allen deinen junckfrawen offenbaren will. Darumb so erwöl dir eine oder zwo, den du am basten vertrawen thůst, die schaff zů dir in dein gemach zů kummen! So will ich dir den brieff und das, so damit kummen, bei meinem truckseßen schicken. Ich hoff auch, du werdest deinem zůsagen statt thůn.‹

Die junckfraw an den worten des künigs wol abnam, das die sach nit so gantz wol umb den ritter stünd. Damit aber sie die recht warheyt erfaren möcht, sprach sie: ›Allerliebster brůder, herr und künig, dieweil mir semlich gnad von euch widerfaret, so bitt ich, wöllent mir noch einer bitt gehorchen und mir den brieff bei dem botten, wer der sei, so in bracht, überschicken. Hergegen ich euch versprich und zůsagen will, allem meinem zůsagen statt zů thůn.‹ Der künig seiner schwester gäntzlich versprach zů willfaren, demnach von ir schied. Philomena zůhand nach Rosamunda und Laureta schicket; die sich nit saumpten, zů ir kamen, aller sachen von ir verstendigt wurden.

Als nun der künig meynet und gäntzlich in hoffnung was, sein schwester Philomena würd nach irem zůsagen iren unmůt hinlegen, nam er des ritters knecht uß gefencknüs und redt mit im also: ›Jüngling, demnach du gefangen worden bist, alles darumb geschehen, das ich in zweiffel stand, du gangest mit der unwarheyt umb. So ich aber gewiß wer des, so ich von dir vernummen hab, dir solt kein leyd von mir geschehen.‹

Der knecht von des künigs worten in newes leyd kam,[358] also sprach: ›Es ist leyder war; ich wolt aber darinn diese und noch grössere not leyden, das mein herr noch bei leben wer.‹ – ›Davon sei genůg gesagt‹, sprach der künig, ›ich will deinen worten glauben geben und, so dirs gelegen sein will, zů einem dieber uffnemmen. Yedoch můstu mir in einem ding willfaren und dem also thůn. Dann so würstu auch deines herren lotsten willen erfillen.‹

Der gůt jung uß forcht dem künig zů thůn versprach alles, so er an in begeret. ›Du solt wißen‹, sprach der künig, ›das mein schwester ein bancket mit ettlichen iren junckfrawen haben würt. Wann sie dann in mitten des mals sind, můstu ir die gaben, so dir von deinem herren befohlen sind, bringen, deßgleichen warnemmen alles des, so sie dich fragt. Daran soltu ir gantz nichts verhelen und mir dann, was sie dir zů antwort gibt, anzeygen.‹ Der knecht des künigs befelch nit wenig freüd empfieng, damit er seines herren seligen willen auch erfüllen möcht. Als nun die stund kam, der künig dem diener das ledlin gab seiner schwester zů bringen, als dann geschah.

Nun hat Philomena einen seer köstlichen ymbiß zůbereyten lassen; bei ir was Laureta und Rosamunda und nyemants anders. Als sie nun in halbem essen waren, so kumpt der knecht mit dem ledlin hineingon. Als er in nun die speiß und tranck gesegnet, zůhandt uff seine kney für den tisch fallen thet, uff solche meynung anhůb zů reden: ›Allergnädigste junckfraw, ich bitt, mir unseligen botten meiner leydigen bottschafft zů verziehen. Dann sie leyder nit anderst an ir selbs ist, gott müß erbarmen.‹ Als er diß geredt, fieng er kläglich an zů weynen.

Die junckfraw von disen worten ein solichen grossen schrecken empfieng, das sie dem diener gantz kein antwort geben kundt; das ledlin, darinn das hertz versperrt was, stillschweygendt von im empfahen thet. Der diener ir den schlissel auch zůwarff, damit sie es uffschliessen solt; das aber der junckfrawen nit müglich was zů thůn. Laureta ir das uß der handt nam, das zůhandt uffschloß; der geruch von dem balsam zůhandt in dem gemach gantz wol riechen thet. In dem sich Philomena ein klein erholt hat, das ledlin zů iren handen[359] nam. ›Ach gott‹, sprach die junckfraw zů dem diener, ›wie lebt mein allerliebster ritter? Dann ich sih hie den ring, so im seer geliebt hat, welchen er on merckliche ursach nit von im gelassen.‹ Demnach nam sie den brieff, schloß in uff und laß den, gantz stillschweygendt thet sie in mit iren zehern gantz übergiessen. Als sie nun bericht was, das ires ritters hertz in dem ledlin verwicklet was, wand sie es uff (dann es in ein schön seidin düchlin gebunden lag), also bloß das zů tausent malen kusset, an ir hertz trucket, aber gantz ungeredt ein güte zeit so kläglich gebar, das Laureta und Rosamunda in grossen schrecken kamen. Dann sie wußten nit, was sie davon abnemmen sollen, wiewol sie meynten, es wer ettwas anders; dann sie keinen gedancken hatten, das es Gabriotten hertz sein solt.

Als nun Philomena ein semlich ellendts wesen lang zeit gefürt, fieng zůletst an, trücknet ir ungesicht, und mit einer kecken stimm hůb sie an und sprach: ›O du mein allerliebstes hertz, nun mag ich erst erkennen die liebe, so du bei deinem leben zů mir getragen hast, dieweil du also verordnet nach deinem absterben zů mir kummest. Was grossen dancks bin ich dir von recht schuldig, das du mir also ein getrewen geleidtsman geben wilt und nit von mir in meinem letsten sterben scheyden wilt! O du schalckhaffter brůder, nun ist dir dein böser und schantlicher will erfillet, so durch deinen falschen anschlag zůwegen gericht worden ist. Du solt aber gewiß sein, das du bald deiner schwester beraubt würst. Die du hast meynen zů behalten, würstu erst verlieren und beraubt sein.‹ Demnach sie sich zů dem botten keret und sprach: ›Mein allerliebster jüngling, ich bitt dich, zeyg mir an, wo und wann doch mein allerliebster ritter verscheyden ist, ob er doch mein in keinen weg gedacht hab!‹

Der knecht mit trawrigen worten anhůb und sprach: ›Allergnädigste und liebste junckfraw, ir sond mir sunder zweiffel glauben, das mein herr, seidher er uß Engelandt gefaren ist, kein stund ewer vergessen hat, sunder zů aller zeit nach euch gesinnet und gewinschet. Auch sein letst wort ist diß gewesen; als im sein sel ußgon wolt, sprach er: Frew[360] dich, du edle seel; dann du würst bald bei deiner liebsten Philomena sein. Denmach sein geist uffgab.‹

›Nun wolan‹, sprach Philomena, ›dieweil num gott das also gefügt, das du edles und ußerwöltes hertz in leiblicher gstalt nimmer zů mir hast mögen kummen und aber on mich nit hast mögen vergraben werden, so danck ich gott solcher reichen gaben, auch meinen brůder. Demselben ich billichen danck schuldig bin zů sagen, dieweil er mich mit einer solchen trawrigen und doch reichen gaben verehrt hat. So will ich im auch mein versprochne zůsagung halten und von allem meinem trawren abston und gantz frölich mit meim allerliebsten hertzen von disem jamertal scheyden. Das dann in kurtzer zeit geschehen soll, und můß davon mich nyemants entledigen. Darumb bitt ich euch alle samentlich, wöllent von mir nit weichen und mir die letst gsellschafft nit entziehen. Dann sich warlich nit lang vorziehen würt, das mein seel zů meines allerliebsten ritters gesellschafft kummen würt.‹

Mit dem Philomena ungeredt und mit gantz frölichem angesicht des ritters hertz zů ir trucket, unlang hernach mit lachenden mund und lauter stimm anhůb und schrey: ›Nun frew dich, geliebte sel meines ritters; dann die mein sich bald zů dir gesellen würt.‹ Als sie das gesagt, hat sie Rosamunda angesehen und gesprochen: ›Nun gesegne dich gott, du mein aller liebste freündin und gesellin in allen meinen freüden, ein trösterin in meinem leyd! Gott geb dir in deiner liebe einen frölichern ußgang, dann ich hab! Ich bitt dich, wöllest mir Reinhart trewlich gsegnen. Und du, mein geliebte Laureta, gott geb dir nach meinem abscheyd ein fröliche zeit!‹ Mit disen worten geredt schloß sie iren mundt hart zů, und gleichendt als hett man gehört in irem leib ettwas zerbrechen, ließ es einen krach und schied also von diser welt.

Was grosser klag nun Laureta und Rosamunda gefürt hand, nit zů beschreiben ist. Dann als sie vernamen den ritter Gabriotten todt sein und yetzund augenscheinlich ir allerliebste junckfraw todt vor in ligen sahen, mit bitterlichem klagen und weynen ob ir stunden. Rosamunda anfieng und sprach: ›O mort und ach des ellenden tags und stund, so ich an meiner allerliebsten junckfrawen erlebt hab! O du mein Reinhart,[361] was würstu sprechen, so du vornimpst, deinen allerliebsten freünd und brůder also verloren hast, darzů Philomena, welche uns ein trewe mithelfferin und gesellin gewesen ist! Ach gott, wie ungleich ist diser tag dem, uff welchen ir beyd mit großen freüden uff dem turnier euch dummleten und das best kleinot davon brachten! Nun ist es aber als in trawren und leyd verkert. Gott müß erbarmen, das ich solichen tag und stund erlebt hab.‹

Laureta nit minder klag fůrt dann Rosamunda. Das lond wir also umb kürtze underwegen; dann yedes in im selbs erwegen und bedencken mag, was gůter zeit sie miteinander gehabt hand, und nun zůmal aber so kläglichen ußgang nemmen thet.


(Als nun die junckfraw mit großem leyd und kläglichem weynen und klagen iren liebsten ritter klaget und sich gantz befandt den todt nit weit sein, hůb sie ire augen frölichen uff, und mit lachendem mund růfft sie iren liebsten ritter mit eim hellen schrey, gab damit iren geyst uff und verschied also züchtiglich, das niemant meynt, das sie yetzundt todt wer, so lang sie gantz nichts mer von ir vernemmen kunten. Da aber Rosamunda und Laureta ir junckfraw yetzund verscheyden sahen, da bedarff niemandts fragen, ob sie sich fast übel gehebt hand. Dann solt ir klag von wort zů wort beschriben werden, man bedörfft ein groß bůch darzů. Das wend wir alles underlaßen umb kürtze willen und wöllendt fürbaß sagen von dem künig, wie er sich nach seiner schwester todt gehalten hat, auch wie es Reinharten ergangen, als er vernam sein allerliebster gesell todt sein, als ir hernach alles bericht werden.)

Quelle:
Georg Wickram: Werke. Band 1, Tübingen 1903, S. 357-362.
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