3.
Wie Robertus von seinem gůten freundt und nachbaurn zů gast geladen und Robertus mit dem gelerten man zů worten kumpt.

[130] Der gůt freunt, dem die sach mer angelegen, dann er niemants öffnet, fügte sich des abents in das haus Roberti. Den fand er noch mit grossem kummer umbgeben; er tröst in nach seinem vermügen, so best er mocht, zůletst bat er in, er und Sophia wolten den künfftigen tag das morgenmal mit so ihm essen; dann er gar niemants dann gůte freund darzů berůffen hett, so im gar anmütig und nit zůwider sein würdend. Robertus, wiewol er mit grossem ellend und jamer umbfangen,[130] noch wolt er seinem gůten freunt die bitt nit abschlagen, sagt im also zů, wo im gott gesuntheit verleihen, wolt er unnd sein gemahel zů rechter zeit erscheinen. Des sich dann sein nachbaur sehr erfrewet.

Als er nůn urlaub von Roberto nam, heim zů haus keret, seinem weib befalh, allen möglichen fleis anzůwenden und auff den mornigen tag uff den ymbis ein gůt mal anzůschicken; des im sein weib gantz willig was. Also ward auff den künfftigen tag das mal mit grossem lust zůgericht. Zů gelegner zeit kamen die geladnen gäst, wurden von dem wirt und seinem weib frölich empfangen und ein jeder an die stat, nach dem er wirdig was, gesetzet, die trachten gar kostlich unnd wol bereit fürgetragen. Der gelert man, von welchem oben gesagt, fieng an ein schon Benedicite zů sprechen, gott den allmechtigen bittend, das er ihn dise zeitliche und fürgesetzte speis durch seine milte güt und genad benedeyen und segnen wolt, in auch die genad verleihen, das sie gedachter speis und dranck nit zů vil zů inen nemen, damit sein götlicher nam nit dardurch geunehret noch gelestert würde. Als sie nůn alle amen gesprochen hand, haben sie die speis mit züchten genossen.

Da ist yederman zimlich frölich gewesen; allein Robertus der hatt einen seufftzen über den anderen gelassen und sich gantz trawrig erzeiget, das dann die andren, seine lieben nachbaurn und freundt, auch trostmütig gemacht hat. Der gelert man, so hart neben Roberto gesessen gewesen ist, hat in mit gar sanfftmütigen worten angeredt: ›Lieber herr Roberte, was bekümmert euch so schwerlichen, das ir so gar nit gůter dingen sein wöllen?‹

Darauff antwort Robertus: ›O freundt, den grossen kummer und meines hertzen beschwernus, so ich trag, nit müglich ist zů erzalen. Damit aber ir dannocht zům theil bericht empfahend, so wissend, das mir gott durch sein milte gnad zehen schöner kinder beschert, mit welchen ich grosse freud und ergetzligkeit gehabt hab. Dieselbigen hatt mir gott der herr in gar kurtzer zeit einander nach genumen bis an mein jüngste tochter, die ist von solcher kranckheit wider auffgestanden. Nůn krenckt mich erst noch mehr ein ungetrewer und gar[131] unfreündtlicher nachbaur, so ab meinem jamer so gar ein gros wolgefallen hatt. Das mag er auch, im selb nit allein behalten; dann er sich sonderlichen beflissen, wann man meiner kinder leichen zů grab getragen, hatt er sein gesind dahin gericht, das sie von heller stimmen an hand gefangen zů singen, so doch ein yeder nachbaur billichen ein mitleiden mit dem anderen haben solt.‹

›Das wer wol billich und recht‹, sagt der glert man. ›Es ist aber im dest weniger lobs nachzůsagen; auch ist seiner ehren nit dester mer, würt im auch gwißlich solcher hochmůt und trutz unvergolten nicht beleiben. Dem allen aber sey wie im wölle, so wend wir das nodtwendigst an die hand nemen und einen trost sůchen der abgestorbnen kinder halben. Es ist dem menschen und allen thieren sampt dem geflügel von natur angeboren, das ein yedes seine jungen lieb hat, ir sterben und verderben nit gern sicht. Der mensch aber soll ein underschaid haben des orts seiner kinder halben, also das er bedenck, wohar im die kummen, und wer im die geben hab, das auch derselbig die macht wider zů seinen handen und gwalt zů nemen, wann das sein götlich wolgevallen sey; wie der gůt frum selig Job spricht in seinem bůch am 1. capitel: Als ihm botschafft kam, wie seine kinder bey einander gewesen in des erstgebornen brůders hauß unnd hetten alda ein gros fontanium und wolleben gehalten, da sie sich am wenigsten besorgt, wer ein grosser wind von der wüsten har kummen und das hauß zerrissen, also das es ganz zů boden wer gefallen und das volck alles im hauß zerschlagen bis an den eintzigen knecht, so darvon kummen was und dem Job die geschicht erzalt. Das was je auch ein arms jämerlichs ding und ein erschrockenliche bottschafft einem vatter, so seine kind so hertzlichen liebet. Deren het er auch zehen an der zal, siben sün unnd drey töchteren; wann die bey einander waren, schlemten und praßten, opfert er und bat got für sie, damit sie got nit straffet umb ir üppigs leben. Als im nůn solche botschafft kumen ist, was hat er geton? Hat er auch mit got gezürnet? Nein. Dann er thet als ein vatter; so wußt[132] und verstůnd er, das die kinder nit lenger sein waren, dann es war der will des herren, so im die geben und geliehen hett. Wiewol er dannocht vor leid seine kleider zerriß und fiel uff das angesicht, raufft sein har auß, bettet unnd sprach: »Nackend binn ich auff erden von meiner můter leib kummen, nackend würd ich wider von hinnen faren. Der herr hats geben, der herr hats genumen; der namen des herren sey gelobt.« – Wir lesen auch ein schön exempel an dem königlichen propheten David an dem 7. capitel im andren bůch der könig: Als das weib Urie, welchen David het lassen umbbringen, im ein kind an die welt gebar und aber das durch gott mit kranckheit angegriffen ward, wie dann Nathan der prophet dem David zůvor verkündet, da legt David alle seine feyrtagskleider ab, was gantz trawrig, lag nachts auff der erden, und kund im niemants das trawren außreden. Da nůn das kind starb, wurden seine knecht angsthafft, sagten zůsamen: »Wer will dem künig ansagen, das das kind gestorben, dieweil kein trost an im verfahen wöllen und dannocht das kindt noch in leben war?« David aber verstůnd an iren geberden, das das kindt gestorben was; wie solt er ihm anderst gethon haben? Er fragt: »Ist das kindt todt?« Und sie bekanten im das. Da stůnd David auff von der erden, da er gelegen was; er wůsch und salbet sich mit wolschmackendem öl, legt wider hochzeitliche kleider an und hies im z essen bringen. Da in aber seine knecht fragten, was er damit gemeinet, sagt er: »Im ist also, wie ir saget. Dann da das kind noch in der kranckheit lag und lebet, da weinet und fastet ich und lag uff der erden, zů gott rüffende; dann ich gedacht: Wer waißt, ob mir der herr gnedig sein möcht! Nůn aber ist das kindt tod. Was hilfft mein fasten, schreyen und klagen! Ich mags darumb nit widerbringen. Ich wais aber wol, das ich zů im faren werd; es kumpt aber zů mir nit mer.« – Bei disen zweien heiligen mannen sollen wir billich einen trost fassen, wann uns gott hie in disem zeitlichen jamerthal angreiffet, unsere kinder zů seinen götlichen genaden berüffet, das wir nit zů lang und vil trawren sollen und uns zů sehr darab krencken,[133] dieweil sterben ein natürlich ding ist und allem dem, so das leben auff erden bracht hat, můß das mit dem und durch den tod verwechßlen. Fürwar ich můß hie loben die antwurt, so Anaxagoras, der weiß haid, dem, so ihm den todt seiner sünen verkündet, geben hatt. Er gab kein andre antwurt, dann das er sagt: »Das wußt ich wol, das sie einmal sterben můßten, dann sie wurden von mir als einem sterblichen menschen geboren, darumb sie auch sterblich gewesen sind.« Diser philosophus, wiewol er ein haid gewesen, hatt er doch meines bedunckens wol und gotselig geantwurt; dann er sich umb seine beide sün nit weiter, dann billich gewesen, bekümmert hatt. – Darumb, mein allerliebster Roberte, wöllend euch auch ein maß ewers klagens setzen unnd, wie oben von David gesagt, das, so nit widerzůbringen ist, auffhören zů klagen!‹

Robertus umb den gůten und getrewen rhat dem gůtten mann fleissigen danck sagte, in auch darneben bat, auff diss mal nit mer darvon zů sagen, damit der wirt sampt seinen andren gästen nit ein verdruss ab irer beiden red nemen; so es ihm aber kein verdruß sein wolt, wer sein bitt an ihn, das er des andren morgens zů im kem, ein kleins morgensüplin mit im ess; alsdann wolten sie genůgsam von disen dingen reden. Des was der gůt mann gar wol zůfriden, versprach im auch seinen willen und bitt zů volziehen. Also ward die überentzig zeit mit zimlichen freuden vertriben.

Quelle:
Georg Wickram: Werke. Band 2, Tübingen 1903, S. 130-134.
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