Vierte Szene

[17] Petruchio allein, nachher Katharine.


PETRUCHIO.

Jetzt gilt's! Jetzt sammle deines Geistes Kräfte!

Petruchio! Mache jetzt dein Meisterstück!

Die stolz, unbändige Amazone,

Sie soll den Herrn der Schöpfung kennen lernen.

Frohlockend heb sich jede Ader,

Die ganze Seele jauchzt in mir

Dem seltsam kühnen, süßen Streit entgegen.

Dort kommt sie schon, so hab ich sie geträumt,

So kühn, so stolz, so trotzig und so schön.

Ja, sie ist's wert, den Kampf um sie zu wagen.


Katharine tritt auf.


Willkommen Käthchen!

Hast du mich vermißt seit meinem letzten Kuß?

KATHARINE.

Ihr seid gestört, nie sah ich euer Angesicht bis heut.

PETRUCHIO.

Mein Seel, mein Seel, du lügst!

Zwar ist's schon lang her!

Oft hast du bitter wohl nach mir geseufzt.

Erfahre denn zu deines Herzens Trost:

Weil alle Welt mir deine Sanftmut preist,

Von deiner Tugend spricht, dich reizend nennt,

Und doch so reizend nicht, als dir's gebührt,

Hat's mich bewegt, zur Frau dich zu begehren.

KATHARINE.

Hat's euch bewegt?

So bleibt hübsch in Bewegung und macht,

Daß ihr euch baldigst heimbewegt!

PETRUCHIO.

So zart von dir gebeten bleib ich gern.

KATHARINE.

Seid ihr bei Trost, ich sagt euch, ihr sollt gehn!

PETRUCHIO.

Der Liebe Neckerei sollt ich nicht kennen?

KATHARINE.

Ihr eitler Geck, glaubt ihr, daß ich euch liebe?

PETRUCHIO.

Wenn's auch der Mund verschweigt, die Augen plaudern.

KATHARINE.

Dächt ich's, ich risse diese Augen aus

Und träte sie mit Füßen.[17]

PETRUCHIO.

O wie süß, wie süß du plaudern kannst!

Mein gutes sanftes Käthchen!

KATHARINE.

Seid ihr von Sinnen?

PETRUCHIO.

Nein, nur von Verona.

KATHARINE.

Ihr seid ein Rasender.

PETRUCHIO.

Vor Liebe rasend, ja, rasend!

Und kurz und gut, du mußt die Meine sein!

KATHARINE.

Und kurz und gut, ihr seid ein eitler Narr!

PETRUCHIO.

Und kurz und gut, du wirst jetzt meine Frau.

Ich hab dich gern so, grade wie du bist.

KATHARINE.

Er macht mir bang, an allen Gliedern beb ich.

Die sanften Worte steh'n ihm zu Gesicht,

Wie einem Löwen Nachtigallensang.

Er ist der erste Mann den ich sah,

Die andern alle sind nur Knaben.

Doch ihm soll ich mich fügen? Katharine!

Ihm untertänig sein? Nein, nie und nimmer!

PETRUCHIO.

Wie schön steht das sanfte Rot der Scham!

Von Herzen lieb ich dich,

In wenig Tagen soll unsre Hochzeit sein.

O zier dich nicht, es ist schon alles geordnet,

Dein Vater ist's zufrieden

Daß du nicht nein sagst, weiß ich ganz gewiß!

KATHARINE.

Ich sage Nein, und dreimal, zehnmal Nein.

PETRUCHIO.

Wer, wer sagt nein, wenn ich erst Ja gesagt?

Besinne dich Käthchen, denn ich bin Petruchio.

Bei meinem Schritt erdröhnen dumpf die Wände,

Der Arm hier hat manch wildes Roß gebändigt,

Vor meinem Aug verkriecht sich scheu der Löwe

Und meine Stimme übertönt Kanonendonner.

Und du, du wolltest meiner riesen Kraft,

Dem unverrückbar starren Manneswillen

Dich, Täubchen, widersetzen?

KATHARINE.

Ja ich will's!

Ist auch mein Arm nicht wie der eure kräftig,

Tobt meine Stimme auch nicht gleich der euren,

Mein Wille doch, er wagt mit euch den Kampf.

PETRUCHIO.

Er wag es nur und geb sich überwunden,

Denn so gewiß dich meine Arm umschlingen,


Umschließt sie.


KATHARINE.

Wollt ihr zum äußersten mich bringen?

PETRUCHIO.

Und dir raube diesen Kuß


Küßt sie.


KATHARINE.

Wollt ihr, daß ich um Hilfe rufen muß?

PETRUCHIO.

Ganz so, ganz so gewiß.

KATHARINE reißt sich mit aller Kraft los.

Seid ihr von Sinnen?

PETRUCHIO.

Liebst du mich jetzt schon,

Kannst mir nie entrinnen!

[18] KATHARINE für sich.

Ich möcht ihn fassen, ich möcht ihn zerreißen

Und möcht ihn doch mein Eigen heißen.

Und weil er atmet, so muß ich ihn hassen,

Und wär er tot, nicht könnt ich ihn lassen

Und hätt ich Pfeile, ich schöß ihn nieder.

Und weckte mit Tränen der Lieb ihn wieder.

PETRUCHIO für sich.

Sie ist schwer gekränkt; doch es kommt die Stunde,

Die heilen wird auch die tiefste Wunde.

KATHARINE.

Ich möcht ihn fassen, ich möcht ihn zerreißen

Und möcht ihn doch mein Eigen heißen.

PETRUCHIO.

Ich will dich umfassen und an mich reißen,

Du kannst nicht zurück, mußt mein Eigen heißen!


Quelle:
Hermann Goetz: Der Widerspenstigen Zähmung, frei bearbeitet von Joseph Viktor Widmann, Zürich, Wien, München [ca. 1925], S. 17-19.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Mickiewicz, Adam

Pan Tadeusz oder Die letzte Fehde in Litauen

Pan Tadeusz oder Die letzte Fehde in Litauen

Pan Tadeusz erzählt die Geschichte des Dorfes Soplicowo im 1811 zwischen Russland, Preußen und Österreich geteilten Polen. Im Streit um ein Schloß verfeinden sich zwei Adelsgeschlechter und Pan Tadeusz verliebt sich in Zosia. Das Nationalepos von Pan Tadeusz ist Pflichtlektüre in Polens Schulen und gilt nach der Bibel noch heute als meistgelesenes Buch.

266 Seiten, 14.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon